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      jonesy



grünes Licht

   24.10.2006, 20:33



Ich wechsle mein Hemd. Es war violett mit grünen und roten Karos. ich weiß was ich tue. Ich erinnere mich an die Kälte des Sommers. Die grüne mit grauen Kadenzen gespickte Landschaft der Neubauwohnung treibt mich in die roten Kissen meines Sofas. Ich sehe nur mal in die Küche, wo ich heute noch das Geschirr wusch. Es ist gleich, ob ich es tat, denn ein Gefühl der Befleckung wird ausgelöst durch eine Kaffeetasse, die ihre braune Spur hinterlässt. Das ist Masochismus.
Ich gehe zurück in mein zerrissenes Inneres. Doch alles versteckt sich vor mir. Wenn ich niemanden sehe, wo will ich mich erkennen? In mir ist nur das Heulen der Wölfe es ist so laut, ich fliehe vor diesem Jaulen in mir. Da blitzt das Außen mit einem Lied, eine einfache Melodie und meine Schreibtischlampe schimmert in den Raum hinein. Es ist das einzige Licht. Mein Zimmer ist in grün getaucht. Viel zu fahl glänzt das einfache Licht. Ich selber sehe mich, wie ich da sitze. Die Hände in den Kopf gestützt. Ich trage jetzt das neue Hemd, welches kariert ist. Ich ziehe an meiner Zigarette und für einen Moment wird all der Rauch sichtbar im Licht der Lampe. Ich stehe auf und verschränke die Arme. Mit Argwohn schaue ich auf die paar Zeilen, die ich gestern geschrieben habe. Mein Blick wird abgelenkt durch einen Falter, der sich hierhin verirrt hat und gegen die Fensterscheibe prallt, immer und immer wieder. Ich hasse Insekten, ich zerdrücke ihn mit einem Taschentuch zwischen den Fingern. und wische die Spuren des Gemisches aus Chitin und Körperflüssigkeit weg. Ich sacke zusammen und falle auf mein Sofa. Die Augen sind so weit offen, sodass es weh tut. Ich versuche sie zu schließen, ich schaffe es aber nicht. Also starre ich an die Wand und beobachte die Raufasertapete. Der Schatten, welcher von der Deckenlampe auf die Wand fällt wird mir zum Kern des Augenblicks. Es löst sich alles auf in diesem Zimmer. Nur ein schwarz weißes Netz aus Schattenspielen umgibt mich noch. Verzweifelt gehe ich zur Nachttischlampe und drücke auf den kleinen schwarzen Knopf. Ich schaue hinüber zur Schreibtischlampe, sie brennt und ihr grün lässt mich nicht in Ruhe. Ich stehe auf, mich ergreift ein Gefühl von Panik weil ich dabei bin den besten Moment seit so langer Zeit zu verlieren wie ein glitschiger Aal, der zurück ins Wasser will. Ich muss hungrig zu Bett gehen.

 

      Marcel Frank



RE: grünes Licht

   26.10.2006, 17:40



Der Versuch einer Erklärung:

a. Das ist das Motto: "Ich stehe auf und verschränke die Arme." / b. Aus der implantierten Autoreferenzialität raunt nicht das Mana einer Bedeutung: "Ich selber sehe mich, wie ich da sitze." - Das und mehr nicht. Das ist insofern sympathisch, als es keine popliterarische Selbstinszenierung à la 'i'm young and stoned' affiziert, sondern eben nichts. Wenn nicht nichts, dann das Spiegelbild einer depressiven Erfahrung. / c. Das zerdrückte Insekt ist eine frei- bis unfreiwillige Reminiszenz an kafkaeske Verwandlungen, v.a. in der Zusammenschau mit a und b. D.h. kurzum: Chitin ist das Bild für a und b. Für den Leser bedeutet dies: Hier hat er was Griffiges, zum Anpacken des Textes, und das ist 'prinzipiell immer gut' ... / d. Der rote Faden ist l'impassibilité des Sprechers. / e. Die grüne Schreibtischlampe suggeriert Möglichkeiten: 'sich hoffentlich ausdrücken' (Insekt|Ich|Sprecher|Leser). Dieser Möglichkeit wird eine Absage erteilt, wodurch ? Durch das "Gefühl von Panik". / f. Die Existenz des grünen Lichts als Text widerspricht dieser Panik ebenso wie der Satz "Mit Argwohn schaue ich auf die paar Zeilen, die ich gestern geschrieben habe." - Der Text suggeriert (sich) also (selbst): Dies könnten "die s e l b e n" Zeilen sein. f ist eigentlich b. Das ist pfiffig.

Der Text ließe sich gewiß um einige Leserlenkungen bereinigen ("Das ist Masochismus.") und beansprucht, der Anfang (z.B. das erste Kapitel) von etwas Größerem zu sein. Dass er sich ungeschminkt zur Schau stellt ohne Götzen, gefällt meinem Geschmacksurteil. Er ist wie ein Marshmallow, in das man gern ein Antidepressivum drückte. Eine runde Sache also mit drei Punkten.

best

m

 

      jonesy²



RE: grünes Licht

   26.10.2006, 22:22



Lieber Marcel,

Danke für die Wahrnehmung und Analyse meines Textes!
Die Kritik hat ins Schwarze getroffen. So ziemlich mit allen Thesen zur Interpretation.
Die Erinnerung an Kafka ist vielleicht nicht gewollt. Aber mir kam es eigentlich auf dieses Aufprallen auf die Fensterscheibe an. Das Insekt versteht nicht, warum es nicht von a nach b kann. Es sieht kein Hindernis mit den Facettenaugen und kann den Zusammenhang Scheibe = Hindernis nicht erschließen. Ich finde das eine sehr deprimierende Feststellung. Es fliegt gegen eine (Wand) oder Scheibe und immer und immer wieder, bis der Zufall es zu einer Lösung des Problems dirigiert, ein Mensch ihm hilft, oder ein Mensch es zerdrückt. Ich wählte im Text die letztere Variante. Es ist eine unmenschliche Geste den Tod eines Insekts so zu beschreiben. Im Kontext der Literatur (man beachte die Rubrik „Notizen und andere Texte“) einen solchen Akt zu vivisezieren ist herzlos. Es drückt nur zerstörerisches aus.
Die depressive Erfahrung ist auch eine sehr doppeldeutige. Auf der einen Seite das Trauma, die Erfahrung, das Leiden. Auf der anderen Seite die Fratze des sich aalenden und festhaltenden im Morast, der anfängt gefallen zu finden an den morbiden Strukturen der herz(-gebrochenen) losen Welt.
Alles in allem stimme ich zu, es könnte Beginn eines umfassenderen Werks sein. Dieses ungeschminkte Nichts zu verfassen, diese absurde Leere die nur aus verschiedenen abstrakten Sphären besteht auf hundert Seiten zu halten würde ich mir im Moment kaum zutrauen. Obwohl ich es, weiß Gott, gerne könnte.

Beste Grüße Jonesy

 

      Gretchen



RE: grünes Licht

   27.10.2006, 00:26



Hei, jonesy,

der ist schon "behandelt", der Text, von Marcel, und was er schreibt, könnte ich nicht schreiben - aber: will dennoch was sagen, so ... assoziativ ...

Der Text quillt von innen, aber gebremst, irgendwie unterkühlt, schon ziemlich geformt, protokollartig werden die Details notiert. Für mich ein mottogebender Satz:
"Wenn ich niemanden sehe, wo will ich mich erkennen?"
Und dann versucht dieses Ich, sein zerrissenes Innen in den Dingen, den Gegenständen des Zimmers zu spiegeln. Das einzig Lebendige, was im Text, im Zimmerambiente auftaucht: der Falter - wird zerdrückt. Weil er das Ich zu sehr deprimiert, zu sehr mit sich selbst konfrontiert, schon zu sehr Spiegel ist - mehr als die toten Gegenstände, die eher auszuhalten sind.
Ach ja, die ganze Kaffetasse, die würd ich weglassen.
So, dann noch der Schluss: "ich muss hungrig zu Bett gehen." So was! Was ist das für eine Hungrigkeit, wer muss denn hier heute noch hungrig zu Bett, das ist doch überhaupt nicht mehr nötig! Sehr sonderbar, dieses "hungrig zu Bett"!
Ist es eine Art ... Masochismus? Worauf zielt der Hunger? Auf den anderen, den "niemand", der doch nicht zu sehen ist, und so also ist es der Hunger, sich selbst zu erkennen? Es könnte auch sexueller Hunger sein. Jedenfalls schlimm, das. Ja, ein Antidepressivum wär gut. Aber dann auch wieder nur Symptomkuriererei ... schwierige Sache ...

Gez hab ich bisschen viel geschrieben. -
Du musst heute hoffentlich nicht hungrig zu Bett.
Mach doch weiter mit solchen Protokollen, mach einen Faden ...
Gute Nacht! Gretchen.
(Kariertes Hemd: iss auf jeden Fall schon die halbe Miete!)

 

      lost



RE: grünes Licht

   28.10.2006, 20:50



möglicherweise auch so:
“grünes Licht, das ist gut, nun fahr schon,
fahr los, du hast GRÜN, Mann!“
aber dann: wohin nur? warum denn? wozu?
was hilft grünes Licht, wenn das Ich doch
kein Ziel kennt ...

der Text lamentiert nicht, er ist bemüht,
(sich) nicht aufzubauschen, spricht ehrlich.
beängstigend ruhig, gleichmütig.

wie wäre es, l’impassibilité des Sprechers
(á la Marcel Frank) mit der Frage nach der
Hungrigkeit (á la Gretchen) zu verlinken?
vermag die eine die andere zu „erklären“?

das ungeschminkte Nichts, jonesy, solltest du
keineswegs scheuen. schreib. ehe du dich versiehst,
sind da die 100 ... (und das ist nicht ironisch
gemeint).

lost.

 

      jonesy²



RE: grünes Licht

   29.10.2006, 09:53



Lieber Lost,
erst überlegte ich, ob ich „lieber lost“ oder „hey lost“ schreiben sollte.
Ich glaube „lieber“ trifft es besser. Deine Worte tun gut. Dass jemand sagt ich hätte grünes Licht, das ist schön. Und dass ich auf 100 fahren könnte ist ein riesiges Kompliment. Ich freue mich sehr bei euch allen zu sein.
Jonesy




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