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      windflug



Brachland

   01.12.2006, 23:06 / 2 x geändert



Der Mörtel ist brüchig geworden
Stein um Stein bricht aus der Mauer
die schützen sollte
vor dem Wuchernden
jetzt bricht es durch
bricht ein in die wohl
geordnete Leere

Etwas bricht zusammen
du brichst zusammen
oder du brichst aus

 

      augustine



RE: Brachland

   02.12.2006, 04:14 / 5 x geändert



Liebe windflug -
konnte nicht schlafen, bin nochmal aufgestanden: einige Sätze aus Deinem Gedicht waren geblieben. Das ist nur kurz, aber Wort für Wort erkennbar durchgearbeitet. In der Überschrift und in jeder einzelnen Zeile: die Wortfamilie 'brechen: brüchig/herausbrechen/durchbrechen/einbrechen/zusammenbrechen; und die Überschrift gehört etymologisch auch dazu. Erst jetzt beim Aufschreiben merkte ich: es ist auch eine Klimax: alles, was bricht, bricht im Verlauf der Zeit schlimmer, unheilbarer.
Die erste Strophe: wie "es" ist; die zweite: wie das an-sprechende Ich reagiert aufs Wegbrechen von allem, das doch schützen sollte: es wird selber zusammenbrechen, seelisch, geistig, körperlich, wenn es nicht rechtzeitig vor dem Wuchernden fliehen kann dahin, wo auch keine Hilfe ist, ins Leere. Auch das Oxymoron (Attribut und das so näher Bezeichnete sind widersinnig zueinander, denn wo Leere ist, ist gar nichts, weder Ordnung noch Unordnung) bezeichnet das. Deshalb "wohl" auch nicht als Vermutung, sondern als sarkastische Verstärkung, weil die Leere, die es als geordnete gar nicht geben kann, auch noch "wohl/geordnet" ist.
Nur in einerZeile fehlt das Wort 'brechen'. Sie beschreibt das schon Zerbrochene.


Oder 'du' brichst aus. Wohin aber? Von hier an sind zusammenbrechen und ausbrechen Metaphern.

Bevor ich anfing zu schreiben, dachte ich an eine Verbindung zu Deinem Eltersprechtag. Im Schreiben aber (und hier bin ich geradezu überwältigt, wieviel Erkenntnis noch zu gewinnen ist durch solche Analyse) dachte ich eher: ein Bild unserer Zeit. Es gibt keine selbstverständlichen Sicherheiten mehr. Gewalt wird schick, über Gewalt zu schreiben auch, darüber nachzudenken peinlich. Wo Steine anfangs nur aus mangelnder Pflege aus der Mauer brechen, werden bald aktiv weitere herausgebrochen werden.
Das Wuchernde muss auch nicht nur Rücknahme des menschlich Gebauten durch die Natur sein. Es kann alles sein, dem es an Ordnung ge-bricht.
Wohin aber brichtst 'du' aus, wenn um die Leere nur Brachland ist? Ich vermag darin keine Hoffnung zu lesen (weil ja in der Landwirtschaft in Jahren der Brache Land sich auch erholen können soll); eher: in der Realität: es gibt kein Saatgut mehr; Käthe Kollwitz: "Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden"; vielleicht nicht wörtlich, aber auch und eben umfassend und auf der metaphorischen Ebene: alles liegt brach.

Ich halte dies für ein ästhetisch vollkommenes Gedicht. Durch den umfassenden Ernst, den es vermittelt, verhindert es selbst, es etwa schön zu nennen.
Danke! Und herzliche Grüße in ein Stück der Zeit, der wir nicht entkommen werden. augustine

P.S.Jetzt erst sehe ich: es steht unter Psyche. Bin ich zu weit gegangen mit dieser Deutung der Deutung der Welt?

 

      zuppanova



RE: Brachland

   02.12.2006, 19:55



serv.s windflug und augustine!

nur kurz, denn augustine hat schon viel dran gearbeitet:
ich würd es ganz 'intrapersonal' deuten: also
1. beschreibung eines kann sein fatalen ('du brichst zusammen'), kann aber auch sein befreienden ('du brichst aus') psychischen prozesses oder 'selbst'erfahrung einer person, hier als lyr.du vorgestellt.

ende ist offen ('oder'), also
2. beschreibung eines krisenhaften vorgangs, der auch chancen zur entwicklung, veränderung bieten kann: aus der leere ins brachland, immerhin eine möglichkeit.

die verwendung eines wortes wie 'wuchern' könnte
3. eine somatische komponente nahelegen (cancer).

was mich ja sehr interessiert, windflug, ist das: hattest du es parat liegen oder ist es ad hoc entstanden, dieser tage? und wie ist es entstanden, warum, aus welchem anlass? magst vllt. späterhin etwas dazu erläutern? sowas find ich immer spannend zu erfahren.

lg, die samstagabendzuppa.
(bin grad mit dem winden eines adventskranzes beschäftigt. ohmei, was macht man nicht alles, gell ... )

 

      augustine



RE: Brachland

   02.12.2006, 22:10 / 1 x geändert



Leuchtet mir unmittelbar ein, zuppa, Deine intra-personale Deutung, zumal es eben unter Psyche steht.
Bin gleichfalls gespannt auf eine 'Auflösung' in einiger Zeit, auch auf weitere Kommentare.
Liebe Grüße an windflug, an Dich.
Eben nochmal gelesen: Schwarzwasser. Der zweite Satz von windflug dort spricht für Deine Deutung, glaube ich. a.

 

      windflug²



RE: Brachland

   03.12.2006, 10:04



Liebe augustine, liebe zuppa,

ich bedanke mich bei euch beiden für die intensive Auseinandersetzung mit dem Gedicht und das so genaue Ausdeuten der einzelnen Bilder vor allem durch dich, augustine. Dass du eine über das Intrapersonale hinausgehende Bedeutung herausliest, finde ich spannend, war aber so von mir nicht mitgedacht.
Ich will einmal deinen Vorschlag, zuppa, aufgreifen und über die Entstehung des Gedichts erzählen. Der erste Anstoß dazu kam mir in einem Schreibseminar vor circa zwei Jahren, bei dem es eigentlich um etwas ganz anderes ging. Beim Nachdenken über eine Strukturierungsachse für ein Romanprojekt fiel mir der ungeheure Bedeutungs- und Assoziationsreichtum des Wortes brechen auf, vor allem die Gegensätzlichkeit von Zusammenbruch und Aufbruch, aber auch die vielfältigen etymologischen Verwandtschaften, wie zum Beispiel Brachland oder Bruchlandschaft und die verschiedenen Klanglichkeiten (die sich natürlich in vielen Verben und abgeleiteten Nomen findet). Ich schrieb daraufhin ein erstes Gedicht, das aber nur sehr wenig Bildhaftes enthielt. Jetzt habe ich das Graben in diesem Bedeutungsgeflecht noch einmal aufgenommen und dabei ist das Gedicht herausgekommen, das durchaus eine persönliche Komponente hat, die ich hier nicht ausbreiten möchte, die aber einladen soll zu eigenen Grabungen, wie ihr sie vorgenommen habt. Danke dafür!

Sonntagsgrüße von
windflug

 

      Jolante



RE: Brachland

   03.12.2006, 13:31 / 3 x geändert



Hallo windflug,

es ist nicht so einfach, nach den guten Kommentaren von augustine und zuppanova sowie deinem eigenen Beitrag noch etwas hinzuzufügen, was ergänzend oder interessant sein könnte. So will ich auch nur aufzeigen, was ich aus dem Gedicht herauslese.

Da ist ein lyr.Ich, hier wohl gleichzusetzen mit einem lyr.Du, dessen (seelische) Fassade brüchig geworden ist. Es ist nach dem Einbruch dieser Fassade schutzlos den Angriffen und Anforderungen von außen (dem Wuchernden) ausgeliefert. Das lyr.Ich, das sich psychisch in seiner "wohlgeordneten Leere" eingerichtet hat, sieht sich in seiner Substanz gefährdet. Es erfährt, "etwas bricht zusammen", es selbst droht zusammenzubrechen, aber bevor es so weit kommt, entdeckt es auch die Chance zum Ausbruch aus der Leere, - Möglichkeiten, die brachliegen und darauf warten, entdeckt und umgesetzt zu werden.

Dein Gedicht hat viel Gehalt und es ist dir auch formal sehr gut gelungen. Es stecken so viele Deutungsmöglichkeiten darin, die zur Identifikation mit dem lyr.Du auffordern. Mir hat mir es jedenfalls viel zum Nachdenken gegeben.

LG Jolante

 

      Gretchen



RE: Brachland

   03.12.2006, 15:09



Heia,

will mal kurz erzählen, wie es mir ging mit deinem Gedicht, windflug.
Erst hab ichs gelesen und dachte: was, nee, dat geht doch nicht, so viel "bricht" und "brechen", immer wieder. Dann wurde es mit jedem weiteren Lesen besser und besser und passender und inzwischen find ich: gut! Ja, deuten muss ich gar nicht, da iss so viel Stoff, und formal: augustine verwendet den Begriff "ästhetisch vollkommen" - okeeh.
Ich konnte es aber auch nicht lesen, ohne wiederum an das Schwarzwasser-Gedicht denken zu müssen, hab das in mir irgendwie miteinander verknüpft.
Deshalb hüpf ich da gez gleich maa noch hin.

Schöne Grüße an alle, Gretchen.

 

      augustine



RE: Brachland

   18.07.2007, 17:53



Es gibt hier Texte, die zu schnell vergessen, zu selten gelesen wurden. Dieser gehört dazu - ein kleines Juwel. Das ist das eine.
Das andere ist: beim Suchen sah ich, dass du gestern Geburtstag hattest, liebe windflug. Ein kleines Geschenk kann dies Wieder-Heraufholen dann auch sein und ein Dank dafür, dass du uns geblieben bist, die leise, aber wichtige, weil immer auf die Sache bezogene Stimme von einer, die sich an allfälligen Streitigkeiten und Aufgeblasenheiten nicht beteiligt, sie sicher auch erlitten hat.

Sei herzlich gegrüßt! augustine

 

      StahlKocher



RE: Brachland

   18.07.2007, 23:29



meine güte, so viel duselei! aber von mir auch alles gute nachträglich....

stahl

 

      augustine



RE: Brachland

   24.07.2007, 00:27



Konntste dir den Satz nicht verkneifen, Mann aus Stahl? Kannste dir nich vorstelln, dass sich jemand übern so'n unverhofften Gruß janz einfach jefreut hat??
augustine




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