Schwarzwasser · lost · ·


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      lost



Schwarzwasser

   01.12.2006, 00:15 / 3 x geändert



Schwarzwasser

kennst du das ?
treibst weit unten im Schwarzwasser.
abgründiges Rauschen höhlt die Tagdämme aus.
du brichst auf:
dein Leib entläßt Schwärme von Fischen
ins tiefseeische Dunkel, leuchtende Fische.
jeder ist eine Erinnerung oder auch
eine Sehnsucht. sie schwimmen davon.
du liegst da und läßt alles
ganz ruhig geschehen und siehst:

wie du aufbrichst, wie du leer wirst.
du bist Tang, der im Salzwasser treibt.
oder du bist ein Fisch,
ein leuchtender Traum
in der Schwarzwassertiefe der Nacht.




________________________________________________

-> Chaiselongue
-> big polis
-> das Überleben der Spezies
-> deep impact: die Bedrohung
-> mermaid
-> Podcast (Schwarzwasser und big polis)

 

      augustine



RE: Schwarzwasser

   01.12.2006, 02:38 / 1 x geändert



Ach, lost - dies ist vielleicht auf Rosas Sofa, dem ver-liebten, geschehen?
Du fragst die und die und den und den. Frage also ich mich, ob ich das kenne. Nein, aber es fasziniert mich. Hier sehe ich Inspiration, die mich erfasst.
Im Schwarzwasser der Nacht, wenn die Tagdämme brechen, brichst 'du' auf, weil Du dann erst wirklich bist, in der Schwärze der Tiefe sehen kannst. - Du gehst nicht weg; Du siehst Dir zu, wie Du aufbrichst: als "leuchtender Traum" davonschwimmst. Wenn er Erinnerung ist, wird nichts mehr werden; vielleicht ist er aber Sehnsucht, die erfüllt wird. In der Tiefe der Nacht, in der Berührung einer Frau?
Die leere Hülle triebe wie Tang, im Salzwassser und von da aus an Land, in den Tod. Der Fisch bewegte sich nach seinem Willen.
Siehst Du Dir selbst so gelassen zu, wie Du - in einem anderen Sinn - dann doch aufbrichst?
Nächtlich: augustine

 

      Jolante



RE: Schwarzwasser

   01.12.2006, 23:13 / 2 x geändert



Hallo, lost,

in augustines Kommentar ist eigentlich schon alles enthalten, was die Qualität deines Gedichtes ausmacht, so dass ich ihr eigentlich nur beipflichten kann. Es gefällt mir, dass sich das lyr.Ich anfangs ganz unmittelbar an ein DU wendet mit der Frage "kennst du das?" und schon wird man als Leser zu ihm hinunter ins "Schwarzwasser" gezogen, in dem "abgründiges Rauschen die Tagdämme aushöhlt". Der Leser darf teilhaben an dem Aufbruch des lyr. Ichs, das sich von der Schwerkraft befreit und seine Erinnerungen und Sehnsüchte als leuchtende Fische davonschwimmen sieht. Dabei sieht es ganz gelassen zu, wie es leer wird. Dieses Gehenlassen und Geschehenlassen hat etwas Meditatives, Selbsthypnotisches. Das lyr.Ich sieht sich als Fisch, als leuchtenden Traum davon schwimmen, oder auch als wertloser Tang an Land treiben. Hat es denn eine Wahl ? Mir gefällt das Tiefgründige und zugleich Oszillierende in deinem Gedicht, mit dem du mich einmal mehr überrascht hast, lost, und das ich sicher noch oft lesen werde.
Gruß Jolante

 

      windflug



RE: Schwarzwasser

   02.12.2006, 13:48



Hallo lost,

viel Neues kann ich augustines und Jolantes Kommentaren nicht hinzufügen, aber ich möchte dein Gedicht trotzdem nicht unkommentiert lassen.
Wenn bei dir die Tagdämme brechen, holst du aus schwarzen Tiefen so viel hervor - ich wünschte mir deine Fähigkeit das alles ruhig geschehen zu lassen.

Liebe Grüße
windflug

 

      Gretchen



RE: Schwarzwasser

   03.12.2006, 15:25



Hei und mal kurz!

Aufbrechen: kann sein 'sich öffnen', kann sein 'los gehen'.
Ein Leib, der aufbricht (also, sich öffnet) und Schwärme von Fischen kommen da raus: das ist eigentlich ein schreckliches Bild. Trotzdem, geht mir auch so, ist der Text irgendwie eher beruhigend.
Es trennt sich eines vom anderen: da gibbet eine Hülle, etwas mehr äußerliches, das ist der Leib oder auch der Tang, und dann ist da noch sowas ... hmmm ... Seelisches? Geistiges? Ich meine das, was als leuchtende Fische oder leuchtender Traum dargestellt wird. Das strebt irgendwie auseinander, in der Nacht während des Schlafes, oder beim Meditieren oder in einer Ruhephase - oder beim Sterben: dann für immer.
Außerdem ist sowas wie ein über allem stehender Beobachter da, der Sprecher des Gedichts eben, der hat über alles den Überblick und sieht das eine und das andere und den Leser sieht er auch, und wahrscheinlich sogar sich selber.
Wirklich, lost, ein merkwürdiger Text, der mich aber auch mitzieht.
Ich halte schon Ausschau nach Fischen, so um mich rum.
Und gez trink ich Tee. Hoffentlich sind da keine Teefischchen drin.

Viele Grüße, Greta la mocosa.

 

      neopia



RE: Schwarzwasser

   26.01.2007, 03:10 / 4 x geändert



Bin beim herumschwärmen, durchs Forum, auf dieses geschwappt.
Wohl auch, weil ich aufmerksam darauf gemacht wurde, aufmerksamer zu sein.
Was, so fern man ein neugieriger Mensch ist, oder auch gern sein würde, ein bequemer und adäquater Tritt in den Popo ist....
Fühl mich, wenn ich mich hineinprojeziere und für mich interpretiere, das Geschriebene, als würde jemandIder sich weit hinab, an sich selbst befindend, nur noch aus sich heraus agieren kann.
jeder Fisch eine Erinnerung....eine Erinnerung die seinen Einfluss auf die Gegenward nimmt
(du liegst da und läßt alles ruhig geschehen...)
-inwieweit kann man Einfluss nehmen auf das was die Erinnerung an Neuaktionen setzt-?
Also, irgendwie gebiert sich doch alles, mutet sich es auch noch so vergangenheitsbezugsfrei an, aus dem was gewesen ist. Was ein völlig logisch physischer Prozess ist.
Neoronen manifestieren ihr Netz aus konditionierten Dingen/Momenten.
Alles was man neu erlebt, wird gefiltert durch alte manifestierte Strukturen.
Inwieweit bleibt man die, in Vergangenheit schwelgende, Reaktion?

Tang der im Salzwasser treibt- man begibt sich mit gewisser Kontinuität in die Realität welche umgeben von Salzwasser scheint- sprich sich nicht durch naives vernebelt,
so wie es eben der leuchtende Traum eines Fisches ist.

Ja, das kenne ich gut, die Ambivalenz von einfacher, naiver Schönheit welche immer zu fliessen scheint und von sich dahintreibenden Tang der vollgesogen vom salzigen wasser der See ganz bitter schmeckt.
Und doch weiss man sich nicht zu entscheiden. Nicht immer.
Mag das Gedicht
n

 

      Gerd



RE: Schwarzwasser

   30.01.2007, 03:02



Hallo lost,

Nacht und Schatten sind mir nah, so auch das Dunkel der See. Auch kann ich dies mit dem Gefühl des Schwebens in der Tiefe, von Fischen umgeben, verbinden. Für die Auflösung in der Nacht oder die Konzentration auf einen lebenden Gedanken sind Deine Bilder mir sehr greifbar. Deine Frage möchte ich darum mit einem "ja" beantworten.
Im Audio-Feed ist es Dir gelungen das Schwebende - Treibende mit Deiner Stimme zu modulieren. Deine Zeilen haben so eine weitere Dimension dazu gewonnen, die ich ausdrücklich als einen zusätzlichen Gewinn ansehe.

Mit doppelter Freude auf mehr gespannt
Gerd




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