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Gretchen
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29.09.2006, 06:55 / 1 x geändert
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Das ist mein Tagebuch gez. Jaa. Keine Ahnung, was dat wird.
Ich benutze es heute, Freitag, den 29.09. mal, um euch mitzuteilen, daß ich ne Menge um die Ohren hab:
Am Samstagabend Start in die Wedding Dream Night in der Tanzschule. Da dürfen die Damen im Brautkleid kommen, wenn sie eins haben und noch reinpassen, und wenn eine keins hat oder auch nicht mehr reingeht, dann kommt sie anderweitig aufgetunt. Ich werde beigeglitzernd geschlitzt erscheinen, und mit sonn selbsttragenden Ausschnittbalkon und auf Stöckelsandalen, versteht sich. Daß meine Unterwäsche kariert iss, braucht niemand zu wissen.
Abba ... jetzt gleich werd ich erst mal loszischen, im Renault Kangoo, praktisches Auto, und massenweise Verköstigung kaufen (Guiness steht nicht auf der Liste). Die Hallenschmückung muß dann morgen bewerkstelligt werden, es gibt viel zu tun und wir von der Tanzschule packen dat an. Am Sonntag werde ich platt sein, von dem Gestöckle die ganze Nacht lang, und nächste Woche hab ich frei --- und da soll niemand sich wundern, wenn ich hier unregelmäßig oder auch gar nicht erscheine, denn was weiß ich, was sich ergibt und wo ich dann sein werd.
Könnte passieren, daß Kalle Kohlmann mich einlädt, spontan, und dann bin ich irgendwo anders. Kalle trägt fast immer Cowboystiefel, der braucht dat, aber sonst iss er in Ordnung und eine halbwegs verläßliche Größe in meinem Leben. Heiraten kann ich ihn nicht mehr (wär ja noch schöner!), denn er geht auf die 60 und steht in seiner fünften Ehe. Das erste Mal hat er sich vermählt, als er 20 war, und die Braut damals war 18. Das ging immerhin fast 10 Jahre gut, dann war sie zu alt, seine Erste, und er mußte sich eine Neue suchen, die auch wieder 18 war. Bei dem Muster iss er so in etwa geblieben. Er sagt, das hält ihn jung, und außerdem kann er sichs leisten. Naja, Kind hat er nur eines, der Kalle, von seiner zweiten Frau eine Tochter: echt nettes Mädel, ich kenn sie ziemlich gut, sie iss ja auch genau in meinem Alter ...
Okeeh, macht euch bloß keine Sorgen um mich.
Wenn ich das nächste Mal hier was reinschreibe, wird es hoffentlich etwas gehaltvoller sein. Ich hab gez extra das Niveau eher tief angesetzt, damit ich mich besser steigern kann. Woll?
Alles klar?
Schöne Grüße auch, Gretchen!

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Gretchen²
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after the Wedding
Dream
Night
Ja, da war dann Sonntag, der 1. Oktober. Hab mich am späteren Vormittag dieses Sonntags aus der Kiste geschält, ein Löffelchen Vitamin C eingespült und 5 Liter H-Milch erwärmt. Die Milch hab ich in sonn kleines Wännchen geschüttet und Akazienhonig dazugerührt und meine zerstöckelten Füße da rein gestellt, und während das Honigmilchfußbad allmählich kälter wurde und Haut kriegte, konnt ich die Wedding-Party durchreflektieren, und ich ließ Jack Johnson singen dazu, ziemlich laut, In Between Dreams, ja, der hat sonne sauerotische Stimme, der Typ, sonst iss an der Mussiek nix dran.
Mein ganz persönliches WeddingDreamNightHighlight war nämlich, daß Dagi und ich kurz vor Mitternacht eine der anwesenden Bräute ins Büro - hmm, naja: schleiften. Den zugehörigen Macker haben wir vor der Bürotür postiert, als Aufpasser, damit nicht aus Versehen wer reinplatzt, vor allem nicht Thomas oder Ralphi, das sind die beiden Tanzlehrer, die schwul sind, die hätten sich ja erschrecken können. Wir mußten da drinn doch die knusprig umrüschte Braut entkorsettieren, das Mädel war totenblaß unterm Makeup, seit der Hochzeit hatte sie zugenommen, die Korsage war zu eng, den ganzen Abend lang hatte sie kaum Luft holen können, und das bei den vielen Walzers, nun drohte Ohnmacht, akut.
Dagi und ich gingen ans Werk. Wir fingerten uns vierhändig unters Brautkleidoberteil, Dagi und ich, um gleich mal die Rückenschnürung zu lösen und so bisschen was aufzuhaken, was der ärmsten Erbleichten auch sofort neuen Sauerstoff verschaffte und den Kollapps fürs erste verhinderte.Sie bestand aber dringlichst drauf, die Korsage komplett abzulegen, alles wollte sie loswerden, nur weg damit, sachtsie, und wir krochen unter die Brautkleidoberschichten, um - was da verdrahtet, verknöpft, verbandelt war - zu entknöpfenenthakenentdrahten, schlichtweg zu lösen, und sämtliche Unterteile behutsam bei Anbehaltung der obersten Brautkleidschicht zu entfernen. Ja, an der Korsage hing einerseits der Reifrock samt getaftet verstärktem Seidenuntergerüsche, andererseits waren da mehr nach innen hin Strapse dran, und an denen dann wieder die weißspitzenen Strümpfe, schon recht nett gemacht alles, aber auch sehr komplex. Sonne schriftliches Howtodoit wär gez hilfreich gewesen ...
Der Reifrock ging hinten per Ösenhaken zu öffnen und sie entstieg ihm, dann zogen wir die Korsage nach unten und unter dem Kleid so raus, weg damit stöhnte sie noch ganz erleichtert, aber das Dekollete war gez futsch, klaro, und die Spitzenstrümpfe rutschten vollkommen haltlos ab, es war ein Jammer, ja wirklich, nichts blieb wie es war, dat hing, glitt und sank, da war nix zu retten. Ziemliche Desillusionierung.
Sie aber, die Luftberaubte, belebte sich deutlich, bekam Farbe unterm Makeup und fing an zu heulen. Wir holten den Macker rein, damit er sie erst trösten und dann heimführen könne, und stellten - die Tröstung sollte doch ohne Störung ablaufen - den Ralphi vor der Bürotür auf, der war ganz froh über die Pause, und ich bin zurück an die Bar und Dagi iss in der Menge Richtung Mischpult verschwunden. Das spektakuläre KorsagenReifrockKleidWunder hat über dreitausend Euro gekostet (war trotzdem noch günstig, sachtsie), und dann so was. Neenee. Aber Glück im Unglück, woll, daß dat nicht bei der richtigen Hochzeit passiert iss.
Zu mehr Reflexion bin ich dann nicht mehr gekommen, weil die Milch abgekühlt und behautet war, und ich fühlte mich so einigermaßen regeneriert, hab Köfferchen gepackt und dem Kalle ein sms geschickt, daß er mich gez abholen kann, und der rief gleich an und laberte los, ja, er holt mich, woll, und er will wegfahren mit der Fünften und mir, an den Mondsee oder den Attersee oder die Osterseen oder watt für paar Tage, aber nur, wenn ich mich vertrag mit der Fünften, denn er braucht seine Ruhe und seine Entspannung, und keifende Weiber hält er auf keinen Fall aus, dat iss dat Letzte was ihm fehlt wenn er maa so richtig auftanken will an sonn See - und ich hab ihm versichert (aber zum hundertsten Mal, mann!), daß ich, wenn überhaupt, sowieso nur gegen die Dritte was hab, weil die hat uns abgelöst, meine Mam und mich, mensch Kalle, du Oberschafskopp, kapier dat maa endlich!
Naja, und gez bin ich weg erst mal, irgendwie Richtung See oder watt ...
Greetzes vom Gretchen.
(Ich glaub, dat war gez noch nicht sooo viel gehaltvoller als der erste Eintrag ... ? Kann ja noch kommen. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt. Woll!?)

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arisia (Gast)
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05.10.2006, 16:16 / 1 x geändert
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hi, Gretchen,
ich lese dein feines Tagebuch mit Interesse und amüsiere mich köstlich. Ist ja schier unglaublich, daß sich heutzutage noch jemand in solch atemtötende Kleider steckt, und das auch noch freiwillig.
Aber so ein Milch-Honig-Bad werde ich mir auch mal bereiten, so ein Bad klingt bei der jetztigen Witterung sehr einladend.
Der Text ist schön witzig und mit Pfill geschrieben, liest sich prima.
Hoffentlich kannst du deine Urlaub am See genießen, und den Kalle sanft auf seine arenamäßigen Aufgaben vorbereiten. :)
Liebe Grüße
arisia

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Gretchen²
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12.10.2006, 18:10 / 1 x geändert
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Donnerstag, 12.10.2006 - 13.30 h
Mittagsstille hier, woll. Also means: die Fünfte (okeeh, sie heißt Erika) und ich sitzen da inne Ferienwohnung (sehr geräumiges Teil!) am Tisch (Glasplatte - ekelhaft, so watt - find ich) und Erika schreibt Ansichtskarten (dat Ualaub geht dem Ende zu ... ) und ich, Gretchen, schreib keine Ansichtskarten, sondern mit Kuli in so ein DIN-4-Heft, was ich mir beim Altstadtschlendern vor paar Tagen in Muuaanau (Idyllefaktor: weit über 100 auf jeden Fall) zugelegt hab.
Kalle -
Kalle sitzt da drüben in einem blau-rosa-blümchengemusterten Ohrensessel (in der Gegend hier mögen sie Muster; auch mal kariert, woll, abba ganz anders kariert als ich), Augen hat er zu, macht Siesta, ohne zusammenzusinken, ganz aufrecht, nur das Kinn so klein wenig nach unten gezogen, manchmal denk ich, der schläft nie wirklich, auch nachts nicht, der iss immer am Wittern. Sitzt in dem Sessel, der Kalle, wie immer: schwer breitbeinig, die Füße fest auf den Boden gestellt, den linken Arm auf die Armlehne vom Sessel gelegt, den rechten auf den rechten Oberschenkel, die Hand über dem Handy. Sein Handy. Läßt er nie los eigentlich.
Kalle hat immer Lederhosen an, also nicht so bayerische, sondern so enge, lange, schwarze oder braune. Wenn ers festlich machen will: vielleich mal Velour. Und Cowboystiefel. Und weiche Hemden, so Flanell oder watt, teure, glaub ich, und die sind: so vielstrichig gemasert, Ton in Ton, dunkelgrün oder beige oder braun. Und dann einen abgewetzten ganz dunkelbraunen Lederblouson. Kalle ist kahlrasiert: kein Bart, kein Haar, ein runder samtiger Schädel. Wirkt ein bisschen brutal. Er sagt, dat iss ganz gut in seiner Branche. Na ja.
Man fällt irgendwie auf mit ihm. Er nimmt überall sofort viel Raum ein, wo er auch hin kommt, er zieht alles an sich, scheißt sich vor garnix. Er ist groß, so einsachtundachtzig, und massig, aber fett nicht. Spricht ziemlich laut, und er hat diesen Slang, war ja sein Leben lang in Gelsenkirchen, mittendrin inner Altstadt. Da hört keiner nicht zu, wenn Kalle was sacht.
Wir, na, Erika die Fünfte und ich, haben ihn dazu gebracht, sich Wanderschuhe zu kaufen, in sonn Laden da in Bad Kohlgrub beim Bahnhof. Kleiner Laden, die Verkäuferin war ziemlich bestückt und nicht so recht ausgelastet, und Kalle macht wieder den Macker, schäkert da rum mit der, als wollt er sie gleich nach ihrem Preis fragen. Die Fünfte und ich sind dann raus, war ja echt peinlich. Später kam er, mit dem Schuhkarton unterm Arm, und lacht wie ein Grammophon: über uns, über dat Mädel im Laden.
Weiters haben wir ihn davon weggebracht, mit Golfspielen anzufangen. War nicht ganz leicht, das. Er hatte mitgekriegt, daß es in dieser Gegend hier einige Plätze gibt, und weil er immer irgendwie nach wat Höherem strebt, kams ihm inn Kopp, daß er gez maa mit Golfen anfangen könnte. Kalle aum Golfplatz. Der würde den Golfball glatt kicken. Der würde den Rasen zerhacken mit seinen Sporen und den Schläger ungespitzt in den Boden rammen, wennet nicht klappt. Nee, Kalle, mach dat nich. Du bist da der Typ nich. Iss doch bloß Urlaub, fang da doch nicht sonn Scheiß an. Hat er dann eingesehen, schließlich.
Oh Hacke --- soeben hat er die Augen aufgemacht und linst rüber, bewegt sich kein Stück, guckt mich nur an, der Kalle, verschwörerisch irgendwie, ohne was zwischen, Erika schreibt und merkt nix, und er wirft mir hemmungslos blicklang die Vaterdröhnung mitten ins Antlitz. Gleich wird er aufstehen und rüberkommen zum Tisch.
Ich kann nicht mehr schreiben, jetzt wo er guckt.
Später, zum Abend hin, wird ich mich rüberschleppen zu dem massiven Landgasthof mit dem Internetzugang, und da hack ich das alles ins Netz rein. Dann könnt ihr dat lesen da im Forum und ich bin es los!
Abba, denk ich mal noch, dieses ganze X-Chromosom, was mir der Kalle vermacht hat, das werd ich nie los. Unterm Mikroskop würde man wahrscheinlich sehen, daß es irgendwie anders ist, voller Karos. Sonne kleine, klitzekleine karierte Anomalie ... woll.
Bald wieder nordwestlich reisend - grüßt
Gretchen.

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Moulin
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Keine Sorge, Kariertchen,
wir sind bei Dir.
Gib die Regie nich´ außer Hand,
dann wird datt!

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nr0
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hallo gretchen,
später kommentar von meiner seite: habe ich sehr gern gelesen, deine tagebucheinträge. kalle steht mir richtig vor augen, wenn ich ihm ma begegne, erkenne ich ihn wohlmöglich...
sehr schön die beschreibung mit der errettung der braut. köstlich und sprachlich immer mal wieder mutig - gerade die ausführliche beschreibung der konstruktion des kleides, da merkt man wie du in fahrt gekommen bist beim schreiben, formulierungsfreude und man ist geistig richtig mit am rumfingern. die geliebte ironie fehlt auch nicht. liest sich flüssig und angenehm.
macht mir ein wenig sehnsucht nach berlin auch...
witzig: wäre schön, mehr von dir zu lesen!
herzlichen gruß nr0

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Gretchen²
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Hei, nr0,
mal danke sagen fürs lesen. Happ mich gefreut, dass Du die alten Stücke hochgeschaufelt hast, hatte direkt vergessen, was ich da geschrieben hatte. Weiß noch, damals wollt ich das wacker fortführen mit Schwänken aus dem Gretchenleben. Dann iss sooo viel so anders geworden ... na, Du kennst das vielleicht. Witzig ist, dass es mir selber jetzt, beim Wiederlesen, gar nicht mal schlecht gefallen hat (Eigenlob stinkt, also Nasenklammer aufsetzen!). Ob ich doch noch mal nen weiteren Anlauf nehmen soll, so tagebuchmäßig?
Schön gemusterten Tag wünsch ich Dir.
Gretchen.
PS: Warum macht Dir das Sehnsucht nach Berlin - und von wo aus sehnst Du Dich denn? (Das sind so Gretchenfragen: kann man antworten, muss man aber nicht ... )

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