Unterwegs · Jolante · ·


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      Jolante



Unterwegs

   12.10.2006, 19:01



kleingemacht
von DIR
gebe ich mich auf
verschnürtes päckchen
vorsicht
glas

achtlos
in deiner jackentasche
lautlose scherbe
blutest kaum
weine ich vor
erleichterung

splitter
unter deiner haut
auf dem weg zum herzen
verschlossene kapsel
rastlos

einmal
dem morgen begegnend
lass mich aus deinem
auge fallen
endlich

 

      augustine



RE: Unterwegs

   12.10.2006, 19:39



Jolante, guten Abend! Sozusagen ein Selbstversuch: ich schreibe wenige Minuten, nachdem Dein Gedicht hier erschien. Man ist ausgesetzer, als wenn man den 2. oder 3.Kommentar schreibt und das Vorherige schon benutzen kann; man übersieht was, macht Fehler ...

Ich versuch's trotzdem:

1) Ein von einem sehr großen 'Du' klein gemachtes lyr. Ich (nicht Autor-Ich) 'gibt sich auf' (doppelte Bedeutung der Redewendung!) - aber wenn es 'verschnürt' ist (hat notwendig jemand anders gemacht): wie kann es das? | in dem Päckchen ist Glas, sind Glassplitter; wer hat drauf geschrieben: "vorsicht/glas"?

2) das Päckchen ist in der Jackentasche des großen Du, achtlos hineingesteckt, auch klein | eine Scherbe hat sich nicht mit verschnüren lassen und immerhin einen Kratzer erzeugt | das Ich weint vor "Erleichterung" - weil das so große (groß tuende) Du nicht unverletzlich ist?

3) "splitter" ist kleiner als "scherbe", die kaum Blutung verursacht, während aber der Splitter unter die Haut gedrungen ist (vorher?); hier scheint etwas unklar | das "Unterwegs", das klärt sich hier, ist ein Weg zum Herzen des Du (nicht zur Post), "rastlos": immer wieder, anhaltend, ohne abgeschreckt zu werden | wie verhält sich das 'verschnürte päckchen' zur 'verschlossenen kapsel' - identisch? verstehe ich aber nicht
oder noch nicht

4) "dem morgen begegnend" - war alles zuvor ein schlimmer Traum? oder: Morgen=Klarheit, Kraft?

Wenn ich Bröckchen gesammelt habe (Splitter), merke ich, dass es (mindestens auch) um Ortsbestimmungen geht, um Fragen des Lyr. Ich an sich selbst, denn wo ist es?
im verschnürten Päckchen/in seiner Jackentasche/unter seiner Haut (die Redewendung!)/auf dem Weg zu seinem Herzen/in seinem Auge (noch eine Redewendung: geh mir aus den Augen)

Feinschliff vielleicht noch: bei allen vier Päckchen (6/6/5/5 - Absicht?) steht am Schluss ein einzelnes Wort; bei 2-4 ein kommentierendes, nur bei 1 nicht ("glas") - vielleicht bearbeiten?

Bin, wie Du wahrscheinlich auch, gespannt auf die weiteren Beobachtungen. Schrieb's augustine

 

      ear



RE: Unterwegs

   12.10.2006, 21:50



Das doppeldeutige "gebe mich auf" , weist auf das Schlusswort "endlich" als etwas Ersehntes,nachdem das Flehen um Freihheit ausgesprochen wurde. Allerdings ist es mit der Bitte verbunden "einmal lass mich aus diesem Auge fallen".
Das LI scheint ratlos und zoegernd zu sein, da das Herz eine abweisende Kapsel ist, zwar nach aussen unangreifbar, aber (wie in der Eiskoenigen des Maerchens, die eine Splitter versendet), kann das LI eine Verwundung erzielen.
Das Scherbenpaeckchen , wohl verschnuert, ruht in der Jackentasche, die allerlei Krimskram enthaelt. Aber der Andere traegt die Jacke, hat also alles bei sich, so muss das Paeckchen, welches er wohl selbst verschnuerte, ihm noch wertvoll erscheinen.
Jolante, es stimmt mich sehr nachdenklich, ear.

 
        arisia
        (Gast)

RE: Unterwegs

   13.10.2006, 12:07



hi, Jolante,
nun ist ja schon einiges gesagt worden zu deinem Text.

Auch ich sehen ein LI, kleingemacht von einem übermächtigen DU.
Das LI gibt auf und schnürt sich ein. Auf der psychischen Ebene ist es durchaus möglich sich selbst einzuschnüren, zu verpacken, letztendlich ist es ja immer so, wir tun uns das Kleinmachen und Einschnüren ja selbst an. Denn bevor uns jemand so etwas antun kann ist die Alternative des "Weggehens" ja immer vorhanden. Wenn ein LI dann nicht geht, macht es sich klein.
Nun, dieses LI hat sich also verpackt, es war sehr zerbrechlich geworden in der Zeit, es schreibt auch noch:
"Vorsicht Glas" auf das Päckchen. Sehe ich so, daß das LI das LD gewarnt hat, daß jeder weitere Schritt in die Richtung, die das LD immer geht, das Ende der Beziehung bedeutet, das Glas bricht.
Ich sehe das LI in diesem Moment schon abgenabelt, und schlau, es kennt das LD, weiß wie achtlos es mit Menschen und Dingen umgeht,es hat ja gewarnt: "Vorsicht Glas", dennoch trägt das LD das Päckchen achtlos in der Tasche, greift wohl hinein, sucht etwas, und unter der Packung zerbricht das wie immer gestaltete Glas, zerbricht die Beziehung. Das LI weint vor Erleichterung, da die Form (die Form der Beziehung) nun endgültig zerstört ist. Eine Scherbe schneidet das LD, d.h. für mich, das LD hat den Bruch der Beziehung endlich gemerkt, ist verwundet, verwundert auch? evtl., aber es blutet nur wenig, das LD ist letztendlich kaum angekratzt vom Ende der Beziehung. Das LI ist erleichtert, das die Dinge endlich geklärt sind, zumindest für es selbst.
Dennoch bleibt ein Splitter vorhanden, die Sache geht ihm unter die Haut, sozusagen, erreicht aber nicht das Herz des LD, wo der Splitter etwas bewirken könnte, das Herz ist eine verschlossene Kapsel.
Nun ist das LI rastlos, will weiter, es kann sich wieder eine Zukunft vorstellen
"einmal
dem morgen begegnend"
und es läßt sich aus dem Einzugsbereich, der Aufmerksamkeit des LD herausfallen, es geht
"endlich".

Ja, evtl. liege ich auch vollkommen daneben, aber das ist das was der Text in mir hervorruft.
Die Gestaltung des Textes gefällt mir sehr gut, der Beschreibende Teil in 2x 6 Zeilen, dann werden die Dinge dynamischer, 2x 5 Zeilen, das LI ist raus aus der Stasis, die Dinge kommen in Bewegung, das LI geht.

 

      Jolante²



RE: Unterwegs

   19.10.2006, 13:28



Hallo augustine, ear und arisia,

ich danke euch, dass ihr meinem "Unterwegs" so viel Aufmerksamkeit geschenkt habt. Mir bleibt nicht mehr viel dazu zu sagen. denn nach augustines berechtigten Fragen hat arisias Interpretation all das auf den Punkt gebracht, was ich mit dem Gedicht ausdrücken wollte. Das hat mich so ergriffen, dass ich weinen musste. Das LI will als Splitter aus dem Auge des großen DU "dem Morgen begegnend" endlich herausfallen (herausgeweint werden). Dabei habe ich, wie du liebe ear, an die Eiskönigin im Märchen gedacht

LG Jolante




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