| |
|
zuppanova
|
heute hatte ich zum ersten mal zutritt zu einem der übertragungsräume. ich kann nicht sagen, warum jetzt auf einmal, man weiss nie, was den ausschlag gibt für die erlaubnis. oder - wer. ich bin in einen der grossen räume in der altstadt gegangen. mehrere hundert menschen waren hier, alle verschleiert, das ist vorschrift in den übertragungsräumen. die meisten hatten schleier in tiefem violett gewählt, das wird gern genommen. ich ging in grünen schleiern, ich brauche grün, grün. ich weiss, dass ich aufgefallen bin. vielleicht hat es folgen.
man kann nirgendwo bilder der angeklagten sehen, nirgends ausser in den räumen. zuerst war ich enttäuscht. die angeklagten wurden aus so grosser entfernung gefilmt, dass man kaum etwas von ihnen erkennen konnte. nur dass sie menschen waren, alle mit dickem wildem haar in verschiedenen farbtönungen, alle in zweite häute gekleidet, feuerrote zweite häute.
ich musste erst eine weile auf den schirm starren, bis mir klar wurde, was ich eigentlich sah. offensichtlich hat man den angeklagten angeboten, die probe zu wagen. das ist ungeheuerlich. wer sind diese angeklagten, dass man ihnen die probe anbietet?
ich sah auf dem schirm die alte schmale hängebrücke, die über die fossa geht. die paar menschen klammern sich an die sprossen der brücke, sie rücken kaum vor, sie klammern und klammern sich fest und kriechen blind voran, so langsam. entsetzlich. ich weiss, dass sie die augen fest geschlossen halten, wer könnte einen blick in die fossa mythaena hinunter ertragen - ich will mir nichts vorstellen von dem, was man angeblich sieht, wenn man in die fossa schaut. ich will nichts wissen, ich höre mir diese geschichten gar nicht erst an. wer die augen öffnet und hinuntersieht, lässt los, und wenn je einmal einer nicht losgelassen hat und weitergekrochen ist zum ende der hängebrücke, dann war er jedenfalls nicht mehr heil. wer etwas gesehen hat und nicht fällt, der schreit und kann nicht mehr aufhören zu schreien ....
eine stunde war ich im raum. eine stunde lang habe ich zusammen mit so vielen anderen dieses bild angestarrt, das sich kaum verändert. jetzt haben wir alle das bild in unseren köpfen: die fossabrücke, die winzigen menschen darauf. das bild tut weh in meinem kopf.
ich werde jetzt meine kraft sammeln und das bild begraben. ich habe genug zu tun. vor allem muss ich mich wegen der reise entscheiden. ich kann d. nicht länger hinhalten, ich muss ihm eine nachricht schicken. ich werde mich sehr bald entscheiden und dann alles entsprechend planen. an die fossa werde ich erst mal nicht mehr denken.
z.

|  |
Marcel Frank
|
übertragungsräume (1) | angeklagte (2) | schirm (fossa mythaena) (3) | reise (4) - so habe ich mir Deinen ersten Eintrag gegliedert. Mein erster Fossa-Versuch bei Google lieferte: "Fossas leben im Unterholz dichter Regenwälder." Das nur am Rande ... - Dass dieser Text nicht mit einem Datum beginnt, sondern die fossa (3) zum vermeintlichen Thema macht, wären mindestens zwei Unterscheidungen zum "gewöhnlichen" Tagebuch. Da will jemand mehr. | "man weiss nie, was den ausschlag gibt für die erlaubnis". Das Artikulieren des Nicht-Genau-Wissens - warum ist er erwähnenswert ? - (3) hat Kontinuität: "vor allem muss ich mich wegen der reise entscheiden." (nunja, "ff."), deutlicher: "ich will mir nichts vorstellen von dem, was man angeblich sieht, wenn man in die fossa schaut." Und Fragen (2): "wer sind diese angeklagten, dass man ihnen die probe anbietet?" Wenig Verbindliches für eine Tagebuch-Mitschrift. Das hält den Text in der Spannung. Aufschub. | Dieser Text besitzt "Ominösitäten" (1,2,3): Die Übertragungsräume, die Angeklagten, die fossa mythaena. Wer sind denn die ? Ich habe Tomaten auf den Augen. Wenn es nicht literarisch wäre, dächte ich an die Vorstufe von Ü-Wagen und RTL-Gericht ("Proben"). Die Fossa wäre dann "die crime scene". Aber das ist es nicht: "ich brauche grün, grün" | "alle in zweite häute gekleidet, feuerrote zweite häute." Das ist abgehoben. Kurze Einheiten. Selbstvergewisserungen. Minimalerörterungen. Wieder Aufschub. Wieder Nicht-Wissen. Dein Text gibt Rätsel auf. Er ist als Fortsetzung konzipiert (4). Vielleicht erklärst Du einfach nichts. Die außersprachliche Welt, die da gezeigt wird: Gibt es sie ? Eine "fossa mythaena" jedenfalls habe ich nicht gefunden. Besser desorientiert als orientiert. Ich tappe im Dunkeln. Zu kompliziert. Macht einer das Licht an ? Ich hoffe, es gibt keine einfache Lösung ("du hast ein brett vor dem kopf, dies ist natürlich das und ich meinte es so: ..."). Gut verwirrt. Text funktioniert. Falls er sollte. Pro.
m

|  |
|
|