| |
|
windflug
|
05.09.2006, 17:33 / 2 x geändert
|
|
Deine blinden Augen blicken tiefer
Alter Vogel, schwarze Vogelfrau
Deine blinden Augen
Krähengreisin
Deine blinden
Augen.
Deine müden Füße gehen langsam
Schwarzer Vogel, flügellahm
Gehn am Stock
Krähengreisin
Gehen langsam
Ungebeugt.
Dein Gesicht trägt tiefe Falten
Alter Vogel, Vogelfrau
Tief zerklüftet
Krähengreisin
Grub das Leben
Sich dir ein.
Und dein Mund, zahnlos geworden
Schwarzer Vogel, alte Vogelfrau
Zahnlos pickt dein Mund
Krähengreisin
Zahnlos stumm
An unsrer Sattheit.

|  |
arisia (Gast)
|
hi, windflug,
dieses Gedicht berührt mich sehr stark. Eine Gestalt, wie aus dem Mittelalter entsprungen, die Todin könnte ich mir so vorstellen, dafür sprechen auch die blinden Augen und der Bezug zur schwarzen Vogelfrau, der Krähe, Überbringerin von Botschaften, aber wie so oft, wird der Überbringer/die Überbringerin mit der Botschaft verurteilt.
Und die Todin ist es, die an unserer Sattheit pickt, wenn ich das Gedicht mal unter Symbolismus einordnen würde.
Da du das Gedicht aber unter Soziales gestellt hast, tut sich noch ein anderer Bezug auf, den der "Alten Frau" in einer Gesellschaft, die ich aber so nicht hier in Deutschland verorten kann. So eine Gestalt ist mir seit den Kindertagen eigentlich nicht mehr begegnet.
Vielleicht hat ja noch jemand anderes eine Idee dazu?
Ja, dieses Gedicht wird mich noch eine Weile beschäftigen,
zumal, wie aus meinem Avatar ersichtlich, ich einen starken Bezug zu Krähen und Raben habe. (aus verschiedenen Gründen) :)
Mir persönlich gefällt auch sehr gut, daß das Leitmotiv der Krähengreisin in jeder Strophe wiederkehrt, dadurch erlangt es einmal eine Eindringlichkeit, die Gänsehaut hervorruft, und andererseits eignet es sich gut zum Vortragen, weil es durch die Wiederholungen das Hören erleichtert. Oft ist es schwierig, daß Gedichte beim Hörer/der Hörerin ankommen, wenn zu viel Information auf gedrängtem Raum geboten wird.
Aber dieses Gedicht geht auch schon beim ersten Hören unter die Haut.
liebe Grüße
arisia

|  |
augustine
|
Windflug, hergeflogen - schön, dass Du da bist. Dein Gedicht empfinde ich als Geschenk. Und analysiere es nicht. Herzliche Grüße von augustine

|  |
windflug²
|
Hallo, ihr zwei,
lieben Dank für euer Lob und den Willkommensgruß.
Ja, arisia, du hast Recht damit, dass man Gestalten wie meine alte Bettlerin kaum noch in unseren Straßen sieht. Die Idee für das Gedicht, das ich seit langem in sich wandelnder Form mit mir herumtrage und das mir am Herzen liegt, entstand durch eine Postkarte, die eine schwarz gekleidete Bettlerin in Lissabon zeigt, eine ungeheuer kraftvolle Darstellung, die tatsächlich auch das Bild der Todin heraufbeschwören könnte. Ich hatte diese Assoziation nicht bewusst, aber wenn das Gedicht sie bei dir auslöst, dann konnte ich wohl die Tiefe, die diese Greisin ausstrahlt, in mein Gedicht hineinholen.
Für mich ist aber die soziale Komponente auch sehr wesentlich, das Picken an unserer Sattheit, das In-Frage-Stellen der Verteilung von Reichtum und Armut. Deshalb steht das Gedicht in dieser Rubrik.
Ganz liebe Grüße
windflug

|  |
Marcel Frank
|
Zur Ergänzung des Gesagten, hier nur - als literaturassoziiertes Bonmot - der Großmeister des ästhetisierten Bettlertums, sagen wir, ein Fußstapfen-Checkout:
"{
Du wußtest nicht, was den Haufen
ausmacht. Ein Fremder fand
Bettler darin. Sie verkaufen
das Hohle aus ihrer Hand.
Sie zeigen dem Hergereisten
ihren Mund voll Mist,
und er darf (er kann es sich leisten)
sehn, wie ihr Aussatz frißt.
Es zergeht in ihren zerrührten
Augen sein fremdes Gesicht;
und sie freuen sich des Verführten
und speien, wenn er spricht.
}"
Beste Grüße sendet
m

|  |
|
|