H.vanderPursch (Gast)
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29.09.2006, 15:36 / 2 x geändert
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Sherlock Holmes und der Fall
Ich glaube mich nicht erinnern zu können, daß irgendeins meiner Abenteuer mit Sherlock Holmes so jäh und dramatisch begann wie dieses. Obwohl die Vorgänge, von denen ich sprechen will, Jahre zurückliegen, kostet es mich doch eine gewisse Überwindung, sie jetzt dem Publikum zu erzählen. Ich hatte mir deshalb vorgenommen, es dabei bewenden zu lassen und den Vorfall, der vor zwei Jahren eine Lücke in mein Leben gerissen hat, welche ich heute noch in fast ungeschwächtem Maße empfinde, nicht in den Kreis meiner Darstellungen zu ziehen.
Nach diesem kurzen Vorwort greife ich nun zu den Notizen über einen Fall, der sich als eine besonders seltsame und schreckliche Folge von Ereignissen herausstellen sollte.
Es war an einem bitterkalten Wintermorgen des Jahres 1897, als jemand meine Bettdecke wegzog und mich weckte. Es war Holmes.
"Ein treuer Freund ist immer nützlich, besonders wenn er zugleich ein Mann der Feder ist."
"Wie recht du hast!" stimmte ich aufrichtig zu. Meine Frau war bei ihrer Tante zu Besuch, und so hatte ich wieder einmal mein früheres Heim in der Baker Street bezogen.
"Ich habe ihn hergebracht", sagte er nach einiger Zeit, "den haben wir sicher."
"Was fehlt ihm denn?" fragte ich, denn sein Benehmen verriet, daß es eine ganz besondere Bewandtnis mit diesem Geschöpf haben mußte, welches er so vorsorglich in sein Zimmer gesperrt hatte.
"Es ist ein neuer Patient", raunte er mir leise zu.
"Du machst mich neugierig", erwiderte ich. "Sofort?"
"Gewiß, wenn du die Freundlichkeit hättest, Watson. So nötig hatte ich’s noch nie. Körperliche Ertüchtigungen vor dem Frühstück sind zweifellos sehr gut." Ich konnte Holmes an seinem strengen Gesicht ansehen, daß er vor innerer Aufregung zitterte.
Ich nickte, zum Zeichen, daß ich verstanden hatte. Wir haben ein paar Jahre auf freundschaftlichem Fuße miteinander gestanden - ich darf wohl sagen: auf SEHR freundschaftlichem Fuße. Es war ein prosaisches Freundschaftsband, aber es hielt fest.
Holmes lächelte und rieb sich die Hände. Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken, und der lange, schmale Rücken war so gekrümmt, daß die Gestalt meines Freundes einem schlanken Vogel mit grauem Gefieder und schwarzer Haube glich.
Alles wurde eingerichtet, wie er es wollte. Im Kamin seufzte und stöhnte es wie ein klagendes Kind. Zwei Stunden lang strichen wir umher, fast ohne ein Wort zu reden, wie es sich für Busenfreunde geziemt. Wenn jemand hier und da einzelne Angaben zu unbestimmt findet, so soll er bedenken, daß ich für meine Zurückhaltung gewichtige Gründe habe.
"Gut so?" fragte er.
"Bei Gott!" rief ich aus, "wunderbar".
Bei Holmes kam man mit Schmeichelei oft recht weit, aber genauso - um bei der Wahrheit zu bleiben -, indem man sich seine Freundlichkeit zunutze machte. Seine Wangen waren gerötet und seine Augen glänzten vor Freude, wie sie der Meister empfindet, der sich seiner Aufgabe gewachsen fühlt. Es ist eigentlich sonderbar, daß sein Körper unter diesen Umständen so leistungsfähig blieb; aber das lag wohl daran, daß er stets sehr mäßig lebte. Von gelegentlichem Genuß von Kokain abgesehen.
“Lieber Gott!“ schrie Holmes plötzlich auf.
Die Tür flog auf, und ein Neger von gewaltiger Größe stürzte in das Zimmer. Mich überfiel ein kalter Schauer, und fast sträubten sich meine Haare. Als ich mich umdrehte, sah ich in ein zuckendes Gesicht und zwei irre Augen.
"Holmes!" schrie er auf. "Wer ist dieser Herr hier?", sagte er, auf mich zeigend. Holmes zuckte die Achseln.
"Er ist ein Bekannter von mir. Wir arbeiten gelegentlich zusammen." Mein Freund lächelte und legte mir die Hand auf den Arm.
"Wie?" schrie ihn der Neger an. "ich verstehe überhaupt nichts."
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Mit seiner Novelle 'Sherlock Holmes und der Fall' sorgte der zweiunddreißigjährige britische Autor Andrew Cowie in England für einen handfesten Skandal, und zahlreiche Fans des Meisterdetektivs aus der Baker Street empörte die Vorstellung, daß Sherlock Holmes homosexuell gewesen sein und, wie der Leser am Ende der Geschichte erfährt, mit seinem Freund Doktor Watson einen farbigen, eifersüchtigen Ex-Liebhaber umgebracht und zugleich das perfekte Verbrechen begangen haben soll. Trotz aller Protest- und Boykottaufrufe wurde das Buch, das vollständig aus Originalzitaten von Sir Arthur Conan Doyle zusammenmontiert ist, ein Verkaufserfolg.
Aus: Marc Degens. Unsere Popmoderne. Berlin 2005.
http://www.satt.org/sukultur/popmoderne.html
http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2005/05/11/a0270
siehe hierzu auch im Forum:
http://www.literature-online.de/thema348.htm

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