Sonett über Wörter · Heinz Sch. · ·


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     Heinz Sch.



Sonett über Wörter

   17.01.2012, 10:25



Wortschein

Wie Wörter willig sich zu Worten fügen
vom Zeitgeist eben frisch gestylt und frech
dem Reim am Abgrund nahe beinah läch-
ehrlichen Herzens Versmaßen genügen

Das Spiel der Silben weist schon auf die Wahrheit
und fräst sich klangverstärkt im hohen Ton
in Räume vor wo kürzlich noch ganz ohn-
mächtig gestolpert wurde bar der Klarheit

Aufleuchten freudig weit vernetzte Lichter
umweben rhythmisch jeden blinden Fleck
des Wörterteppichs Fäden scheinen dichter
verzwirnten Hirnen wirbelwilde schreck-
sekundenlange Blitze zu vereinen...
Der Worte Wahrheit ist wo möglich
Scheinen




Liebe Forumsteilnehmer,
als Theologe habe ich viel mit Wörtern und "dem Wort" zu tun. Das ist eine spannende Geschichte. Mit Worten liefern wir uns aus, und keiner weiß vorher, was danach auf uns zukommt.
Als Nichtgermanist finde ich es interessant, mit den Wortprofis dieser Zunft ins Gespräch zu kommen. Hören wir mal hin...
Grüße aus Berlin
Heinz

 

     Willimox



Sonett über Wörter

   17.01.2012, 11:33 / 1 x geändert



Ähä,

erstmal aufällig, dass hier ein Wortglauberklauber hantiert,
z.B.

Sonett über Wörter

Wortschein

Wie Wörter willig sich zu Worten fügen
vom Zeitgeist eben frisch gestylt und frech
dem Reim am Abgrund nahe beinah läch-
ehrlichen Herzens Versmaßen genügen

Das Spiel der Silben weist schon auf die Wahrheit
und fräst sich klangverstärkt im hohen Ton
in Räume vor wo kürzlich noch ganz ohn-
mächtig gestolpert wurde bar der Klarheit

Aufleuchten freudig weit vernetzte Lichter
umweben rhythmisch jeden blinden Fleck
des Wörterteppichs Fäden scheinen dichter
verzwirnten Hirnen wirbelwilde schreck-
sekundenlange Blitze zu vereinen...
Der Worte Wahrheit ist wo möglich
Scheinen

womöglich .... wo möglich

Und immerhin, sie scheinen und glänzen die wörter, nicht nur im Umfeld Sonett. Oder?

 

     augustine



Sonett über Wörter

   17.01.2012, 18:38 / 1 x geändert



O, jemanden, der sich als Pfarrer deklariert, hatten wir noch nicht hier.
Es wundert mich, weil ja ein Pfarrer, worauf du auch selbst hinweist, mit "dem Wort" zu tun hat. Da müsste er denn ja erstmal den Unterschied zwischen den Begriffen 'die Wörter' und 'die Worte' kennen, nicht wahr?
Außerdem, nach allem, was ich weiß und erlebt habe, hat ein Pfarrer u.a. mit Choraltexten zu tun, also mit gebundener, noch dazu sangbarer Rede. Hat er da nicht Rhythmen im Ohr, Reime, Eingängiges? Und ist ein Sonett etwas, was ihm ganz und gar unbekannt ist?

Was er hier vorlegt, ist für mich indiskutabel.

Ich stelle mir eher vor, dass diese Pfarrerei ein fake ist. Unglaubwürdig angesichts des mitgebrachten Textes, auf den ich eben nicht eingehe.


augustine

 

     Gretchen Darloni



Zwischen Scilla und Charybdis?

   18.01.2012, 02:58



Heiala Heinz, willkommen!

Die Wahrheit ist ja, dass auch ich (wie Du) nicht Germanistin bin, sondern (Dir ähnlich) mehr so eine Art Pfarrerin für eine kleine, ganz unberechenbar herumblökende Schäfchenherde und also nicht viel beitragen kann. Zwei Kommentare stehen aber hier bereits, beide von berufenen Wortprofis verfasst, und der eine Beitrag sagt so und die andere Zuschrift sagt anders, und ich nun dazwischen.
Wenn wer mich zwänge, Position zu beziehen, würd' ich mir tatsächlich eher den willimoxisch positiven Blick auf den Text zu eigen machen wollen. Mir scheint, hier sei sorgfältig überlegt und gefeilt worden; der Text fordert den Leser; da die Satzzeichen fehlen, wird zu einem Spiel mit unterschiedlichen Lesarten aufgerufen; durch Ironisierung werden doppelte Böden gelegt; der Text will einen wachen Leser, der ihm aufmerksam folgt. Am Schluss ist das Wort "scheinen" extra abgesetzt und dadurch besonders gewichtet.

Ich denke, mal ganz schlicht gesagt, hier geht es gerade um den Unterschied zwischen Wörtern und Wort(en), zwischen hohlem Ton und vollem Klang, und schließlich darum, was denn Wahrheit sei und wo in all dem Wörterprasseln, Wortgeklingel, Rederauschen, Texteraunen, Hochtongefräse heutiger Lebenswelten sie wohl steckt - oder eben nicht mehr steckt. Das Gedicht spielt auf formaler (phonetischer, semantischer, syntaktischer ...) Ebene mit seinem Thema, spielt mit sich selbst - so klingend, klingelnd wie es daherkommt, und das ist doch gut so.

Einige Enjambements bzw. Reime mögen ungewohnt (bzw. unrein) sein, mögen ungewöhnlich scheinen, doch rücken sie gerade Wörter wie läch-ehrlich, ohn-mächtig, schreck-sekundenlang in den Rezipientenfokus und man könnte vermuten, das sei "formal dem Inhalt zuarbeiten". Und noch: Enttäuscht wäre ich, wenn dieses

beinah läch- / ehrlichen Herzens

ein Tippfehler sein sollte, ein Versehen. Das ist doch Kalkül, eine Botschaft, oder?

Mehr nun aber nicht mehr zu so bedenklich früher Stunde!


. . . . . . . . . Krötchengrüße

. . . . . . . . . . . . . -> Zum Soap-Sonett (klick!)



@Liebkowsky: Deine -> Türme / Märkte pack ich nimma gezz; bin nämlich etwas erschöpft, weil ich die -> Tante Güldi in die Sanitätsakademie der Bundeswehr begleiten und mit ihr und dem Akademiekommandeur, Flottenarzt Hartriegel, ein sozialmilitärisches Poesieprojekt für OffiziersanwärterInnen vorbereiten musste. Mannmannmann ...

 

     Heinz Sch.²



Von allen Seiten umgibst du mich

   19.01.2012, 19:03 / 3 x geändert



Liebe Antwortende,

ich bedanke mich für die Reaktionen auf meinen Beitrag, die ich mit großem (fast hätte ich geschrieben: ethnologischem) Interesse gelesen habe.

Als Theologe bin ich offenbar ein Exot in diesem Forum. Vielleicht eine Art christliches Seepferdchen in einer flinkflügelig schillernden Libellenversammlung? Ein Krötchen ist auch da und steht meinem Element etwas näher. Kein Wunder, dass ich mich von ihm am besten verstanden fühle.
Deshalb auch meinen besonderen Dank für das namentliche Willkommen und die Interpretation, liebe(s) Gretchen!
Die augustinische Skepsis kann ich sicherlich nicht mit ein paar Worten (geschweige denn Wörtern) ausräumen. Wahrscheinlich gibt es dazu einen mir verborgenen Hintergrund, den ich respektieren muss. Immerhin möchte ich darauf verweisen, dass der berühmte Satz credo quia absurdum u.a. dem Augustinus zugeschrieben wird.

Aber was suche ich in diesem Forum?
Ich finde es immer interessant und bereichernd mit Vertretern benachbarter Disziplinen ins Gespräch zu kommen. Runter vom hohen Ross, raus aus der eigenen festen Burg und einfach schauen, was und wer da noch so alles summt und brummt, welche Worte und welche Weisen vorgetragen werden und wie die Welt aussieht, wenn ich die eigene Brille einmal abnehme.
Kurz: Ich lerne gern, höre gern hin, wenn andere etwas zu sagen haben, frage gelegentlich nach und stelle auch gern meine Sicht der Dinge zur Diskussion.

Ob ich hier vielleicht missionieren will? Ja unbedingt! Für gute Worte!

Heinz

 

     Willimox



words, worden, mots, parole, palabra

   19.01.2012, 20:12 / 2 x geändert



Zitat:
Die augustinische Skepsis kann ich sicherlich nicht mit ein paar Worten (geschweige denn Wörtern) ausräumen. Wahrscheinlich gibt es dazu einen mir verborgenen Hintergrund, den ich respektieren muss. Immerhin möchte ich darauf verweisen, dass der berühmte Satz credo quia absurdum u.a. dem Augustinus zugeschrieben wird.



Tja, dann werde Licht im augustinischen Dunkel, für Sprachfreaks hier eine schöne Predigt, sie beschreibt das Profil der Verwendungsweisen und kann - das ist sachadäquat meine ich - das Dogmatisch-Erstarrte-Petrefakte vermeiden, in den letzten Absätzen.

Dieser Hans-Martin Gauger ist weder das typische Mitglied vom Fähnlein Fieselschweif noch das typische Mitglied vom Fähnlein Faselschweif.

Worte im Unterschied zu Wörtern sind kurze Sätze, Aussprüche, denen die Tradition oder einfach der sich auf sie Berufende eine gewisse Bedeutung zumisst. Dergleichen meinen wir, wenn wir sagen, ‚das ist ein Wort von Jesus’ oder ‚ein Jesuswort' ‚ oder ‚Thomas Mann zitiert da ein Wort von Goethe’ oder ‚dies meint das bekannte Wort von Brecht...’ oder ‚dazu gibt es ein schönes Wort von Shakespeare’.

Worte und Wörter

Von dem Wort Wort gibt es zwei Plurale: die Wörter und die Worte. Es ist dies ein Reichtum unserer Sprache. Ein Vergleich mit unseren Nachbarsprachen zeigt es zusätzlich: sie haben da nur einen Plural, also etwa englisch, niederländisch, französisch, italienisch, spanisch, portugiesisch: words, worden, mots, parole, palabras, palavras.

Dieser Reichtum sollte bewahrt werden durch die Respektierung des inhaltlichen Unterschieds zwischen den beiden Pluralformen. Die Wörter – das sind die Wörter, wie sie im Wörterbuch stehen, im Lexikon und zwar nicht nur in dem, das ein Lexikograph, ein Wörterbuchschreiber, gemacht hat, sondern auch in dem inneren Lexikon, das wir, wie unsere Sprache überhaupt, im Gehirn (wo sonst?) mit uns herumtragen. Wie immer dies innere Lexikon angelegt ist, wie immer es ‚arbeitet’, wie immer aus ihm beim Sprechen und Verstehen die Wörter ‚abgerufen’ werden – es muss ein solches Lexikon geben, auch wenn es, soviel ist jedenfalls sicher, nicht alphabetisch angeordnet ist. Die mehr oder weniger sorgfältig gearbeiteten Lexika der Lexikographen, die wir deutsch also zu Recht „Wörterbücher“ und nicht „Wortebücher“ nennen, suchen, dieses innere Wörterbuch abzubilden. Zwischenbemerkung: die Sprachwissenschaft unterscheidet Lexikographen, Wörterbuchmacher also, von Lexikologen, die innerhalb der Sprachwissenschaft Spezialisten für die Wörter, das Lexikon, sind und sich also etwa von den Grammatikern unterscheiden. Natürlich sollte ein Sprachwissenschaftler beides sein: Lexikologe und Grammatiker.

Worte im Unterschied zu Wörtern sind kurze Sätze, Aussprüche, denen die Tradition oder einfach der sich auf sie Berufende eine gewisse Bedeutung zumisst. Dergleichen meinen wir, wenn wir sagen, ‚das ist ein Wort von Jesus’ oder ‚ein Jesuswort' ‚ oder ‚Thomas Mann zitiert da ein Wort von Goethe’ oder ‚dies meint das bekannte Wort von Brecht...’ oder ‚dazu gibt es ein schönes Wort von Shakespeare’.

Ein hier, für unsere Frage einschlägiges ‚Wort’ von Shakespeare ist das, das er dem Hamlet in den Mund legt und zwar auf die Frage des Polonius, der den lesenden Prinzen fragt: „What do you read, my lord?“, worauf Hamlet hochgradig ausweichend antwortet: „Words, words, words“. Die Übersetzung ins Deutsche kann hier nur „Wörter, Wörter, Wörter“ sein, denn Worte, Aussprüche, meint Hamlet da sicher nicht. Was ‚Jesusworte’ angeht, so darf man an „Die sieben letzten Worte des Erlösers“ denken, wie sie Joseph Haydn in Musik gesetzt hat: da geht es um eine Zusammenstellung aus den vier Evangelien der ,Worte', die Jesus zuletzt gesprochen hat. Hier braucht man niemandem klarzumachen, dass ‚die sieben letzten Wörter des Erlösers’ etwas sehr anderes wären.

Man muss also voraussetzen, dass im Singular diese beiden Bedeutungen, Einzelwort und kurzer Ausspruch, beieinander, also nicht formell (man kann auch sagen materiell) unterschieden sind, das Wort meint entweder das eine oder das andere, dass aber im Plural beide Bedeutungen auf zwei verschiedene materielle Formen, die also Verschiedenes meinen, verteilt sind.

Aber eine Sprache, in diesem Fall unsere, ist selten ganz konsequent. So müsste zum Beispiel, wenn Worte und Wörter sich so verteilen (und so verteilen sie sich), der Plural von Sprichwort unbedingt Sprichworte sein, er lautet aber Sprichwörter.

Und dann muss das zuvor Gesagte doch noch differenziert werden. Denn tatsächlich ist die Verteilung komplizierter, so nämlich, dass zwar für Wörter oft auch Worte gesagt werden kann, nicht aber umgekehrt für Worte Wörter. Letzteres hat uns ja schon Haydns Titel gezeigt – Wörter wäre da ausgeschlossen, weil er etwas anderes meinte. Wenn also wirklich Aussprüche gemeint sind, geht Wörter nicht. Wenn es aber um Wörter geht, kann man schon auch Worte sagen. Jedenfalls sagt man es, zum Beispiel in der bekannten Wendung ‚Mir fehlen die Worte’ – eigentlich meint man da doch Wörter. Oder? Übrigens weichen solch feste Wendungen gelegentlich ab vom eigentlich Üblichen. Und es gibt ein schönes und tiefes Gedicht von Goethe, das so beginnt: „Worte sind der Seele Bild 6 / Nicht ein Bild, sie sind ein Schatten...“. Da meint Goethe sicher eher Wörter als Worte. Weil dieses Gedicht ein bedeutsames Stück Sprachkritik ist, vor allem in den etwas rätselhaften Schlussversen „Nun, wir sprechen! Rasch im Fliehn / Haschen wir des Lebens Gaben“, müsste es hier eigentlich Gegenstand werden. Doch lasse ich es jetzt auf sich beruhen.

Somit: statt Wörter geht unter Umständen, wenngleich durchaus nicht immer, auch Worte. Und dann kommen noch zwei Dinge hinzu. Erstens ist da wohl auch ein regionaler Unterschied: Wörter dürfte süddeutsch häufiger sein als norddeutsch. Zweitens aber 6 und vor allem 6 ist Worte stilistisch höher, auch klingt es schöner, edler sozusagen als Wörter, das eher technisch praktisch anmutet. Trotzdem: manchmal muss man Wörter sagen. Zum Beispiel: ‚er kann schon ganz gut deutsch, aber er macht noch zu viele Fehler, und vor allem kann er noch nicht genug Wörter’. Obwohl auch da viele sagen würden Worte. Aber da wäre, meine ich – Bewahrung eines Reichtums 6 , Wörter wirklich besser.

Hans-Martin Gauger, November 2010

[url=http://www.deutscheakademie.de/sprachkritik/?p=196]http://www.deutscheakademie.de/sprachkritik/?p=196[/url
]


 

     Willimox



wörter und worte und werte

   21.01.2012, 16:29 / 2 x geändert



Der besondere Charme von words, worden, mots, parole, palabra mag sich dann erschließen, wenn man Augustines Kommentar vor Augen hat:

Zitat:
Es wundert mich, weil ja ein Pfarrer, worauf du auch selbst hinweist, mit "dem Wort" zu tun hat. Da müsste er denn ja erstmal den Unterschied zwischen den Begriffen 'die Wörter' und 'die Worte' kennen, nicht wahr?


Worum geht es?

Zitat:
Der Plural »Wörter« wird meist (Hervorhebung ww) für Einzelwort oder vereinzelte Wörter ohne Rücksicht auf den Zusammenhang gebraucht:

- sag mir drei Wörter, die mit »ex-« anfangen
- dieses Verzeichnis enthält 100 000 Wörter

Der Plural »Worte« wird meist (Hervorhebung ww) für Äußerung, Ausspruch, Beteuerung, Erklärung, Begriff, Zusammenhängendes oder bedeutsame einzelne Wörter gebraucht ....
(Duden)




Bild ohne Worte - Lied ohne Worte

 

     augustine



wörter und worte und werte

   22.01.2012, 17:26 / 1 x geändert



Doch noch was hauseigenes Einschlägiges:

http://www.literature-online.de/thema112...light=wortpaten

augustine

 

     Willimox



Themarelevant?

   22.01.2012, 19:06 / 2 x geändert





Lied ohne Worte? Leere Versprechungen!

 

     augustine



Themarelevant?

   22.01.2012, 19:53



Relevanz wird sich wohl noch rausstellen.

augustine

 

     Willimox



You've come a long way, pilgrim

   23.01.2012, 09:04 / 4 x geändert



Hm,

Augustines Kritik an dem Sonett ist mir eher unverständlich:

Der Wort-Wörter-Frame ist sauber bedient.
Rhythmus und Struktur handwerklich und in der Verfremdung gelungen.
Die schönen Polysemien ("scheinen") und das Sprachspiel ("lächeHrlich") - gar nicht zu verachten.

Freue mich über diese Stimme und ihren Träger
auf unserer Pilgerreise zum Glück.





You're the same dumb pilgrim
l've been hearing for days...

 

     Heinz Sch.²



You've come a long way, pilgrim

   24.01.2012, 10:32



Ich freue mich auch. Danke!

Heinz




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