das Haus der Motten · Gerd · ·


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      Gerd



das Haus der Motten

   04.09.2006, 19:51



Salve

lass mich
stets
von Dir
noch
in
mein Zimmer atmen

tapeziert
mit
zurückgelassenen Gedanken

jede Nacht
flattert silbern
das Vergessen
aus
allen Winkeln

wachsen
fräsige Löcher
in
den Hut
des Weidenkorbs

geht
das Morendo
früherer Leben
über
Deine Dielen und Balken

 
        arisia
        (Gast)

RE: das Haus der Motten

   06.09.2006, 21:02 / 2 x geändert



hi, Gerd,

ich bewundere immer wieder die spinnenfeine Art deiner Gedichte.
Du porträtierst in der ersten Strophe ein LI, das noch einmal die Erinnerung an eine vergangene Liebe, einen geliebten Menschen heraufbeschwört, einen Erlebens-Zeit-Raum.
Die zweite Strophe beschreibt den Zustand "ist", ab der dritten Strophe wird erzählt, was geschieht, wenn das LI nicht mit einem bewußten Akt des Erinners in diesem Erlebens-Raum bleibt.
Die eigenen Erinnerung wird in das Erlebens-Zimmer des LI gehaucht, die "zurückgelassenen Gedanken" der zweiten Strophe, die z.Z. Rahmen waren, werden gefüllt durch den lebendigen Atem der emotionalen Erinnerung.
Das Zimmer der ehemaligen Liebe scheint inzwischen ein wenig benutzter Raum zu sein, die Struktur des Raumes ist der Zerstörung durch die Zeit ausgesetzt, die Erinnerung bekommt Lücken, die ständig wachsen.
Wunderschön, diesen inneren Vorgang des Vergessens über das Bild der filigranen Motten auszudrücken.
Zitat:
Jede Nacht, die vergeht,

das verstehe ich als: jeder Zeitraum, indem nicht mehr an das Vergangene gedacht wird,
nimmt das Vergessen zu,
vergrößern sich die Lücken der Erinnerung,
verhauchen die früher geleben Leben.
fein, wie die Zeile "jede Nacht" den nachfolgenden Strophen Struktur gibt, sie zu einer Einheit verbindet. Schön auch, daß das Resumée, die Reflexion, dem Leser/der Leserin überlassen bleibt. So öffnet das Verhauchen (morendo) der früheren Leben einen weiten Raum, viel weiter, als er in der vormaligen Stofflichkeit sein konnte.
Ich mag Gedichte, wenn's nicht grad Moritaten sind, die den Ausklang offen lassen für die Lesenden.

liebe Grüße
arisia

 

      augustine



RE: das Haus der Motten

   06.09.2006, 22:12



Hallo, Gerd, hallo arisia (während Du schriebst, habe ich mich im Kopf auch mit dem Gedicht befasst, aber ich sehe es teilweise anders):
"Salve" - wem gilt der Gruß? Wohl dem Haus (vor meiner Tür als Fußmatte, vor Goethes Wohnzimmer als Intarsien aus Holz); eigentlich ist es der Gruß des Hauses, hier wohl der an das Haus. Ich denke, dass das Zimmer real existiert (und was spricht dagegen?) in einem Haus, das dem Fraß der Motten anheimgefallen ist, alt, aber auch Altes ausdünstend, überholte Überzeugungen; ein Kindheitszimmer ('zurückgelassene Gedanken'), in das der Sprecher (einigermaßen feierlich übrigens: "lass mich") von seiner jetzigen Befindlichkeit hineinatmet, auf das Zimmer bezogen, also versucht, es mit seinem Sein zu erfüllen.
Unklar ist mir: "von Dir"; das ist das Zimmer (auch: "Deine Dielen und Balken"), aber: von ihm her oder über es?
Dann die drei Vorgänge jeder Nacht; das ist schon beschrieben; aber im einzelnen vielleicht:
* wenn das Vergessen (wie Fledermäuse) aus den, allen Winkeln flattert, "jede Nacht", dann ist es noch da; was aber ist ein anwesendes Vergessen? wer vergisst? und: es lässt sich nicht wegatmen; silbern ~silberhaarig?
* Hut=Deckel? Weidenkorb: Moses wurde im Weidenkorb ausgesetzt; vielleicht steht in dem Zimmer noch der Babykorb, den so langsam die Motten fressen?
* was ist "das Morendo"? so eine von Deinen Doppeldeutungen wie früher mal 'morphiert' mit dem Mitklang 'morphiniert'? da Du Verschriebenes nicht stehen lässt: kann es nicht 'moriendo' heißen, oder? aber eher ital. wohl; irgendwie ist die Wortwurzel 'mori', sterben, drin, oder?
Dies für heute. Liebe Grüße von augustine

 

      Gerd²



RE: das Haus der Motten

   06.09.2006, 23:51 / 1 x geändert



Hallo arisia und augustine

ich danke Euch. Vorab von mir nur die Erklärung von "Morendo" - es handelt sich dabei um einen Begriff (italienischen Ursprungs) aus der Musik. Morendo = hinsterbende, erlöschende, verhauchende Art des Spiels.

Liebe Grüße
Gerd

 

      zuppanova



RE: das Haus der Motten

   14.09.2006, 00:13



servus Gerd,

will dir schon lang schreiben zu diesem Gedicht, einfach so, subjektiv, wie es wirkt auf mich.

als ich es zum ersten mal las, tauchte das wort MUTTER auf, wobei ich das gedicht gar nicht durchinterpretieren konnte (kann ich immer noch nicht), es war halt meine erste gedanken-reaktion auf die atmosphäre, die dein text erzeugt.
atmosphäre, das ist überhaupt ein stichwort: die ist da (für mich), sehr dicht, flüsternd, mich anziehend. obwohl ich erst mal nichts entschlüsselt habe, war ich "drin".
nun denke ich so: das LI spricht zu diesem "Haus der Motten", lässt sich in die vergangenheit, kindheit mitnehmen, lässt sich einatmen vom haus und gelangt so in dieses bestimmte zimmer der vergangenheit, wird da hinein geatmet, wo es einmal gelebt hat. das ist ein sehr feiner vorgang, atmen ist etwas sehr feines, auch feierliches, schwebendes. und andere worte, die du wählst, passen dazu: Salve (feierlich, fast zeremoniös, vergangenheit beschwörend), silbern (interessant finde ich augustines assoziation "silberhaarig"), Vergessen, flattern, Nacht (klar, steckt auch in silbern via mond, die andere seite), Morendo ... fräsige Löcher: das gefällt mir besonders gut, es ist eigen. Hut/Weidenkorb (auch hierzu hat augustine interessante assoziationen genannt): das kann ich nicht deuten, ich nehme an, daß es spezielle gegenstände sind, die für bestimmte erinnerungen oder lebensphasen stehen.
alles in allem (ich schreibe irgendwie unbeholfen, weil es schon so spät ist) nehme ich es als eine zurück-reise in vergangenes, an einen ort, der im aktuellen leben des LI keine rolle mehr spielt, aber dem nach-gefühlt, nach-gedacht werden kann. nachts wacht das leben von früher dort auf, schattenhaft, in kleinen geräuschen, im flüstern und hauchen des hauses.

so viele sätze hab ich jetzt geschrieben, hätte gern klarer formuliert ... hätte auch einfach sagen können: es gefällt mir.

lg von zuppa.

 

      Gerd²



RE: das Haus der Motten

   28.09.2006, 22:08 / 1 x geändert



Hallo Ihr Lieben,

„Ein Zimmer für mich allein“ und „was im Keller geschieht“ weckten viele Erinnerungen in mir. „Salve“ ist die Erwiderung der Grußformel meines Elternhauses. Über hundert Jahre alt und im Jugendstil erbaut, grüßte es mich mein Leben lang mit diesen fünf Buchstaben, die in den Terrazzoboden des Hausflurs eingelassen sind. Weite Teile des Hauses sind nicht mehr bewohnt. Eingefrorene Zeit, hinterlassen, wie zu Lebzeiten der früheren Bewohner, die nicht wiederkehren, den Motten anheim gefallen. Der langsame aber dennoch unaufhörliche Fraß dieser Scharen silberner kleiner Motten wurde für mich zum Synonym des Vergessens. Mein Zimmer, das einzige Refugium, das ich je allein bewohnte, beherbergt neben einer Menge Bücher ein großen Weidenkorb der mir wiederum zum Sinnbild für Herkunft wurde. Der Hut, ein ehedem schönes Stück, wurde bereits ein halbes Jahr nach meinem Auszug ein Opfer der Motten – gleich einer Gedankenwelt der ich nicht mehr angehörte sowie alternative Lebensentwürfe, die gemessen, gewogen und für zu leicht befunden wurden. Die Leichtigkeit, mit der mich das alte Haus für sich einnimmt und mit welcher Natürlichkeit ich mich in meinem alten Zimmer wieder finde, ist für mich zuweilen kaum zu begreifen, da ich nur noch selten dorthin komme. Die langsam zerfallenden Erinnerungen und früheren Leben, sind mit dem Haus untrennbar verbunden, was mit allen Sinnen zu erfassen ist. Eine Symbiose von bewahren und vergehen als ewiger Kreislauf, nie wirklich tot, da das Leben nachwirkt, nicht wirklich am Leben, da so viel Leben schon in der Vergangenheit liegt. Immer wird wohl ein Teil von mir in diesem Haus sein und damit langsamer vergehen als der Rest meines Ichs.

Salve
Gerd

 

      zuppanova



RE: das Haus der Motten

   29.09.2006, 00:05



Gerd, Salve!

weil ich grad noch so eine letzte nachtrunde durchs forum drehe:
du hast sehr schön und eingängig geschildert, aus welchem stoff du dieses gedicht gemacht hast ...

danke. zuppa.

 

      Jolante



RE: das Haus der Motten

   29.09.2006, 12:14 / 1 x geändert



Grüß dich, Gerd,

dein letzter Beitrag zum "Haus der Motten" igefällt mir genau so gut wie dein Gedicht. Du kannst deine Gedanken und Gefühle wunderbar zum Klingen bringen. Wir sollen ja hier keine so kurzen Kommentare schreiben, aber dieser kleine Lobruf musste jetzt sein.

LG Jolante




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