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augustine
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01.12.2006, 12:17 / 2 x geändert
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WIDERSPRÜCHLICHE ERINNERUNG
Neulich war ich auf unserer Wiese,
Du, Geliebter von ehedem.
Sie ist noch immer da,
Unser fast verschlossener Garten.
Der Knick entlang des schmalen Weges ist dicht wie damals,
Der Wald drum herum undurchdringlich,
Wie magisch gewachsen für uns allein.
Es war kein Wunder, dass wir sie fanden! ---
Ich sag' das mal so in den Aether hinein.
Aber du hast keine Empfangsantennen mehr.
Da haben wir Luft und Licht in Lust umgesetzt,
Schamlos und frei.
Dort im verschlossenen Garten war ich dir offen.
Du erfülltest mich mit deinen begehrlichen Worten,
Ich dich mit meinen.
Wir tranken den Wein aus Einem Glas.
Dann sogen wir aus einander die Säfte.
Wir schenkten sie uns mit den Zungen,
Sie schmeckten betörender noch als der Wein. --
Nun ist nur das Glas noch da. Ich werde es nicht zerschlagen.

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Phaidros
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Hallo Augustine,
muss zugeben ein wenig überrascht von deinen Zeilen zu sein. Der Text erreicht mich. Du verwendest eine einfache und doch bildhafte Sprache, die widersprüchlich erscheint, wie das Gefühlsleben des LIs. Zum Beispiel bilden die technischen Begriffe des Aethers und der Empfangsantennen mitten im Gedicht ein harter Stylbruch, erhöht in mir allerdings nur die sensibilität für was Du in diesem Text ausdrückst, bzw. natürlich nur für was ich daraus lese.
Das Geschriebene kommt ohne viel Hokos Pocus aus und eröffnet doch oder auch gerade deswegen einen großen Raum, der mir nun zur Verfügung steht.
Darin blitzt meiner Meinung nach endlich dein Können auf...
Danke dir dafür!
Phaidros

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zuppanova
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serv.s, augustine!
2 strophen je 10 zeilen, durchrhythmisiert, freier vers.
von der bildsprache her sehr einheitlich und geschlossen. garten als metapher, trinken des weins als metapher, verschränkt mit dem gegenseitigen "sich mit begehrlichen worten erfüllen" (auch "wir schenkten sie uns mit den zungen" stimmt in diese bildlichkeit hinein). am ende nochmals das glas als besondere pointe: die erinnerung (wird nicht zerschlagen, kostbar).
eine weibliche sprecherin, die sich beschreibend erinnert.
an einer stelle, die hat Phaidros auch erwähnt, bricht die gegenwart quer in den text ein, und stört (nicht formal, aber vom bild her ---> gewollt) das gefüge:
"Ich sag' das mal so in den Aether hinein.
Aber du hast keine Empfangsantennen mehr."
das ist (so sehe ich es) wie eine mittelachse des textes, darum geht es "eigentlich".
damals --- jetzt. gut sein lassen --- schmerz.
jessas, mein augenlicht schwindet, die müdigkeit legt sich auf mich, ich hoff, ich hab nicht allzu verschwommen gesehen!
lg, die zuppa.

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Jolante
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06.12.2006, 12:58 / 4 x geändert
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Liebe augustine,
du hast als Metapher für dein Gedicht den Titel des Romans "Der verschlossene Garten" von Undine Gruenter gewählt, der bei dir eine Wiese ist, umgeben von einem undurchdringlichen Wald, "Wie magisch gewachsen für uns allein. Es war kein Wunder, dass wir sie fanden!" ein Bild, das mich unmittelbar anspricht, ähnliche Erinnerungen in mir wachruft. Dann folgt ein Stilbruch., denn das lyr.Ich stellt ganz lapidar fest: "Ich sag das mal so in den Aether hinein. Aber du hast keine Empfangsantennen mehr." Mit dieser nüchternen Alltagssprache versetzt das lyr.Ich den Leser einen Augenblick ins Hier und Jetzt. Aber dann zieht es uns wieder in seine fast verschlossene, magische Wiese, dem Symbol für die Intimität der Liebenden und ihre Leidenschaft füreinander. Leider sind aber nur Erinnerungen geblieben, Erinnerungen, die in die Pointe münden: "Nun ist nur das Glas noch da. Ich werde es nicht zerschlagen."
Etwas Unverbrüchliches ist also geblieben, das ist schließlich die Botschaft dieses berührenden Gedichtes, und dieses Unverbrüchliche kann sehr viel sein.. Mehr kann man von einer vergangenen Liebesbeziehung nicht erwarten, das meint jedenfalls
Jolante

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augustine²
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Nein, Jolante, nicht ganz so. Das Gedicht war schon in einer früheren Fassung fertig, ehe ich den Roman von Undine Gruenter kennen lernte. Wir benutzen beide ein Motiv aus der jüdisch-christlichen Überlieferung, das vom hortus conclusus, dem verschlossenen Garten des Hohenliedes. Das sind ja erotische Preisungen der Geliebten durch den Mann, ein eigentlich weltlicher Hymnus. Um ihn nicht aus dem Kanon der heiligen Bücher ausschließen zu müssen, wurde er allegorisch (und noch anders; siehe iNet) auf Maria gedeutet, die vor allem auf Bildern des Hohen und Späten Mittelalters im Verschlossenen Garten dargestellt wurde, der ihre Jungfräulichkeit bezeichnen sollte. - Sie, U. G., hat (und ich habe auch) die Allegorisierung zurückgenommen und dem Bild seine eigentliche Bedeutung zurückgegeben.
Das alltagssprachliche Ende der 1. Strophe soll Zorn ausdrücken, der letzte Teilsatz dessen Besänftigung. Das ist ja auch (vielleicht zu sehr?) offenkundig. Jedenfalls war der Stilbruch Absicht, ja.
danke für das, was Ihr hierzu geschrieben habt; augustine

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Gretchen
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Heia,
darf ich mich auch noch kurz melden?
Dass du den hortus conclusus erwähnst, augustine, hat in mir ein anderes Stichwort geweckt, das Pendant dazu, den hortus amoenus, den irdischen Garten der Sinne: das vereinigt sich hier also in deinem Gedicht.
Für mich isset wichtig und tröstlich, dass am Ende der Zorn in dieser zwar traurigen, aber versöhnlichen Geste zurückgenommen wird. Das ist so wie: was auch war, es soll gut sein, ich nehms an.
Den "Stilbruch" find ich reizvoll: kann das nicht erklären, aber es ist von vornherein klar, dass er gewollt ist und nicht als ungeschickter Lapsus da steht.
So, und dann erinnert mich der "Aether" an ein anderes Gedicht, das hier im Forum steht, nämlich an "staub" (steht bei 'bis 16 Zeilen').
Und wenn ich schon soweit bin, dann kann ich sogar noch Hölderlin assoziieren - aber unterbringen kann ich ihn nicht hier, dazu fehlt mir nun doch dat Fundament.
Gedankensplitterchen, zugestreut von Grete Karo. Liebe Greetz.

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arisia (Gast)
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hi, augustine,
dein Gedicht spricht mich sehr an. Ich schleiche jetzt schon ein paar Tage drumherum, es ist ja schon viel gesagt worden dazu.
Ich empfinde es als sehr tröstlich, daß "die Magie der Stunden" noch in der Erinnerung des LI weilt, daß es noch einmal anknüpfen kann, an ein vergangenes Lebensgefühl, dieses Gefühl noch einmal geweckt (Wiese) und ins Heute einbunden werden kann (Äther, Empfangsantennen, das Glas).
- Für mich verbindet der "Äther" Zeit und Raum. Ich finde die Wortwahl sehr gelungen, da Äther sowohl in der sog. klassischen Zeit seine ganz eigene Bedeutung hat, als auch in der modernen Zeit. Die ätherischen Wellen von denen in der vorindustriellen Zeit gesprochen wird, sind heute ja ganz real faßbar durch den weltweiten Funkverkehr. Von daher ist die Wortwahl für mich kein Stilbruch, sondern Verbindungsstelle vom Damals zum Heute. -
Die Wiese hat die Erinnerung des LI geweckt, die Situation ist auch noch ganz dicht, gegenwärtig, was durch die Verwendung des Präteritums im Text ausgedrückt wird, die Situation ist noch nicht abgeschlossen und das Glas, auch noch vorhanden in der Gegenwart, wird nicht zerschlagen, bildet eine Brücke über die Zeit, korrespondiert in seiner Tranzparenz wiederum mit dem Äther.
So mal meine Gedanken zu deinem Text.
liebe Grüße
arisia

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rollerball
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Liebe augustine!
Ein sehr berührender Text, der da durch den Äther auf mich zukommt und ganz auf meiner Wellenlänge schwingt - meine Antennen vibrieren angenehm, lösen erregende Assoziationen und melancholische Erinnerungen aus - Absolut kein Widerspruch von mir!
LG, rollerball

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Schreibtisch
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Liebe Augustine,
ich versuch es mal, es wird aber eher assoziativ...assoziativ on topic, sozusagen, lächel, so ist es jedenfalls von mir gemeint:
Garten- Hoheslied: Von da läuft in den Kellern unseres Seins ja auch der Faden zu dem (archetypischen) Garten, den wir alle verlassen mussten, damals, in den Tagen, als unsere "träumende Unschuld" (Paul Tillich) ein jähes Ende fand...finden musste, damit wir werden konnten, was wir sind: Frei. Und Dein Gedicht macht mich heimwehig...Sehnsucht nach dem alten Garten, geborgen, geschützt.
Dass das LI das Glas nicht zerschlagen wird, tröstet mich ungemein und erfüllt mich mit großer Zustimmung! So ist recht, möchte ich ihm zurufen, und: Pflege deinen Garten, er ist dir anvertraut. Alles andere ist...und die Besucher wechseln...es bleibt aber die deine, deine Wiese, dein Garten...ich weiß, es heißt im Gedicht: unsere Wiese, aber glaub mir, es ist deine! Und ein Schatz, ein Juwel, eine Kostbarkeit, die Du teilen kannst, wann Du willst, wie Du willst. Nevernevernever darf dieses Du großgeschrieben sein, vermutlich...ich kann aber gar nicht anders als es groß zu schreiben.
Hm...ich kämpfe und krokettiere (sic!) ja immernoch mit der Form, die hier gewollt ist und versuche mich hineinzufinden...heranzutasten...ich habe den Eindruck, dass ich wohl nichts anderes kann (vielleicht lern ichs ja noch...) als zu sagen, welche Resonanz entsteht. Erklären kann ichs nicht. Nur beschreiben. (Ich kann nicht, ich kann nicht...hörst Du auch: Ich will nicht?!)
Ein Gedicht zum Hineingehen! Ich finde es wunderschön und hoffe, mein hungriges Umtänzeln ist spürbar...(Den Hunger habe ich bei....hier....gelesen...nur wo?)
Es grüßt herzlich der Schreibtisch, der sehr wohl weiß, dass dies hier so subjektiv ist, wie es nach der Frankurter Schule blabla postpostmoderne blabla nur sein kann

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