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ear
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21.08.2006, 07:58 / 1 x geändert
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Eintragung Freitag, 16. Oktober 1987
Meine Fuesse versanken im nassen, von Kieseln und scharfen Muschelresten durchtraenkten Sand.Keine Kurtaxe hier bei angeschwemmten Holzplanken,vertrocknenden Quallen und halbierten Krebspanzern, nur eine verbeulte, von der Nordsee behaemmerte Dose, gefuellt von Schaum und Teerstuecken. Ich sah sie schliesslich haengen an einem der Sea-Kales, die hier ein geschuetztes Dasein haben, denn es ist ein Gebiet der Bodenbrueter.
Im Hintergrund, eingezaeunt und leer, die dunklen , seit Jahrzehnten nicht mehr benutzten Ausguckschlitze des Landguardfords, schweigend, nicht mehr dem Feinde trotzend. Das langgestreckte Bauwerk, abweisend, niedrig, versteckt in den Duenen, mit teilweise heruntergetretenem Draht, verbotener Eintritt, doch Verlockung fuer Kinder, die nie einen Krieg erlebten.
Der unruhige Himmel mit schnell ziehenden Wolkenfeldern verdunkelte sich zusehens. Ich beachtete es nicht, hing meinen Gedanken nach, bis ich mich ueber Geroell und groessere Steine bis zum Zaun des Landguardfords durchgekaempft hatte. Auf verstreuten, oft zerbrochenen Platten hastete ich ziemlich ausser Atem der Kaimauer des Felixstower Hafens zu. Der Wind steigerte sich, ich fuehlte, wieviel kaelter es ploetzlich geworden war. Schaumkoepfe und Flutwellen peitschten die Kaimauer und ratterten an den Kraenen . Der Wind lies die Wellen weit ueber die Kaimauer spritzen. Ich war durchnaesst, sprang mehr als ich ging, bis ich hinter der Mauer meinen kleinen rostigen Metro erreichte. Ich stemmte mit beiden Armen eine der Tueren auf, wurde fast hineingeschleudert von der Gewalt des Sturmes ,als mein linkes Bein noch halb draussen hing. Der Schmerz liess mich aufschreien, aber ich war in Sicherheit. Dann kam eine ploetzliche Windstille, erschreckend , bis der Sturm erneut und staerker brauste und ich Haeuser durch die Regenguesse nur schemenhaft erkennen konnte. Aeste, Baeume waren entwurzelt. Trotz der Nebellampen, keine Sicht. Der Motor stoppte auf dem tief ueberfluteten Weg. Ich war gestrandet. Krachende Baeume weiterhin, eine ganze Schneise, wie Streichhoelzer niedergemaeht, zerknickt und dann ein Donnergetoese: ich sah eine Buche auf ein Haus stuerzen, das Dach zertruemmern, und sich in die Forderfront des Hauses bohren. Stille folgte und kurz danach kleine Rauchschwaden und erste Flammen, mehrere Feuerwehren, Polizei und kurz darauf ein Krankenwagen, der nach wenigen Minuten einen Verletzten auf einer Bahre hinaustrug. Ich war wie versteinert, unfaehig, nur beobachtend, bis sich die gespenstische Szene verfluechtigt hatte. Mein schmerzendes Schienbein ernuechterte mich, ich suchte im Dunkeln, bis ich mein Handy fand und rief meinen Mann zu Hilfe. Er hatte vergeblich versucht, mich zu erreichen.
Spaetere Radio-Durchsagen machten es klar, dass ein Hurrikan Teile der Kueste um Walberswick sowie Holywells Park zerstoert hatte Es gab mehrere Tote, Verletzte, Sachschaden und tausende Baeume, denen nicht einmal "Tree Surgeons" helfen konnten.
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arisia (Gast)
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21.08.2006, 17:16 / 2 x geändert
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hi, ear,
Da hast du eine bewegendes, ängstigendes Erlebnis herrlich dynamisch erzählt, ohne Schnörkel, ohne Phatos, einfach mitnehmend bis zum Ende der Geschichte.
Dein Sprachgefühl ist beachtlich, ich greife mal einen Satz heraus, um zu demonstrieren, was ich meine.
| Zitat: |
"Ich sah sie schliesslich haengen an einem der Sea-Kales, die hier ein geschuetztes Dasein haben, denn es ist ein Gebiet der Bodenbrueter."
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Der erste Halbsatz ist es, der auch diese Szene dynamisiert obwohl eine Zäsur nach dem "hängen" da ist, oder vielmehr gerade deswegen.
Würde der Satzt so lauten:
"Ich sah sie schliesslich an einem der Sea-Kales haengen,"
dann würde einmal darüber eher hinweggelesen, und eine Atemlosigkeit durch das leichte Stocken, die die Originalfassung entstehen läßt, wäre verschwunden.
So, ich könnte jetzt so weiter machen, mit vielen Sätzen, aber dann würde der Beitrag überlänglich.
Aber einen noch:
| Zitat: |
"Trotz der Nebellampen, keine Sicht"
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eine eingeworfene Bemerkung, ohne Verbum. Auch diese Stelle hat eine enorm dynamisierende Wirkung. Es folgen eine Weile sehr kurze Sätze, keine hemmenden "und, aber und auch" Verbindungen. Gefällt mir enorm gut, dieser Stil.
Du könntest doch gut an dem englischen Drama mitarbeiten, zumal du ja auch noch Ortskundig bist, und von daher doch einiges in die Geschichte einbringen könntest. Und ich kann mir gut vortstellen, daß dein Schreibstil zu dramatischen Scenen paßt, ohne pathetisch zu werden.
Dein Text ist auch weit mehr als eine Notitz, du könntest mit Leichtigkeit eine Kurzgeschichte draus mache, im Grunde ist sie das schon, evtl. auf einer allgemeineren Ebene aufsetzen, statt auf einer persönlichen.
liebe Grüße
arisia
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Jolante
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22.08.2006, 12:28 / 2 x geändert
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Hallo, ear,
arisia hat deine "Kurzgeschichte" ja schon sehr schön inhaltlich ausgeleuchtet und auch die formalen Aspekte aufgezeigt. Auch ich bin begeistert von deiner Erzählung, die ich übrigens unter "Notizen" gut aufgehoben finde, denn der Titel lautet ja: "Eintragung, 16. Oktober 1987". Daher finde ich es auch im Gegensatz zu arisia folgerichtig, auf einer persönlichen Ebene zu bleiben.
In den ersten beiden Abschnitten beschreibst du in ruhigem und melancholischem Ton den Abschnitt einer Küstenlandschaft, die wenig touristische Attraktionen, aber ein geschütztes Stück Natur bietet (sehr schön: "ein Gebiet der Bodenbrüter"). Dann die Ankündigung des Dramas. - Zitat: "Der unruhige Himmel mit schnell ziehenden Wolkenfekldern verdichtete sich zusehends. Ich beachtete es nicht, hing meinen Gedanken nach, bis ich mich über Geröll und großere Steine bis zum Zaun des Landguardfords durchgekämpft hatte." Sehr dynamisch und zugleich komprimiert schilderst du nun das Sturm-Erlebnis, der Leser/die Leserin wird hineingezogen in eine atemlose Spannung, die fesselnde Schilderung einer Naturgewalt, unter deren Diktat wir überall und jederzeit geraten können. Du erzählst das dramatische Erlebnis ganz unprätenziös, dadurch gewinnt es für mich noch an Dichte. Mir macht es Lust auf mehr "ear-geschichten".
An alle: Es wäre interessant, noch andere Beiträge zu ears Text zu lesen, Bin gespannt.
LG Jolante

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