Die Stille und die Töne · augustine · ·


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      augustine



Die Stille und die Töne

   25.09.2006, 15:26 / 3 x geändert



DIE STILLE UND DIE TÖNE

Diese Sekunden, ehe ein Ton das wird,
Was Lippen und Finger schon vielfältig wissen!
Die Sekunden, eh' er beginnt aus der Stille,
Noch kaum unterscheidbar von ihr,
Der Ton, den es gibt,
Der entsteht aus dem Nichts, das es nicht geben kann!
Leise lädt er ein, einwiegend, in ihn einzugehen.
Mit anderen Tönen vereinigt er sich,
Und sie wachsen auf bis zur fast verschlingenden Gewalt
Wollüstig zu erlebenden Schmerzes;
Und steigen wieder hinab in das Nichts,
Das es nicht geben kann und das es doch gibt.
Und einzusaugen, auszukosten sind auch diese makellosen Sekunden der Stille,
Ehe ein eitler Narr 'bravo' ruft.

(siehe auch Bearbeitung 26. 8. 09)

 

      zuppanova



RE: Die Stille und die Töne

   26.09.2006, 00:14



servus, augustine!

das ist gut.
ein spiel um klang und stille, etwas ist - ist (noch) nicht (mehr).
das gedicht macht sprachlich eben den bogen, den es auch inhaltlich beschreibt.
das ahnen, anheben, vor-wissen im körper (Lippen, Finger) dessen, was kommen wird, das schwellen, auf-gehen bis zur schmerz-grenze, das verklingen, verebben, ver-gehen.
du siehst, ich ziehe die bewegung des textes nach. eine klare sache.
interessant ist, dass es korrespondierend zum höhepunkt (fast verschlingende Gewalt) zwei anti-höhepunkte gibt: die stille "davor" und "danach" --- oder, nein, anders: das ist nicht interessant, das ist der "kniff", durch den die kulmination erst ermöglicht wird.
dann noch ein nachschlag zum schluss: der bravorufende eitle Narr. unterstreicht die kostbarkeit dessen, was zuvor beschrieben wurde: keine dauer des erlebten + ein memento, doch den augenblick, wenn er denn sich bietet, achtsam auszukosten, voll und ganz.

es steht unter Erotik. aber ich glaube, auch für andere kategorien könnte es gültigkeit haben.

ganz lg, zuppa.
(und bestimmt hab ich noch nicht alles heraus-gelesen ... )

 
        arisia
        (Gast)

RE: Die Stille und die Töne

   26.09.2006, 15:08



hi, augustine,

wie zuppa schon sagte: "Das ist gut."
Ich habe mal ein Geigenkonzert gehört, da erging es mir fast genau so, wie du es beschrieben hast, zum Glück blieb der Saal nach diesem einen bestimmten Stück auch eine ganze Weile mucksmäuschenstill, ehe der Aplaus begann. Ich wüßte nicht, wie ich das Erlebnis beschreiben sollte, die Geige kletterte rauf und runter, wieder rauf, immer weiter nach oben, dort verging sie dann, der ganze Saal blieb quasi in der Luft hängen. Im Nichts.
Runterbringen ins "ist" mußten wir uns selbst. Ein ganz eigenartiges Erlebnis, das dein Gedicht wieder in mir wachruft.

In deinem Gedicht bringt der Schlußsatz den Leser/die Leserin wieder ins "hier und jetzt", nachdem er/sie vorher dem LI durch die Höhen und Tiefen der Musik gefolgt ist, die du mit deinen Worten so plastisch dargestellt hast.

hat mich sehr erfreut, dies Gedicht zu lesen
liebe Grüße
arisia

 

      ear



RE: Die Stille und die Töne

   26.09.2006, 17:57



augustine, lieben Gruss,
Musik kann sehr wohl ein erotisches Erlebnis sein fuer Hoerer/in und Ausfuehrende.
Du hast ein Musikerleben sehr empfindsam aus der Hoerer/in Perspektive geschildert. Musik setzt Schwingungen in Gang und Kuenstler/innen spueren , ob diese ihr Publikum erreichen. Wenn ja, wird das Konzerterleben ein unvergesslicher Eindruck bleiben. Ganz so, wie du es beschrieben hast.

Aus der Sicht der Ausfuehrenden ist es anders: er/sie ist geladen mit Adrenalin, welches ihm/ihr helfen soll zu vollendeter Kunstdarbietung.
Der erste Tonansatz eines Saengers, oder einer Saengerin entscheidet den Erfolg eines Liederabends.
Pianist/in am Fluegel haben mit dem ersten Ton oder Akkord den richtigen Anschlag zu treffen.
Geiger/in muessen mit ruhiger und trockener Hand die Saiten beruehren und den Bogen fuehren.
Holz-und Blechblaeser haben mit der Kontrolle des Speichels zu tun, das Blaettchen muss genau richtig befeuchtet sein, um die gewuenschte Schoenheit und Dynamik eines Tones zu erzeugen.

Wie stark erotische Ausstrahlung heute fuer wichtig angesehen wird, kommt zum Ausdruck in den verfuehrerischen Gewaendern und attraktiven Posen junger Kuenstler/innen in Musikmagazinen. Die Photographien erzeugen den Eindruck, als seien die Kuenstler deine engsten Freunde.

Ein gelungener Konzertabend braucht die Ruhe des Publikums und sein Mitgehen genau so nach dem Verklingen des letzten Werkes, wie vor dem Beginn. Kuenstler/innen wuenschen sich solch ein aufmerksames und empfaengliches Publikum. Hi zuppa und arisia, eure Beitraege sind sehr schoen.ear.

 

      Jolante



RE: Die Stille und die Töne

   05.10.2006, 12:43 / 2 x geändert



Grüß dich, augustine,

ich habe mit meinem Kommentar gewartet, bis das Gedicht durch wiederholtes Lesen einen Nachklang in mir erweckt hat. Dieser Nachklang hat mich an die Bücherwand getrieben. Ich fand, was ich suchte: Tristan und Dr. Faustus. Kann es sein, dass dich eine Seelenverwandtschaft mit Thomas Mann verbindet und/oder auch mit Adorno ? Mich hat dein Gedicht jedenfalls dazu angeregt, über die Wirkungen der Musik nachzudenken. In dem Kammerkonzert, das ich kürzlich besucht habe, fand ich alles, was du so präzise und einfühlsam beschrieben hast, bestätigt, - bis auf das verfrühte Bravo, das ich allerdings bei ähnlichen Anlässen schon oft ertragen musste.
"Wenn wir einander mit Musik berühren, berührt einer des anderen Herz, Verstand und Seele, alles auf einmal". Auch dieses Zitat von Leonard Berstein hat der Nachklang deines Gedichtes wieder in mir wachgerufen.

LG Jolante

 

      rollerball



RE: Die Stille und die Töne

   03.04.2007, 10:35



Liebe augustine!

Auf eine sehr subtile Weise regst du hier die Fantasie des Lesers an, bringst ihn dazu, seine Erfahrungen in einem neuen Licht zu sehen oder auch neue Begehrlichkeiten in die Zukunft zu projizieren. Jedenfalls kann ich die von dir verwendeten Analogien zwischen Musik und Erotik nur zu gut nachvollziehen, da für mich diese beiden Dinge neben der Literatur zu den schönsten und wichtigsten im Leben gehören und eines ohne das andere für mich kaum denkbar ist. Wie du auch richtig andeutest, hat der Klang der Stille sowohl in der Musik als auch in der Liebe seine tiefe und entscheidende Bedeutung: In manchen Augenblicken verbietet sich jedes eitle Plappern, da ist nur ehrfurchtsvolles Schweigen und Genießen angesagt ....

 

      augustine²



Die Stille und die Töne

   26.08.2009, 15:35 / 2 x geändert



Eben kam ich durch ein paar Querverbindungen hierher, las mein Gedicht wieder und die Kommentare; vor allem deinen, zuppa.
Und sehe, dass ich damals gar nicht geantwortet habe. Und habe gedacht: du hast das Gedicht besser verstanden, als es geschrieben da steht.
Und lasse jetzt den Eitlen weg und verändere ein wenig den Schluss.
Es gefällt mir besser so:

DIE STILLE UND DIE TÖNE

Diese Sekunden, ehe ein Ton das wird,
Was Lippen und Finger schon vielfältig wissen!
Die Sekunden, eh' er beginnt aus der Stille,
Noch kaum unterscheidbar von ihr,
Der Ton, den es gibt,
Der entsteht aus dem Nichts, das es nicht geben kann!
Leise lädt er ein, einwiegend, in ihn einzugehen.
Mit anderen Tönen vereinigt er sich,
Und sie wachsen auf bis zur fast verschlingenden Gewalt
Wollüstig zu erlebenden Schmerzes;
Und steigen wieder hinab in das Nichts,
Das es nicht geben kann und das es doch gibt.
Einzusaugen, auszukosten sind auch
Die Momente der Stille danach.

augustine

 

      zuppanova



Die Stille und die Töne

   27.08.2009, 00:06



ja. so ist es ein schöner bogen.
konzentrierter noch.
in sich gefügt.




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