| |
|
Online
|
gregor libkowsky
wetter
|
|
arisia (Gast)
|
10.11.2006, 14:45 / 1 x geändert
|
|
Da brüllt die Angst:
"Was willst du mir erzählen? Ich habe keine Angst", brüllt sie.
"Ich bin die Angst, ich bin die Angst der Geboren-Werdenden,
die Angst der Sterbenden, die Angst der Kleinen, der Großen,
der Kinder, der Frauen, der Männer; die Angst des Volkes,
die Angst der Welt.
Ich habe keine Angst, nicht vor dir, nicht vor der Welt.
Ich, die Angst der Welt, habe Angst nur vor mir selbst.
Oh, daß ich mich nie schauen müßte."

|  |
zuppanova
|
servus, arisia!
gestern im vorbeirennen las ich deinen text, und im ersten moment glaubte ich, es sei ein zitat - hab es nun mehrere male gelesen, und merke, dass die idee mich anspricht: die angst, die sich mit sich selbst auseinandersetzen muss. ich komme noch nicht so recht dahinter, kanns noch nicht so recht zum ausdruck bringen - aber ich glaube, der drehpunkt (vom inhalt her) ist der, dass diese angst so mächtig ist, jeden beherrscht und sich selber aber nicht ins gesicht sehen kann, also beschrieben wird eine art "projektion", ein verlagern eigentlich notwendiger konfrontation mit dem eigenen inneren nach "draussen": der feind ist nie in mir selbst, sondern immer woanders. die angst rüstet sich auf gegen sich selbst.
was mir auch noch durch den kopf geht, ist: ob die angst das auch alles "flüstern" könnte statt zu brüllen - wie würde sich dann die qualität/atmosphäre des textes verändern? ich kann mir diesen text sehr gut gesprochen vorstellen, in ganz unterschiedlichen varianten und "tönungen" - und ich hab andauernd das gefühl, er erinnert mich an etwas, was ich einmal gelesen hab: komm aber nicht drauf. (hat vllt. jemand eine idee dazu?).
ohmei, ich hab so viel geschrieben und trotzdem den eindruck, ich bin nicht richtig dahintergekommen. werd es sicher noch öfter lesen.
du hast geschrieben: "Faden" - also werden weitere gedankensplitter folgen ... der hier könnt ein spiegelsplitter sein, mein ich -
lg von der samstags-zuppa.

|  |
ear
|
11.11.2006, 17:06 / 2 x geändert
|
|
Es scheint mir, dass Teenagers mehr unter Angst leiden als Juengere oder Aeltere, weil sie durch hoehere Anforderungen der Schule , in einer Zeit grossen koerperlichen Umbruchs, sich ueberfordert fuehlen. Ihre Angst kann sich im “Bruellen”zeigen, um Unsicherheit und Frustation zu ueberspielen. Als Lehrer hat man die Aufgabe, sie als Erwachsene zu behandeln und erfolgreiches Arbeiten zu loben. Nicht immer leicht ist es, in solchem Fall ruhig zu bleiben, nichts persoenlich zu nehmen und durch das Ansprechen Einzelner Ruhe herzustellen. (Dies und das Arbeiten mit anfangs aufgestellten Regeln waren fuer mich damals die einzigen Mittel, die dann halfen).
Ein “Spiegel”, vielleicht die Spiegelung einer Person durch Aeusserungen Umstehender, wie zuppa meint, koennte “notwendige Konfrontation mit dem eigenen Inneren nach draussen” foerdern.
Einer fluesternden Angst waere schwieriger beizukommen, weil das Echo der Anderen fehlen wuerde.
Angst als Eltern, wenn erwachsene Kinder Entscheidungen treffen, die einem fremd sind, koennen Depression hervorrufen, weil man glaubt, versagt zu haben.

|  |
Jolante
|
hallo arisia, ear + zuppa,
die angst ist mächtig und wenn sie droht, ohnmächtig zu werden, brüllt sie. Ein Flüstern wäre viel zu dezent, weil es die tausend Stimmen im Innern nicht übertönen könnte. Das kann (vermeintlich) nur ein Niederbrüllen. Ich finde auch, das ist ein starkes Bild: die brüllende Angst, die nur sich selbst fürchtet. Ich denke zunächst nur an die Angst vor (meiner) Angst, und sie ist die schlimmste. Arisia, Du hast nun aber den großen Zusammenhang hergestellt, und ich finde, das ist dir mit deinem "Gedankensplitter" gut gelungen.
LG Jolante

|  |
windflug
|
Hallo arisia,
immer wieder stehe ich vor deinem Gedankensplitter und mache mir Gedanken. Ich sehe diese Angst vor mir wie ein apokalyptisches Bild, eine überaus mächtige Figur, die sich brüstet und höhnt, aber voller Verzweiflung sich selbst nicht ins Gesicht schauen kann.
Wer ist das Du? Mir scheint, es ist die Welt. Die Angst hat keine Angst vor der Welt, keine Angst vor etwas Greifbarem, Fassbarem, sondern nur vor sich selbst. es ist eine irrationale Angst, die aber die Angst der Welt ist, die alles durchdringt, die jeder in sich trägt.
Dein Text ist wie diese Angst, paradox, widersinnig, nicht greifbar, aber überaus mächtig. Ein starker Text findet
windflug

|  |
arisia (Gast)
|
hi, zuppa, ear, Jolante und windflug,
lieben Dank erstmal für eure ausführlichen Kommentare.
ja, die Angst brüllt, wenn versucht wird sie zu enttarnen, wenn es eigentlich nur noch um die Angst vor der Angst geht. Sie wehrt sich will bleiben, will keinen leeren Fleck in unserem Inneren riskieren. Ich habe noch nie etwas so brüllen gehört wie die Angst vor der Angst, wenn man ihr auf die Schliche kommt.
Ja, ich habe schon unsere eigene Angst vor der Angst gemeint, die uns Dinge vermeiden läßt, die auch eine Leere zurückläßt, wenn sie geht, und diese Leere halten wir erstmal schlecht aus, wollen sie gleich wieder füllen, statt sie einfach mal zu genießen.
Aber auch die Angst eines Volkes vor dem Unbekannten in einem anderen Volk ist gemeint, auch da spielt die Angst vor der Angst kollektiv eine Rolle, und auch diese Angst brüllt, wenn sie sich bedroht fühlt, und die Auswirkungen der Angst vor der Angst sehen wir weltweit. Die weltweite Angst der Welt vor sich selbst, weil wir glauben uns zu kennen, weil wir von unserem eigenen Denken und Handeln auf andere schließen, mal bewußt, meistens unbewußt, und dann haben wir Angst vor dem anderen, was auch immer das andere darstellt, vor seinem Denken und Handeln. Je festgefahrener wir im Denken sind, umso mehr denken wir, daß andere das auch sind.
Sehr schön ist so eine Situation im individuellen Bereich in dem Buch von Wazslawik (Die Kunst des Unglücklichseins, oder so ähnlich) beschrieben, in der Geschichte mit dem Hammer.
liebe Grüße
arisia

|  |
zuppanova
|
servus nochmal!
gedanklich/inhaltlich ist nun der bezug zu 'des Einen wegen' gegeben.
find ich.
auch da spielt angst eine grosse rolle, im hintergrund ...
lg rundum, zuppa.

|  |
arisia (Gast)
|
hi, zuppa,
ja, da bin ich mit dir einverstanden, d.h. in soweit, daß diese Angst von Machthabenden aller Couleur genutzt wird,
um die Menschen ihrer Umgebung zu manipulieren.
Letztendlich geht es um Macht, und die Ein-Gott Religionen verstehen es, spätestens seit Konstantin I., ihren Gott
vorzuschieben, wenn es um die Legitimation für einen Krieg geht.
liebe Grüße
arisia

|  |
zuppanova
|
d'accord, so hab ich
den bezug gemeint -
aber - jessas! - eine
diskussion über religionsfreiheit,
macht(missbrauch) der kirchen
usw. wollt ich nicht auslösen.
zu anstrengend, derzeit.
lg, zuppa.

|  |
arisia (Gast)
|
20.01.2007, 18:32 / 3 x geändert
|
|
Gedankensplitter II
Während du die eine Seite betrachtest,
wächst die andere aus dem Nebel empor.

|  |
|
|