| |
|
Gerd
|
15.08.2006, 11:01 / 1 x geändert
|
|
ein Zirkulieren
in der Aorta der Gassen
zwischen den Kontraktionen
schiebt die Sonnenuhr
langsam
Rastende über den Platz
Du
suchst fliegende Bilder
warte
auf Dich
und
Dein glückliches Lächeln
ich
bin Eidechse
sauge
das warme Geflüster
der glattgetretenen Steine
in mich auf

|  |
ear
|
Hi, Gerd, eine prezise und dennoch hoch poetische Beschreibung Sienas mit seinem faecherartigen, festlichen Mittelpunkt und dem Torre del Mangia am unteren Ende, welchen man besteigen muss, bevor die Sonnenuhr allzu genau von Mittag und Siesta spricht. Sonnenuhren: so zeitlos,so ewig.
Fliegende Blaetter, fliehende Eindruecke, die man unter Zeitdruck festhalten moechte, statt sich gehenzulassen, um das Laecheln am Fusse des Torre del Mangia zu begreifen. Eidechsen sonnen sich wohl am schoensten, wenn nur Einheimische bei ihrer Arbeit sind und Touristen noch in Morpheus' Armen liegen.Ich wuerde gern einmal dem Gefluester lauschen L.G.ear

|  |
arisia (Gast)
|
15.08.2006, 22:14 / 1 x geändert
|
|
hi, gerd,
ein treffendes Bild, für die Gassen von Siena, die Aorta,
Puls um Puls geht das Treiben, auch im Vorfrühling,
wenn es noch nicht so ganz von Touristen überlaufen
ist. Allerdings muß Mensch sich dann hüten, jedenfalls
damals, nicht von Mopeds, die wie Moskitos auf dich
zu rasten, zwischen Wand und Moped, oder Wand und
Minilaster, der Innen bestimmt größer war als außen,
zerquetscht zu werden.
| Zitat: |
"Du
suchst fliegende Bilder"
|
Bilder en masse, kaum einzufangen, teilweise Überflutung,
Bedauern nicht alles fassen zu können, und dennoch glücklich,
die erwischt zu haben, die ich bekommen konnte, mit der
Kamera.
Ich merke gerade, daß das, was ich da schreibe keine
Interpretation deines Gedichtes mehr ist, sondern durch
dein Gedicht hervorgerufene Erinnerung meiner eigenen
Zeit in Siena.
nun, ja, schön, daß ich diese Bilder durch deinen Text
wieder erleben kann, auch das Gefühl des Eins-Seins mit
den von der Sonne durchwärmten Steinen, du als Eidechse,
ich wollte Katze sein, auf diesen Steinen, mich jedenfalls
auch schmiegen an die Wärme, an die Geschichte und die
Geschichten.
Ein Text der mich ganz lebhaft bunt das damalige Erleben
noch mal nachvollziehen läßt, Nachbilder und Düfte vor
meine Augen und in meine Nase zaubert.
Danke, haben mich sehr erfreut, diese Bilder
lg
arisia
|  |
Marcel Frank
|
sauge
das warme Geflüster
der glattgetretenen Steine
in mich auf
wow. geflüster und warm "würde ich" ("i'm nobody you'd know") noch hendre-drehen. das geflüster warm der glatt getretenen steine. wow. ich schriebe gerne mehr, aber es 1 anthologie-gedicht.
m

|  |
zuppanova
|
nein, Gerd, ich war da noch nie, bei dem Torre - aber dein text erzählt mir ja nun, wie es dort ist.
bunt, subjektiv - was mir so einfällt zu/auffällt an deinem gedicht: form herausgearbeitet, 6 pakete, 2/4 zeilen im wechsel.
- 2 pakete, um die szenerie auszumalen: kurz, nichts ausgeleiertes, ein sprung und "wir" sind da: wo es zirkuliert, wo die SONNENUHR die zeit taktet -
- 2 pakete für das "DU"
- 2 pakete für das "ich"
sodann sehe ich eine weitere innere einteilung: die zweizeiligen pakete hängen zusammen dadurch, dass sie sich mit "personen" beschäftigen (mit den "vielen" zirkulierenden, mit dem Du, mit dem ich), die vierzeiler beschäftigen sich damit, was "geschieht" im ablauf der zeit.
zwei existenzpunkte ragen aus der szenerie heraus wie pfeiler: zwischen denen ist das gedicht ausgespannt, zwischen dem Du und dem ich. Du und ich leben auf verschiedenen ebenen - ich aber weiss vom Du, hat das Du längst erkannt, umgekehrt wohl auch!? also könnte begegnung möglich sein:
obwohl "Du" fliegende bilder sucht (in den luftraum, nach oben, himmelwärts, zum sonnenlicht orientiert ist? abheben möchte?) während ich als unscheinbare, genügsame, demütige, scheue eidechse bodengebunden lebt, den steinen, der erde zughörig, der gespeicherten wärme.
sonne-licht-wärme (auch im glücklichen lächeln des Du enthalten): tragende metapher (sagt man so?) des textes.
ausserdem: atem, rhythmus im hintergrund, angedeutet in den kontraktionen, dem zirkulieren - das ist lebendig, leibhaft.
dann fällt mir noch ein: die EIDECHSE ist auch ein sternbild, zwar nicht besonders bekannt, aber ... eben am himmel.
und dann wollte ich noch sagen: du wirst immer besser, Gerd. aufgelöst im schatten hatte mir schon so gefallen ...
lg, zuppa.

|  |
augustine
|
18.08.2006, 00:13 / 2 x geändert
|
|
Hallo, Gerd, nun ich auch: um möglichst nicht zu wiederholen, was schon gesagt ist, nur Weniges: Ein 'Du', das sich bewegt, 'fliegt', Bilder sucht / ein Ich', das auf das Du wartet, bis es genug Bilder gefunden hat; und nicht nur das glückliche Lächeln der Fotografin (ich nehme an, es ist weiblich, dies Du) zeigt die harmonische Verbindung, sondern zeigt auch: der Wartende ist gleichfalls glücklich, gelassen, lässt die Gefährtin frei sein, drängt nicht. - Eidechse auch: Regenerationssymbolik (eben nachgelesen), immer wieder Erneuerung dieses wechselseitig sich Freiheit geben, Freiheit nehmen, des Sich-Veränderns (die Häutungen auch von Eidechsen). Besonders schön: das Hören auf das "warme Geflüster/der glattgetretenen Steine". Wenn die Steine reden, dann tun sie es, weil sie von Vergangenem reden können, das sie erlebt haben, seit langem, immer wieder, intensiv, von dem sie deshalb glattgetreten sind. Das kann in Siena der Palio sein, muss es aber nicht. Es scheint mir die historische Dimension des Verstehens (von der sich so viele heutzutage entbinden möchten, weil dies ja den Genuss der Gegenwart zu mindern scheint). Dieses Ich hier aber saugt das Geflüster in sich auf: es möchte hören. Laut ist die Stimme der Vergangenheit nicht, auch deshalb nicht jedem vernehmbar. -
Problematisch erscheint mir die "Aorta" "der Gassen", denn die Aorta ist nur eine. Magst Du das erklären oder, wenn der Einwand Dir einleuchtet, ändern?
Liebe Grüße in die nördliche Nacht von augustine
Ergänzung; eben erst merke ich, dass Du Dein Gedicht unter 'Einsamkeit' ein gestellt hast. Habe ich es falsch verstanden?)

|  |
augustine
|
In der online-Ausgabe der SZ von heute findet Ihr 10 Fotos vom palio in Siena; vielleicht interessant? Grüße von augustine

|  |
Gerd²
|
Hallo augustine, arisia und ear, es freut mich sehr, dass ich für jene, die Siena kennen, ein Stück dessen lebendig werden lassen konnte.
Dass sich darüber hinaus auch ohne dieses Wiedererkennen, so differenziert, weitere Ebenen zu den Beziehungen öffneten, erfreute mich nicht minder, hier besonderen Dank an zuppa. Die Begegnung ist möglich und das Warten erfüllt.
Ja Marcel, gerne hätte ich mehr von Dir gelesen, vielleicht findet sich bald eine Version Deiner eigenen Rotation und Sphäre?
augustine, wie schön, Bilder der diesjährigen Palio zu sehen. Auf dem Lehm dieser Strecke bin ich vor wenigen Tagen noch gegangen. Danke. Die Aorta ist bei einem Blick auf den Stadtplan von Siena leichter zu erkennen und umfasst wirklich mehrere Gassen. Eben jene, die um den Campo pulsieren. Tritt man in eine Seitengasse, wird es direkt still. Fast befindet man sich in einer anderen Zeit. Wenn Interesse an den genauen Örtlichkeiten besteht, kann ich diese gerne auch differenzierter benennen, so wie ich Sie wahrgenommen habe. Die Rubrik trägt in diesem Fall kaum Bedeutung, nichts ist falsch verstanden, nur die Zuordnung mehr aus der Not geboren und nun, nicht wissend, wie änderbar. Dennoch tat dies, nach meinem Eindruck, dem Verstehen keinen Abbruch.
Herzlichen Dank Euch allen, für so reichlich Rotbäckchentrank
Gerd

|  |
augustine
|
09.07.2008, 17:31 / 1 x geändert
|
|
Grüße von augustine.
hier

|  |
Vladimir
|
Hallo Gerd,
das Zirkulieren - sind das die Touristen oder ist das auch im Gedicht?
Dann dass die Sonnenuhr die Rastenden (bemerke: die Rastenden!, nicht die Hastenden) langsam über den Platz schiebt - bei dieser Beobachtung weiß ich kaum mehr zu sagen, als dass ein einstimmendes Lachen in mir aufspringt - genau so (und das weiß wohl jeder, der einmal lange an einem touristendurchlaufenen Platz gesessen hat)!
Dann: was schafft diesen Zeitbogen, diesen langen Innenraum, in dem die Sonne zur Bewegung wird? Das Warten.
Und dann löst es sich aber wieder von dem Du: während des Wartens geschieht etwas mit dem Ich das unabhängig, ja sogar im Kontrast zu dem Du steht (die fliegenden Bilder): trotzdem wird es genannt, ist vielleicht am Ende sogar wichtiger als das Du (?): dieses lauschen der Steine - ja noch nichtmal lauschen, sondern es passiert einfach, nur durch das Sitzen flüstern sich die Steine in ihn rein.
Diese Spannung beim Warten zwischen dem Erwarteten und dem, was trotzdem, obwohl man ja nur wegen ihr oder ihm dort sitzt passiert, und das was da passiert (mit der Zeit, in der Zeit, durch die Zeit) - das find ich da wieder.
Dank dafür,
Vladimir

|  |
Gerd²
|
Liebe augustine,
ich danke Dir für Dein behutsames Freilegen.
Hallo Vladimir,
was da zirkuliert ist mehr als Touristen, das ist Lebendigkeit, Atem, der eigene und jener von so vielen Jahrhunderten. Das Warten schafft nur Gelegenheit für Wahrnehmung. Bewusstheit ist, was sich da von der Physis entäußert und in den stetig fließenden Strom aus Zeit greift - sich mitziehen lässt. Das Ich und das Du sind gleichermaßen wichtig. Durchaus Gegenpole, die immer wieder durch loslassen und anziehen Gleichgewicht finden.
Ich danke Dir für Dein Eintauchen in meine Zeilen
Gerd

|  |
|
|