| |
|
Online
|
Bananenfisch
mmazzurro
|
|
Jolante
|
26.09.2006, 13:17 / 3 x geändert
|
|
Ein goldener Spätsommertag hat mich in den Park gelockt. Ich lasse mich auf einer Bank nieder und fühle meine Haut warm und weich unter den milden Strahlen der Sonne. Mir scheint, als ob der Baum neben mir noch einmal kraftvoll seine Arme ausstrecken möchte. Ich sehe, wie du dich zögernd löst, kleines Blatt, wie du mit leichtem Zittern den Zweig verlässt, an dem deine bunten Schwestern so beharrlich hängen, bis er sie unwillig abschütteln wird, wenn sie bald ihren blätternen Tod zu sterben beginnen.
Jetzt liegst du vor mir auf der Erde und dein Schicksal geht mir nahe. Die Sonne hat dich schön geschminkt, gelbe Punkte auf das seidige Grün getupft, aber unter der Farbe sieht man schon deutlich die Spuren der Verwelkung. Du tust mir leid, kleines Blatt, preisgegeben, wie du jetzt bist. Menschen werden dich achtlos zertreten, und wenn du an einem Strauch hängen bleibst, wird dich der Herbstwind tüchtig zausen. Den Rest besorgt dann der Winter, ein eisiger Winter vielleicht.
Soll ich dich mitnehmen und zwischen Buchseiten pressen, wo du platt und vergessen immer durchsichtiger würdest ? - Nein ! Du hast dich entschlossen, deinen Baum vor der Zeit zu verlassen, möchtest dich noch ein wenig herumtreiben, eine Reise voller Abenteuer und Gefahren wagen, vielleicht dabei Wunder erleben und unbekannte Reize. Was hält uns zurück ?
Spiele noch ein wenig in der Sonne, kleines Blatt. Tummele dich mit Kastanien und Nüssen, wieg dich im Schilf, tanze auf grauen Wellen. Aber treibe nicht zu weit, treibe es nicht zu weit, damit du immer ein nahes Ufer findest, um auszuruhen. Vielleicht weht dich der Wind in einen freundlichen Garten, in dem du schneebedeckt in einem weichen Bett ruhst, wenn im Vorfrühling weiße Glöckchen deinen sanften Tod einläuten.
Hörst du im Baum die Blätter lachen ? Sie halten nichts von Romantik in einer Zeit, in der kein Glockengeläute das Sterben der Bäume begleitet. - "Aussteiger verändern nichts", knarren höhnisch die Äste - haben Sie recht ?
Vielleicht, kleines Blatt, sollte ich dich mit einer weißen Taube auf die Reise schicken. Doch Tauben sind nicht mehr in Mode, sie werden vergiftet oder tot gefüttert. Nicht einmal die Nachtigall des Märchenkaisers singt für die Mächtigen der Welt, damit sie von ihrem Totenbett aufstehen und uns einen Guten Morgen wünschen.
Also lass uns eine Weile zusammen treiben. Der Wind wird uns sicher Mut machen.

|  |
augustine
|
Was Du hier so bescheiden unter 'Entwürfe' eingestellt hast, Jolante, sind ein paar feine, ein wenig melancholische Beobachtungen und Betrachtungen, wie sie der Jahreszeit gemäß sind, die jede bei diesem Thema nahe liegende Kitschanmutung vermeiden, aber (auch durch den Dialog) einen sanften Märchenton haben, der die Melancholie nicht überhand nehmen lässt. Es war gut, glaube ich, dass Du das Sehen, das Bedenken, den Dialog in Prosa geschrieben hast. Liebe Grüße von augustine

|  |
ear
|
Jolante sei gegruesst. Es ist erstaunlich,was das LI mit dem kleinen sich selbstaendig machenden Blatt anfaengt. Es loest sich aus der Schar der lustigen Schwestern, um sein Schicksal zu erleben.
Von ausgehendem Mitleid, der Ablehnung des Pressens , der Lust des LIs, sich auch zu befreien, der Mahnung zur Vorsicht bis zur Behandlung des Blattes als ebenbuerdiges Wesen mit gleichen Problemen:
“Hoerst du die Blaetter lachen” und die bittere Aussage wegen der “hoehnisch knarrenden Aeste”: “Aussteiger veraendern nichts”. Dagegen straeubt sich das LI.
Tauben werden ueberfuettert oder vergiftet, ein Schicken des Blattes waere umsonst.
Nicht mehr werden Kaiser und Maechtige der Welt durch Nachtigallengesang erweckt von den Toten.
So bleibt zum Schluss nur die Bitte an das kleine Blatt, gemeinsam mit dem LI ein bisschen weiter zu treiben, ermutigt durch den Wind. Es ist ein Entwurf , vielleicht fuer eine laengere Abhandlung, voller Wehmut, aber auch mit dem Gedanken, trotzdem taetig zu werden.

|  |
arisia (Gast)
|
hi, Jolante,
Deine leichte, schwebend melancholische Herbstbetrachtung gefällt mir. Das LI fühlt eine so starke Sympathie mit dem kleinen fallenden Blatt, daß es sich mit ihm verbündet, sich zusammen mit ihm eine Weile treiben läßt, das eine real, das LI in Gedanken.
Die treibenden Gedanken des LI führen es auf seltsamen Wegen über Tauben zu Nachtigallen, die beide aus ihrem Mythos herausgefallen sind, die einen sind verkommen zu "geflügelten Ratten der Städte", die anderen werden zur Schneckenvertilgung gezüchtet.
Aber das LI und das "kleine Blatt" vertrauen sich einfach eine Weile dem Wind an, dem Wind des frühen Herbstes, der in vielen Menschen den Wunsch zum Wandern wachruft.
Die Ermahnung, "es nicht zu weit zu treiben", gilt wohl über dem Umweg über das kleine Blatt dem LI selbst, sich zu vergewissern, daß die Weile auf der Parkbank und das Treiben der Gedanken auch wieder ein Ende haben muß.
Feine, leise, spielerische Worte bestimmen den gesamten Text, erzeugen eine schwebende Stimmung.
Zwei kleine Kritteleien habe ich noch:
"Jetzt liegst du vor mir auf der Erde und ich fühle, dass mir dein Schicksal nahe geht."
Besser gefallen würde mir der Satz so:
Jetzt liegst du vor mir auf der Erde, und dein Schicksal geht mir nahe.
Das fände ich persönlicher, denn in gewisser Weise, spricht das LI das kleine Blatt ja an.
Und in diesem Satz
"Hörst du im Baum die Blätter lachen?"
würde ich noch das Wort "anderen" einfügen:
Hörst du im Baum die anderen Blätter lachen?
Als Gegensatz zum kleinen Blatt, das sich ja schon früh davongemacht hat.
Ja, der Text inspiriert mich, mich nach draußen zu begeben und dem Walten und Schalten des Herbstes auch eine Weile zuzuschauen.
liebe Grüße
arisia

|  |
Jolante²
|
03.10.2006, 19:51 / 2 x geändert
|
|
Ihr Lieben: augustine, ear und arisia,
ich danke euch sehr für die freundlichen Kommentare zu meiner Betrachtung "Kleines Blatt". Was ich damit ausdrücken wollte, habt ihr schön herausgelesen, und es gibt darüber hinaus nichts Wesentliches zu bemerken.
@ arisia:
Deine erste Anregung habe ich aufgegriffen und den Satz entsprechend geändert. Der zweiten bin ich nicht gefolgt, denn die Unterscheidung des Kleinen Blatts von den anderen Blättern ergibt sich durch die Formulierung "....im Baum...". So wie es jetzt ist, passt es auch besser in den Duktus.
Einen schönen Feiertags-Abend
wünscht Jolante

|  |
augustine
|
03.10.2006, 21:36 / 1 x geändert
|
|
Guten Abend, Jolante, vielleicht siehst Du ja nochmals hier hinein - sonst sicher morgen.
Es ist immer so schön abgeschlossen, wenn ein/e Erzähler/in sich durch die Kommentare ganz verstanden fühlt.
Und doch ist mir beim Wiederlesen noch was aufgefallen: Du hast ein "wir" versteckt, dreimal, wenn ich richtig gezählt habe: am Ende eines Absatzes in der Mitte (ich kann den Text jetzt nicht sehen; jetzt aber nachgeschaut: "Was hält uns zurück?") und in den beiden letzten Sätzen: wir, also Du und das Blatt, das Blatt als ein Zeichen für Dich , ihr wollt noch etwas Abenteuer erleben - ehe das an der Zeit ist, was unausweichlich an der Zeit sein wird.
Meintest Du das auch? So versteckt, dass man es auch überlesen darf? Für mich (aber das merke ich eben auch erst jetzt) gibt das dem Text seine eigentliche Qualität.
Magst Du nochmal antworten? LG aug.

|  |
Jolante²
|
Ja, augustine, das "wir" ist Absicht und war mir ganz wichtig, auch wenn es etwas unauffällig daherkommt. Das lyrische Ich identifiziert sich mit dem Blatt und bezieht somit alles, was dem Blatt widerfährt, auch auf sich, macht sich mit ihm "gemeinsam" (auf den Weg). Schön, dass du nochmal nachgehakt hast.
LG Jolante

|  |
|
|