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Elise
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24.12.2005, 00:53 / 2 x geändert
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nachtlied
hier sitze ich
betäubt
mein herz zittert
ich habe meinen rhythmus verloren
mein puls ist verdorrt
im rauschen dieser unbarmherzigen stadt
und doch -
mir bleiben die zuverlässigen sterne
meine seele baut brücken aus glanz
aus flüchtigem mondstaub
hinaus in die stille
ich lausche
und taste mich wieder
und wieder
ins licht
Elise Schattenfroh

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Marcel Frank
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Einen 2. Versuch unternahm [Gerd] in [Lebwohl]. In je einer "Strophe" auch da: Herz, Sterne, Stille. Hier noch "Licht". Dieses, reflexiver offenbar (vgl. Verben, Strukturwörter), hat mind. 1 konkrete Opposition: die "unbarmherzige[n] Stadt". Die Sterne hingegen sind "zuverlässig". Ohne Hinterfragung. Das Gedicht endet so hell ("ins Licht") wie es dunkel (Nachtlied) beginnt. Das 6-fache Ich (ich, mein, meine, mich, mir) hat Brücken gebaut. Auch hier eine "Andichtung". Für die Tröstung hält die stumme Natur ihren Kopf hin. Ob es ohne sie ginge ("Vorwand") ? Man weiß es nicht. Auch "Glanz" (hier) ähnelt dem "Lichterreigen" (Gerd|Lebwohl). Offenbar Ausdrücke (das gesamte Gedicht x2) eines allgemein-menschlichen Gefühls (wie sollte das + der Blick in die Sterne zu leugnen sein !). Das Ich ist nicht. Heillos kompliziert:
Marcel

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Elise²
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.... hier sitz ich nun... hab was verstanden und doch nicht, also, ich kratz nochmal dran rum: da ist das allgemein-menschliche Gefühl/Bedürfnis, das manche Leute dazu treibt, Gedichte zu schreiben, in denen die stumme Natur für die Tröstung ihren Kopf hinhalten muß - wobei die Natur ja nicht für sich selber steht, sondern für etwas anderes (Religion? Metaphysik?). Solche Gedichte sind Andichtungen, also (ich versteh es halt so) nicht mehr zeitgemäß, also offenbar aus einem veralteten Bewußtsein heraus geschrieben. Aber was ist jetzt das Bewußtsein? Wie geht dieser Switch, haben manche ihn schon vollzogen und andere nicht, und warum? Und was bedeutet das Ich ist nicht? Und dann bleibt immer noch die Frage: Was ist ein Gedicht? Ich kann das nicht beantworten. Hilfe!
Und dann noch eine ganz dumme Frage: was sind eigentlich Strukturwörter? Ich hab in meinem Gartencenterjackenärmel Preisschildchen und ein paar Pflanzennamen, aber kaum literarische Vokabeln.
Es grüßt Elise (dumm guckend).

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Marcel Frank
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Ich wüßte gern viel dazu zu sagen. Stattdessen, Lese-Tipp: "Was ist Neostrukturalismus ?" (Eine Vorlesungsreihe). Im übrigen: Nix "dumm gucken". Es ist ja nicht möglich, "eine positive Antwort" zu geben. Wir alle gucken dumm, selbst bei der Frage, was ein Gedicht sei. Aber, da war ja noch mehr: Der "Switch" (gut gebrüllt !). Das Zeitgemäße ist ja leicht zu haben: Negation alles Alten. Ja, da ist nichts. Zappenduster. Dass man daran zugrundegehen kann: Vgl. "1998 Interview mit Thomas Kling" (Lyriktheorie | Links). Alternativ (besser) durchlesen, zum Abchecken von Grundstimmungen: http://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne - Es nützt nichts dagegen zu sein, es gibt kein Dagegen mehr. Der Literaturbetrieb hat es aufgesogen y/o produziert. Muss nicht ins Tagebuch ...
P.S. Strukturwörter, hmm, sowas wie "und, oder, weil, denn" etc. Die "Grammatik"-Macher eben. Wenn man "weil" schreibt, kann man das "Einen - Begründungszusammenhang - genannt - haben" nicht mehr umgehen. Da denkt der Autor, da denkt der Sprecher. Gewiß, wir sind alltäglich einfacher gestrickt.

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zuppanova
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@ Elise: "was bedeutet das ich ist nicht" --- dazu auch an die laura (18) mit den kurzen beinen: "ich anakoluthisch zu asche". mir fällt ein: aus der asche steigt manchmal ein Phönix --- vielleicht ist da der "switch" drin?
und @ Gerd: Zanshin - phönix - switch?
sind nur so gedankensplitter.
lg, zuppa.

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augustine
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13.01.2006, 23:14 / 1 x geändert
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Hallo, Elise!
Lass Dich nicht irritieren von Literatengerede, wenn es zu abgehoben ist. Jeder hat seine Fachsprachenkenntnis, Du ja auch, aber der Literat hat nicht die Verfügung über das, was Literatur sei; auch nicht über das, was "zeitgemäß" ist oder wäre, was jetzt das Bewusstsein ist. Setz selbstbewusst gegen Verunsicherungen: zeitgemäß ist, was ich ausdrücken will. Es ist eigentlich keine besonders wichtige Kategorie, finde ich. Wichtig ist: was ist GUT, und wie kann man das erkennen. -
Ja, Oppositionen (nacht | licht; unbarmherzige stadt | zuverlässige Sterne; aber auch: betäubt - kommt ja schließlich von 'taub' - | lauschen; zittern | tasten - 'zittern' ist passiv, 'tasten' aktiv). Sie bleiben nicht, werden überwunden. Das ist gut (finde ich gut). Schwächen sehe ich woanders:
1) es wird nicht klar, woher die Seele die Kraft hat, die Brücken zu bauen, 2) woher sie den Glanz nimmt, wenn doch alles so mehr als bloß melancholisch ist wie in der ersten Versgruppe. - 3) "seidiger mondstaub" kommt mir sprachlich scheinbar feinsinnig, aber inhaltlich leer vor.
Das ICH IST schon. Es ist in jeder abgetrennten Zeilengruppe vorhanden (8 x übrigens, m.), es ist nicht verloren gegangen trotz des 'verdorrten' Pulses (als Metapher die schrecklichste und sehr nah am Totsein). Also ist dies Ich wohl auch die Kraftquelle, die geblieben ist.
Ein Tipp: ob Metaphern 'tragen', kann man ganz gut überprüfen, wenn man die Situation, die sie aufscheinen lassen sollen, sich ganz konkret vorzustellen versucht. (geht bei Gedichten anderer besser als bei eigenen, ich weiß - aber für so was gibt's ja dies Forum, das in solchen Diskussionen seine Substanz und Qualität erweist; auch dies @m, als große Anerkennung gemeint)
Bald wieder? augustine/Johanna

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Gerd
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Hallo zuppanova, aus dem entleerten Ich und dessen Berührung des "Ewigen" entsteht ein ungekanntes Selbst - Switch-Treffer. Der Phönx hinkt hier nur ein wenig, da dieser doch immer in gleicher und nicht in anderer Form aufersteht. Hab mich über Deinen Splitter gefreut.
Liebe Grüße
Gerd

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Elise²
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@zuppanova: laura - phönix? - switch? - Bahnhof (bei mir, muß erst noch nachdenken), aber danke.
@augustine: muß hier auch noch nachdenken: woher kommt die Kraft, vom Ich oder von den Sternen? Tragen die Metaphern? Ich kann´s nicht wirklich sehen. Den Mondstaub muß ich auch nochmal durchsieben, ja! (Macht aber Spaß, Mondstaub sieben....)
Und, zentrale Frage: woran erkennt man, ob ein Gedicht gut ist? Danke, augustine, für deinen Kommentar.
Es grüßt die Elis.

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Marcel Frank
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Nachtrag: augustine hat Recht. Alles ist substanzloses "Gerede". Aber augustine läßt sich damit ebf. ins 20. Jhdt. verorten (mitgefangen). Es war einmal eine Poetik, die Dir vorgab, wie zu schreiben war. Und wenn dann "zeitgemäß ist, was ich ausdrücken will" = ist alles zeitgemäß ? Ausdrücken will man ja immer. Auch das gehört zum Gerede des Man. Nein, mal was Einfaches: Vielleicht muss man nicht "mit die" Kanonen auf Spatzen schießen. Vielleicht online in den Chandos-Brief schauen (Hugo von Hofmannsthal), auch der ist gestenreich. Aber als Einstieg in eine allgemeine Sprachskepsis, die sich gerade die sog. Literatur erlauben darf|sollte, 1 probates Mittel (statt Einheit von Ich + Sprache [Was ist das Ich, wenn nicht Sprache ? Sind wir sie ? Nicht ganz: In diese Lücke gehen.]). Von dort aus Gedichte der Jahrhundertwende lesen. Mein o.g. posting "vergessen". Es ist zu ermüdend (und nicht so ergiebig, wie Pril).
m

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Elise²
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17.01.2006, 22:53 / 1 x geändert
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Gut, in Ordnung, ich fange jetzt an zu vergessen, obwohl .... war schon fast so weit, daß ich hätte verstehen können, was der Hilfsbuchhalter vielleicht meint mit "die verse ermüden wie das ziehen ..." --- ohh, pardon, das hat ja gar nicht der Hilfsbuchhalter gesagt, sondern "einer von uns".
Jetzt vergesse ich weiter. Elis (zweimal Decke überm Kopf).

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