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lost
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10.11.2006, 00:41 / 1 x geändert
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eine Wahl hast du immer.
du kannst im November am Fenster sitzen und zusehen, wie es allmählich dunkel wird, und du hast die Wahl: kein Licht anzumachen. die Dämmerung schafft dir Raum. deine Hände sind unruhig, so alte faltige Hände, was sollten sie denn noch anfassen - lass deine Hände los und denk an ein Gedicht von Bukowski, das du ein einziges Mal gelesen hast irgendwo und dann nie wieder. du hast vergessen, wie es hieß, alle Wörter hast du vergessen, aber das Bild ist noch da, du kannst es dir anschauen, wenn du willst, während es dunkel wird:
einer, der fertig ist, ausgemergelt, kaputtgesoffen, hockt zusammengesunken am Tisch, unter der nackten Glühbirne. auf dem dreckigen Tisch liegt ein Messer, sonst nichts, und er stößt mit seiner Hand das Messer an, immer noch einmal, damit es sich dreht. das ist es, was er tun kann - oder nicht tun. das ist der ganze Sinn.
wenn etwas Zeit vergangen ist, später also, kannst du dich wieder entscheiden. steh auf, mach das Licht an. auf dem Tisch liegt ein Messer.
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augustine
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17.11.2006, 01:20 / 3 x geändert
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ich sitze in einer novembernacht am offenen fenster. es ist wundersam warm. dunkel ist es schon lange. ich liebe die dunkelheit. aber ich will diesen deinen text nicht unbesprochen abgleiten lassen ins vergangene. also musste ich hier licht anmachen. ich mag auch das licht der lampe, mehr noch das der kerzen. an ein gedicht von Bukowski denken kann ich nicht. ich kenne ihn nicht und suche jetzt nicht. ich denke in diesen wochen oft an gedichte von bobrowski. im september war ich vor seinem haus. hineinzugehen habe ich mich nicht getraut. danach habe ich mit seiner alten frau telefoniert. sehr lebendig ist sie. nächstes mal soll ich kommen, das gartentor aufmachen, ans fenster klopfen. wer wagt das denn in der großstadt. ganz nahe dabei ist der friedhof, auf dem er begraben ist. er starb so jung, mit 48 jahren. ich fragte einen nach dem Grab - wie denn sonst finden? der führte mich hin. er ist ein komponist und hat Gedichte von Bobrowski vertont. Johannes und Johanna Bobrowski. ich erzähle dir das weil du Bukowski gelesen hast. vergessen hatte ich Bobrowski nie, aber ich brauche oft zwei anstöße oder drei sogar, ehe sich etwas sicher einnistet bei mir und bleibt. ein bild sehe ich auch, von Bobrowski, eine radierung. er sieht viel älter aus als einer mit 48, rundrückig, schirmmützig; bäuerlich. ich sehe es, wenn ich über den bildschirm schaue. - du meintest eher ein inneres bild, nicht?
ein messer kommt nicht vor bei mir, hier, jetzt. ich bin nicht lost.
eine wahl, übrigens, hast du nie.

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Jolante
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17.11.2006, 12:23 / 4 x geändert
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Nun, sehr hilfreich war der Kommentar von augustine nicht für mich, die ich Erstkommentare nicht gerne schreibe, besonders wenn sie einen Text beleuchten sollen, der -wie dieser- für mich im Novemberdunkel liegt. Aber: "Note" spukt mir im Kopf herum, so dass ich eben das Risiko eingehe, mit meinen Assoziationen lost`s Intention nicht treffen zu können.
Der Ich-Erzähler wendet sich an ein DU, zunächst einmal an sein eigenes Ich, zum andern an den Leser. Ich sehe diesen älteren Mann, der wohl viel Leid erfahren hat in seinem Leben, in seiner Lebensplanung gescheitert und müde ist, an einem Tisch sitzen. Er hat die Wahl, im Dunkeln zu verharren oder Licht anzumachen. Er denkt an ein Gedicht von Bukowski, von dem ihm nur das Bild geblieben ist, die Worte hat er vergessen. Und in diesem Bild eines alten, kaputtgesoffenen Mannes, der unter einer Glühbirne am Küchentisch sitzt und das vor ihm liegende Messer anstößt, damit es sich dreht, erkennt er sich selbst. Er hat nun die Wahl, im Dunkeln sitzen zu bleiben, oder es dem Mann im Bukowski-Gedicht gleich zu tun. Es ist keine spektakuläre Wahl, die er hat. Und doch drückt sich in dem Licht-Anmachen und das Messer kreisen lassen, eine aktive Lebensäußerung aus, vielleicht die Möglichkeit, den Dingen noch einmal eine Wendung zu geben, ein wenig Licht in das Dunkel zu bringen, in dem er zu versinken droht. Er hat auch die Wahl, seinem Leben ein Ende zu setzen. Aber als die mit Du angesprochene Leserin würde ich mich für das Licht der Glühbirne entscheiden, auch wenn es schwach ist - das Messer ist ja stark.
Jolante

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augustine
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Liebe Jolante - es war ja auch, ausnahmsweise, kein analysierender Kommentar, sondern ein gleichfalls nächtlicher, von Stimmung getragener Gruß. Ob er angekommen ist, mag lost irgendwann sagen.
Liebe Grüße von augustine

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lost²
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30.11.2006, 00:49 / 1 x geändert
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augustine: dein Kommentar erfreute mich. sehr. und das ist wahr.
überlegte lange (zu lange?): wie antworten? es ist schwer.
das Bobrowski-Gedicht
von den Störchen fiel mir ein. aber,
sagen wir auch so:
da stehen zwei Pfeiler,
einmal Bukowski, einmal Bobrowski.
oder:
eine Wahl, übrigens, hast du nie -
- eine Wahl hast du immer.
beides da. beides zählt. beides ist wahr. beides ist eigen.
eines beim anderen. verstehst du?
Jolante: ja - besser das Licht wählen als das Messer. sogar wenn man alt ist. sogar wenn man sich verfangen hat in sich selbst. in dem Bukowski Gedicht, um welches der Text sich dreht, heißt es:
“...
putting the blade on the table, he
flicked it with a finger
and it whirled
in a flashing circle
under the light.
who the hell is going to save
me? he
thought.
as the knife stopped spinning
the answer came:
you're going to have to
save yourself.
still smiling,
a: he lit a
cigarette
b: he poured
another
drink
c: gave the blade
another
spin.”
dankend grüße ich euch. lost. as usual.

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