Letzter Oktobertag · augustine · ·


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      augustine



Letzter Oktobertag

   21.10.2006, 02:15 / 8 x geändert



LETZTER OKTOBERTAG 2005


vielleicht sind bis hier Matthias und Rebekka Claudius gegangen

Ein kleiner See, ein großer Teich, ein Mühlenteich vorzeiten.
Stehn alte Buchenbäume prächtig ringsherum.
Ihr Jahresabschiedsfeuer brennt.
Die Blätter lodern in der Erde Farben: ocker, gelb und braun.

Drei Gräser Reet: die Sonne pfeilt sie hell ins Wasser,
Das leise dämmert, dunkler wird und bald wie schwarz.
Die Enten fallen schräg in ihr Revier, sie bremsen kunstvoll, starten durch.
Die kleinen Kinder stehn vergeblich da, um sie zu füttern.

Vierfach gebeinte walk-armada plappert um die Ecke.
Radfahrer, rasend, weichen schnell noch aus.
Am Denkmal für bezwungne Helden von zwei Kriegen
Stehn abends rauchundsaufend, bald umnachtet, schon die neuen.

Die Blätter glühn trotzdem, verglühn, und ihre Schönheit
Fliegt mit ihnen auf. Zuvor versuchte ich's, sie zu erfassen,
Auf Fotos. Aber ach, was soll das? Zeit ver-geht,
Und schöne Bilder bleiben auch nur eine kleine Weile.

 

      ear



RE: Letzter Oktobertag

   21.10.2006, 09:56 / 1 x geändert



Hi ,augustine,, du hast ein eindrucksstarkes Gedicht zum “letzten Oktobertag” geschrieben. Es ist der feurige “Jahresabschied” in Ocker, Gelb und Graun. Die Buchenblaetter lodern, gluehen, und vergluehen vor dem scharf blickenden Auge eines Photoapparates, welcher das Schauspiel feshalten moechte, aber dann doch zaudert, weil Abbilder nicht wirklich Erlebtes vollgueltig festhalten koennen.
Dazwischen liegen die Eindruecke : Drei Rohrkolben, im Wasser pfeilartig gespiegelt, das genaue Schauspiel einfallender Enten unter Ausschluss fuetternder Kinder, waehrend die Raeder einer walk-armada- Gruppe ausweichen,abends rauchend und trinkend ihre Jugend missbrauchend und schon als eventuelle neue Opfer das Krieger-Denkmales zweier Weltkriege angesehen werden koennten.
Trotz des feurigen Schauspieles liegt etwas wie Wehmut ueber dem Gedicht. Es gefaellt mir sehr.

 

      lost



RE: Letzter Oktobertag

   21.10.2006, 11:57



hmhmhm.
böses Gedicht. leise böse, gleichmütig böse. kommt
so harmlos daher in Sang und Klang und Metrik,
durchs Gras gegangen am alten Mühlenteich vorbei,
oh, diese ab-sterbende Natur ist immer sotraurig-soschön.
dann aber Radfahrer und Walker und es wird
schlimmer. unter dem Denkmal.
die Blätter glühn zwar ein Weilchen noch weiter, aber
die romantische Stimmung ist irgendwie versaut.
der arme Leser kommt (vielleicht hat ers noch nicht mal
richtig gemerkt) desillusioniert am Gedichtsende an
und darf nicht mal ein nettes Erinnerungsfoto mit
nehmen. tückisch mit Schalldämpfer, augustine, das ist ja
wie: einem liebevoll die warme Bettdecke wegreißen. und
da liegt man dann frierend
und ist so
lost.

 

      Elise



RE: Letzter Oktobertag

   22.10.2006, 00:09



Hallo, augustine!

Dies ein lakonischer Abgesang. "Letzter Oktobertag". Die alte Welt vergeht: wo einmal ein Mühlenteich war, ist nur noch ein See. Natur bewegt sich im Zyklus der Jahreszeiten weiter, aber schon die Enten sind von irgendetwas infiziert - würden sie sonst durchstarten? Die Kinder haben keine Chance mehr, sie stehen vergeblich da ... und im zweiten Teil gewinnen die (Ver)Störfaktoren vollends die Oberhand.
Schließlich betritt, Schlußpointe, das lyrische Ich höchstpersönlich den Schauplatz, um lakonisch-resigniert die Seifenblase endgültig platzen zu lassen:
"... schöne Bilder bleiben auch nur eine Weile."
Was aber bleibt? Bleibt etwas?
Es läßt sich lesen, mehrmals!

Mitternachtsgruß von Elise!

 
        arisia
        (Gast)

RE: Letzter Oktobertag

   22.10.2006, 11:45



hi, augustine,

lost und elise haben den Text schon so schön ausgeleuchtet, so daß mir nicht mehr viel Erhellendes dazu einfällt.
Wollte aber dennoch einfach mitteilen, daß mir dieses Gedicht sehr gut gefällt, aus all den schon erwähnten Gründen, besonders die Desillusionierung ab der 3ten Strophe sagt mir sehr zu, ich mag es, wenn Gedichte oder Texte so verblüffen.

liebe Grüße
arisia

 

      Jolante



RE: Letzter Oktobertag

   22.10.2006, 14:56 / 1 x geändert



Liebe augustine,

dein Gedicht geht mir unter die Haut, ja, der letzte Abschnitt macht mir sogar Gänsehaut. Da ist kein Platz für Sentimentalität, Heimeligkeit, rauschhaftes Schwelgen in glühenden Herbstfarben. Diese flammen nur kurz auf, wie eine Ahnung von letzter Schönheit, die allzu schnell verfliegt. Und dennoch bleibt etwas, auch nach mehrmaligem Lesen: ausdrucksstarke Bilder, eine verhaltene Melancholie und "der Erde Farbem: ocker, gelb und braun".
Dieses Gedicht werde ich noch oft lesen.

Nachdenklich
grüßt Jolante

 

      augustine²



RE: Letzter Oktobertag

   24.10.2006, 21:49 / 1 x geändert



Danke allen, die hierzu was gesagt haben: ich fühle mich verstanden.
Nur: Matthias und Rebekka Claudius (ich habe eben doch nachgesehen, finde den Namen so geschrieben) gehören auch dazu: ein Paar, das ziemlich arm, aber glücklich zusammen lebte; der "Teich" (was niemand wissen konnte) liegt in Hamburg-Wandsbe(c)k (die mehrfach aufgestaute Wandse - so), und Claudius hat das so ergreifende wie hilflose Kriegslied geschrieben. - So steht er für die anwachsende historische Zeit, das Herbstgedicht für die zyklische.

Wenn ich das noch sagen darf: ich liebe ja wirklich die Komplizierten, und dann stehe ich manchmal staunend wie ein Kind vor der 'Einfachheit' eines Mörike oder Claudius.
augustine

 

      autumncat



RE: Letzter Oktobertag

   25.10.2006, 09:35



Hallo augustine,

auch ich bin beeindruckt von deinem Text, der zuerst in schönen Herbstfarben schimmert,
sich dann aber mehr und mehr im Grau verliert.
Er hinterlässt fast eine depressive Stimmung.

Gern gelesen,
autumncat

 

      windflug



RE: Letzter Oktobertag

   25.10.2006, 10:26



Hallo augustine,

ich hatte mich gleich beim ersten Lesen gefragt, was Matthias und Rebekka Caludius in deinem Herbstbild zu suchen haben könnten. Durch deinen Hinweis auf das Kriegslied (ich hatte ganz vergessen, wer es geschrieben hat) eröffnet sich eine neue Lesart des Gedichtes, und auch die Störung und Irritation des Lesers mit der dritten Strophe erhält ein neues Gewicht. Hier bricht tatsächlich die fortschreitende Zeit in den Naturzyklus ein, erst noch mit eher leisem Ärger über die Stöckeschlagenden Walker und die rasenden Radler, dann aber mit der Wucht des Krieges: Stehen da schon die neuen Krieger unter dem Denkmal für die alten bereit? "'s' ist Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein."
Auch ich stelle mir oft die Frage, ob wir nicht auf neue Kriege zulaufen (von den bereits existenten ganz zu schweigen), stehe hilflos vor gesellschaftlichen Entwicklungen, die auf eine zunehmende Gewalttoleranz hinlaufen und begehre naiv "nicht schuld daran zu sein".

Nachdenklich grüßt
windflug

 

      Gerd



RE: Letzter Oktobertag

   29.10.2006, 15:03



Liebe augustine,

ich lese eine brennende Welt. Wahrhaftig war der Mühlenteich – Natur. Jetzt ein Ding des Definitionsdazwischen – Disharmonie. Doch die Natur hält Abschied – brennt, versinkt im Krieg.
Die Bedeutung der „Drei Gräser Reet“ ist mir noch nicht ganz klar - Reet wird zum Dachdecken benutzt - schützt, behütet. In der Wahrnehmung im Wasser optisch an Pfeile erinnernd. Vielleicht haben drei je einen Pfeil oder einer drei Pfeile geschossen, in der Meinung im Licht der einzigen Wahrheit zu stehen.
Dunkle Wolken und schwindendes Licht lassen Wasser schwarz aussehen, doch in Verbindung mit den Pfeilen kommt auch Wasser sinnbildlich als Blut der verletzten Natur in Frage. Geronnenes Blut - schwarz.
Disharmonie wird von Zeile zu Zeile stärker spürbar, wie die sich verweigernden Enten.
Das brennen der Welt wird nicht wahrgenommen, walkend, Rad fahrend und rauchundsaufend auf dem Weg in die Umnachtung. Was hilft es, die im Krieg verglühende Welt in einem Foto festzuhalten, wenn die Natur, inmitten derer man sich befindet, schon nicht gesehen wird.
Zuvor waren es Fotos, jetzt das gemalte Bild des letzten Oktobertags, vielleicht erkennt einer in der Abstraktion der brennenden Welt den Krieg, dann wäre schon geholfen und das lyrische Ich sicherer, nicht schuld daran zu sein.

Ich habe Asche geatmet und schwarzes Wasser getrunken.
Liebe Grüße
Gerd

 

      augustine²



RE: Letzter Oktobertag

   29.10.2006, 16:50



Lieber Gerd,
sehr herzlichen Dank für die große Intensität, mit der Du Dich auf dies Gedicht eingelassen hast.
Es enthält - kaum vermeidbar, der Teich ist ja nicht weit von hier - Eindrücke aus mehreren Jahren, vor allem aber die von heute vor einem Jahr, dem ersten Tag der Normalzeit damals. Vor der Dunkelheit war da aber eine kaum aushaltbare Schönheit - und ich hab einen ganzen Film 'verknipst'. Und die Bilder enthalten schon noch was von der Schönheit, am meisten das von den drei Reetgräsern. Aber doch: Was bleibt?
Mühlenteich: als solcher ist er natürlich auch schon ein Stück Kultur, da ja aufgestautes Flüsschen. Aber wir erleben es schon als Natur, ja.
Nochmal die Reetgräser: wachsen da viel (spricht auch für Naturbelassenheit, weitgehend); dienen zum Dachdecken, also zu Behaglichkeit des Wohnens, aber nicht hier; (aber auch: denk' an Sylt - ich hab' einen ganzen 'Band' Sylt hier, unveröffentlicht, war oft da zum Fotografieren -: Reetdächer sind da Bauvorschrift in fast allen Orten; Reetdächer decken also auch Millionärshäuser, daher als Begriff/Vorstellung für mich zwiespältig; Reet wächst da am Watt schon noch, aber das meiste kommt, so weit ich weiß, aus Ungarn); das 'Pfeilen', ja, ist schon ein Vorspiel der Disharmonie.
Liebe Grüße, augustine




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