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augustine
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19.11.2006, 00:35 / 3 x geändert
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PANTOKRATOR ÜBER ALLEN HEILIGEN
Die Stätte ist geweiht seit Jahrtausenden
und ist es geblieben.
Immer hat sich ja das Neue
die Reputation des Früheren gesucht.
Schließlich musste es lange Geglaubtes verwerfen.
Mykenischer Unterbau,
darunter noch Früheres, was weiß man denn.
Gigantische Steine, mörtellos verbunden,
haben Kraft aus der Erde gesogen
oder vom Himmel erfleht und haben
dennoch nicht heil überstanden.
Dabei hat der Ziegenhirt sein jährliches Opfer zuverlässig gebracht.
Dann baute das klassische Griechenland einen Tempel darauf,
sagen wir, wie's nahe lag, dem Göttervater Zeus,
dem mächtigen blitzeschleudernden,
dem, der so gerne Menschenmädchen vernaschte.
Was wusste der Ziegenhirt? Was man sich erzählt hat in seinem Dorf.
Im Nachbardorf anders. Machte er sich Gedanken? Kaum.
Er brachte sein Opfer, wie es verlangt war.
Noch später ein Kirchlein darüber,
gemauert aus Backstein und Steinen vom Feld.
Übrig gebliebene antike Teile sind eingefügt,
eine Apollonhand vielleicht oder eine Locke von Hera.
Das verträgt sich.
Auch ein Glied von Zeus und ein Fuß von irgendwem
würden sich vertragen.
Das Kirchlein ist offen,
locker hängt die Tür in den Angeln, dem Wind zum Spiel schon.
Keine Ikonostase mehr da,
immerhin ungestohlene gemalte Heilige noch in der Höhe; schön.
Ganz oben die Kuppel.
Aber der Pantokrator regiert nicht mehr, die Welt sowieso nicht.
Er fällt ab, Brocken für Brocken.
Immer war der heilige Bau dieses Ortes,
wie er sein sollte:
mykenisch, klassisch griechisch oder orthodox christlich.
Der Ziegenhirte kniet nieder und opfert eine dünne Kerze.
Dies ist, das weiß er, heiliger Boden seit je.
Dieselbe Sehnsucht der Seele hat alles dies entworfen, verworfen, sage ich,
dieselbe Machtgier hat es jeweils für richtig erklärt.
Nah beisammen sind sie hier, alle Himmlischen,
frierend im griechischen Frühling, allein miteinander.
Sie brauchten die Anbetung der Menschen,
sonst sind sie nicht, was sie nie waren.
Ein einzelner Ziegenhirt kann daran nichts ändern.
Sei dies ein Abschied oder nicht: es ist wie mit dem Apfelbäumchen. Wenn die Zeit dran ist, muss es gepflanzt werden, gleichgültig, wer davon ernten wird.
edit 19.10.2008: nochmal gelesen anlässlich von Gerds Gedicht heute in dieser Rubrik; erstaunt über die Bemerkung oben, die ich aber als Dokument stehen lasse; soviel Geschichte schon, auch hier in diesem Forum; bald drei Jahre übrigens;
augustine

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windflug
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Hallo augustine,
die Idee zu deinem Gedicht gefällt mir sehr gut. Sehr schön, wie du die Entwicklung dieser heiligen Stätte beschreibst und dabei das Davor und das Danach nicht aussparst. Gut auch die Verknüpfung mit grundsätzlichen Überlegungen zur Religion: "Aber der Pankreator regiert nicht mehr, / die Welt sowieso nicht" und "Sie brauchten die Anbetung der Menschen, / sonst sind sie nicht das, was sie nie waren".
An einigen Stellen würde ich vielleicht noch etwas straffen und Füllwörter wie "ja" oder "schließlich" streichen. Auch die Formulierung in der letzten Zeile überzeugt mich nicht ganz - der Ziegenhirte an sich ist stark, aber ich würde ihn kraftvoller gestalten.
Liebe Grüße
windflug

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ear
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Dein Gedicht zeigt den Verfall einer heiligen Staette, dessen Kuppel zwar noch Bilder aller Heiligen traegt, aber dessen Ikonostase verloren ging . Es spricht vom Verfall dessen, was einst voller Sehnsucht, Glaube und Macht geschaffen wurde , sicher gedacht als bleibende Staette im Ausdruck verschiedener Baustile.
Christ war der Pantokrator, allmaechtig und immer kreativ, (urspruenglich einmal sicher in der Kuppel mit geschlossenem Buch und Fingern in bestimmter Pose dargestellt), doch diese heilige Staette wurde ein Opfer des Verfalls. Was frueher geschaffen wurde aus “Sehnsucht, Glaube und Macht”, hat sich nicht erhalten koennen.
Wie windflug bereits sagte, deine persoenliche Auslegung des Gesehenen wird klar in Zeilen, die zitiert wurden. Du stellst das Vorausgegangene und Nachfolgende als Frage in Klammern, warum?
Der Ziegenhirte braucht noch mehr Ausdruckskraft , aber dein Gedicht ist eindrucksvoll, lieben Gruss, ear.

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Jolante
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22.11.2006, 19:41 / 2 x geändert
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Hallo, augustine,
auch mich hat dein Gedicht sehr angesprochen. Die Form ist auf wenige poetische Gestatungsmittel reduziert, Verzicht auf durchgängiges Versmaß, dennoch gleichmäßiger Rhythmus, optisch gegliederte Prosa mit 3 Strophen, erste und letzte Strophe mit je 5 Zeilen, mittlere Strophe 34 Zeilen, ruhiger Erzählton, dennoch Spannung bis zum Ende.
Das Gedicht hat viel Gehalt: Am Beispiel eines verfallenden, griechisch-orthodoxen Kirchleins wird deutlich, wie viele Religionen im Verlaufe von Jahrtausenden erfunden wurden und untergegangen sind. "Dieselbe Sehnsucht der Seele hat alles dies entworfen, gemacht." - Das ist ein interessanter Aspekt, der für mich sofort die Frage aufwirft, was diese Sehnsucht begründet. Nachdenkenswert für mich auch die Sätze in Klammern: "(Was war davor ?) (Was kommt danach?)" - Das lyr.Ich verneint, dass es eine Wahrheit gibt. "Aber der Pantokrator regiert nicht mehr, die Welt sowieso nicht. Er fällt ab. Brocken für Brocken. Der Ziegenhirte kniet dennoch. Dies ist, das weiß er, heiliger Boden seit je", - ein harter Brocken für mich, die ich mich hartnäckig an meinen Kinderglauben klammere, der mir so oft Trost und Hoffnung gab, wenn auch die Zweifel nie aufhörten. Aber von mir soll ja hier nicht die Rede sein, obwohl ich mich ein wenig mit dem Ziegenhirten identifiziere. Im Gegensatz zu windflug und ear finde ich nicht, dass er zu schwach dargestellt ist. Er hat genau den Rang, den das lyr.Ich ihm zuweist. Die letzte Strophe empfinde ich als besonders ausdrucksstark: "Sie brauchten die Anbetung der Menschen, sonst sind sie nicht, was sie nie waren. Ein einzelner Ziegenhirt kann daran nichts ändern". Ich denke, dass jede einzelne Zeile in diesem für ein so komplexes Thema garnicht langen Gedichts ihre Berechtigung hat. Der Text bietet (Zünd)Stoff für Diskussionen über Glaubensfragen, für die -so meine ich- das Forum aber nicht der geeignete Ort ist.
Gruß in alle Richtungen
Jolante

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augustine²
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18.12.2006, 17:02 / 1 x geändert
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Ich habe das Gedicht bearbeitet. Ears Hinweis, der Ziegenhirte müsse eine stärkere Bedeutung erlangen, war gut. Ich habe versucht, ihn leitmotivisch durch die ausgewählten drei Epochen der Geschichte gehen zu lassen.
Das Gedicht auch deshalb nochmals noch oben, weil das heißen soll: Seht, gibt es nicht Unterschiede im
Denken und Verarbeiten? Schlechtes und vielleicht doch: Gutes? Dies ist meins. Ich werde es aber gleich auch noch zu einem anderen Gedicht sagen. augustine

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ear
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19.12.2006, 07:11 / 1 x geändert
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Liebe augustine, so ist dein Gedicht gerundet. Das leitmotivische Auftreten des Ziegenhirtens bringt eine guten Kontrast hinein.So ist es ein wirklich gestaltetes Gedicht geworden. Dank dafuer,ear

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augustine²
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Gemeint, liebe ear, habe ich ihn allerdings nicht als Kontrast, sondern als Repräsentanten, so unscheinbar auch immer. LG ausgustine

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rollerball
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Eine äußerst interessante Perspektive, die viel Wissen über alte Kulturen und Religionen verrät, stilsicher und unterhaltsam formuliert, doch nicht unbedingt lyrisch, der Text würde zweifellos auch als Prosa gut funktionieren ...

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augustine²
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Wenn ich hätte unterhaltsam sein wollen, hätte ich ein anderes Thema gewählt. Was, bei allen Heiligen, ist denn das außerdem für ein Kriterium? Ist da zuvor nachgedacht worden? augustine

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