Ich meine mich zu erinnern, dass ich in der Schule (vor 25 Jahren) eine Parabel gelesen hätte. Es geht um "graue Herren" oder "graue Männer", die wollen dass die Erzählperson bei ihnen einsteigt. Aber sie schweigt. Als die grauen Herren nicht mehr kommen, sagt der Erzähler "Nein".
Wie heißt diese Geschichte? Von welchem Autor ist sie? Bei der Google-Suche stoße ich immer nur auf die Grauen Herren von Michael Endes Momo!
Danke Willimox für den Tipp! Entschuldige bitte die verquetschte Skizze. Die Maßnahme ist es leider nicht. In meiner Erinnerung ist es ein kurzer Text, vielleicht eine Seite, eine Parabel. Und mit den Grauen sind wohl die Nazis gemeint. Zumindest erinnere ich mich, dass mein Lehrer darauf hinaus wollte. Und der Autor hat wohl aufgrund der Nazis Deutschland verlassen, und der Text ist sozusagen seine Rechtfertigung dafür. Somit würde die Zeit vor 1933 fast ausscheiden. Wenn es nur nicht so lange her wäre und ich mich wenigstens an den Autor erinnern würde...
Nun denn, so lasst uns den Titel präzisieren und möge dann die Erinnerung sich bestätigen und das Wohlgefallen auslösen, das wir uns aus Literatur und Zeit und deren Archiven immer wieder zapfen.
Bertolt Brecht
Maßnahmen gegen die Gewalt
(1) Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach,
merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. (2) Er blickte sich um und sah
hinter sich stehen - die Gewalt. (3) „Was sagtest du?“ fragte ihn die Gewalt. (4) „Ich sprach mich
für die Gewalt aus“, antwortete Herr Keuner.
(5) Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. (6) Herr
Keuner antwortete: (7) „Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. (8) Gerade ich muß länger
leben als die Gewalt.“
(9) Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:
(10) In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der
Zeit der Illegalität ein Agent, (11) der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen
derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in
die er seinen Fuß setzte; (12) ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; (13)
ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.
(14) Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und
fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: (15) „Wirst du mir dienen?“
(16) Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, (17)
und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. (18) Aber was immer er für ihn tat,
eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. (19) Als nun die sieben Jahre herum
waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der
Agent. (20) Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus,
wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.“
[Bertolt Brecht: Gesammelte Werke Bd. 12. Frankfurt (Main) 1967 (=werkausgabe edition
suhrkamp), S. 375f.]
Weil ich nun aber Jugend ohne Gott erwähnte, schreib' ich auch dazu paar Zeilen. Wird ja wohl nix schaden.
Der Roman "Jugend ohne Gott" erschien 1937 in Amsterdam, wurde sogleich ein großer Erfolg und in mehrere andere Sprachen übersetzt. 1938 setzte die Gestapo das Werk auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“.
Da Horváth kurze Zeit selbst im Dritten Reich gelebt hat, dann aber gezwungen war zu emigrieren, ist "Jugend ohne Gott" - charakteristisch für diesen Autor - zunächst als zeitgenössische Gesellschaftskritik zu verstehen. Die Kritik am Faschismus und am Kleinbürgertum wird deutlicher denn je, es wird aufgezeigt, dass die schulische Erziehung nur noch auf den bevorstehenden Krieg ausgerichtet war, nicht auf das Entwickeln selbständigen Denkens oder moralischer Werte. Darüber hinaus aber führt der Roman und somit auch das Theaterstück in seiner Motivik und in den angesprochenen Themen in einen überzeitlichen Bereich ethischer Grundfragen hinein, mit denen Menschen (und vor allem auch junge Menschen) jeder Epoche, jeder Kultur sich konfrontieren wollen und müssen: Die im Titel angesprochene religiös-humanistische Problematik wird im Werk durchaus bewegt.
Der Protagonist des Romans bzw. des Theaterstückes, ein junger Lehrer, der in der Zeit des Dritten Reiches unterrichtet, ist anfangs noch ganz unschuldig. Er korrigiert die Aufsätze seiner Schüler und ist sich nun unsicher, ob er die Äußerung „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul“ durchstreichen soll, oder nicht. Er beschließt, den Satz stehen zu lassen, denn: „Was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft streichen“. Aber macht er es sich damit nicht doch zu leicht? Ist er nicht selbst der Mitläufer, der dem Gelispelten, Drohenden, Bellenden der faschistischen Radiosendungen seine stille Zustimmung gibt? Ja, sicherlich ginge es anders, der Lehrer will aber nichts riskieren - seinen Job, das Einkommen, mit dem er auch seine Eltern unterstützt, die gesicherte Pensionierung, ein gemietetes Zimmer mit Blumenstrauß von der Hausfrau zum Geburtstag. Im Laufe der Zeit ändert sich dennoch seine Einstellung. Involviert in einen Mordfall zwischen den Schülern, bekennt er sich seiner mittelbaren Teilnahme schuldig, findet zurück zu "Gott", der u.a. eine Chiffre für Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Rückgrat, ethisch vertretbares Handeln ist. Der Lehrer reflektiert seine Erlebnisse und Beobachtungen und legt, indem er sich selbst und sein Umfeld hinterfragt, nach und nach die Rolle des passiven Beobachters ab, wird zum aktiv Handelnden, der mitgestaltet, was geschieht.
So findet er im Gerichtssaal den Mut, die Wahrheit zu bekennen ohne Rücksicht auf Nachteile für die eigene Person, spornt dadurch andere an, ebenfalls wahrhaftig zu sein, und trägt dazu bei, dass der Mörder schließlich entdeckt werden kann. Das innere Ringen des Lehrers um einen eigenen Standpunkt und Wahrhaftigkeit lässt ihn am Ende aus dem System ausbrechen. Als nach kleinbürgerlichen Maßstäben zwar gescheiterter, aber innerlich unabhängiger, souveräner und aufrechter Mensch verlässt er Deutschland. Er geht nach Afrika, um dort zu unterrichten.
"Still, wie die dunklen Seen in den Wäldern meiner Heimat.
Und traurig, wie eine Kindheit ohne Licht.
So schaut Gott zu uns herein, muss ich plötzlich denken.
Einst dachte ich, er hätte tückische, stechende Augen -
Nein, nein!
Denn Gott ist die Wahrheit."
Vielen Dank Gretchen, ich hatte mich schon nach Deinem ersten Beitrag über Horváths "Jugend ohne Gott" informiert. In einigen Details kommt es meiner "Skizze" wirklich sehr nahe, sehr interessant! Du hast aber recht, dass es doch "Die Maßnahme" war...
Daher Willimox vielen Dank für die Mühe, die Lösung auf dem Silbertablett serviert zu haben! Ich komme mir vor allem deswegen wie ein Idiot vor, weil ich heute auf meiner Suche schon auf dieser Seite war und die Geschichte dort überlesen habe, obwohl sie gleich als eine der ersten aufgeführt ist.
Wie ich auf "Graue Herren" gekommen bin, ist mir ein Rätsel. Der Bezug auf die NS-Diktatur wurde im Unterricht vom Lehrer bestimmt hergestellt, obwohl das Stück ja älter ist und einen ganz anderen Hintergrund hat. Naja, irgendetwas muss es zu bedeuten haben, dass ich mich nach so langer Zeit genau an diesen Text erinnere...
1.Die Geschichte Brechts - die historische Einbettung ist angesagt - gehört in das Jahr 1929 und das Jahr 1938. 1938 - Brecht ist im finnischen Exil - bringt er sie mit interessanten Veränderungen im Galilei-Drama unter.
Auf jeden Fall ist die Geschichte offen für bestimmte Füllungen ihres Schemas: Es geht zweifellos um staatliche Gewalt der illegalen Art und um das Problem, ob man sich nun als "rechter, richtiger, humaner Mensch" outen und das Märtyrertum "erringen" muss.
Oder ob es so etwas gibt wie "stumme","heroische Passivität". Oder ob die Passivität nicht auf jeden Fall die illegale Staatsmacht stützt, also gar nicht so heroisch ist. Und wenn das so ist, ob man dann dem "rechten Menschen" und Denkenden eben dies vorwerfen könne. Er unterstützt ja durch seinen Dienst den Agenten.
Mit anderen Worten: Ist der gute Mensch verpflichtet zum Widerstand und zum Risiko des Lebensverlustes?
Dieser Frame ist nun wirklich offen für Diskurse hinsichtlich Stalinismus und Säuberungsprozessen, faschistoiden Strömungen oder des Autors Ausweichmanöver vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe.
2. Ein augsburgisch ausgesprochenes "Keuner" ist ein hochdeutsches "Keiner". So ähnlich bezeichnet sich der listige Odysseus in der Polyphem-Zwinge, als "Niemand" nämlich. Und entgeht der Vernichtung durch den geblendeten Riesen.
3. Wie offen diese Geschichte und wie die vorgestellten "Maßnahmen" zu würdigen sind? Ein weites Feld. Und: Man bedenke bei den Antworten eine gar nicht so unmögliche Fortsetzung:
Kaum hatte Herr Egge sein Nein gesprochen, da klingelte es. Vor der Tür stand ein anderer Agent. Er wies sich als Vertreter der Staatsmacht aus. Und begehrte Einlass.
Bonus-Track:
"Nein, ich habe ein deutsches Gedicht geschrieben .."
"Ich war nie Mitglied der kommunistischen Partei."