Frau Jung (Faden) · arisia · ·


Kurzgeschichten · Forum für Literatur & Germanistik
 

Neue Beiträge   |   Registrierung   |   Lesungen Literatur auf YouTube - Gedichte - Forum für Literatur und Germanistik  |   dradio   |   Archiv   |   l o g i n

 
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Leseliste
~ Forenliste
~ Gäste-Chat
Literatur
~ Impressum

  Online

  Lesungen

  Piep, piep, piep...

  Aktuelle Themen

Texte zitieren auf literature-online.de

Kipp-Phänomene: Brillante Rhetorik

Mein Buchhändler

welt

Dichte Reime

Zwei Gedichte

Enjambements in Heyms Berlin III

G7sus4 (12-string) --> für chantal

Reise durch lit-on

Vatnajökull (prisma)

Achrad (6)

Trahisa (5)

Letzte Nacht

Straße

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

Feierabendland

Ein Dogma

Distanz

in die nacht

Jahrestage


 
        arisia
        (Gast)

Frau Jung (Faden)

   10.10.2006, 14:51 / 5 x geändert



Frau Jung im Supermarkt

Frau Jung liebte die Idee, daß die Erde eine Nation der Raumfahrer würde.
Das verstanden viele aus ihrer Umgebung nicht, und es hatte auch nichts
mit ihrem Standort zu tun.
Frau Jung stand im Supermarkt und schaute sich um. Sie stand nicht gerne
dort. Die vielen Dosen und Packungen schrien sie an:
"Nimm mich!"
Frau Jung wollte sie nicht nehmen. Frau Jung hastete durch die Regalreihen,
nahm ein Brot, Butter, etwas Käse und ging zur Kasse. In der Warteschlange
träumte Frau Jung vom Universum.

 

      Moulin



RE: Frau Jung

   10.10.2006, 22:14



Nicht ärgern.

Der allägliche Kampf gegen das Alltägliche.
Der Sieg der bestimmenden Oberflächlichkeit, der uns immer wieder am Träumen hindern will.
Lassen wir es sie nicht schaffen und folgen dem Klang der Gedankenmelodie, wie Dr. Schiwago.

 

      Jolante



RE: Frau Jung

   11.10.2006, 13:43 / 1 x geändert



Hallo arisia,

das ist ja wieder eine wunderbare "Kürzestgeschichte". Mit wenigen Sätzen versetzt du die LeserInnen in zwei Gegenwelten. Frau Jung träumt vom Universum, sieht sich aber mit der Massenkonsumrealität eines Supermarktes konfrontiert, einer Realität, die ihr völlig fremd ist. Obwohl die vielen Artikel in den Regalen danach schreien, genommen zu werden, beschränkt sie sich nur auf den Kauf des Lebensnotwendigen. Damit entscheidet sie sich gegen ein unreflektiertes Konsumverhalten. Ihr geht es um geistige Nahrung. Dennoch steht für mich die Frage im Raum, ob es ein bewusstes Entscheiden gegen allzu vieles Konsumieren ist, oder ein auch durch soziale Umstände aufgezwungenes. Frau Jung hat Phantasie genug, vom Universum zu träumen, das ist ihre Gegenwelt, in die sie sich von jedem Standort aus hineinträumen kann.
Frau Jung hat Glück,
das denkt sich Jolante :(

 

      ear



RE: Frau Jung

   11.10.2006, 20:44



Hi, arisia, Frau "Jung", der Name sagt es wohl schon ist jung geblieben, ihr Geist ist wach, nimmt kritisch auf, was um sie geschieht. Moulin und Jolante haben bereits alles gesagt.
Von Frau Jung wird es hoffentlich weitere Folgen geben, sie koennte zur Institution werden in der L.C., lieben Gruss, ear

 
        arisia
        (Gast)

RE: Frau Jung

   12.10.2006, 00:28



hi, moulin, Jolante und ear,

erstmal danke für eure Beiträge und für eurer Interesse an Frau Jung.

ja, Moulin, beim Gehen durch Straßen und Rumstehen an Kassen und Ampeln scheint meine Phantasie Flügel zu bekommen, denn in diesen Situationen erscheinen mir die meisten Ideen. Vielleicht schütze ich mich damit vor der Überflutung durch die "Dinge".:)

Ja, Jolante, ich habe auch den Eindruck, daß Frau Jung diese Welt der sog. Realitäten fremd ist. Nicht fremd im Sinne von unbekannt oder unvertraut, eher wesensfremd. Wir werden sehen, was Frau Jung noch so erlebt, ich lerne sie ja auch gerade erst kennen.:)

und ja, ear, es wird noch weitere Folgen von Frau Jung geben, sie bleibt noch eine Weile in meiner Nähe, hat sie gesagt. Sie krabbelt manchmal in meine Träume. :)

euch dreien auch noch Dank fürs Lob, Jolante, der Ausdruck "Kürzestgeschichte" gefällt mir gut.

liebe Grüße und guten Morgen
arisia

 

      zuppanova



rot und grün?

   12.10.2006, 13:08



servus arisia und alle!

könnte es sein, dass Frau Jung barfuss durch den supermarkt geht, ihre roten sandaletten in der hand schlenkernd?
könnte es sein, dass sie sich gerne in grün kleidet und mit vornamen Anna heisst?
ja?
dann müsste der supermarkt sich in Nowosibirsk befinden!

lg, zuppa.

 
        arisia
        (Gast)

RE: rot und grün?

   13.10.2006, 10:24



hi, zuppa,

na ja, Anna ist inzwischen aus Nowosibirks zurück, und der Vorname paßt prima zu Frau Jung, ja sie wird Anna Jung heißen. Und in Bezug auf die Sandaletten, wenn sie die zum Einkaufen anhätte, dann würde sie wohl barfuß durch den Supermarkt gehen, weil sie sie vorher auszieht. Hast du mal versucht mit Stöckelschuhen eine schweren Einkaufwagen auf dem glatten Boden eines Supermarktes zu schieben? Da kommst du nicht vorwärsts und bist hinterher in Schweiß gebadet. :)

liebe Grüße
arisia

 

      zuppanova



Anna

   13.10.2006, 12:38



Anna Jung: das klingt gut, ja!
also, a star is born ...

zum thema "welche schuhe beim einkaufen" -
war vorhin aufm markt hier: hatte so weinrote sneakers
an, das geht ...
(arisia, du merkst, die materie ist mir vertraut ... -
ich nehm übrigens auch immer das fahrrad, wenn ich
zum einkaufen geh, mit dem prestolitto fall ich so auf,
das ist mir dann peinlich ... )
lg, zuppa, am kochen -

 
        arisia
        (Gast)

von '68 zu '06

   13.10.2006, 14:09 / 9 x geändert



Wegen der Aktualität eine ander Geschicht als die für heute geplante

von '68 zu '06

Frau Jung war '68igerin. Frau Jung war von ganzem Herzen '68igerin. Natürlich nicht mehr explizite, eher komprimierte '68igerin. Sie hatte das Gedankengut der Zeit verinnerlicht. Vielleicht war Frau Jung auch ein ganz klein wenig eine Traumtänzerin, tanzte gern ein wenig in den Träumen der Menschen, mischte sich klammheimlich in die Träume, um sie ein wenig bunter zu gestalten. Es ist Schwerarbeit, war immer Schwerarbeit, das Traumtanzen, tanzen bis die Gräue vor den Farben des Tanzes wich.
Als Frau Jung wieder einmal vom Traumtanzen zurückkam, da stolperte sie über einen Stein.
Sie stolperte und fiel unsanft aufs Knie. Das war auch gut so, daß sie schon auf den Knien war als sie die Inschrift las, die in den Stein graviert war, denn sonst wäre sie vor Schreck gleich auf beide Knie gefallen. In den Stein graviert war der Satz:

- '68 ist vorbei - 

Frau Jung erschrak. Sie rappelte sich auf, packte den Stein in ihre unergründliche Handtasche und lief zum nächst gelegenen Kiosk um sich eine Zeitung zu besorgen.
Diese Schlagzeilen sprangen ihr entgegen.

Mozart Oper "Idomeneo" abgesetzt.
Intendantin fürchtet Terroranschlag
Politiker kritisieren die Entscheidung
 


Frau Jung sah sich rasch um und huschte in den Traum eines Passanten. Da sah sie ihn. Da galoppierte er wieder, mit erhobenem Haupt.

Der "vorauseilende Gehorsam" war zurück.
'68 war Geschichte. 

Frau Jung ging mit dem Stein in ihrer Handtasche nach Hause.
Warum ging sie so geduckt und atmete so heftig?
War der Stein so schwer?

 

      ear



RE: von '68 zu '06

   13.10.2006, 16:56 / 1 x geändert



Frau Jung bleibt sich gleich, auch wenn der Stein ihr reichlich schwer erscheint,. Sie wird weiter traeumen und tanzen und freisein wollen, trotz jedes erzwungenen Gehorsams.
Es geht im “Idomeneo” um den Kreter-Koenig, das Menschenopfer, welches Poseidon von ihm verlangt an seinem eigenem Sohn Idamante, aber nicht vollstreckt wird. Sein Sohn wird Nachfolger auf dem Thron.
Es geht um die Freiheit, die Entscheidung des Einzelnen und die Verantwortung, welche jeder fuer seine Entscheidung traegt.
Die voreilige Entscheidung, Idomeneo abzusetzen, wurde weltweit als verkehrt angesehen, sogar auch von tuerkischer Seite in Deutschland.
Wenn man Kritik ueben wollte, muesste man an den Regisseur Neuenfels herantreten, dessen Inszenierung von 2003 schon damals geruegt wurde. Er ergaenzte den Schluss, benutzte die Koepfe der Religionsstifter : Jesus, Buddha und Mohammed als “Gekoepfte”, um zu sagen, alle weltliche Instanz sei tot und das ginge nur durch die Abschaffung aller Religion.
Statt Kunst und Religion zu trennen, wurden sie durch die Absetzung der Oper auf eine Ebene gestellt.
Der symbolische Kniefall der Frau Jung, Kniefall vor Terror, oder Gehorsam in allem, Gehorsam als Zwang, wuerde das Gleiche sein, wie wenn Terroraengste bestimmten, welche Opern, Dramen, Komoedien, Filme etc. gespielt werden duerften.
Das war ein interessanter aktueller Beitrag, arisia, der sicherlich viele Kommentare bringen wird l. G. ear.

 

      augustine



RE: von '68 zu '06

   13.10.2006, 17:54



Solche Information hier, ear, ist prima! Danke! augustine

 

      Jolante



RE: von '68 zu '06

   15.10.2006, 22:24 / 3 x geändert



Hm, ich mache mir natürlich Gedanken über die Geschichte, werde andererseits aber nicht ganz schlau daraus (@ augustine, dein Kurzkommentar ist mir da leider auch keine Hilfe). Aber ear hat einiges Erhellende dazu geschrieben.

Frau Jung ist eine Traumtänzerin, "ein ganz klein wenig". Sie tanzt nicht nur ihre eigenen Träume, sondern "huscht" auch in die Träume anderer. Frau Jung liebt die Freiheit über alles, und sie scheint eine Idealistin zu sein, die gegen alle Erfahrung immer noch an das Gute glaubt. Deshalb erschrickt sie, als sie den Stein findet, auf dem geschrieben steht, "68 ist vorbei". Mag sein, dass sie die Bewegung der 68er im Rückblick nostalgisch verklärt, kein Wunder, denn es scheint ihre Jugendzeit gewesen zu sein, ihre "Flower Power"-Zeit. Viele gesellschaftlichen Freiheiten und Errungenschaften, die allen hier im Forum bekannt sein dürften, sind der 68er-Revolution geschuldet, daran denkt Frau Jung mit Wehmut.
Sie kauft sich eine Zeitung und liest die besagte Schlagzeile. Im Traum eines Passanten trifft sie den galoppierenden "vorauseilenden Gehorsam". Er war zurück, "68 war Geschichte". - Das verstehe ich nun nicht so ganz. Mir ist zwar klar, dass es für Frau Jung schrecklich sein muss, die Freiheit der Kunst bedroht zu sehn, die ja sogar im Grundgesetz verankert ist. Andererseits haben aber die Politiker die Entscheidung der Intendantin kritisiert. An wen richtet sich nun genau der Vorwurf von Frau Jung. Gegen die Intendantin, die -menschlich verständlich- allzu ängstlich reagiert hat (immerhin hat sie auch eine Verantwortung und Fürsorgepflicht bei drohender Gefahr)? - Vieles, auf das wir nicht mehr verzichten wollten, sind den 68ern zu verdanken. Dennoch ist auch nicht zu vergessen, dass aus dieser Bewegung die "Rote Armee Fraktion" hervorging. Was also genau soll der symbolische Kniefall von Frau Jung uns sagen ?
arisia, deine kleine Geschichte birgt für mich noch einige Geheimnisse, die ich nicht so recht entschlüsseln kann. Ich finde den Text sehr interessant und hoffe, du lässt dir noch ein paar Hintergrundgedanken dazu entlocken.

LG Jolante
die hoffentlich nicht wieder
alles falsch verstanden hat

 
        arisia
        (Gast)

RE: von '68 zu '06

   16.10.2006, 10:45



hallo, ear, augustine, Jolante,

lieben Dank erst mal für eure Rückmeldung zu Frau Jung.
Es freut mich, daß das Thema doch so guten Anklang findent.
Es beschäftigt mich arg.
Danke ear, daß du den Hintergrund so gut ausgeleuchtet hast, das hätte die kleine Geschichte gesprengt.
Die Geschichten von Frau Jung sollen nur Glimpse sein, aufmerken lassen, dann zum Weiterdenken anregen.

Nun zu deinen Fragen Jolante.
Der Vorwurf geht an diejenigen, die sich mit wenig Absprache (vermute ich mal), dazu entschlossen haben das Stück abzusetzen. Gut, die Politiker haben die Entscheidung kritisiert, das ist nicht das Wesentliche für mich gewesen.
Für mich war wesentlich, daß Kunst von sich aus wieder Selbstzensur übt, in Dingen die wahrhaftig wichtiger sind, als während der Vorstellung auf die Bühne zu scheißen, sag ich mal so platt. Das können die Theater inzwischen tun, ohne daß sich jemand groß aufregt.
Ein Stück abzusetzen ohne politischen Druck, ohne öffentliche Diskussion, vorher, das erschreckt mich. Das ist das, was ich als "vorauseilenden Gehorsam" empfinde, und der ängstigt mich extrem. Dazu habe ich in meiner Familie zu viele Geschichten aus der Zeit des "dritten Reiches" vernommen, und wie Angst Menschen korrumpieren kann.
Klar, Frau Jung sieht die '68iger Zeit etwas verklärt, hat aber die RAF nicht vergessen. Nur gehörte sie nicht in diese Geschichte. (Kommt noch).
Ich sag mal so, die Geschichte soll ausdrücken, daß Frau Jung schon eine Weile düstere Gedanken um den Zeitgeist plagten, (sie kann Gesichter und Körper lesen), sie sah die Vorzeichen, die Inschrift im Stein als Symbol dafür, die sie zum Stolpern brachte, auch eher symbolisch gemeint, ihrem Gefühl nachging und sich eine Zeitung kaufte. Dort sah sie ihre Ahnung bestätigt, all das, was '68 für sie verkörperte war vorbei, Freiheit, Aufbruch in eine sozialere Welt, die Idee einer bunten multikulturellen religiös toleranten Gesellschaft, wie es sie in der Antike ja schon einmal gab. Das muß sie erst mal alles verarbeiten, bevor sie wieder ihren eigenen Stand in der Welt jetzt beurteilen kann. Das macht ihren Schritt schwer.
so, ich hoffe, Jolante, daß sich alle "Klarheiten beseitigt haben". :) Wenn nicht, weiterfragen! :)

liebe Grüße
arisia

 

      Jolante



RE: von '68 zu '06

   16.10.2006, 13:12



Liebe arisia,

nicht "alle Klarheiten" sind für mich beseitigt, aber das bezieht sich eher auf den Inhalt der Geschichte, nicht auf deine Antwort auf meinen Kommentar. Aus der Geschichte selbst kann ich (das mag wirklich nur an mir liegen) das nicht alles herauslesen, was du zum besseren Verständnis an Information nachgeliefert hast. Ich will die Intendantin nicht in Schutz nehmen, denn Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Aber nicht jede/r kann mit seiner Angst umgehen. Schuld sind für mich die Terroristen, deren Gewaltbereitschaft vor keinem Gesetz halt macht und die keine Politik in den Griff bekommt. Ich kann die Handlungsweise der Intendantin nachvollziehen, auch wenn ich sie nicht billige. Unsere Ängste sind ja auch Signale, deren Nichtbeachtung tödlich sein kann.
Liebe arisia, ich bin sicher, dass ich weder dich noch manch andere LeserInnen überzeugen konnte, aber ich bin mit dem Spruch großgeworden: Wenn du nicht überzeugen kannst, dann verblüffe !

Selbstironisch
grüßt Jolante :)

 
        arisia
        (Gast)

RE: von '68 zu '06

   18.10.2006, 10:07



Hi, Jolante,

ich verstehe deine Bedenken, aber so eine kleine Geschichte kann ja immer nur einen Teilbereich abdecken. Alle Dinge hängen mit allen zusammen. Und die Terroristen erreiche ich ja nicht, an sie kann ich keinen Apell richten, sind ja hoffentlich keine hier im Forum (kleiner Scherz am Rande). Ich sehe es so, wenn wir hier wieder kollektiv anfangen, mit der Angst vor der Angst rumzulaufen, dann wird die Volksseele depressiv. Da graut mir vor.

Kurzgeschichten, vor allem "Kürzeste" sollen ja auch noch für den Leser was zum Nachdenken und evtl. Nachschauen offenlassen, so habe ich die Kriterien für Kurzgeschichten jedenfalls mal verstanden. :)

liebe Grüße
arisia

 
        arisia
        (Gast)

von Frau Jungs Flausen

   22.10.2006, 12:16 / 5 x geändert



von Frau Jungs Flausen

Frau Jung hatte viele "Flausen" im Kopf. So jedenfalls sahen es die Menschen in ihrer
näheren Umgebung.
Als Frau Jung an einem der Tage vor einem "heiligen Abend" in der Sitzung des
Presbyteriums vorschlug, daß der Pfarrer in seiner Rede zu Weihnachten doch
bitte mal die Ölkrise (die zweite, in den 70iger Jahren) außen vor lassen möge,
und eher etwas Trostspendendes reden möge, etwas Aufbauendes erzählen möge,
etwas Herzerwärmendes vermitteln möge, etwas, das über das Alltagsgeschehen
hinausgehe, da wurden sie wieder sichtbar, die Flausen. Bunt schwebten sie von einem
zum anderen des Presbyteriums, erschreckten mit ihren Farben die grauen Gestalten,
ließen die Münder sich noch fester pressen, die Falten der Mundwinkel tiefer graben.

Am "Heiligen Abend" sprach der Pfarrer dann ganz gekonnt von einer "Sinnkrise",
die eine junge Frau in ihm ausgelöst hätte, er bemühte den "Jüngling von Nain"
zu diesem Behufe, dann landete er doch beim Öl.
Schade, daß er nicht das Öl meinte, mit dem Füße gesalbt wurden.

 

      ear



RE: von Frau Jungs Flausen

   22.10.2006, 20:37 / 1 x geändert



Hi, arisia, ein Versuch von mir:
Frau Jung mit ihren “ Flausen” kann die Mitglieder, Priester des Presbyteriums zwar kurz aus dem Konzept bringen, aber das Resultat ,die Weihnachtsansprache hat nichts von dem gebracht, was sie bezwecken wollte. Es ist eine bittere, ironische Anklage gegen die Haupt-Kirchen. Sie haben keine Seelsorge mehr, keine Diakonie und die Gemeinde bleibt aussen vor. Weltliche Oel-Vorkommen haben hoeheren Stellenwert als die Seelen der Gemeinde. Kranke werden nicht mehr durch Anointing von schlimmen Einfluessen oder Krankheiten befreit und hoechstens ein Toter kann einen solchen Luxus erwarten.

 

      jonesy



RE: von Frau Jungs Flausen

   22.10.2006, 21:49



Hi arisia,

gekonnte Kirchenkritik. Die grauen Herren, ich bin immer wieder überrascht wieviele Dichter sich mit dem grau als negativ behafteten Hautton befassen. Sehr langweilig, unlebensfroh und abgeklärt wirkt er. Und doch erhascht man sehr oft einen Blick in den Spiegel, in dem auch in einem selber das Grau eine Rolle spielt. AUch die gepressten MUndwinkel sind etwas, was als Merkmal der Bitterkeit gut funktioniert. Die Flausen, die kurze Szene, das alles scheint mir in einen größeren Kontext hineinzuspielen. Ich stelle mir vor, wie ein ganzes Leben in solchen SZenen und der erfolglosen Gegenwehr sich abspielt. Ich kenne ein Buch von Handke: WUnschloses Unglück. Das Buch selber ist eine Biografie über seine Mutter, aber als Titel so oder ähnlich klingend, für ein Buch, könnte ich mir die filigrane Zeichnung eines Charakters vorstellen, dessen Leben aus lauter solchen entmutigenden Versuchen und Gedanken besteht. Ich denke da an die Dorfgemeinde und die Flausen ihr gegenüber, oder gar einer Stadtbevölkerung. Ich finde das sehr spannend.

Jonesy

 

      zuppanova



RE: von Frau Jungs Flausen

   22.10.2006, 23:58



servus, und -

bei den im Altöttinger Second-Hand-Reliquienschrein
verwahrten ölgetränkten Windeln des Jesuskindes -

besser doch, eine hat bunte flausen im kopf als
graue flusen ...
zuppa.

 

      Jolante



RE: von Frau Jungs Flausen

   23.10.2006, 13:37 / 2 x geändert



Tachchen,

wenn ich das richtig verstanden habe, liegt das Erlebnis von Frau Jung etwa dreißig Jahre zurück (Ölkrise, die zweite in den 70iger Jahren). An den Pfarrern und grauen Gestalten der Presbyterien ist der gesellschaftliche Wandel auch nicht spurlos vorbeigegangen. Denjenigen, die sich heute dort engagieren, kann man einen Mangel an Flausen nicht vorwerfen. Da geht es nach meiner eigenen Erfahrung oft recht bunt zu. Heute sind die Probleme ganz anders gelagert, macht es da überhaupt noch Sinn, die Vergangenheit zu bemühen ? Ich meine, Frau Jung sollte sich am Hier und Jetzt orientieren, auch wenn sie dabei manchmal zurückblickt. Dann sollte aber auch deutlich gemacht werden, dass es sich um Erinnerungen handelt. - Formal gefällt mir diese Frau-Jung-Story ganz gut, auch wenn ich von arisia schon bessere gelesen habe. Trotzdem freue ich mich schon auf die nächste Folge !

Es grüßt die Tante
namens Jolante

 
        arisia
        (Gast)

RE: von Frau Jungs Flausen

   23.10.2006, 17:00



hi, ich alle,

erstmal danke für eure Kommentare.

ja, ear, so wars gemeint. Wenn auch die Geschichte schon eine Weile her ist.

und ja, Jonesy, der Text steht in einem größeren Zusammenhang, evtl. hast du die erste Seite nicht gelesen, da stehen noch 2 "Frau Jung" Geschichten, :) und es sollen auch noch mehr werden.

hihi, zuppa, bunte Flausen im Kopf hat Frau Jung mehr als genug, auch zum Abgeben, dafür graue Flusen unterm Bett, :) auch Wollmäuse genannt, unglaublich wie schnell die sich ansammeln. Aber das kennst du ja.

Ei, Jolante, ich dachte die Zeibestimmung käme rüber, und daß die Geschichte Erinnerung ist, da ich ja explizit die 70iger Jahre erwähnte. Frau Jung wird vor und zurückspringen, mal hier eine Bröckchen von diesem, mal von jenem. "Frau Jung" wird sozusagen eine Bröckchensammlung in der Zeit. :) Was genau, das weiß nur Frau Jung, die Autorin ist nur ausführendes Organ. :)

liebe Grüße in die Runde
arisia

 
        arisia
        (Gast)

Kein Schnee

   12.01.2007, 13:15 / 11 x geändert



Kein Schnee

Frau Jung tanzt leicht im Laub des frühen Winters.
Wo bleibt der Schnee,
fragt klagend ihr zum Horizont gewandter Blick.
Kein Schnee in diesem Jahr noch zu erwarten,
sie kehrt bedrückt zu Straßen,
Häusern und dem Einkaufsweg zurück.
“Ach, was kümmerts mich”,
der Kommentar von Leuten,
“ich kann nichts ändern an dem Lauf der Welt”,
Frau Jung schaut fragend in die Runde,
kein Zeichen von Verständnis
für die Geschichte, die sie quält.

“Ach was,” denkt sie,
“mir fehlt der Winter nicht, brauch keine Heizung, keinen Mantel,
und auch das Rheuma plagt mich nicht so sehr,
wie zu normalen Winters Zeiten, dennoch,
ich bin so unruhig, auch so schwer,
das klare Weiß fehlt meinen Augen,
womöglich nur ein anerzogner Wert,
muß eben grau in grau in meine Augen saugen,
doch halt, ich habs, ich habs in einer Truhe,
ein Tischtuch, groß, von Leinen schwer und strahlend weiß,
so weiß, wie Dinge zu Großmutters Zeiten waren.”

Das Zimmer leuchtet jetzt,
hell wie ein klarer Tag im Schnee.
Nun noch ein Tupfer rot, von Kätchens kleiner Blüte,
im Nu ins Märchenland ist eingetaucht Frau Jung,
sie ruft die Enkelinnen an und leise,
noch ins Geheimnis eingewoben,
erzählt sie von Schneewittchens trauriger Geschichte,
schaut sich derweil mit großen Augen,
selbst überrascht, ihn ihrem Zimmer um.

 

      ear



RE: Kein Schnee

   12.01.2007, 19:11



Frau Jung ist traurig ueber fehlenden Schnee, aber das bringt auch Vorteile:sie leidet nicht an Rheuma und kommt ohne Heizung und Mantel aus.
Stattdessen und um etwas Weisses zu haben, holt sie aus Grossmutters Truhe eine schwere Leinendecke und legt eine rote Bluete darauf.
Ihr gelingt es, mit der Erzaehlung des Maerchens, Licht, etwas strahlend Weisses in den grauen Tag zu bringen, Unwirklichkeit zu etwas Greifbarem zu machen, die Phantasie ihrer Enkelinnen anzufeuern und selbst ganz in der Maerchenwelt unterzutauchen. Der dreimalige Scheintod im Maerchen, welcher jedes Mal durch fremde Hilfe behoben werden kann, ist anders als die Wetterlage, die Frau Jung nicht beeinflussen kann. Interessant waere es zu erfahren, wie die Enkelinnen auf das Maerchen reagieren.

 

      Jolante



RE: Kein Schnee

   19.01.2007, 21:34 / 1 x geändert



Hallo arisia,

ich hatte sie schon vermisst, - Frau Jung, die Unzeitgemäße, die Traumtänzerin mit den bunten Flausen im Kopf. Diesmal tanzt sie im Laub und nicht im Schnee eines Winters, der eigentlich keiner ist, weil er nicht weiß, sondern grau in grau daherkommt. Frau Jung ist betrübt darüber, sie kann nicht verstehen, dass die Leute, denen sie bei ihrem Einkauf begegnet, so gleichmütig oder vielmehr gleichgültig auf diesen schneelosen Winter reagieren. Nun, Frau Jung wäre nicht Frau Jung, würde sie weiter in Trübsal verharren. Sie überlegt: Ein schweres weißes Tuch über den Tisch breiten, eine rote Blüte darauf legen, und schon ist die Illusion perfekt: "So weiß wie Schnee, so rot wie Blut...", okay das schwarz des Ebenholzes fehlt hier, aber Schneewittchen hat trotzdem seinen Auftritt und die Enkelinnen Grund zur Freude, wenn ihnen Oma das Märchen am Telefon vorliest.

Es gefällt mir, dass Frau Jung so ist, wie sie ist, auch wenn mir persönlich die sprachliche Gestaltung der Story diesmal etwas antiquiert erscheint. Andererseits passt das wiederum zu der "Unzeitgemäßen". Vielleicht solltest du dennoch die letzten vier Zeilen nochmal sprachlich überarbeiten, sie erscheinen mir etwas holprig und vor allem stört mich das "nun" am Ende des Textes.
Auf die nächste Eskapade von Frau Jung freut sich

Jolante

 
        arisia
        (Gast)

RE: Kein Schnee

   23.01.2007, 23:00



hi, ear, hi, Jolante,

ich freue mich immer, wenn Frau Jung etwas Anklang findet.

@ear
die Enkelinnen waren erst etwas überrascht, als ich ihnen so aus dem Blauen heraus,
am Telefon das Märchen von Schneewittchen erzählen wollte. Als ich ihnen dann erzählte,
was mich dazu bewogen hat, meinten sie, daß ich ruhig häufiger mich an Märchen entsinnen
sollte, und sie dann natürlich anrufen sollte, wenn ich im Haus rumkrame.

@Jolante
Frau Jung fühlt fast etwas genant, - wie Frau Jung eben so ist - daß ihre Flausen vermißt
werden.
Ja, Jolane, danke für deine konstruktive Kritik am Text, ich habe mir dir betreffenden Zeilen
noch mal vorgenommen und habe etwas verändert, das “nun” ist weg, der Text zwei Zeilen
länger.


liebe Grüße
arisia

 
        arisia
        (Gast)

Frau Jung ist empört

   27.03.2007, 11:29 / 5 x geändert



21.3.2007
Frau Jung ist empört.

Frau Jung ist empört. Sie sitzt in der Straßenbahn und liest die Schlagzeile in der Bildzeitung. Ihr Gegenüber ist in die Innenseite der Zeitung vertieft, Frau Jung liest also nur mit, das tut sie manchmal.
Frau Jung ist empört. Mit übergroßen, nie in dieser Größe, in dieser Zeitung gesehenen Buchstaben steht auf der Titelseite:

DIE ERDE STIRBT!!!

Frau Jung wird die Bahn zu eng. Sie bekommt kaum noch Luft, ihr Herz rast, und der Pulsschlag ihrer Halsschlagader wäre mit Sicherheit sichtbar, wenn sie keinen Schal trüge, aber sie spürt ihn, schnell, - schneller als Kaninchen rammeln.

Frau Jung macht einen kleinen Zeitsprung, das macht sie öfter, wenn sie sich beruhigen will.
Vor langer Zeit, in einem anderen Leben, als Frau Jung noch in einem sehr kleinen Dorf wohnte, im Schnitt 176 Einwohner, mal einen mehr, mal einen weniger, je nach Geburten- und Sterberate, da nannte Frau Jung sechs neuseeländer Kaninchen ihr Eigen, Kaninchen mit rotem Fell. Natürlicherweise sollten diese sich auch vermehren. Es waren aber alles Weibchen, Frau Jung hatte sie geschenkt bekommen. Sie fuhr also mit einem der Weibchen ins nächste, nicht ganz so sehr kleine Dorf, - immerhin zählte die Bevölkerung dort 400 Einwohner, - denn dort gab es einen Bauern, in dessen Stall sich ein neuseeländer Kaninchenbock tummelte. In Unkenntnis der Sachlage, wollte Frau Jung dem Bauern das Kaninchen übergeben und am nächsten Tag wieder abholen, wie sie das bei dem Bauern, der ihr gegenüber wohnte, schon mit Säuen erlebt hatte. Der Bauer lachte, bat sie doch einen Moment zu warten, steckte ihr Kaninchen in den Stall zu besagtem Bock, und hast du nicht gesehen, Frau Jung hatte kaum bis 10 gezählt, war die ganze Geschichte schon vorbei. Der Bauer grinste, Frau fühlte erschreckt wie sie gar nicht sanft, sondern vollblumig errötete, das Kaninchen wurde ihr wieder in die Hand gedrückt, und ein zwanzig Markschein wanderte von ihrer Hand zu der des Bauern.

Nun, machen wir wieder eine kleine Zeitreise, wieder zurück in die Straßenbahn. Der Puls von Frau Jung hatte sich etwas beruhigt, aber sie war immer noch zornig und empört.

DIE ERDE STIRBT!!!

Was für ein Quatsch. Welch geschickte Desinformation. Kein Wunder, daß der angesagte Klimawandel niemenden interessierte, daß kein Aufschrei durch die Bevölkerung ging, nicht in jeder Stadt, in jedem Dorf Demonstrationen stattfanden, wie es eigentlich nach dem Bericht zur Weltklimalage zu erwarten gewesen wäre.

DIE ERDE STIRBT!!!

Wen interessiert schon die Erde, das ist das eine, zum andern wissen die Leute, zumindest tief unter der Schwelle, daß die Erde keineswegs sterben wird. Sie wird sich verändern, wandeln, ein anderes Outfit bekommen, das hat die Erde schon häufiger erlebt, auch ohne das Zutun des Menschen, sie wird es annehmen, mit einem Achselzucken.

Frau Jung ist empört.

Warum um alles in dieser Welt sagt denn den Menschen niemand, daß WIR sterben werden, daß WIR, wir Menschen sterben werden, aussterben werden?
Frau Jung ist empört.

 
        arisia
        (Gast)

Frau Jung wird politisch

   05.04.2007, 14:01 / 1 x geändert



2.4.2007

Frau Jung wird politisch

Frau Jung war noch sehr, sehr jung, - sie war im letzten Halbjahr ihrer Ausbildung in einer bekannten Stadt am Necker, man schrieb das Jahr 1968. Mit leichter Hand schwang Frau Jung ihr grünes Köfferchen, ihre Gedanken waren schon im Zug, das helle Licht des Sommermorgens fiel kraftvoll auf die Stadt, ließ die Kontraste mächtig werden. Und es gab in ihrer Umgebung, kurz vor den Stufen der Frauenklinik, kaum einen größeren Kontrast als die bunte Menge vieler Studenten, vieler Polizisten und Frau Jung in ihrem leicht provienziell elegantem Hosenanzug.
Frau Jung runzelte besorgt ihre zu anderen Zeiten noch glatte Stirn, sie mußte ihren Zug erreichen, doch sie sah kein Durchkommen durch die bunte Menge, die - für sie damals noch, - unverständliche Worte rief, - es klang wie “Ho schti ming”. Aber Frau Jung, klein von Wuchs und geschmeidig durch ihre Ausbildung, begann sich, immer noch unbekümmert, durch die Menge zu winden. Sie wollte nach Hause, ihr Kind war bei ihren Eltern, sie hatte es vierzehn Tage nicht gesehen. Sie schaltete ihren Tunnelblick ein, das konnte sie damals schon gut, erreichte die Stufen der Frauenklinik, sah ein weitere Lücke, die sie nutzen wollte, als eine junge Frau die Stufen der Treppe hinunterfiel, mit ihr eine Kamera, die sie im Fallen losließ. Die Kamera landete genau vor den Füßen von Frau Jung. Die junge Frau, die die Treppe hinuntergefallen war, wurde von zwei Polizisten aufgehoben und festgehalten, ein weiterer Polizist wollte von Frau Jung die Kamera haben. Frau Jung hielt die Kamere fest und sagte:
“Nein!”
Frau Jung sagte reflexhaft nein, zu dieser Zeit, sie wollte die Kamera der jungen Frau geben, die sie verloren hatte.
Das war das Ende ihres Wochenendes zu Hause, es war auch das Ende ihrer politischen Unschuld, denn Minuten später saß sie in einem grünen Bus, zusammen mit einigen Studenten, die sie seltsam beäugten.
Nach drei Tagen Gefängnis, in einem kleinen Raum, den sie mit etwa 15 andern Menschen, Studenten, teilen mußte, war Frau Jung politisch. Ihre provinzielle Unschuld versteckte sich erst hinter angestrengtem Verstehen wollen, dann gab sie auf, die Unschuld, und verschwand für immer.




Views heute: 2.167 | Views gestern: 5.897 | Views gesamt: 5.490.105