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Kurzgeschichten · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      augustine



Was war

   15.12.2005, 23:31 / 3 x geändert



WAS WAR

Der ältere Mann, der mir in der U-Bahn gegenüber saß, sah unscheinbar aus, aber klug. Er hatte für mich diese erotische Anziehungskraft, die das Hässliche manchmal hat. Ein offenes Hemd trug er, denn es war heiß in Berlin, und einen zusammengeknüllten gehäkelten Beutel. Die Haare hatte er gemäßigt lang.
Kaum saß ich, da bat er mich schon um den Katalog der Peter-Joseph-Lenné-Ausstellung, der in einer durchsichtigen Tüte steckte. Ich gab ihn ihm und beobachtete, wie er sich hinein vertiefte, einen einzelnen Gartenplan genau studierte, mit dem Finger den Sichtachsen nachging und die U-Bahn darüber zu vergessen schien.
Ich sah ihm zu, obwohl ich längst hätte aussteigen müssen an der Station, in deren Nähe ich wohnte. Aber ich hatte Zeit. So gerieten wir bis an die Endhaltestelle der Linie, Krumme Lanke.
Nicht einmal sehr erstaunt blickte er auf, als ich sagte, nun wenigstens müssten wir aussteigen oder zurückfahren. Er entschuldigte sich für sein Versunkensein und fragte, ob ich vielleicht noch mehr Zeit hätte und ihn begleiten würde zur Gemäldegalerie, die damals noch in Dahlem war. Er sei Maler. Ob er mir einige Bilder dort zeigen dürfe. Ja.
So fuhren wir mit dem nächsten Zug zurück nach Dahlem-Dorf und gingen zusammen in die Gemäldegalerie, mir von Studienzeiten her vertraut, wie ich dachte. Aber er ließ mich neu sehen, was er mir zeigte, erklärte Farbzusammensetzungen, Maltechniken, Kultursoziologisches, stellte Vergleiche an, und manchmal sagte er einfach: Sehen Sie, dies liebe ich besonders. Immer ließ er mir die Zeit, die ich zum Betrachten brauchte, und das war viel, denn die Stimmung intensiven Sehens und Hörens, die er erzeugte, hatte mich längst ergriffen.
Doch man kann nicht pausenlos Bilder ansehen. Für heute muss es genug sein, sagte ich, die Zufallsbekanntschaft, ich danke Ihnen sehr.
Aber was hatte ich da gesagt: für heute? Konnte es denn eine Fortsetzung geben? Konnte mein von ihm angeleitetes Sehen ihm nicht nur genügen, sondern ihn beschwingen?
Ja, es schien so, denn es gab Fortsetzungen; in Hamburg, in München, in Köln, in Stuttgart und wieder in Berlin. Wir trafen uns zu Ausstellungen, und er lehrte mich immer besser sehen. Meine familiäre Gebundenheit stellte er nie infrage, wollte aber die Familie niemals kennen lernen, und es war mir recht so. Er selber lebte allein, einsiedlerisch sogar. Er brauchte das. Von seiner Kunst konnte er nur deshalb leben, weil ein früher Zufall bewirkt hatte, dass er ein gesuchter Porträtist war. Er nannte das sein Kunsthandwerk und hatte immer geradezu ängstlich vermieden, bekannt zu werden. Unsere Beziehung ging so über viele Jahre. Sie machte mich immer wieder glücklich so, wie sie war.
Jedes Mal war er es, der anrief. Er selbst besaß kein Telefon. Als er einmal sehr lange nichts hatte von sich hören lassen, schickte ich ihm einen nachfragenden Brief. Er kam zurück. Der Empfänger sei verstorben, war aufgestempelt.

AugenblickeBlickwinkel 13

 

      Marcel Frank



RE: Was war

   16.12.2005, 15:49



"als ich sagte, nun wenigstens müssten wir aussteigen oder zurückfahren." | "ja." - Sieh an ! Dieser "natürliche", nicht-artifizielle Ausdruck ist sehr erfrischend. So bindet man Leser ! Diese nur punktuellen Direktreden (vgl. Sperrmüll): Grünes Licht: Keine Unterhaltung. Gut. Dieser Text ist vital. Also Erlebnis ? Ja, aber "mit ohne ins Ohr lecken". An die Stelle potentieller Ich-Fixierungen* treten andere Figuren | Umstandsbestimmungen. Endlich bekommt man ein paar Gegenstände, Typen vors Gesicht. Das darf ruhig so weitergehen. Die Frage wäre, wie lang die Puste bei einem größeren Text reicht. Der Qualität dieses Texts "tut" es keinen Abbruch.

"So hätte es sein können, auch noch anders. Aber so war es nicht." - Das gibt sich unschwer als scharfe Trennlinie zu erkennen. Diese Sortierung geht dem Leser ab, er ist nicht Herr zweier - textgenerischer - Gedanken. Annahme: if streichen ("So hätte es sein können, auch noch anders. Aber so war es nicht. / In Wirklichkeit** saß") then Leser a good Weile betäubt. "Produzierte" Erkenntnis-Verzögerung ist keine schlechte Strategie. Nicht immer ans Händchen nehmen. Dass man es - verlustfrei - kürzen kann, ist eine Qualität dieser Geschichte. Was man verlöre, wäre die Artikulation eines Enttäuscht-Seins des Ich. Ach, die Ichs sind immer enttäuscht ...

Was war, war gut.

m

*Die Leerstellen füge ich trotzdem an: "Immer ließ er mir die Zeit, die ich zum Betrachten brauchte, und das war viel, denn die Stimmung intensiven Sehens und Hörens, die er erzeugte, hatte mich längst ergriffen." | "Er brauchte das." - Wittgenstein paraphrasierend: Schmerz ist, wenn jemand sagt: Es schmerzt. Das ist Schmerz ? Acto ilocutivo - und so. Für mich ist das ein "gap". Eine der Schwierigkeiten, sich in Literatur aufzulösen. Damit haben wir alle zu kämpfen.
** Ey ! Watt iss "wirklich" / in Wirklichkeit ? In Wahrheit ? Watt ist Wahrheit ? Hasse Anst ze lügn ? Lüg doch (eine Verzögerung lang) !

 

      augustine²



RE: Was war

   20.11.2007, 00:36



Auch dies nochmal; geändert.
augustine

 

      Jolante



RE: Was war

   05.12.2007, 13:33 / 1 x geändert



Liebe augustine,
bei deiner Beschreibung des Künstlers fiel mir gleich das "bucklicht Männlein" ein, die Ähnlichkeit ist frappierend. Aber die Geschichte ist eine andere. Sie liest sich gut, ist spannend und ungewöhnlich. Eine Beziehung, die sich ganz auf Zweisamkeit beschränkt, auf Kunst kapriziert und dabei eine Tiefe erreicht, einen geistigen und gefühlsmäßigen Austausch ermöglicht, wie es die legitimierten Beziehungen leider oft vermissen lassen. Doch sind solche Beziehungen wenig belastbar, weil sie vom alltäglichen Leben ausgeschlossen sind. Als der Künstlerfreund tot ist, erfährt es die Ich-Erzählerin durch den Poststempel auf ihrem Brief, der ungeöffnet an sie zurückgesandt wurde. Ein trauriger Schluss, an den sich die Überlegung knüpft, wie es denn anders weitergegangen wäre. Hatte die Beziehung die Chance einer Entwicklung, einer Zukunft ? Ich fürchte nein. Aber vielleicht ist es gerade das, was ihre Qualität ausmachte. Im übrigen: Nichts ist für die Ewigkeit gestrickt.

Liebe Grüße
Jolante

 

      augustine²



RE: Was war

   05.12.2007, 14:04



Danke, Jolante, dass du dich dieser Geschichte angenommen hast. Sie stammt ja schon aus den Anfängen des Forums (und ist noch mehrere Jahre älter); ist damals ja kaum bemerkt worden.

Ich habe die bisher 12 Augenblicke-Geschichten vor einigen Tagen erstmals verschenkt und dadurch auch selbst erstmals als diese 12 wahrgenommen. Ein Motiv wie das vom erotisch anziehenden Hässlichen darf nicht zweimal vorkommen. In der anderen Geschichte habe ich es für den Ausdruck geändert.

Liebe Jolante, dein so behutsamer Kommentar gibt mir aber auch die Möglichkeit zu sagen: es sind nicht alle meine Kurz- und Kürzest-Geschichten so erlebt wie erzählt! Andererseits stimmt doch: vieles ist erlebt, jedenfalls die Kern-Szenen, aber doch auch verdichtet auf eine Pointe hin, weggelassen manches, Motive hinzugefügt.
Es ist verdammt schwer, vom Erlebten sich zu lösen, und andererseits kann man das Leben ja nicht bloß wie einen Steinbruch für Geschichten ansehen. - Aber das werden ja alle selber wissen.

Sei herzlich gegrüßt von augustine




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