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arisia (Gast)
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26.10.2006, 10:12 / 5 x geändert
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Bretagne VIII
säbelzahntiger
Oktober, ein paar Kilometer weiter westlich
grauhäutiger schiefer
säbelzahntiger
gib mir den blick
zurück
den ich leichtfertig
ohne gedanken an leid
dir geschenkt
grauhäutiger schiefer
säbelzahntiger
halt meine seele
nicht
die ich singenden herzens
ohne gedanken an furcht
dir geschenkt
grauhäutiger schiefer
säbelzahntiger
zitternde flanken
vom wasser umtost
weißt du sehr wohl
daß die macht verweht
wenn mein schritt sich dreht
Bretagne I ~ Bretagne VII

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ear
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26.10.2006, 21:16 / 3 x geändert
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Hi, arisia, der Saebelzahntiger mit seinen besonders langen Eckzaehnen, sieht nach einem gefaehrlicheren Tier aus, als es wahrscheinlich war. Das weit aufgerissene Maul mit den imposanten Zaehnen koennte die Opfer hypnotisiert haben, vielleicht wartete der Saebelzahntiger darauf, dass sein Opfer blutend am Boden war, bevor er seine Eckzaehne einsetzte, denn abbrechen durften sie auch nicht.
Der hypnotisierende Blick soll die Seele des LIs nicht gefangen halten, es verschenkte diese freiwillig, “singenden Herzens”.
In der dritten Strophe koennte man das Angriffbereite-Tier sehen, aber da es von “Wasser umtost” ist, verfliegt die Macht und das LI kann sich wenden und “befreien”.
Fuer das Decken von Daechern, Fassaden und Giebeln verwendete man an alten Fachwerkshaeusern haeufig Schiefer.
Schiefer waren Schutz und Schmuck an Haeusern. Wie die Zaehne bei Saebelzahntigern bedeuteten sie ein imposantes trutzendes Aussehen.
Schiefer schneiden wie die Zaehne des Saebelzahntigers, sie sind Waffe und Schmuck zugleich.
Das Li ich erwaehnt die Bretagne, --- Frankreich galt als das groesste Land fuer Schiefer.

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Jolante
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29.10.2006, 13:52 / 1 x geändert
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Hallo, arisia,
du weißt ja, ich tue mich ein wenig schwer mit dem Interpretieren, ich will es dennoch versuchen.
Da ist ein lyrisches Ich, das in der zerklüfteten Form eines Grauwackens im Meer ("grauhäutiger schiefer") einen Säbelzahntiger erkennt und sich zu dieser vor langer Zeit ausgestorbenen Großkatze in Beziehung setzt. Es hat die Gefährlichkeit dieses Tiers (im übertragenen Sinn wohl einer Person), nicht gleich erkannt ("ohne Gedanken an Leid") und ihm/ihr einen Blick geschenkt (sich ausgeliefert ?). Nun bittet das lyr.Ich das lyrische Du, ihm die Seele, die es ihm "ohne Gedanken an Furcht" geschenkt hat, zurückzugeben, denn es will nicht länger im Bann dieses Du stehen, es will sich von ihm befreien.
In der letzten Strophe dann die Wendung. Das Du ist nur scheinbar gefährlich, es zittert, wenn es "vom Wasser umtost" ist, wenn sich ihm Widerstand bietet. Das lyr.Ich bekräftigt dies, indem es das Du darauf hinweist, dass seine Macht vergeht, wenn es sich von ihm abwendet.
Mir gefallen Aussage und Form des Gedichts. Das Leitmotiv kehrt in jeder Strophe wieder, dadurch wird Eindringlichkeit erzeugt. Ein leiser, schwingender Ton schwebt über den Zeilen und zwischen den Zeilen. Ich erinnere mich an Klippenwanderungen in der Bretagne, deren Zauber einem nie wieder loslässt.
Dieses Gedicht hat gerne gelesen
Jolante

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jonesy
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Liebe Arisia,
ich glaube das ist ein sehr persönliches Gedicht.
der Schiefer ist ja nicht nur Stein, sondern hat eine Haut das zeugt von Lebendigkeit.. Das LI sitzt an einem Felsen, dieser ist jedoch nicht seelenlos, sondern der Widerschein eines Mannes (des Säbelzahntigers) verfolgt das LI bis an diese Klippe (am Meer).
Der Säbelzahntiger hat dem LI sehr übel mitgespielt, er nahm den Blick, hält die Seele und will womöglich (in der dritten Strophe) immer noch mehr (das Leben?). Die Haut ist vielleicht die Seele des Säbelzahntigers, der dem LI so viel genommen hat, dass er selbst im Archetyp der Einsamkeit, dem Blick aufs Meer oder an einem Felsen, Erinnerung zu erzeugen scheint.
In den ersten beiden Strophen ist der Verlust des Blicks, vielleicht eine Art Scharfblick oder Klarheit enthalten. In der Zweiten Strophe klagt das LI dass es dem Säbelzahntiger die Seele gab. Beides geschah wohl freiwillig, aber mit großem Vertrauen. Und ohne zu erkennen, dass ohne den (klaren) Blick, viel zu erleiden sei und ohne die Seele Ängste und Zwang sich breit machen. Der Säbelzahntiger ist Sinnbild für eine Person, der man sich völlig auslieferte. Wahrscheinlich aus Liebe. Und nun ist alles verloren. Es gibt einen interessanten Text von der Pop Band U2, "you gave me nothing, now that´s all I have got". Das wäre der Umkehrschluss. Was hat der Säbelzahntiger gegeben? Die Antwort lautet: Nichts ("nothing") Und das ist nun das einzige Gut des LI.
In der letzten Strophe jedoch, sieht das LI, dass es eigentlich selber die Macht besitzt den Prozess umzukehren und sich Blick und Seele wiederzuerkämpfen, es droht dem Säbelzahntiger: Die Macht verweht wenn mein Schritt sich dreht. Das bedeutet, dass das LI es könnte, sich abwenden und (ablehnen) und der Säbelzahntiger würde allein als wildes Tier in der Brandung stehen.
Ein Gedicht zwischen Verlust des innersten und dem Gedanken der Macht über sich selber, der Autonomie. Es wird deutlich, dass die Bitte nicht wirkt: bitte gib mir meine Seele wieder! Denn im Prinzip ist es nicht der Tiger, der die Seele hat, sondern immer noch das LI! Es muss nur erkennen, dass es selber diese Seele (aus Liebe?) immer wieder von neuem vergibt. Das LI weiß aber letzten Endes, und der Tiger auch, dass die Liebe und Hingabe des LI auch Grenzen kennt.
Mir kommt der Gedanke des nicht ablassen könnens, immer wieder Liebe und Seele und Geist geben, einem Geschöpf, welches es nur nimmt ohne dafür ein Teil von sich zu geben. Obwohl das so nicht ganz stimmt, denn auch im Schieferfelsen klingt die Anwesenheit des Tigers (grauhäutig) nach. Das LI ist allein, aber durch die starke emotionale Bindung immer vor allem in der Natur mit jemandem verbunden, kein noch so isolierter Augenblick scheint wirklich eigen oder einsam.
Dein Jonesy

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arisia (Gast)
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hallo, ihr drei,
lieben Dank für eure Kommentare.
@ear
ja, die Schieferformationen an der nordbretonischen Küste
sind schon beeindruckend und können einen Blick eine ganze
Weile gefangen halten.
@Jolante
"In der letzten Strophe dann die Wendung. Das Du ist nur scheinbar gefährlich, es zittert, wenn es "vom Wasser umtost" ist, wenn sich ihm Widerstand bietet. Das lyr.Ich bekräftigt dies, indem es das Du darauf hinweist, dass seine Macht vergeht, wenn es sich von ihm abwendet."
Das hast du genau erkannt, wenn das LI sich abwendet, wieder seinen Weg geht, dann ist der Bann gebrochen, der des Felsens, auch der Bann den ein Mensch sozusagen über das LI geworfen hatte.
@jonesey
du hast dir sehr viel Mühe mit der Ausdeutung meines Gedichtes gemacht, dafür noch mal ganz besondern Dank von mir.
All das, was du schreibst, ist auch unterschwellig in dem Gedicht enthalten, im Vordergrund stand für mich aber die reale Situation, die Konfrontation mit den Schieferformationen, von denen ich lange Zeit meinen Blick nicht wenden konnte, die viele, viele Assoziationen in mir hervorriefen, unter anderm auch die von euch dreien angenommene, eine Beziehung, die für fur das LI zu eng wurde, gleichzeitig ihm zuwenig gab.
Aber so wie sich das LI vom Felsen abwenden konnte, konnte es sich schließlich auch aus der Beziehung lösen.
liebe Grüße an euch
arisia

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