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windflug
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30.10.2006, 21:41 / 16 x geändert
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nothing to say
Ein Minidrama
Fast leerer Bühnenraum. Auf der Vorderbühne ganz links befindet sich ein Rednerpult mit Mikrofon, im Zentrum eine hölzerne Parkbank, hinten rechts eine Kinderpuppe. Den Hintergrund bildet eine Projektionsleinwand für einzublendende Texte.
Einblendung poetry
Erster Spieler (abgetragener schwarzer Anzug, weißer Künstlerschal, wirres blondes Haar, bleiches Gesicht, betritt die Bühne von rechts, geht gemessenen Schrittes ans Rednerpult, nimmt einen Stapel Blätter aus der Aktentasche, sieht sie durch, richtet das Mikrofon aus, räuspert sich mehrfach und geht ab, ohne etwas zu sagen.
Einblendung nothing to say
Zweiter Spieler (ähnlich gekleidet wie der erste, nur statt des Schals eine Baskenmütze, betritt die Bühne von links, geht zielstrebig zum Rednerpult)
Ich habe nichts zu sagen. (geht ab)
Einblendung I have nothing to say
Erster Spieler (geht wie vorher langsam von rechts kommend ans Rednerpult, ordnet wieder umständlich Papiere und Mikrofon, räuspert sich, wirft dann mit Wucht seine Papiere zu Boden.)
Ich habe nichts zu sagen. (geht ab)
Einblendung I
Frau (eine Kittelschürze tragend, fegt mit einem großen Besen die Papiere von der Bühne murmelt halblaut vor sich hin)
Wenn hier einer nichts zu sagen hat, dann doch wohl ich.
Einblendung I am nothing
Erster Spieler (jetzt ohne Schal, setzt sich auf die Parkbank, wartet, schaut auf die Uhr, wartet)
Frau (setzt sich ans andere Ende der Bank, schaut starr geradeaus, nie auf den Mann)
Ich habe dir nichts mehr zu sagen.
Erster Spieler Aber ich habe doch nur gesagt ...
Frau Ich habe dir nichts mehr zu sagen.
Erster Spieler Sag mir doch, warum.
Frau Ich sage gar nichts mehr. (verlässt erhobenen Hauptes die Bühne)
Einblendung and I have nothing
Erster Spieler Wieder nichts (geht ab)
Einblendung say nothing
Zweiter Spieler (betritt die Bühne von hinten rechts, ohne Anzugjacke und Kopfbedeckung, das Hemd hängt ihm aus der Hose, knöpft sich diese zu)
... und du sagst nichts. (tritt mit dem Fuß gegen die Puppe, dann noch einmal, heftiger) Hörst du? Wenn du etwas sagst, ... (geht zur Puppe, dreht ihr den Kopf nach hinten) Niemandem sagst du etwas. (wirft die Puppe auf den Boden und geht ab)
Einblendung I have to say it
Fau (jetzt ohne Kittelschürze, nimmt die Puppe vom Boden auf, setzt sie auf die Bank, dreht ihr den Kopf wieder zurecht)
Was kann ich denn sagen? (setzt die Puppe vorsichtig neben sich)
Soll ich es sagen? (stößt die Puppe weg)
Wem könnte ich das denn sagen? (nimmt die Puppe auf den Schoß)
Wie kann man das sagen?
Einblendung saying nothing I have poetry
Erster Spieler (Blumenstrauß in der Hand, glückliches Lächeln auf dem Gesicht, geht zu der Bank, wo noch immer die Frau sitzt, die jetzt die Puppe zärtlich in den Armen wiegt, bleibt eine ganze Weile vor ihr stehen, nimmt dann ganz vorsichtig die Puppe hoch)
Ich kann gar nichts sagen.
Einblendung I have nothing to say and I am saying it and that is poetry. (John Cage)

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zuppanova
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servus, windflug!
nothing to say, hab ich gelesen, und so spontan ... merk ich: möcht dir unbedingt und so gern was dazu sagen, weiss aber nicht recht, was ich sagen soll ... mei ... und wie ...
mir gefällts, strukturiert sich an dem John-Cage-Zitat lang, eine fertige kleine szene und (so siehts für mich aus) sogar noch mit happyend, poetisch. könnte direkt so umgesetzt werden auf der bühne, ich seh alles vor mir.
viele fragen wirft dein minidrama auf. was ist poetry? was ist sprechen? was ist verständigung? was ist wichtig? was bin ich? was ist der andere? und wo treffen "wir" uns? (und "treffen", das hat eine doppelte bedeutung, sich begegnen/sich verletzen ...) - so sachen gehen mir grad durch den kopf, und ich belass es erst einmal dabei.
auf John Cage bezogen fällt mir noch das Stichwort "Fluxus" ein, bezeichnung für eine bestimmte strömung in der kunst, hierzulande gehörte Joseph Beuys auch dazu, und wenn ich an den denk, kommt mir dieser satz ins hirn, den er gesagt haben soll:
Die Mysterienstätten unserer Zeit sind die Bahnhöfe.
aber dann denkt es gleich noch weiter in mir, und Fluxus kenn ich auch so:
- Fluxio lat. Wallung, Andrang, arterieller Blutandrang, Fluß (im Körper).
- Fluxus lat. Fluß. Fluxus coeliacus (gr. koilia Unterleib): Diarrhoea chylosa, schleimigeitrige Entleerungen bei Enteritis follicularis. Fluxus salinus (Salzfluß), nässendes Ekzem. Fluxus sebaceus, Seborrhöe. Fluxus hepaticus, Zirrhose.
- Fluxus ventris, fluxus lientericus (von Albertus Magnus um 1200 in seiner Historia Animalibus als Krankheiten der Schweine aufgeführt).
da geht es also um sachen, die "einfach raus müssen" - und beim sprechen ist es manchmal genauso: etwas muss einfach raus, auch wenn es "nichts" ist.
so, etzat hab ich aber genug verwurschteltes zeug geschrieben.
dank dir für dieses Minidrama, windflug!
zuppa wars.

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Jolante
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Hallo windflug,
dein Minidrama ist sehr vielsagend, obwohl darin nicht viel gesagt wird, Aber gerade, weil niemand wirklich was auszusagen hat, wird immer wieder gesagt, dass nichts zu sagen ist. Bis auf die Putzfrau, die hat nichts zu sagen, sagt sie. Sprachlosigkeit/gestörte Kommunikation/Beziehungsstörung, und das alles festgemacht an dem Cage-Zitat, das ironisch auf Poesie-Vorträge zielt, für eine kleine Bühne in Szene gesetzt.
Gut gemacht,
findet Jolante

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ear
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Brave “You” windflug,
One “can” see
You “have” found
Much “nothing” to
Disclose “to” us.
You “say” lots
Silently “and” make
Us “write” much
Reading “it”. Thanks.
Dies ist kein echtes “mesotomatic poem”, welches Cage so liebte. Er war ein aeusserst sensibler, geraeusch-empfindlicher Mensch, der selbst im “anechoic chamber” noch seine Koerpergeraeusche hoerte. Stille war fuer ihn wie eine Leinwand, die sich mit wechselndem Lichteinfall veraendert. Dein Mini-Drama ist reif fuer Darstellung auf einer Buehne. Es waere sehr interessant, wenn Dir Solches gelaenge. Lieben Gruss, ear.

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windflug²
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01.11.2006, 18:12 / 1 x geändert
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Hallo, ihr Lieben
ich freue mich sehr über eure Rückmeldungen, über jede einzelne, einzigartige und vielschichtige. Danke!
Das Stück entstand aus reiner Verzweiflung in einem Schreibseminar, als mir absolut gar nichts einfiel, worüber ich schreiben könnte. Als ich dann die Struktur hatte - Ich erinnerte mich an ein Gedicht von Edwin Morgan "Opening the Cage", in dem er 14 Variationen der 14 Worte des Cage-Zitats zu einer Art Sonett zusammenfügt - fand ich immer mehr Weisen des Nicht-Sagens, die sich zu kleinen Szenen fügen ließen.
Unsicher bin ich aber noch immer, ob ich das wirklich so machen kann. Da reiht sich Slapsickartiges an Beklemmendes an Fastkitschiges - geht das wirklich so? Eure Meinung dazu würde mich sehr interessieren.
Nachdenklich grüßt
windflug

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lost
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es sind, windflug, Merkmale des absurden Theaters vorhanden, so:
* Typenhaftigkeit, Marionettenhaftigkeit der Figuren, keine Personalität, Doppelungen *
* pantomimenhafte/clowneske/parodistische Darstellung, Paradoxien, Einbringen optischer (hier!) od. akustischer Elemente in der Darstellung *
* Zerstörung der Sprache als Mittel der Verständigung, Inkommunikabilität, Menschen/Figuren reden aneinander vorbei *
* Kreisbewegungen, Paralellitäten, Wort- und Satzwiederholungen *
* Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung (= aristotelisches/episches Theater) sind aufgehoben: eine Parkbank kann sein irgendwo-nirgendwo, Zeit läuft nicht gerichtet sondern ist geronnen, keinerlei Handlung schreitet voran *
* die gezeigte Welt ist alogisch, rätselhaft, unheimlich, misstönend. keine Antworten, keine Belehrungen, keine Katharsis. Fragen. erbarmungslose Unverständlichkeit des Lebens. Kälte *
eine Schwäche deines Textes sehe ich darin, dass er seiner eigenen Vorgabe (Absurdes=nothing-to-say darstellen) einigesmal untreu wird. Brüche also:
der Schluss ist zu "warm", zu kommunikativ (jemand sagte: ein Happyend). es wird dem Publikum die Hand geboten: "komm, wir verstehen uns doch". auch das Sprechen der Frau zu der Puppe: es wird Beruhigung angeboten, "zwischen-mensch-puppige" Wärme, immerhin etwas ...
anders formuliert: der Text geht nicht weit genug in die Kälte hinein, er fürchtet sich (so sehe ich es), alle Brücken abzureißen, an etlichen Stellen schwingt noch "Bedeutung" oder "eine Botschaft". er hat Angst, der Text, vor dem letzten Schritt in die Leere.
dies meine Gedanken zu deinen Fragen, windflug.
ob sie hilfreich sind, kann ich nicht wissen. selbst wenn sie nicht nützen: zu schaden habe ich sie nicht gedacht noch geschrieben.
was ich gesagt habe, ist nicht so zu verstehen, dass du den Text ändern solltest, oder dass er schlecht sei, im Gegenteil.
said lost.
Zitat auch:
"Das absurde Stück konfrontiert den Zuschauer mit der Unverständlichkeit, der Fragwürdigkeit des Lebens. Die Unverständlichkeit des Lebens kann aber nicht durch den Versuch einer Antwort dargestellt werden, denn das hätte zu bedeuten, daß sie interpretierbar, das Leben also verständlich wäre. Sie kann nur dadurch dargestellt werden, daß sie sich in ihrer ganzen Größe und Erbarmungslosigkeit enthüllt, und quasi als rhetorische Frage im Raum steht: Wer auf eine Deutung wartet, wartet vergebens. ... Der absurde Dramatiker vertritt die Ansicht, daß kein Kampf der Welt jemals auf dem Theater ausgefochten worden ist. Daß das Theater noch keinen Menschen geläutert und keinen Zustand verbessert hat, und sein Werk zieht - je nach Veranlagung seines Autors - bittere oder komische Konsequenz aus dieser Tatsache."
(Erlanger Rede über das absurde Theater. Wolfgang Hildesheimer, 1960)

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augustine
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Mensch, windflug, Mensch lost -
mit absurdem Theater habe ich rumgeknarzt, da hätte ich viel nachlesen müssen, das ist mir nicht geläufig. Dabei hat schon die Szene was, das eigentlich auffordert: nimm Dir Zeit, versuche mehr zu verstehen. Und das hast jetzt Du, lost, eben vor ein paar Minuten, hier reingebracht; mir, wie zuppas zuvor, dies aber mehr: hilfreich. Ich danke Dir. Herzlich augustine

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windflug²
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Hallo lost, hallo augustine,
auch euch sei herzlichst gedankt für eure Antworten. Ich freue mich sehr darüber.
lost, als absurdes Theaterstück hatte ich das kleine Stückchen gar nicht geplant, auch wenn einige Elemente desselben sicher so gedacht waren, wie du sie in deiner sehr umfassenden Merkmalsaufzählung beschreibst. Aber diesen letzten Schritt, wie du es nennst, in die Leere zu gehen, in die Kälte hinein, das wollte ich nicht, weil für mich die Welt eben nicht nur absurd ist, sondern schrecklich und schön gleichzeitig, kalt und warm. Die Idee war einfach, den unterschiedlichen Spielarten des Nicht-Sagens nachzuspüren, und da ist auch eine dabei, die so etwas wie "keine Worte finden vor Glück" bedeutet. Eine Botschaft allerdings möchte ich nicht vermitteln und ich wäre enttäuscht, wenn das so ankäme. Da habe ich "nothing to say". Ich schreibe Texte. Was Leser daraus machen ist ihrs. Schön finde ich hier im Forum, dass sie mir dies mitteilen.
Liebe Grüße
windflug

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Elise
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Hallo windflug!
Einen Kommentar hatte ich nicht geschrieben, hier: weil so viel Interessantes schon angesprochen war, ich hätte nichts Neues beitragen können. Nun deine Erläuterungen zu lesen und zu erfahren, wie der Text zustande kam, ist für mich auch sehr interessant. Es ist nämlich so, dass ich dein Minidrama ebenfalls als gezielte Ausarbeitung einer Szene im Stil des absurden Theaters aufgenommen hatte - was aber von dir offensichtlich so gar nicht beabsichtigt war. Unter der Überschrift "Spielarten des Nicht-Sagens" kann ich alles gut unterbringen. Dass du, ohne es direkt zu wollen, so "stilgerichtet" geschrieben hast, das ist, finde ich, Ausdruck eines strukturierten und überlegten Arbeitens: eine Linie halten. Wollte dir das gerne noch sagen.
Elis.

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