Elternsprechtag · windflug · ·


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      windflug



Elternsprechtag

   04.11.2006, 23:11 / 4 x geändert



Der Alltag nur noch zu ertragen mit Tabletten
Was soll ich tun? Ich komm nicht an ihn ran
Ich seh die Farbe blättern von der Wand
Wir reden nicht mehr, meine Ex und ich
Nein, wenn er fehlt, hat er Migräne
Ich seh das aufgeschminkte Lächeln - früher war es echt
Seit sie zurück ist von der abgebroch'nen Therapie, ist alles schlimmer
Am nächsten Freitag kommt sie nicht, wir suchen einen Tagesklinikplatz für sie
Ich seh die ungeputzte Tafel- Formeln soll'n sie lernen und Geometrie
Ich weiß, er kifft von morgens bis zum Abend
Ein Schock, als sie mit drei Promille in der Klinik lag
Ich seh die Abschlussprüfung kommen nächstes Jahr
Wir haben dran gedacht, nach Spanien auszuwandern für 'ne Stelle
Ja, es war hart für sie, doch seit ich Pillen nehme, geht's
Ich sehe, wie es langsam dunkel wird

 

      juey dai jia ren



RE: Elternsprechtag

   05.11.2006, 18:07



Liebe windflug,

was mir sehr gut gefällt an deinem Gedicht ist die Resignation, die Verzweiflung, die du sehr gut vermittelst. Ja, fast zu gut, denn man wird ja selbst beim Lesen fast depressiv. Aber extrem authentisch und real.

Was mir nicht so gut gefällt, die Zeilen sind teilweise zu lang, dadurch gerät das Gedicht manchmal in so ein Zwischending zwischen Gedicht und Erzählung.
Wenn man das etwas konzentrieren oder komprimieren könnte, wäre es noch eindringlicher.

Aber, wie gesagt, ehrlich, real und nachvollziehbar.

Kompliment

juey dai jia ren

 

      augustine



RE: Elternsprechtag

   05.11.2006, 18:52



Es ist ein WECHSELGESPRÄCH. augustine

 

      juey dai jia ren



RE: Elternsprechtag

   05.11.2006, 18:56



"Es ist ein WECHSELGESPRÄCH. augustine"

Ja, das macht ja nichts.
Das hat aber doch nichts mit der Zeilenlänge zu tun.
Oder mit der Authentizität.

juey dai jia ren

 

      windflug²



RE: Elternsprechtag

   05.11.2006, 19:11



Hallo juey dai jia ren und augustine,

das Gedicht ist der Versuch einer Verarbeitung eines ganz realen Elternsprechtages am Donnerstag, der für mich absolut deprimierend war. Ich weiß, dass die Zeilen viel zu lang geworden sind und noch mehr verdichtet werden müssten, aber es hat schon eine erste Konzentration stattgefunden. In Wirklichkeit war das Leid, das ich wieder einmal sah, noch viel größer. Ich hatte zuerst vorgehabt es unter Notizen einzustellen, aber da das mein Alltag ist, fand ich es dort letztendlich passend, auch wenn es als Gedicht sicher noch nicht fertig ist. Das Gedicht stellt immer zwei Elternzitate und eine Beobachtung dar, aber es fehlt noch an Geschlossenheit, das weiß ich. Vielleicht wird es noch.

Es grüßt und träumt von einem respektvollen Umgang miteinander
windflug

 

      augustine



RE: Elternsprechtag

   06.11.2006, 08:45 / 3 x geändert



windflug - ich weiß, was ein Elternsprechtag ist.

Die Zeilen Deines Gedichts (denn ja, es ist eins) sind rhythmisiert, gedanklich strukturiert und daher richtig in einem Themen-Bereich und nicht bei den unverbindlichen 'Notizen' oder 'Tagebüchern' und dergl. untergebracht.
Die drei Verse jeder Strophe - je ein Elternteil und die Beobachtung des Lehrers - zeigen erbarmungslos deutlich, dass es an Gespräch fehlt - zwischen den Eltern, die nicht erziehen können, weil sie nicht miteinander sprechen (können) und also mit dem/den Kind(ern) auch nicht, die dann nur mit ein paar schein-verstehenden Wörtern hantieren und nicht erzogen sind. Und nicht einmal darüber kann der Lehrer mit solchen Eltern sprechen, weil er selbst auch nicht verstanden wird. Dies ist eines der Grundprobleme unserer Gesellschaft, das über Jahrzehnte hin angewachsen ist und erst wieder ernstlich in den Blick von Politikern gekommen ist (hoffentlich), seit die PISA-Vergleichsstudien die erschreckende Unbildung deutscher Schüler/innen im internationalen Vergleich erwiesen haben.

Der Lehrer sieht die Farbe von der Wand blättern - keine gute Lernsituation; kein Geld für Renovierungen - aber wieso Geld ausgeben, wenn Vandalismus alle "Farbe" (was dann mehr ist als die an der Wand) wieder wieder beschmutzt?
Der Lehrer sieht die ungeputzte Tafel - elementare Organisationsformen funktionieren nicht.
Der Lehrer sieht eine Abschlussprüfung kommen - wer wird sie bestehen (wollen)? Und die sie nicht bestehen, wundern sich, wenn nicht auch noch Firmen nacherziehen wollen und sie keinen Job finden etc etc.
Und wenn der Lehrer sieht, dass es langsam dunkel wird, ist damit wohl nicht bloß ein astronomischer Ablauf gemeint.
(Den letzten Vers von 2 müsstest Du vielleicht ändern, windflug - auch auf den Lehrer beziehen.)
Der Lehrer ist es, der all dem sozialen Unglück ziemlich allein gegenüber steht (siehe auch den verzweiflungsvollen Hilferuf der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, der durch die Medien ging und hoffentlich nicht vergeblich war). "Soziales Lernen", das im Elternhaus stattgefunden haben sollte, wird in der Schule zu vermitteln versucht: überhaupt kommen, pünktlich kommen; die Materialien in verwendbarem Zustand dabei haben, die gebraucht werden etc. etc.
windflug - wie gut, dass Du dies geschrieben hast. Viel Kraft für die Woche! Viel Solidarität unter den Kollegen wünsche ich Dir. augustine




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