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arisia (Gast)
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26.08.2006, 12:23 / 3 x geändert
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26.8.2006
nah-ost IV
unter dem Zypressenbaum
es stand ein Kind im Libanon
wohl unter dem Zypressenbaum
es stand nur da es wußte kaum
es war der letzte Sohn
noch war ihm wohl im Augenblick
verschwand des stillen Tages Raum
es wußte nicht es war kein Traum
war düsteres Geschick
es stand ein Kind im Libanon
es stand nur da es wußte kaum
wer stand unter'm Zypressenbaum *
er war der letzte Sohn
geändert, vorher:
er war der letzte Sohn
der stand unter'm Zypressenbaum

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ear
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Hi, arisia, trotz der drohenden Wolke scheint der "letzte Sohn" behuetet ,geschuetzt zu sein, denn er weilt unter dem Zypressenbaum, dem Baum des Lebens. Solange er in seinem Schatten weilt, duerfte ihm kein Unheil widerfahren.
Jedoch dem steht das Wort "Nahost" gegenueber, ein Kriegsgebiet,das nicht nach Regeln der Vernunft beurteilt werden kann. Menschliches Elend Unbeteiligter, der Zivilbevoelkerung, als menschliche Schutzschilde der wirklichen Soldaten benutzt, das ist das Kreuz unserer Zeit.L.G. ear

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augustine
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26.08.2006, 18:01 / 1 x geändert
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zuerst @ear, sei gegrüßt - gleichwohl muss ich Dir widersprechen; ich lese das Gedicht genau entgegengesetzt: das Kind unter dem Zypressenbaum wird von einem Geschoss getroffen und stirbt. Diese Deutung begründe ich so:
"NOCH war ihm wohl | im Augenblick/verschwand [...]", die ganze zweite Strophe bis - es steht doch so da! - "war DÜSTERES Geschick".
Die Zypresse: hoch, schlank, ist nicht "der Baum des Lebens"; man denkt, wenn so formuliert wird, an die jüdische Mythologie, wo dieser Baum so wenig definiert ist wie der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ein Apfelbaum ist. In meinem Lexikon steht (Stichwort: Zypresse) ausdrücklich der Satz: "Bei den Römern und später im Islam und Christentum galt die Säulen-Z. [die im Absatz davor auch "Trauerbaum" heißt] ALS BAUM DES TODES." War allerdings bei Assyrern und Phönikern (die Echte Z.) der Astarte heilig. Mit den Stichwörtern "Lebensbaum" und "Lebensbaumzypresse" müsste man bei Bedarf weiter in Botanik, Geschichte und Mythologie einsteigen. (alle Herv. von mir; Gedicht und: Meyers Großes Universallexikon)
@arisia: Das, finde ich, ist ein guter Versuch, an EINEM Kind und seinem Tod (Du wirst sagen, ob das so gemeint war) den Irrsinn dieser Kriege irgendwie zu 'fassen', an einem KIND und einem SOHN und dem LETZTEN Sohn. - Den Volksliedton mit dem mehrfachen ganz einfachen Beginn "es stand ..." ("eine Mühle im Schwarzwälder Tal ...) im Gegensatz zu dem Schrecklichen, das er mitteilt, den finde ich gleichfalls gut. Vorschlag: die Zeilen in der letzten Strophe so tauschen, dass wieder wie in 1 und 2 am Schluss ein nur 3-hebiger Jambus steht. Und: Die Veränderung von "es" zu "er" ist sicher Absicht, nicht Verschreibung: im Tod wird das Kind gewissermaßen zum Mann. Auch der Sinn von "letzte" verändert sich um bedeutsame Nuancen.
Grüße Euch beiden! augustine

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Jolante
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27.08.2006, 12:44 / 2 x geändert
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Hallo, arisia, augustine + alle:
das Gedicht ist mir unter die Haut gegangen, weil es mit wenigen einfachen Worten das Schreckliche dieses Krieges (und letztlich aller Kriege) vor Augen führt, so dass sofort Bilder im Kopf entstehen, die betroffen machen. Auf die Melodie des Volksliedes "Es steht ein Baum im Odenwald" (1808) kann man die Strophen singen, und da klingen sie sehr gefühlvoll, getragen von der einfachen und melancholischen Melodie.
Den Vorschlag von augustine, die Zeilen in der letzten Strophe zu tauschen, finde ich gut. Dann passt auch diese Strophe zur Melodie des Liedchens.
(Kleiner Scherz am Rande: In meinem Volksliedbuch ist verzeichnet, dass das Lied "Es steht ein Baum im Odenwald" zuvor auch zu einem anderen Text gesungen wurde: "Nicht lobenswürdig ist der Mann", 1780)
Liebe Grüße
Jolante

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Elise
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Ja, arisia,
das "einfache Lied" - es ist dir gut gelungen!
augustine hat bereits gesagt, was ich auch hervorheben hätte wollen, möchte mich der von ihr vorgeschlagenen Lesart anschließen! Sehr klug auch augustines Idee des Zeilentausches in der letzten Strophe.
Da sind keine Satzzeichen, das ist sehr gut, unterstützt das Melancholisch-Liedhafte, das Leichte, Hauchige des Textes, das singt sich so durch, so nebenbei: und hinterläßt doch Spuren. Unterstützt auch, was über den "Bewußtseinszustand" des Kindes gesagt wird: noch gar nicht richtig erwacht, noch gar nicht die Chance gehabt, etwas zu begreifen, das Leben zu ergreifen, da ---
Gut auch der sparsame Umgang mit Metaphern.
Liebe Grüße, Elise.

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arisia (Gast)
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05.09.2006, 14:07 / 1 x geändert
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hi, nochmal an alle, die sich mit dem Text beschäftigt haben,
hm, dann will ich die Geschichte mal aufklären. Ich zäume das Pferd von hinten auf, geht in dem Fall besser.
Der Junge unter dem Zypressenbaum stirbt nicht.
Ich hatte das Gedicht erst im Präsens geschrieben, da war dieser Tatbestand evtl. ersichtlicher. Dann merkte ich, daß die hellen "e" und "i" Laute, die das Präsens unweigerlich mit sich gebracht hätte, nicht zum Thema passen.
Okee, hab ich dann umgeschrieben ins Imperfekt, dann brauchte ich ein Symbol für das Überleben des Jungen.
In der alleresten Fassung war der Baum auch noch ein Feigenbaum, dann habe ich mich ein bißchen im Symbolismus umgeschaut und fand die Zypresse einerseits als "Trauerbaum", und andererseits als "Baum der Langlebigkeit".
Die Zypresse steht oft auf Friedhöfen, und sie ist das Symbol der "Trauer um die anderen". So, da war ich also fündig geworden.
Nun gut, das Kind steht unter der Zypresse, schaut evtl. seinen spielenden Geschwistern zu, dann geschieht etwas, ihm ist nicht mehr "wohl", aber der festgehaltenen Augenblick ist so kurz, daß er noch gar nicht realisiert, daß seine Geschwister tot sind, und er als einziger überlebt, nur ein vages Gefühl von Verantwortung, von Erwachsen-Werden, ausgedrückt durch den Wechsel von "es", das Kind, über den Umweg "wer", zu "er", der Mann. Es sind nur wenige Sekunden, die ich in diesem Bild festhalten wollte, aber lebensentscheidende Sekunden.
Dennoch, das ist nur meine Sichtweise, und wenn noch anderes darin erkannt werden kann, umso besser.
Bei der Wahl der Stropheform war ich von Rückert inspiriert, da ich gerade mit einem der Enkel die "Parabel" einübe, die mit den Zeilen: "Es ging ein Mann im Syrerland" beginnt.
liebe Grüße
arisia

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