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Ballade · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      augustine



Der Nachfolger

   13.12.2005, 01:09 / 1 x geändert



DER NACHFOLGER

Des Sohnes erster Blick, im Arm der schwarzen Mutter:
Vom Pfarrhaus aus, vom Küchenfenster, hin zur Kirche.
Zu prächtig war die für ein Dorf, ein Adelsbau, barock.
Jedoch der Vater, der Gott diente dort –
Fort. Russische Erde stopfte ihm den Mund.
Er hat ihn nie gesehen,
Den einen, seinen, Nachgeborenen.
Und der den Vater nur auf Fotos, ewig jung.

Der Sohn wuchs auf, geborgen lange bei der alten Magd Mathilde.
Doch kniet' er jeden Abend mit der Mutter am Altar,
Dem prunkenden, dem schönen, bunten,
Der ihn beglückt' durch seine Himmelsnähe
Und niederwarf zugleich und eben dadurch.
Sobald er sprechen konnte, sprach er ängstlich nach,
Was er noch nicht verstand:
"Nimm mich als deinen Diener gnädig an."

Dann die illustre Schule in der großen Stadt.
Die alten Sprachen lernen sollte er,
Die Sprachen beider Bünde Gottes mit den Menschen, wie es hieß.
Die Griechen aber hatten andre Götter, heidnische.
So sagten seine Lehrer.
Aber geistreiche Philosophen auch. Verwirrend.
Platon behielt er, Paulus nicht.
Stand schlotternd auf und stammelte,
Saß blöd vor weißen Blättern,
Schlief ein im Unterricht.
Zuletzt bestand er doch, man ließ ihn weggehn, gnadenhalber.

Er bat sie alle, hat sie alle angefleht,
Die Mutter, seine Onkel, Pfarrer allesamt,
"S' Vatterle im Himmel",
Den übergroßen Vater auch, den HERRN:
Nicht, nicht ihm aufzupacken diese Last, sein Diener sein.
Er würde drunter brechen.

"Der Herr wird seine Kraft dir geben."
"Ich stottere. Ich kann nicht."
"Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
"Ich kann nicht reden, nicht mich erheben auf die Kanzel."
"Der Herr wird durch dich sprechen."
"Ich, ich, ich, ich glaube nicht an ihn."
"Herr, er will glauben, hilf seinem Unglauben."

Er wurde eingeliefert ins berühmte Stift.
Er mühte sich.
Er las und übersetzte, dachte nach, schrieb auf und betete sogar.
Doch wuchs kein Glaube, der ihn trug.

So musst' er weiterhin sich beugen unterm vierfachen Gebot.
Wie aber sollte er denn sprechen können
Von diesem Gott,
Der so unnennbar anders war -,
Wenn er denn war -,
Als dass von ihm irgend zu sprechen wäre?
Anmaßung wäre das, mutwillige Vermessenheit.

"Aber das Wort ward Fleisch."
"Ich kann dies Wort nicht predigen, das wäre Hochmut."
"Wer nicht mit ihm ist, der ist wider ihn, und er ist Gottes Sohn."
"Das, das, das haben Menschen nur gesagt."
"Doch kommt der Glaube aus der Predigt,
Das Predigen aber kommt durch das Wort Gottes.
Und der Sohn ist das Wort."

In diesem Kreis bleibt er gefangen, der Menschensohn,
Der Nachgeborene.

Da fährt er in sein Kindheitsdorf, sehr früh
An einem Sonntag, Pfingsten.
Bei den Glocken hoch sitzt er im Turm.
Als sie zu schwingen beginnen,
Steht er im Schalloch.
Und als sie läuten,
Springt er.

 

      Marcel Frank



RE: Der Nachfolger

   13.12.2005, 23:34



Mutig die Form. Es besitzt drei Auffälligkeiten, aus denen eine (diskutable) Jury sofort einen Strick drehen würde: Länge. Auktorialer Erzähler. Lebt nicht von Vers-Qualitäten (Ausnahmen: 1,2,3,9,10).

Es ist nicht billig zu sagen, das Thema störte. Oder Gott stört. Oder "das Schicksal einer Figur". Gesetzt dem Fall, ich verhalte mich neutral zum Was (Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, mehr bis minder protestantischer Knirps, zynischer Tod). What about the "Wie" ? Nicht, um "das kleine Gedicht" zu propagieren, allerdings: Es gibt pfiffige Verse und weniger pfiffige, die von den pfiffigen ablenken. Insofern nötigt es den Leser (mind. 1) zu einer, digamos, Vers-Präferenz: Gruppe 1 umfaßt auch die rhythmisierten Verse (+ Maß !). Wohlan, die pfiffigsten: Ausnahmen / Fort. Russische Erde stopfte ihm den Mund. / Platon behielt er, Paulus nicht. / "S' Vatterle im Himmel" / An einem Sonntag, Pfingsten / + andere, die - aus dem Kontext gerissen - ihren Wert verlieren. Das wäre was: Der insichstehende, seinen Bauch zeigende, aus dem Kontext reißbare Vers ("feist bin ich"). Wäre das Schicksal des Sohnes ver-allgemein-er-"bar" gewesen ? Geht es um sein Schicksal (Ende !) oder um was anderes ? Was ist das eigentliche Thema ? Ist es "denso": "kon"-zentriert ? Es geht bei einem langen Text nicht darum, die Fragen mit "nein" zu beantworten (es wäre falsch), sondern ihn mit Fragen zu konfrontieren, ja, zu bedrängen (die er aus sich beantwortet oder nicht). Einwurf => Wortfrequenz-Liste: 3 aber, die, durch, ein, Gottes, ich, in, kann, mit, Mutter, sein, Sohn, Vater, war, wäre, ihm, 4 seine, sie, sprechen, Wort, 5 auf, im, ist, und, den, 6 ihn, 7 das, 9 nicht, 13 der, 17 er. Ein langer Text braucht viel Strukturierung.

Das obige ist keine Kritik (nur 1 kognitives Problem). Dieses hier ist eine: Der Erzähler ! "Was er noch nicht verstand" / "Anmaßung wäre das, mutwillige Vermessenheit." / "Doch es wuchs kein Glaube, der ihn trug." / "wie es hieß" etc. Ich beschränke mich auf das, was bleibt, wenn ich ihn abschalte und auch die Figurenrede herausnehme, es - in einem - "ent-prosa-isiere". Selbst wenn man es "draufhat(te)" (Thomas Mann), wäre das nicht mehr zeitgemäß (als Mann-Leser muß man sich heutzutage schon in einem Ganzkörper-Kondomen verstecken, als Schreiber: nicht auszudenken !). Zudem, für einen Diskurs über den "rechten Glauben" (mag sein: kein Glaube): ziemlich brav. Nicht zynisch, sondern "zynilisierend": Der Text geht kein Risiko ein. Kann man ihn ablehnen ? Kann man ihm zustimmen ? Bietet er ein dazwischen ? Scheidet er die Geister (ist das nicht ein wesentliches Moment ?) ? Gemäß einer grotesken Grundlage hätte "der Sohn" selbst die Glocken zum Läuten bringen können (con el cráneo), a la Erdbeben von Chili. Aber hätte, wenn und aber ist kein Kriterium. Ich weiß nicht weiter.

 

      augustine²



RE: Der Nachfolger

   14.12.2005, 08:56 / 1 x geändert



Gestern Abend, Marcel, hätte ich Dir Deinen Kommentar am liebsten um die Ohren gehauen. Auch jetzt antworte ich nicht detailliert.
Aber was soll das: "Länge" als Vorwurf/"auktorialer Erzähler" als zu prügelnder, nur weil das gerade Mode ist/"lebte nicht von Vers-Qualitäten", und das alles mit der Berufung auf eine unbegründet 'diskutabel' genannte fiktionale 'Jury'. Finde ich nicht redlich.
Das Gedicht ist lang, nicht im strengen Sinn lyrisch, durchgehend (!) rhythmisiert. Es lebt von Gegensätzen. Die findest Du Vers für Vers, am deutlichsten da, wo sich Sohn und Mutter (mutmaßlich diese) mit Bibelzitaten schlagen. Das schreibe ich nicht auf. Aber vielleicht liest Du es noch mal darauf hin. Und der umfassende Gegensatz von Nachfolgerverpflichtung (des Vaters und durch den Vater, den biographischen toten und den 'ewigen', durch die trauernde, also schwache, aber in der Trauer herrschende Mutter) und die Erzeugung von Lebensüberdruss gerade durch das WORT, das der Inhalt der Predigt sein soll, das angeblich lebendig macht, aber für diesen jungen Mann nur noch den Tod übrig lässt (zu Pfingsten, wo mythologisch die Verwirrung der Worte seit Babylon doch angeblich aufgehoben sein soll; mitten hinein in eine zum Gottesdienst kommende Gemeinde) - dazu findest Du, es sei "nicht billig zu sagen, das Thema störte"?? Ja, bei was denn? Es ist ein Thema. Und wenn Du von einem "mehr bis minder protestantischen Knirps" redest, hast Du nichts verstanden, fürchte ich.
Sogar Deine Wortfrequenzliste enthält das Viereck Mutter/Vater/Sohn/Wort. Das konnte doch auffallen.
Dass hier schwäbischer Pietismus den Hintergrund bildet, ist deutlich genug; Zeit ist etwa genannt. Nur weist das Thema natürlich auch darüber hinaus: Selbstmorde als letzten Ausweg in zwangserzeugten Lebenswegen gibt's ja wahrlich auch heute. Das Thema ist nicht der rechte Glaube. "Ziemlich brav"? Ach.
Sorry: ziemlich daneben.
a.

 

      Marcel Frank



RE: Der Nachfolger

   14.12.2005, 18:29



Moment ! Den Beflissenheitsanspruch will ich mir nicht auf die Brust schreiben, deshalb bleibe die Jury diskutabel (= relativ), und auch sei es nicht billig, zu sagen, das Thema störte = Keine Einwände gegen das Thema als solches (a la: "sowas schreibt man heute nicht mehr"). Aber:

(x) "nur weil das gerade Mode ist"
=> Ist nicht jeder IN einer Mode ? Welches ist diejenige des vorliegenden Gedichts ? Jedenfalls: Dieser versraumraubende Erzähler, was leistet er ? Er erzählt eben ("reden") und kommentiert hie und da ziemlich "brav" (Zu prächtig war die / und eben dadurch / Was er noch nicht verstand / Dann die illustre Schule / wie es hieß / So sagten seine Lehrer / Er würde drunter brechen. / Er mühte sich.). Kurzum: Er stiftet nur Kohärenz. Was will er da eigentlich, warum macht er "auf sich" aufmerksam (durch: "Raum") ? Er ist allenfalls lakonisch-distanziert (da "springt er" eben). Hmm.

(x) durchgehend (!) rhythmisiert
=> Ich habe einige Verse benannt (gut), anderes ist Prosa, einfach: Prosa. Freilich mit kurzatmigen Sätzen, Sentenzen. Bsp.: "Er wurde eingeliefert ins berühmte Stift. Er mühte sich. Er las und übersetzte, dachte nach, schrieb auf und betete sogar. Doch es wuchs kein Glaube, der ihn trug." Mir geht kein Licht auf, nur weil ich Pausenbildungen forciere. Vielleicht denke ich ein bisschen länger nach. Aber: "er mühte sich". Was ist das ? Muss man jedes Wort als "bedeutend" adoptieren ? Es steht da. Es informiert. Es ist Inhalt. Hat es mehr(ere) Ebenen ?

(x) Bibelzitate
Womöglich handelt es sich um eine intelligente Auswahl. Zwiegespräch. Ich kann das nicht beurteilen. Sie sind eine Argumentstelle (für den Gegensatz). Lyrisch sind sie nicht. Jetzt sagst Du: Die gehören aber dazu ! Auch das ist richtig. Wir wollen nicht herumbasteln. Ich denke, sie berühren das Verhältnis Mensch-Gott ebenfalls auf allerbravste Weise. Da ist vom Herrn die Rede, von Kraft und Glaube und Unglaube. Hmm. (Auch ich bin nicht unbrav.)

(x) Nachfolgerverpflichtung
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Der Volksmund ist gar nicht so dumm.

(x) Wortfrequenzliste. Ich kenne kein Gedicht, das mind. 17 Maskulin-Pronomen benutzt. In der Kürze liegt die Würze. Was den Erzähler betrifft, käme ich beim "das-Gedicht-als-Prosa-lesen" zu keinem anderen Schluß.

Dass der schwäbische Pietismus einer derartigen Abrechnung bedarf, wage ich zu bezweifeln. Mir fällt keine bessere ein. Dass das Paket ziemlich groß geschnürt ist (auch der Selbstmord darf nicht fehlen), überfordert mich. Es gibt nichts engstirnigeres als Verse (in ihnen ist viel in wenig verpackt.).

Nochmal eine Prosa-Stelle: "So musst' er weiterhin sich beugen unterm vierfachen Gebot (So musste er sich weiterhin beugen ...). Wie aber sollte er denn sprechen können Von diesem Gott (Wie aber sollte er denn von diesem Gott sprechen können), Der so unnennbar anders war -, Wenn er denn war -, Als dass von ihm irgend zu sprechen wäre? Anmaßung wäre das, mutwillige Vermessenheit." Die darin enthaltene Frage (alles Erzähler), wie denn von Gott zu sprechen wäre ? Dieses Gedicht hat keine Probleme damit. Auch "das Wort" ist keine problemat(isiert|isch)e Größe. Bei Deinen tendenziell kürzeren Texten denkt man: Jedes Wort dreht sie dreimal um, überprüft Bauchnabel und Geschlecht, Hautqualität und Herzschlag, dann gibt sie es aus. Vielleicht ist das schwäbische Vatterle und Söhnle mitsamt Gotteshäusle "einfach" (also: ohne Selbstmord, man kürze 2 Zeilen von ?? Z.) zu bieder. Aber auch hier treffe ich nicht den Ton. Was mir gefiel: Dass Du dezent erbost warst über meinen 1. (unfreundlichen) Kommentar. Dieser 2. ist es nicht minder und dieses Angestacheltsein: Ein gutes Grundgefühl. Wenn Dir alles egal wäre, würdest Du meinen Kommentar gar nicht lesen. Überdies: Er ist nicht sehr sachlich. Sieh es ihm irgendwie nach.

 

      augustine²



RE: Der Nachfolger

   15.12.2005, 22:22 / 1 x geändert



Ja, Marcel, da können wir uns verständigen: der Ärger, der meiner Antwort zum Ausdruck kommt, weist nicht auf Gleichgültigkeit.

Sonst: Ich finde auch jetzt nicht, dass Du diesem Gedicht gerecht wirst. - Nur wenige Einzelheiten:
Rhythmisierung: am Schluss zitierst Du Sätze - und musst sie UMSTELLEN, um Prosa draus zu machen
Bibelzitate: schlurig formuliert von mir in der ersten Entgegnung: die sind ja nur von der Mutter, der Sohn stottert (!) dagegen an; das Zugeständnis, dass die Auswahl ja intelligent sein könnte, klingt sonderbar aus der Feder von einem, der zugibt (was offenkundig ist), dass er's nicht beurteilen kann
Pietismus: was heißt: Du wagst zu bezweifeln, dass .. Mit welcher Begründung denn? Hast Du schon mal was von "ekklesiogener Neurose" gehört? (Tilman Moser: GOTTESVERGIFTUNG; zugegeben: er hat das inzwischen relativiert)
Was ich Nachfolgerverpflichtung genannt habe: 'n Sprichwort wie Deins ist doch kaum angemessen, da triffst Du wirklich nicht den Ton.-
Natürlich hat der Text Subtexte.

Und nun, von mir aus, lassen wir das. a

 

      Marcel Frank



RE: Der Nachfolger

   16.12.2005, 00:20



Ich lasse mir bei allem gerne die Butter vom Brot nehmen. Hier aber nicht:

- "und musst sie UMSTELLEN, um Prosa draus zu machen":
Et vice versa ? (Das ist doch jetzt ein Kalauer. Ich bin doch nur die abermillionste Sprechblase ...)

- den Rest schlucke ich, damit ich noch was mit Text-Bezug sage:

- "ekklesiogene Neurose": Du nimmst die Begriffe und schießt sie ab (Sylvester steht vor der Tür). Das ist das eine, da ist das andere und jetzt ziehe ich eine Linie von hier nach dort. Gut. Und dann ? - Und wenn Du den Moser damit tätowierst (gäbe das nicht ein gutes, Rezeptionsstrategien karikierendes Gedicht ab ?): Es ist nur eine "Verständigung über den Inhalt" (q.e.d. ?). OK, das sei zu sagen und die Belehrung nehme ich an. Mir fällt/fiel es dennoch schwer, über "das Gemachte" des Gedichts zu reden. Auch das würde mich fortbilden. Zudem: Ich will nicht "herummosern" und sagen, alles, was nicht Tagesthema ist, eignete sich nicht als Topic (z.B. eines Gedichts), einen pauschalen Geltungsanspruch aber leite ich ebf. nicht davon ab (s. "mit welcher Begründung denn ?"). Insofern hatte ich meine Zweifel.

Die Hälfte des Gesagten betraf eigentlich: Gedichte im allg. Du wirfst da eine Frage auf: "dass Du diesem Gedicht gerecht wirst". Ich wünschte mir, Gedichte hätten diesen Status (eine Welt gleichgültiger Autoren: heile Welt). Insofern ist mir Deine Nicht-Gleichgültigkeit charmant, da wir "nicht schwärmen tun".

Das muß kein Schlußwort sein. Hättest Du nicht eine Flanke zu öffnen für einen gezielten Einstich ? Nun, diese gnadenlose Verteidigung (bis aufs Blut, Strafkolonie und so) und mein pendejo-haftes Angerenne, ist mir ebf. lesenswert ...

m : )

 

      Marcelinho Doido



RE: Der Nachfolger

   17.12.2005, 15:33



Nicht, um hier M.F. zu unterstützen, sondern weil ich erst gerade diesen Kommentarhaufen hier lese und auch das "Gedicht", schreibe ich nun auch eben etwas:
Ich setze wie Du siehst das Wort "Gedicht" in Anführungszeichen. Ganz einfach darum: Es ist keines! Es ist ein Prosa-Text in Versen geschrieben, in so fern gebe ich Marcel Recht. Es würde nirgendwo als Gedicht angesehen / bezeichnet werden.
Alles andere ist diskutabel, jeder liest anders. Mir gefällt's, auch wenn es eben kein Gedicht ist. Es ist Prosa, mit einem Thema. Es hat eine Aussage. Es ist lang und teilweise dadurch unübersichtlich, aber hübsch zu lesen und das hat doch was! Ich liebe Prosa. Nur hätte er in eine andere Kategorie gestellt werden müssen. :-)

 

      augustine²



RE: Der Nachfolger

   21.12.2005, 16:07



Würdest Du, Marcelinho, mir freundlicherweise erklären, wieso dieser Text "Prosa" ist, Deiner vom "Sosein" aber nicht?
Mit Dank zuvor augustine

 

      Marcel Frank



RE: Der Nachfolger

   21.12.2005, 17:00



@augustine: Vielleicht kannst Du diesen nicht unberechtigten Einwand sogar unters betreffende Gedicht setzen (via "bearbeiten" Deines dortigen 1. postings). Es ist tatsächlich so, dass gebrochene Prosa noch lange keinen Vers ausmacht: "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer." (nur, um vorzubeugen, dass Marcelinho unter Deinem Gedicht eine Antwort bzgl. "Sosein" formuliert ...). Trommelwirbel ...

 

      augustine²



RE: Der Nachfolger

   22.12.2005, 23:25



Beim NACHFOLGER II ging nun die Diskussion weiter (siehe dort). - Balladen und Metaphern: das kann man ja wirklich in Wörterbüchern nachsehen.
Also ich habe, auf Wunsch des verdienstvollen Erfinders dieses Forums(muss man wirklich so sagen - nicht etwa weil er es will) die zwei erwähnten Gedichte da eingetragen; ganz. Auch (und eigentlich vor allem), weils schön ist, wenn Abteilungen sich füllen. Vielleicht als 'unsere' Gedichtsammlung.
a :)

 

      Willimox



Der Nachfolger

   27.05.2010, 16:08 / 3 x geändert



1. augustine als stratege

eine astreine Ballade und Erzählgedicht, handwerklich sehr präzise gebaut, die "Füße im Feuer" sind unerreicht, aber hier erinnert man sich daran. Poetische Strategie vom feinsten.

Dann eine sehr feine Strategie von augustine in der Diskussion. Sie bringt die Evaluatoren in eine Selbstwiderlegung, vielleicht ohne dass diese das erkannt haben:

"Mutig die Form. Es besitzt drei Auffälligkeiten, aus denen eine (diskutable) Jury sofort einen Strick drehen würde: Länge. Auktorialer Erzähler. Lebt nicht von Vers-Qualitäten (Ausnahmen: 1,2,3,9,10)" (s.o. erste Stellungnahme)

"Es ist tatsächlich so, dass gebrochene Prosa noch lange keinen Vers ausmacht."
(weiter unten)

Wer nämlich den Erzähler, das Präteritum, die rhythmische Gestaltung, die Länge des Textes bei N I moniert und den Nachfolger II auf der gleichen Textsortenebene lokalisiert, der sollte sich tatsächlich mit Balladen mehr als nur rudimentär befassen.

2. wertungsfragen

Wer nun anfügt, Balladen seien in unsrer heutigen Zeit obsolet, der hat so recht, wie Vertreter von Werturteilen nun mal Recht beanspruchen können: Der subjektive Faktor ist fett zu veranschlagen.

Allerdings sollte man dann vorsichtig sein mit generalisierenden Abwertungen einer altmodisch erscheinenden Textsorte.

- Die Fraktal-Poetik samt Änigma-Norm (rätselhafte, brüchige Texte, bloß keine Eins-zu-Eins-Texte) der Modernisten ist in der Literaturwissenschaft und in der literarischen Praxis eine starke Strömung, Monopol aber hat sie keines.

- "Moderne" Balladen im deutschen Sprachraum (Brecht, Degenhardt) zeigen das Überleben antiquierter Gattungen, auch wenn sie totgesagt werden.

- Die Ballade im angelsächsischen Raum und in der Popmusik und deren praktische Akzeptanz bei unsren Puristen, all das deutet darauf, zumindest drauf, dass bei einer ästhetischen Evaluierung Grauzonen anzusetzen sind.

Vielleicht doch auch hier ein "In dubio pro reo"?
Oder gar mehr?




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