das Reiskorn · Gerd · ·


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      Gerd



das Reiskorn

   19.09.2006, 19:00



schwungvoll
hast Du
ein
Reiskorn geworfen

hart
meine Stirn durchdrungen

im Fallen
Gedankenspiralen ziehend
meinen Schatten geweckt

der wild
mit
Deiner Dunkelheit tanzt

 
        arisia
        (Gast)

RE: das Reiskorn

   22.09.2006, 12:43



hi, Gerd,

die erste Strophe könnte eine Einstimmung auf dreierlei Geschehnisse sein, die evtl. miteinander verflochten, assoziiert sind.
1. Reis wird bei Hochzeiten geworfen, --> ein solches Reiskorn könnte das LI getroffen haben, von einer Frau geworfen.
2. Es könnte aber auch von einem Zen-Meister geworfen worden sein, die tuen so Sachen, zum Spaß für sich, zur Verblüffung und zum Anreiz zum Denken für den Schüler.
3. Im übertragenen Sinne könnte auch gemeint sein, daß eine Frau einen Gedanken geworfen hat, den das LI so empfindet, daß seine Stirn durchschlagen wird, aber nicht von dem Korn, sondern von dem Sein der Person, die geworfen hat (Satzbau):

"hast du
...
hart meine Stirn durchdrungen"

der durch die Stirn fallende Gedanke (Sein) hat dann Spiralen ziehend, von einer Ebene zur anderen wandernd den Schatten des LI geweckt, so daß beide nun in Akzeptanz ihrer Schattenseiten tanzen können.

Das Filigrane an dem Gedicht gefällt mir wieder, das Reiskorn als Symbol für das Sein, das Leben, das Überleben und auch als Trägersubstanz für das andere Ich.
Fein

liebe Grüße
arisia

 

      Moulin



RE: das Reiskorn

   22.09.2006, 21:35



Hallo Gerd, hallo Arisia

Die dritte Interpretation, der geworfene Gedanke scheint mir am Wahrscheinlichsten.
Es ist ein kleiner, unscheinbarer Gedanke,
Zitat:
Reiskorn

der die Welt bedeuten kann.

Zitat:
im Fallen


Den Empfänger nachhaltig beeindruckt


Zitat:
Gedankenspiralen ziehend


bewegt, zum Denken anregt

Zitat:
meinen Schatten geweckt

bedeutet Tiefgründigkeit

Zitat:
der wild
mit
Deiner Dunkelheit tanzt

Hier haben sich Beide auf einer höheren Ebene gefunden, die für Andere nicht sichtbar ist.

 

      Dana



RE: das Reiskorn

   24.09.2006, 12:47



Hallo Gerd,
Zitat:
schwungvoll

dynamisch und selbstsicher, überzeugt von der Wahrhaftigkeit.
Zitat:
hast Du
ein
Reiskorn geworfen
Hast Du den kleinen Anstoß zum Leben gerufen, in die Erde gesetzt, damit es gedeiht und die Aumerksamkeit der Sinne auf sich richtet.
Zitat:
hart
meine Stirn durchdrungen
Der Eindruck küsste stark die Sinne,so dass die Gedanken zu einem Tanz eingeladen haben.
Zitat:
im Fallen
Gedankenspiralen ziehend
meinen Schatten geweckt
Das gefällt mir am besten.
Ich kaue mein Brot in einer Stille lautloser Bilder von Feldern auf den der Korn wuchs, von Bauernsorgen, um die Früchte, von Wind am Tage und nächtlichen Sternengesängen über den gelben Köpfen durziehend. Das Brot wird zur Welt, und deren Geschmack vereinigt sich in mir, mit der anderen Seite der Kerze am Horizont der Existez, die oft in die Kollisionen tritt, mit der Umgebung aber auch mit sich selbst. Und in dem kleinen Korn sind die Spiegelbrüche verankert.Die Spiegelbrüche unseres Sein und Sein können.
Die dunklen Schatten wurden wieder aus der Hand des Schattenwächter rausgerissen, betrachtet, gewogen und geflickt.
Zitat:
der wild
mit
Deiner Dunkelheit tanzt
Ja er kann nur in der Form wieder tanzen, um gleichzeitig in der Dunkelheit nicht verloren zu gehen.Eigentlich beim Lesen des Gedichtes sausen umn die Mitte noch viele andere lautlose Bilder, die aber nicht immer in das Wort reinschlüpfen wollen.

 

      zuppanova



RE: das Reiskorn

   25.09.2006, 00:46



oh mei, Gerd!
nun sitz ich hier und lese dein gedicht wieder und wieder, und ich komm nicht recht durch damit, es schliesst sich nicht auf.

- ich sehe eine polarität: das weisse reiskorn, der schwarze schatten. das in beziehung gestellt bedeutet: lebendigkeit, tanz, etwas kommt in bewegung, was zuvor (vielleicht) nicht einmal spürbar war.
- zweite polarität: lyrich und lydu. das Du wirft ein reiskorn (symbol für bewusst-werdung) und setzt so einen erkenntnisprozess in gang, der schließlich das lyrich und das lydu einander näher bringt: beider schatten, dunkelheit, wildes tanzt miteinander und ist dadurch "gebändigt", integriert ins leben.

natürlich denke ich an C.G.Jung, auch an James Hillman: "Geheimnis des Schattens", "Heilung des Schattens durch Liebe" ---> das sind so die stichworte.
weiter noch: integration des schattens als voraussetzung und bedingung persönlicher reife, "ganzheit", "selbst-bewusstheit". mit der eigenen dunkelheit, mit dem dunklen des anderen Menschen tanzen, das wäre eine wunderbare folge gelungener selbsterkenntnis.
selbsterkenntnis trifft bisweilen hart, durchschlägt die stirn, zieht kreise, nimmt die ruhe: so wie ein schwungvoll geworfenes reiskorn es tun mag.
ist es das, was dem lyrich widerfährt?

dann auch noch die frage: das Du, das Ich - zwei aspekte einer persönlichkeit?

das sind gedanken, mit denen sich zu nähern versucht:
zuppa.
(der reiskorn-wurf ist dir gelungen. find ich.)

 

      Gerd²



RE: das Reiskorn

   27.09.2006, 02:49 / 1 x geändert



Hallo arisia, Moulin, Dana und zuppa,

jede Eurer Lesarten ist wahr.
Schreibanlass war für mich das geworfene Reiskorn einer Frau, die wieder in den Blick meines Bewusstseins gerückt, was im Schatten lag. Bewusstheit und Ganzheit sind elementar. Insbesondere die beiderseitige Annahme der Dunkelheit/Schatten, welches sich energetisch im Tanz freisetzt.
Für einen Anstoss bedarf es keines ganzen Sackes Reis, der in China umfällt, es genügt das Fallen eines einzelnen Reiskorns.

Ich danke Euch allen sehr
Gerd




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