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      Elise



Halt

   23.10.2006, 01:53



Halt

halt still
da ist Nichts
die Luft ist kein Himmel
die Erde kein Boden

die Hoffnung
heißt Zeit

bewintert
den Atem
von aussen
nach innen

bis Fühllosigkeit
dich zerschweigt



("Die Zeit ist buchstabengenau und allbarmherzig.")

 

      ear



RE: Halt

   23.10.2006, 20:48 / 2 x geändert



Hi, Elise, dein Gedicht wirkt so durchsichtig, Sicht frei-gebend, aber der Blick faellt in ein Nichts. Weder "Luft" noch "Erde" bieten mehr. Das einzig Positive ist "Zeit", der Blick voraus und somit steht "Zeit" gleichbedeutend fuer "Hoffnung".
Zeit laesst den Atem "bewintern" also erstarren, sodass nichts als "Fuehllosigkeit" bleibt. Alles kommt zum "Halt". Und dann koennte der circulus vitiosus von Neuem beginnen...ad infinitum.

 

      augustine



RE: Halt

   23.10.2006, 23:04



Jetzt, nachts, nach all dem Getobe am Nachmittag, noch ein Sach-Kommentar - und ein Gedicht, das nicht untergehen darf.
Ich aber habe, ear und Elise, noch wenig freie Sicht; ich verstehe nur, dass "Halt" geboten (=befohlen) wird; stillzuhalten geboten wird, wo aber kein Halt ist. Auch keine Hoffnung, denn die - schreckliche - Hoffnung ist 'Zerschwiegensein' durch "Fühllosigkeit". Soweit hat das ear ähnlich gesagt. Ich glaube aber: die Fühllosigkeit ist der Halt, ist ein Ende, kein Zirkel, und 'zerschweigen' ist: kaputt machen.
Die Verbindung zum Hölderlin-Zitat geht mir noch nicht auf; das Zitat selbst wohl. -
Geht jetzt nicht, bei mir nicht. - Gute Nacht! a.

 
        arisia
        (Gast)

RE: Halt

   24.10.2006, 13:23



hi, elise,

ich verstehe das angegebene Hölderlin-Zitat so, daß es Ausgangspunkt, Inspiration für das Gedicht war, nicht als exacte Deuteung des Zitats, sondern lediglich das Zitat als Anregung um über Zeit zu sinnieren, zu grübeln, sich von ihr fangen zu lassen. So etwa verstehe ich die Anmerkung, da ich das Zitat nur als Zitat, nicht in seinem Zusammenhang kenne.

Zum Text:
Wenn Luft weder Himmel noch Erde Boden ist, dann folgt daraus Desorientierung, keine Markierungen mehr vorhanden, an die das LI sich halten kann, oben und unten existieren nicht mehr. Hoffnung auf Orientierung sieht das LI in der Zeit:

"die Hoffnung
heißt Zeit"

so verstehe ich jedenfalls die o.a. Zeilen, Zeit die verstreichen muß, soll, bis das LI seine Orientierung wieder findet.
Was mich verwirrt ist, daß S2 und S3 diesen Gedanken aber nicht fortführen.
Plötzlich ist in der Zeit keine Hoffnung mehr zu finden, sondern sie läßt das LI zu Fühllosigkeit erstarren, aber ist es wirklich Fühllosigkeit? Kann Fühllosigkeit mit Handeln einhergehen? Denn "zerschweigen" empfinde ich als "aktives Schweigen", als Handeln im weitesten Sinn.
Ich empfinde die Zeilen:
"bewintert
den Atem
von aussen
nach innen"
als sehr einprägsames Bild einer Erstarrung, nur, wie oben schon gesagt, ich kann den Zusammenhang nicht mehr finden.

liebe Grüße
arisia, etwas verloren im 2ten Teil des Textes.

 

      windflug



RE: Halt

   24.10.2006, 20:23



Hallo Elise,

dein Gedicht spricht mich an und lässt mich rätseln. Ich schreib mal ein paar Assoziationen auf, die mir dazu kamen:
"halt still / da ist Nichts": Ich höre die ärgerliche Stimme einer Mutter, Ärger über das Kind mit seinen irrationalen Ängsten, aber das Nichts ist ja gerade das, was Angst macht, das nicht Greifbare, das Unbestimmte - und gleichzeitig ist da nichts, das Halt geben könnte:
"die Luft ist kein Himmel / die Erde kein Boden": Gott ist tot, und da ist auf der Welt nichts, das trägt.
"die Hoffnung / heißt Zeit": Zeit heilt alle Wunden? - Ein billiger Trost, vor allem wenn sie:
"bewintert den Atem /von außen nach innen": Wir atmen die Kälte der Welt ein, werden innerlich immer kälter, vereisen, bis:
"bis Fühllosigkeit / dich zerschweigt": Das Ich wird zersetzt durch die Kälte und das Schweigen - Wo liegt da die Hoffnung? Vielleicht in dem durch Schweigen zerplatzenden Ich. Wenn der Eispanzer zerbricht, kann mit der Zeit etwas Neues entstehen.
Wie gesagt, dies sind Assoziationen, keine Deutung deines Gedichts. Mir gefällt seine Offenheit und Tiefe. Über das Hölderlin-Zitat grüble ich noch.

Liebe Grüße
windflug

 

      augustine



RE: Halt

   24.10.2006, 21:26



Damit Ihr nicht unnötig über das Hölderlin-Zitat grübeln müsst, hier der Kontext:

"Verzeihen Sie, liebste Mutter! wenn ich mich nicht für S i e sollte ganz verständlich machen können.
Ich wiederhohle Ihnen mit Höflichkeit was ich zu sagen die Ehre haben konnte. Ich bitte den guten Gott, daß er, wie ich als Gelehrter spreche, Ihnen helfe in allem und mir.
Nehmen Sie sich meiner an. Die Zeit ist buchstabengenau und allbarmherzig.
Indessen
Ihr
gehorsamster Sohn
Friedrich Hölderlin."

Worte eines Verrückten. Oder eines, dem nur das Verrücktwerden blieb als Ausweg, nicht Pfarrer werden zu müssen.
Die letzten Worte dieses Sohnes an seine Mutter (was er nicht wissen konnte).
Vieles wäre davon noch zu sagen, und einiges mehr könnte ich sagen. (DIe Mutter war fast 80, er ~58.)
Grüße von augustine

 

      Jolante



RE: Halt

   25.10.2006, 14:18



Hallo elise
+ alle, die das Gedicht kommentiert haben

windflug, ich möchte deinen Faden aufgreifen. Du schreibst: "Das Ich wird zersetzt durch die Kälte und das Schweigen - Wo liegt da die Hoffnung?... Wenn der Eispanzer zerbricht, kann mit der Zeit etwas Neues entstehen...." Das würde ich gerne glauben, kann es aber nicht. Ich denke, die Hoffnung richtet sich auf die Fühllosigkeit. Nichts tut dann mehr weh, alles schweigt, der Tod als Hoffnung, als Erlösung.

Jolante
hoffnungslos pessimistisch
(manchmal, manchmal nicht)

 

      Elise²



RE: Halt

   28.11.2006, 08:27



Soviel Zeit ist vergangen: verzeiht, dass ich jetzt erst antworte.
Etwas sage ich noch.

Das Hölderlin-Zitat lag eine Weile bei mir (ich hatte es von augustine in einem bestimmten Zusammenhang per PN bekommen), und es war, wie arisia sagt, so etwas wie ein Wegweiser, einer der Auslöser für den Text. "Halt" ist mehrdeutig: sich an etwas (fest)halten; etwas anhalten, aufhalten; auch: stillhalten.
Dann gibt es noch so ein Bild in mir: ich sehe einen Menschen: wie einen riesigen Eisblock (vielleicht das Durchsichtige, das ear gelesen hat), aber innen ganz innen ist möglicherweise ein Zweig eingefroren: Rosmarinzweig, Olivenzweig, was auch immer.
Daraus ist der Text entstanden, und ist (wie du, windflug sagst) ein Gespräch, aber ein Selbstgespräch in der Einsamkeit des allmählichen Gefrierens, und ja: Gott ist tot (Nietzsche).
Den Halt oder Einhalt muss man sich selber geben oder befehlen: halt still. Das einzig Verlässliche oder Sichere ist die fortschreitende Zeit: das Gefrieren, das langsame Zerschwiegen-werden auf den Tod hin (Jolante). Das ist das Genaue an der Zeit: sie (ver)geht weiter und weiter, und das Barmherzige auch: sie trägt dich davon: das ist die Hoffnung. Ja, so ungefähr ...
Warum steht es nicht bei 'Tod', sondern bei 'Psyche'? Weil man immerzu stirbt, mit jedem Atemzug. Sterben ist ein Prozess, kein plötzliches Ereignis. Das Stillstehen des Sterbe-Prozesses, das ist dann das vollkommene Zerschwiegen-Sein, das endgültige.

Ich habe versucht, den Text möglichst zu strukturieren und durch Assonanzen zu klammern. Mehr kann ich nicht erklären dazu. Ihr seid sehr aufmerksam. Ihr lest gut. Ich danke euch für die Zeit, die ihr diesem Text gegeben habt.

Mit Grüßen, Elise,
gewürdigt durch eure Kommentare.




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