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Online
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gregor libkowsky
mmazzurro
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windflug
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14.10.2006, 15:10 / 3 x geändert
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Aus seinem Mantel
tropfen Geschichten
schlagen hart
auf den Asphalt.
Aus seinem Mantel
vollgesogen mit Straßen
und mit Wunden
tropfen Geschichten
schwimmen wie Ölflecke
auf trüben Pfützen
Aus seinem Mantel
Heimat in kalter Welt
tropfen Geschichten
schillernd
ungelesen.

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ear
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14.10.2006, 17:37 / 3 x geändert
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Ecce Homo
Hi, windflug, ich gehe davon aus, dass das LI von der traditionellen Darstellung des Ecce Homo spricht in Robe, mit Lendenschurz und Dornenkrone: das sogenannte “Behold The Man” aus der St. James Version mit Christus , der von Pilatus der hoehnenden Menge vorgestellt wird.
Man kennt die ergreifenden Darstellungen des Ecce Homo in Gemaelden Graphiken und Skulpturen und Kuenstlernamen wie Corinth, Kokoschka, Dix oder Rembrandt.
Hier scheint das LI die traditionelle Darstellung nur in etwa zu verwenden, denn es wird von Stadt, Asphalt und Strassen gesprochen, von der Heimat in kalter Welt. Vielleicht das jetzige Jerusalem, verunstaltet durch Kaempfe, von Krieg und Vernichtung gepraegt. Geschichten, Ereignisse der Gegenwart, die wie etwas Menschliches auf dem harten Asphalt aufschlagen und verwundet werden. Oelflecke auf schmutzigen Pfuetzen, vielleicht ausgelaufenes Benzin nach kriegerischer Auseinandersetzung.
Doch in der letzten Strophe, scheint ein Hoffnungsschimmer zu sein: die Geschichten sind “schillernd”, auch wenn noch immer ungelesen, es koennte sich aendern.
Dieses Gedicht ist kurz gehalten, durch die wiederkehrenden Worte gegliedert und hinterlaesst mir einen Aufruf zur Besinnung.

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zuppanova
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servus, windflug!
las eben dein 'Ecce homo' und hab ein ganz anderes bild im kopf dazu als ear.
weisst du, ich sehe eine sandlerin (= obdachlose) vor mir, die ich oft getroffen hab, es ist schon eine zeit her. da hab ich in munic in der stadt drin gearbeitet, und bin morgens in der früh vor der arbeit gern zum Stachus gegangen und dort eine runde spaziert. da war sie dann immer, so um halb sieben, um den Stachus herum war ihr revier, ihre wohnung. sie war klein und ganz beladen mit plastiktüten, hat mehrere röcke übereinander angehabt. wusch im stachusbrunnen kleidungsstücke aus, suchte die abfalleimer rund um den MacDonald ab und hat gefrühstückt. wenn es sonnig war in der früh, hat sie sich gern auf einen stein am Stachusbrunnen gesetzt, wenn das wetter schlecht war, kauerte sie irgendwo unter den arkaden dort.
dein gedicht hat sie hergeholt, heraufgeholt aus der erinnerung, ich hab sie ganz klar vor mir, könnt viele details schreiben.
ob sie noch lebt? gesprochen hab ich nie mit ihr, sie war zu verschlupft in sich, hat nur mit sich selber geredet. eingeprägt hat sie sich mir ganz tief.
ecce homo.
gute nacht, windflug, einen gruss schickt dir
zuppa.

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augustine
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15.10.2006, 01:22 / 2 x geändert
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Hallo windflug, ear und zuppa!
Ich lese Dein Gedicht, windflug, nicht mit solch einer Erinnerung wie zuppa, aber auch etwas anders als ear. Ihr wisst ja: ich bin eine, die Wörter behorcht und verbindet. Ecce homo ist nun mal mit der Vorgeschichte der Jesus-Kreuzigung verbunden (in allen vier Evangelien, hab nachgesehen), und dreimal ist der Mantel ein Purpurmantel, und immer soll er ihn, den Pilatus loswerden will, als (weltlichen) König verspotten.
Den sehet-welch-ein-mensch hier, den sehe ich weniger als Verspotteten, mehr als einen, den man nicht wahrnehmen, nicht aufnehmen will; einen Flüchtling. (Insofern ähnlich wie die Frau in zuppas Stachus-Erinnerung.) - Das Gedicht steht auch unter 'Soziales'.
Aus seinem Mantel tropfen Geschichten, die Geschichten seines Lebens. Niemand will sie hören. Deshalb schlagen sie auf den Asphalt unserer Städte.
Dann wird der Mantel 'gedeutet': er ist "vollgesogen" mit den (Erinnerungen an die) durchwanderten Straßen und den Wunden von den Wegen, von unterwegs, seelischen wie körperlichen. Daraus also die Geschichten. Sie schwimmen wie Öl auf den trüben Pfützen auf dem Asphalt, vermischen sich nicht.
Und - hier am deutlichsten anders als in der Verspottungsszene Jesu - der Mantel ist ihm (also in meiner Deutung: dem Flüchtling) "Heimat in kalter Welt" (spielt die Vorstellung von - allerdings - Maria als Schutzmantelmadonna hier hinein?); kalte Welt: die nördlichen Staaten innen und außen; allerdings bieten die südlichen ja zu wenige Lebensperspektiven; die Geschichten sind "schillernd" (wie das Öl, aber auch wohl: weil sie immer wieder anders erzählt werden). Aber sie bleiben - "ungelesen", sagst Du, windflug; vielleicht wäre "ungehört" oder sogar "un-er-hört" besser; denn aufgeschrieben werden sie ja nicht.
Hoffnung sehe ich nicht.
Kannst Du was anfangen hiermit, heute am Tag?
Jetzt einen Gruß in die Nacht. augustine
PS Mir fiel eben noch Nietzsche ein: ECCE HOMO. Vielleicht mag das jemand aufgreifen. a

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windflug²
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Hallo ear, zuppa und augustine,
drei unterschiedliche, tiefgreifende und facettenreiche Antworten: ich danke euch. Die Irritation, der Impuls darauf zu reagieren, entzündet sich am Titel des Gedichts - da fühle ich mich einerseits ein wenig ertappt in meiner Naivität andererseits aber auch (schlechten Gewissens) bestätigt in dem Versuch Antworten zu provozieren.
Zuerst kam das Gedicht, das auf einer ähnlichen Begegnung wie der von zuppa beschriebenen basiert, die Gedanken auslöste, wie augustine sie fast vollständig herausgearbeit hat, dann kam die Suche nach dem Titel. Er sollte dem Bild etwas mehr Tiefe geben, andere Bedeutungsebenen andeuten, aber dabei hatte ich eigentlich nur an die wörtliche Übersetzung gedacht: Seht, ein Mensch! Was heißt das: Menschsein, Leiden, eine Geschichte haben, die niemanden interessiert, Grundbedürfnisse nicht befriedigen können, auch: verspottet, ausgegrenzt werden? Bettler machen mich hilflos. Ich empfinde das bloße Geben von Almosen als eine Erniedrigung (die ich als Kind immer erlebte, wenn Nachbarn uns abgetragene Kleidung schenkten), aber ich habe Angst vor einer Begegnung, einer direkten Auseinandersetzung mit der Person und gerate so immer wieder an die Grenzen meiner Mit-Menschlichkeit.
Das waren Gedanken, die zu dem Titel führten, natürlich auch Bilder vom Leiden Christi, die mich als nicht-christlichen Menschen mt pietistischer Früherfahrung stark geprägt haben. Die Geschichte von Jesus vor Pilatus und deren Niederschläge in der Kunst hatte ich gar nicht mitbedacht, so dass der Titel ein zu groß geratener, hochstaplerischer Mantel geworden ist. Trotzdem bin ich froh, dass er zu euren Reaktionen geführt hat.
;iebe Grüße
windflug

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Jolante
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Du warst so schnell mit deiner Antwort, windflug, ich wollte gerade zum Kommentar ansetzen. So klingt es vielleicht jetzt wenig glaubhaft, wenn ich versichere, dass ich deine Intention zu dem Titel genauso verstanden habe, wie du es beschreibst: "Seht, welch ein Mensch !"
Zuppanova und Augustine haben schon alles aus dem Gedicht herausgelesen, was auch mich beschäftigt hat. Mir ist sofort der Bettler eingefallen, der jeden Sonntagabend an der Kirchentür steht, wenn ich hineingehe und wenn ich herauskomme. Er ist noch nicht alt, aber sein Gesicht ist von einem schweren Leben geprägt, seine Augen wie erloschen. Die Jacke, die er trägt, ist schmutzig und trieft vor Leid. Was soll ich sagen ? Ich habe mir abgewöhnt, etwas in die Kollekte zu geben, ich gebe es ihm, dem Bettler. Es ist mir aber aufgefallen, dass nur sehr wenige ihm etwas geben, sie werfen es lieber ins Körbchen. Jesus sagte aber, "was ihr dem geringsten eurer Brüder tut, das habt ihr mir getan" (oder so ähnlich). Dein "Ecco homo", windflug, hat mich darin bestärkt, diese Botschaft ernster zu nehmen.
Mir gefällt auch die Form. Das Gedicht hat mich in jeder Beziehung angesprochen.
LG Jolante

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Elise
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15.10.2006, 14:09 / 1 x geändert
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Hallo windflug,
soeben lese ich die Kommentare hier, auch deine Anmerkung zu deinem Gedicht. - Titel: mir kam spontan der Gedanke, als Titel nur
Ecce -
zu wählen (so abgebrochen, mit Bindestrich). 'Sieh her', sagt der Titel dann, oder - anders herum, eben: 'Schau nicht weg' - denn das ist es ja, was häufig geschieht. Das 'homo', das entstünde wohl von selber in den Leserköpfen, und alles, was dem nachfolgt, auch (der Bogen der möglichen Assoziationen ist bereits so ziemlich ausgeleuchtet durch die anderen Kommentare).
Mir gefällt die Kürze des Gedichtes, mir gefällt es, daß du 'Form' gefunden hast: durch Gliederung in Strophen, durch eine innere Bewegung, einen inhaltlichen Bogen von 1 zu 3, durch Herausarbeitung sprachlicher Merkmale (bewußt eingesetzte Wiederholungen). Ich kann sehen, daß dein persönliches Erlebnis ("Betroffenheit") einen Prozess der Verarbeitung, Bearbeitung durchlaufen hat, ehe du es anderen vorgestellt hast. Auch das gefällt mir.
Was ich persönlich schwer zusammenbringe, ist in der 1. Strophe das 'tropfen' der Geschichten einerseits und das 'schlagen hart auf den Asphalt'.
Kann etwas, was so beschaffen ist, daß es tropft, zugleich so beschaffen sein, daß es hart aufschlägt? (Ich hoffe, du nimmst mir eine Frage dieser Art nicht übel ... sie hängt mit meinem "elisischen" Sprachgefühl zusammen ...?)
Schöne Sonntagsgrüße, Elise.

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arisia (Gast)
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hi, windflug,
bin ein bißchen spät dran mit kommentieren, so gehts.
Inhaltlich schließe ich mich mal allen an, :), das Gedicht verströmt von allen angebotenen Interpretationen etwas, sie liegen letztendlich ja auch gar nicht so weit auseinander.
Mir gefällt die Form, und die Eindringlichkeit, die das Gedicht vermittelt, die Eindringlichkeit gegeben durch die geschickte Wiederholung dieser Zeilen:
"Aus seinem Mantel
tropfen Geschichten",
und wie diese beiden Zeilen kunstvoll variiert sind durch die Einschübe in S2 und S3.
Ich übelege gerade, ob du das "wie" an dieser Stelle:
"schwimmen wie Ölflecke
auf trüben Pfützen"
noch vermeiden könntest indem du schreiben würdest:
schwimmende Ölflecke
auf trüben Pfützen
das wäre noch stärker im Bild und würde mit der Zeile
"schillernd" in S3,Z4
noch besser korrespondiern.
Nur mal so vor mich hingedacht.
liebe Grüße
arisia

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windflug²
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Hallo Jolante, Elise und arisia,
auch euch ganz herzlichen Dank für eure Kommentare. Es hat mich wirklich berührt, wie intensiv und feinfühlig ihr alle euch mit meinem Gedicht auseinandergesetzt habt.
Zu euren Vorschlägen:Den Titel nach Ecce mit einem Gedankenstrich abzubrechen finde ich ganz spannend - ich glaube, das werde ich übernehmen, liebe Elise. Das Wort schlagen dagegen wird bleiben. Mir war der harte Klang und die Assoziation zu körperlichen Schägen ganz wichtig, und ich denke, dass Tropfen durchaus auf eine harte Oberfläche aufschlagen können. Ich verstehe natürlich, was du meinst: Wenn ein vollgesogenes Stück Stoff tropft, dann geschieht das eher sanft, aber die Anklänge, die ich dabei im Kopf hatte, sind mir an dieser Stelle wichtiger. Deine Frage nehme ich dir aber auf keinen Fall übel, ganz im Gegenteil.
Deine schwimmenden Ölflecke, liebe Arisia, möchte ich ebenfalls nicht aufgreifen. Ich weiß nicht genau warum, aber auch hier klingt mir das Partizip zu weich, zu lyrisch. Bei schillernd ist das irgendwie anders, stimmiger, aber so richtig erklären kann ich mir das nicht. Für deinen Vorschlag bin ich dir aber dankbar.
Seid alle lieb gegrüßt
windflug

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