Elsässische Dörfer I · arisia · ·


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        arisia
        (Gast)

Elsässische Dörfer I

   20.09.2006, 10:51 / 4 x geändert




Elsässische Dörfer I

In den Dörfern, von Blumen bekränzt
Verbreiten die Brunnen Heimeligkeit
Der Kupferpfennig im klaren Wasser
Zeugt vom Innehalten der Zeit

Kinder spielen ausgelassen
Auf den breiten Brunnenrändern
Flechten Bänder aus den Blüten
Die um alten Stein sich ranken

Und am Abend, wenn die Katzen
Sich im letzten Sonnenlicht
Auf den Fensterbänken räkeln
Werfen Brunnen breite Schatten

 

      Elise



RE: Elsässische Dörfer I

   24.09.2006, 01:44



Hallo, arisia!

Zu später Stunde schlendere ich durch deine Elsässischen Dörfer.

Dreimal vier Zeilen, ein Stimmungsbild gebend, Atmosphäre beschreibend ("Heimeligkeit"), vermitteln die Wirkung des Ortes auf eine, die da anwesend ist/war. Hauptmotiv: der oder die Dorfbrunnen, Anspielung auf den Brauch, Münzen ins Wasser zu werfen, um den Augenblick des Da-Seins zu bannen. Weitere dem Hauptmotiv bzw. der Gesamtstimmung zuarbeitende Motive: Blumen, an den Brunnen spielende Kinder (wodurch dieses Brunnenmotiv noch zusätzlich belebt wird), die Abendsonne, die sich räkelnden Katzen.
Abendsonne, letztes Sonnenlicht: vielleicht als Hinweis zu interpretieren, daß Idyllen dieser Art dem Untergang geweiht sind, jedenfalls selten geworden in heutiger Zeit. Die beschauliche, friedliche Stimmung wäre also brüchig. So meine subjektive Interpretation.
Sehr angenehm finde ich, daß die Motive nicht von einem sich einmischenden "Ich" kommentiert, goutiert, unterstrichen werden. So bleiben sie "leicht", schwebend.

Eine gute Idee, daß du es unter "Reiseberichte" gestellt hast! Da dürften weitere Impressionen dieser Art folgen.
Eine Durchformung ist mit der Stropheneinteilung gegeben. Was mir nur etwas Kopfzerbrechen bereitet, sind die Endsilben der Zeilen. In Strophe 2 und 3 finde ich Assonanzen bei jeweils unbetonter Endsilbe (weiblich): (ausge)lassen - rankend, sowie: Katzen - Schatten, Strophe 2 und 3 also sind korrespondierend gebaut, die 1. Strophe jedoch fällt ganz aus dem Schema. Das ist so ein kleiner Wermutstropfen, formaler Natur.

Soviel fällt mir ein, jetzt, nachts um ??? - liebe Grüße, Elise.

 

      ear



RE: Elsässische Dörfer I

   24.09.2006, 10:10



Hi arisia,Ich sehe in deiner atmosphaerischen Dorfgemeinschaft den Brunnen als Mittelpunkt der Begegnung. Kinder spielen gemeinsam am “breiten Brunnen Rand”, sie flechten Blumen, doch Ausgelassenheit kann bei tiefen Brunnen gefaehrlich sein. Junge Frauen , welche gern einen Kupferpfennig ins klare Wasser werfen, hoffen damit Boeses abzuwenden und ihre Liebesfaehigkeit zu erhoehen. Bei Lucas Cranach dem Aelteren gehen alte gebrechliche Frauen in eine Brunnenanlage hinein, um am anderen Ende jung und schoen diese zu verlassen. Der Jungbrunnen hat sie begehrlich gemacht. Neben ewiger Jugend mit Laeuterung, Reinigung, Wasser als Lebensnotwendigkeit, bleibt bei einem Brunnen das Unheimlich der Tiefe, ein Fall, ein Gefangensein als Bedrohung.
Doch in deinem Gedicht ueberwiegt das “Heimelige”, welches von Blumen, Katzen und Sonnenlicht spricht. Gern wuerde ich dein Elsaessisches Dorf , auch ohne Nutzung eines Jungbrunnens, besuchen.Lieben Gruss, ear.

 

      Jolante



RE: Elsässische Dörfer I

   24.09.2006, 11:59



Hallo arisia + alle,

auch mir ist aufgefallen, dass die erste Strophe aus dem Schema fällt. Es hat mich aber nicht gestört, das Gedicht hat dennoch einen schönen Rhythmus und Klang. Ja, es gibt sie noch, diese blumigen elsässischen Dörfer mit den Brunnen als Mittelpunkt. Ich war erst vor wenigen Wochen im benachbarten Elsass und beim Lesen des Gedichts konnte ich die Stimmung gut nachempfinden. Der letzte Satz der letzten Strophe wirft einen "breiten Schatten" auf die Idylle. Die heimelige Beschaulichkeit endet mit dem Tag, auf hell folgt dunkel, wir können dem Tod nicht entkommen. IWie Elise finde ich es angenehm, "dass die Motive nicht von einem sich einmischenden "Ich" kommentiert. ........ werden". Gerade jetzt, wo der Spätsommer in den Herbst übergeht, macht es Freude, sich in das kleine elsässische Dorf hineinzuträumen und seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Danke, arisia.

LG Jolante

 
        arisia
        (Gast)

RE: Elsässische Dörfer I

   25.09.2006, 09:31



hallo, elise, ear, Jolante,

vielen lieben Dank für eure Beiträge, es freut mich, daß euch das kleine Stimmungsbild gefallen hat, und viele Assoziationen wecken konnte.
die Strophen:
Als ich einen der Orte am Spätnachmittag betrat, bin ich stehengelieben und habe die erste Strophe geschrieben, noch im Ankommen, selbst noch nicht in der Ruhe. Daher die daktylische Struktur.
Gemeinsam sind allen Versen aber 4 Hebungen.
Das ganze Gedicht ist nicht auf Reim angelegt, wenn welche da sind, reine Reime, dann eher zufällig, es ist eher ein Spiel mit Anklängen, Alliteration und Assozanz, Binnenreim.
Ich denke mir die getragenen Vokale und weichen br Laute sind die strukturgebenden Elemente in diesem Gedicht.
Ab der 2ten Strophe saß ich in einem Cafe, zur Ruhe gekommen, Stimmung wie Strophe sind ruhiger, Trochäus,
in der ersten Zeile noch helle i Laute, die dann auch verschwinden, alles wird langsamer, träger, weiter, bis die Brunnen breite Schatten werfen.
Wenn die letzte Strophe laut gelesen wird, dann kann frau feststellen, daß die letzte Zeile im Verhältnis zu den anderen nur sehr langsam gelesen werden kann. = alles ist für einen Moment zur Ruhe gekommen.
Ja, ihr habt recht, ein Bild, daß nicht lange hält, nach ca 15 min. schrie eine Kind, es hatte sich das Bein gestoßen, eine Mutter schimpte, die Glocken läuteten, und es strömten mehr Menschen auf den Dorfplatz, diese Idyle war dahin.
Dafür kommen immer wieder neue. :)

Ja, Elise, da kommt noch mehr, ich habe einige Gedicht auf Reisen (Kurztrips eher) geschrieben.

Ich hoffe, meine Zeilen sind hilfreich erhellend:)

liebe Grüße
arisia




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