| |
|
arisia (Gast)
|
08.10.2006, 19:15 / 1 x geändert
|
|
Wind I
Vom Südwesten herkommend
Warm, feucht
Hält er die Stadt in seinen Armen
Sucht Heimat an stolzen Türmen
Die aber kalt und verständnislos
Seinem Werben entgegenstehen
Steif und starr
Lassen sie sich nicht ein
Auf das uralte Spiel
Dem die Wellen immer gehorchten
Mit Begeisterung Variationen suchten
Und oft seine wilden Ritte begleiteten
In der Menschen düstere Gesichter
Peitscht er
Nun wütend geworden
Die Regenfluten
Verhält
Im Spiel mit den Sonnenstrahlen
Erhofft das Erwachen der Freude
Die er doch geben kann
Erschreckt
Von der Mauer zunehmenden Unwillens
Zieht er sich wieder zurück
Versetzt den Gipfeln der Berge noch einen Tritt
Rüttelt noch einmal an Telefonmasten
Erreicht eilend das Meer
Und stürzt sich
Kopfüber
In die Täler der Wellen
Baut sie zu Bergen auf
Streichelt zärtlich und in wilder Freude
Die aufblitzenden weißen Kronen

|  |
augustine
|
Juter Mond, du jehst so stille ... und Wind jeht ooch und Wolken jehn, und det Jedicht is mir jetz zu lang, und deshalb jehe ick ooch. aujustine jeht.
Aber morjen kommtse wieda. Nix für unjut.

|  |
Elise
|
Hallo, arisia!
Darf ich einfach so aufzählen, was ich spontan sehe an deinem Gedicht?
- der Wind ist personifiziert: wofür steht er? zugleich ist es eine Beobachtung, Beschreibung eines Geschehens (steht ja auch unter 'Natur')
- gegeneinander gestellt sind: Türme der Stadt (Zivilisation? Menschenwerk?) und Meer (Natur?)
- die Bewegung (gut angelegt, auch im Metrum) geht von der Zivilisation weg zur Natur zurück, wobei es ein Übergangsstadium (Enttäuschung/Wut des Windes) gibt
- kein kommentierendes LyrIch tritt auf (find ich ein Plus), das Geschehen bleibt frei
- die verschiedenen Bilder (Aktionen des Windes) sind aufeinander abgestimmt, gehen gut zusammen, kein durcheinandergestreutes Vielerlei
Basteln würde ich noch an der Länge, und an manchen Stellen an der Sprache. Darf ichs auch hinschreiben?
- das erste Paket würd ich mit der 10. Zeile enden lassen (die vier, die noch folgen, empfinde ich als redundant), und ich würde so schreiben:
'Dem die Wellen ja immer gehorchten' ('ja' oder 'doch', um den Kontrast Stadt - Meer zu betonen)
- ev. die Stropheneinteilung noch verändern, nämlich eine weitere Zäsur nach 'Erreicht eilend das Meer', so daß es vier Pakete wären (zwei mittlere als Übergang, das erste der Stadt, das letzte dem Meer gewidmet)
- 'Versetzt den Gipfeln der Berge noch einen Tritt' stört mich (kann mir den Wind nicht Tritte versetzend vorstellen, eher die Berggipfel anfauchend o.ä. - aber ist natürlich sehr subjektiv)
- in den drei letzten Zeilen würde ich mir vielleicht so etwas überlegen wie:
'Streichelt zärtlich und
freudenwild
die blitzweißen
schaumigen Kronen'
So, das sind Splitterchen - kann sein, es ist eine Anregung dabei.
Es grüßt: Elise.

|  |
Jolante
|
Hallo, arisia,
ich denke, der Wind steht zunächst einmal für sich selbst, personifiziert aber auch für Aufbruch, Frische, Veränderung, Lebensfreude. Elis hat den Inhalt des Gedichts schön kommentiert und ich finde auch ihre Anregungen zur Überarbeitung hilfreich. Noch ein kleiner Einwand von mir: Wäre es nicht besser, zu schreiben "seinem Werben widerstehen", statt "seinem Werben entgegenstehen ? Vielleicht hast du diese Formulierung aber auch bewusst gewählt, um das Schroffe noch stärker zu betonen.
Mir gefällt das Gedicht sehr gut, selbst wenn es so bliebe, wie es jetzt ist.
Im Herbstwind tanzend (...später)
grüßt Jolante

|  |
arisia (Gast)
|
hi, Elise, hi Jolante,
oh, ist mir gar nicht aufgefallen, daß ich noch gar nicht auf eure Beiträge reagiert habe.
Lieben Dank erstmal an beide.
@elise
hm, Elise, ich will den Text lieber so lassen wie er ist. Die beiden Zeilen:
" Mit Begeisterung Variationen suchten
Und oft seine wilden Ritte begleiteten"
fügen sich flüssig ein, laufen sozusagen von selbst weiter, wie die Wellen eben so sind. :)
zum Tritt: ich habe Wind beobachtet, im Herbst kommt es mir so vor, als wenn er "tritt",
kurze Windstöße, eben, wir sprechen ja auch von "Stößen" im Zusammenhang mit Wind,
die schon wie "Tritte" wirken können. Fauchend erlebe ich eher den Januarwind. Vielleicht sollte ich den Titel in "Herbstwind" ändern?
"freudenwild und blitzweißen" ist nicht mein Sprachgebrauch, aber "blitzweißen" ist auch statisch, und das meinte ich nicht, sondern die Bewegung der immer wieder "aufblitzenden" weißen Kronen.
@Jolante
ja, der Wind steht schon für sich selbst, aber Elise hat da etwas erkannt, er steht auch für das Temperament des nicht vorhandenen LI, wie könnte ich das noch ausdrücken? Sozusagen hat sich das LI hinter dem Wind versteckt.
"seinem Werben entgegenstehen",
gefällt mir besser, auch wieder wegen der Beobachtung des Windes, die Türme "wiederstehen" nicht nur seinem Werben, es sieht oft so aus, als wenn sie sich aktiv dagegenstemmen, ja, habe ich bewußt so gewählt.
Ich habe an diesem Text sehr lange gefeilt, weil der ganze Text im Grunde eine Chiffre ist, eine Verschlüsselung, und das LI sich nicht exponieren wollte. Heute würde ich wahrscheinlich ganz anders schreiben.
Lieben Dank nochmal für eure Mühe, und eurer sorgfältiges Lesen und eurer Verstehen.
liebe Grüße
arisia

|  |
|
|