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      jonesy



Spaltung

   18.10.2006, 19:29



Bilder eingefügt zwischen banaler Prosa

Komischer Tag,
Freiheit ist halb da
jene Emotion, jenes Phänomen
dass ich entdecken will

aber es bleibt ein ständiges
an mir arbeiten, immer überlegen
nie eine Pause, immer eine Realität
in die ich zurückfinden muss

Schizophrenie als Droge, als Rausch
aber ausbrennend und nachlassend mit der Zeit
es ist ja auch keine Substanz zugefügt worden
die ewig in mir wirkt.

Ein Bild:

Karg und dumpf
spiegelt sich ein Wassertropfen
beim eintauchen in den Ozean
eine graue Ewigkeit verschlingt ihn

Noch ein Bild:

Ein alter Mensch zieht an einer Pfeife aus Zeit
gemächlich atmet er ein und aus. Die Augen
zieht er leicht zusammen, kneift in das Sonnenlicht
auf seinen Liedern.

Das ist wie Malerei, einfache Szenen,
Erst etwas wie Dali und dann eher Heckel
schön von beiden in den Phantasien
geprägt worden zu sein.

Ich schaue noch einmal auf das Blatt
die normalen Zeilen der Wirklichkeit
und die Traumbilder, sie stoßen sich nicht
sie sind zwei Seiten der selben Welt.

 

      ear



RE: Spaltung

   19.10.2006, 15:45 / 4 x geändert



Hi jonesy, ich begruesse dich und komme gleich mit ein paar Fragen zu deinem Beitrag.
Warum hast du deine Prosa als Poesie aufgeschrieben, hatte es einen besonderen Grund?
Wenn es ein “komischer Tag” ist, der dir halbe Freiheit bringt und du jene Freiheit entdecken willst, muesste ein solcher Tag nicht eher als gewinnbringend gelten?
Auch dass du ohne Pause daran arbeiten musst, um jene Emotion zu entdecken, weil sie dich in die Wirklichkeit zurueckfuehrt, ist doch positiv zu sehen..
Schizophrenie ist, so weit mir bekannt, eine zerstoererische Krankheit, die in Schueben kommt und deren Abstaende sich staendig verkuerzen. Vielleicht koenntest du Schizophrenie in Anfuehrungszeichen setzen, dann waere es ersichtlich, dass das LI sie nur als Droge empfindet, deren Wirkung langsam nachlaesst.
Bitte, erlaeutere noch genauer, wie ein Wassertropfen, “karg und dumpf” sich spiegeln kann, wenn auch das Meer in welches er versinkt, grau in Ewigkeit versinkt ?
Mir gefaellt das Bild des alten Menschens , der Zeit ein- und ausatmet und “mit seinen Liedern ins Sonnenlicht kneift”, vielleicht um noch mehr davon fuer sich zu holen.
Das LI bedankt sich bei den Malern Dali und Heckel fuer die phantasievolle Anregung und kehrt in die Wirklichkeit zurueck, weil im klar wird, dass die Traumbilder auch nichts anderes als “schizophrene” zwei Seiten der gleichen Welt sind.
Ich ueberlege, warum du auf Heckel hinweist. Lag es daran, dass er Natur so unveraendert wie moeglich sehen wollte? Er verbrachte eine Zeit an der Nordseekueste, weil ihn die Grossstadt Berlin deprimiert sein liess. Oder weist du auf Zeichnungen, welche entstanden, als er verantwortlich war fuer den Rueck-Transport von Verwundeten?
Dali, der grosse Surrealist malte Traumbilder. Vielleicht deutest du mit dem ein-und ausatmenden Alten auf den wechselnden Zustand der Zeit, wie in seinem Bild "Persistence of Memory", wo die Fliege zerflossene Zeit trinkt und Ameisen eine weich gewordene Uhr beseitigen.Ich bin fasziniert von deinem Beitrag.

 

      zuppanova



RE: Spaltung

   20.10.2006, 00:06



servus, jonesy!

dein text erzählt sich selbst, er geht, so sag ichs mal, in seiner eigenen spur.

steht unter 'Psyche', titelt sich 'Spaltung': das thema ist gegeben,
und es folgen die variationen der gespaltenen wirklichkeit:

- Bilder <-> banale Prosa in der 1. zeile, am ende nochmals aufgegriffen als
- normale Zeilen der Wirklichkeit <-> Traumbilder

das ist der rahmen des textes. dazwischen gibt es die variationen zum thema:

- Freiheit, die aber nur halb da ist
- einen sprecher, der beständig am zurückfinden in die passende realität
arbeiten muss, der aber auch die spaltung ('Schizophrenie' = zwischen
den realitätsebenen wandern) braucht und gebraucht (um das dasein
überhaupt auszuhalten, um inspiration zu finden?)
- ein Wassertropfen <-> Ozean
- die Zeit (ewigkeit?) <-> Sonnenlicht (eines einzelnen tages?)
- Dali <-> Heckel (dieser bildet die alltäglich sichtbare oberfläche der natur,
der realität ab, jener zerreisst eben diese oberfläche und holt das
'sur-reale', das störend-verstörende, die 'andere seite' hervor)
- der sprecher findet sich geprägt von beiden aspekten, und vermag sie zu
integrieren als die zwei seiten einer welt, sie stossen sich nicht.

so etwa nehme ich die bewegung des textes wahr. ob er ein gedicht genannt
werden kann, weiss ich nun nicht zu sagen. aber ich meine, dass dieser text
einer inneren ordnung folgt, er spricht authentisch und wirkt 'leicht', obwohl
er eine menge greift. ich habe ihn mehrmals gelesen, und er blieb interessant.

das ist doch gut! finde ich!
lg, zuppa.

 

      Elise



RE: Spaltung

   20.10.2006, 00:57



Hallo jonesy, ear und zuppanova,

da steht schon so viel geschrieben, aber ich bin wach und habe Lust, auch noch zu schreiben.
Ich schaue mir die beiden 'Bilder' an, die zwischen die 'banale Prosa' gestellt sind.
Der Wassertropfen, das ist für mich ein individuelles Bewußtsein, welches sich für einen (Lebens)Zyklus aus dem großen Meer herausgesondert hat, mühsam genug, denn der Tropfen ist 'karg und dumpf'. In dem Moment, wo das Individuelle, Gesonderte stirbt, wieder eintaucht in die graue Ewigkeit, spiegelt es sich - Erkenntnis. Sich seiner selbst gewahr werden. Spiegelung = Reflexion.
Dieses andere Bild, der alte Mensch mit der Pfeife aus Zeit, empfinde ich einerseits als sehr plastisch (ich kann es sehen in mir), andererseits kann ich es nicht wirklich ausdeuten: ich muss es hinnehmen und stehen lassen. Was ist eine Pfeife aus Zeit?
zuppa, du hast die Frage gestellt, ob der Text ein Gedicht sei - ich finde: nein. Warum? Wann ist ein Text ein Gedicht? Diese Frage ist eine Frage ist eine Frage.
Hier ist kein Metrum. Ein Sprachduktus aber schon ...
Nun, wie auch immer, es ist ein gesättigter Text. Ich mag ihn ganz gern ...
Sag doch du, jonesy, ob du die Kommentare hier magst!
Jetzt ist es noch später geworden (ach ja, die Zeit -). Ich glaube, ich sollte nach Hause gehen, bevor ich mich wirklich so karg und dumpf wie der Wassertropfen fühle.
Gute Nacht. Elise.

 

      augustine



RE: Spaltung

   20.10.2006, 02:02 / 1 x geändert



Grüße aus der Nacht in den Tag, an dem Ihr dies lesen werdet, jonesy vor allem, auch die Kommentatorinnen:

Ob es ein Gedicht ist oder nicht, das lass ich jetzt mal offen. - Vieles Gute ist schon gesagt worden.
Von mir käme noch dazu:
Ich lese den Text als - im Kern - zwei Traumbilder, die in einer Therapie bearbeitet wurden und Erkenntnisse gebracht haben.
Da ist zuerst das Bild vom Wassertropfen; er ist noch "karg und dumpf", aber ehe er in den Ozean eindringt, ist er sekundenbruchteillang von ihm unterschieden. Da sehe ich die Erkenntnis, dass es nicht nur den verschlingenden gestaltlosen Ozean gibt und geben wird (der wohl für die Schizophrenie steht), sondern durch Arbeit und die Erkenntnis, die aus dem Ich selbst kommt (denn der Traum, jeder, ist ein Teil unseres Ichs), die also das Ich sich erarbeitet, indem es seine Träume (mit therapeutischer Hilfe) befragt. Da wird ja auch von 'Traumarbeit' gesprochen
Dann ist da das Bild vom alten Mann, der sein Leben schon weitgehend gelebt hat. Wenn er gemächlich ein- und ausatmet beim Rauchen der Pfeife, heißt das wohl: sein Leben kommt ihm 'gerundet' vor. Dass die Pfeife die Zeit bedeutet, hat vielleicht sogar einfach der Traum so gesagt.Jedenfalls lese ich dies Traumbild als: Schau auf den alten Mann, wie gelassen er ist; er weiß: Leben kann sinnvoll sein. Und da es Dein Traum ist, der des schreibenden Ichs, wird es das von seinem Leben auch einmal sagen können.

Ja, Traumbilder und Alltagswirklichkeit sind zwei Seiten derselben Welt. (Und keineswegs muss Schizophrenie immer wieder kommen, und schon gar nicht muss sich der Zeitraum zwischen den Schüben zwangsläufig immer mehr verkürzen !!!! Wenn das schreibende Ich das meinte - woher sollte es dann den Mut gefunden haben, sich von den Träumen (=aus sich selbst) den Weg in die nicht mehr von schizophrenen Zwängen bedrängte Welt zeigen zu lassen????)

Damit habe ich zur Form nichts gesagt. Der Text ist erkennbar durch Reflexion gegangen, aber er wird dadurch noch sehr viel weiter gehen müssen. Wahrscheinlich läuft das auf eine Verkürzung und dadurch 'Verdichtung' der prosaischen Randstücke hinaus. Du bist aber noch viel zu nah dran.
Rat, immer wieder dieser: eine Weile liegen lassen.

Aber es ist ein Text, der die Bearbeitung unbedingt lohnt.
Liebe Grüße besonders Dir, jonesy, von augustine

 

      Gretchen



RE: Spaltung

   20.10.2006, 11:12



Hei jonesy, hei Mädels, darf ich mal mitmachen?

Was fällt mir ein zu dem Text? Okeeh, da sind Bilder
mit Rahmen drum rum, verschiedene Interpreta- und Varia-tionen,
und reflektive Prozesse aller Art mit und ohne Traumarbeit, und da
ist in all dem Ineinandergeschachtelten sonn Kern drin, da die
dritte Strophe mit der Schizophrenie, und da seh ich nix Pathologisches,
ich seh nur den ganz normalen alltäglichen Wahnsinn, der dichmichuns
jederzeit anguckt, am hellichten Tag, ausm Linienbus raus, oder aus
einem Schaufenster, in das duichwir gucken, oder aus sonnem
Mitmenschengesicht, kommt auch vor, da quillt was durch die Ritzen
und zwinkert und lächelt und winkt. Damit kann man spielen.
Damit lebt man.
Und dann steht da in der dritten Strophe noch was von einer Substanz,
die zugefügt hätte werden können und potentiell ewig hätte wirken
können "in mir" - die aber nicht zugefügt wurde, und wenn ich mal
gez sonne Gretchenfrage stellen dürfte: flattert da so was wie "Seele"
im Text rum oder was bedeutet das da mit der Substanz?

So, ich glaube, das reicht gez.
shut up, you Gretchen ...
Grüße!

 

      jonesy²



RE: Spaltung

   22.10.2006, 21:21



Sorry, bin eben erst wieder gekommen, ich entschuldige mich, dass ich drei Tage nach meinem ersten Beitrag nicht Stellung genommen habe.
Die Gespräche uns statements haben mir sehr gut gefallen, ich fühle mich geehrt, dass mein Text wahrgenommen wurde und sogar diskutiert wurde. Wenn ein wenig Resonanz in den Lesern wiedergehallt ist, so bin ich doch meinem Dasein in den Sinn gefolgt.

Jonesy




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