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augustine
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12.08.2006, 22:27 / 4 x geändert
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DIE KLAGEBÜCHER
Mein Tag- und Nachtbuch du, seit langen Zeiten
Verschwiegen, hilfreich, immer mir zuhanden,
Und stets bewahrst du Bilder, die entstanden
In Schlaf und Träumen und in ihren Weiten.
Von Tagen lese ich, die böse zehrten,
Ein jedes Glück und jede Lust wegreißend.
Geduldig mir dann Blatt um Blatt zureichend,
Verstand ich langsam, was die Bücher lehrten:
Dass jeden Tags Erkenntnis nur begrenzt ist
Und wir, wenn wir sie fanden, Ruhe finden
Und nicht in Schmerzen, Trauer, Hass verblinden;
Auch, dass Erinnerung nie immerwahr ist,
Die Seele - unverfüglich, eigenlebend -
Vergisst, verbindet; immer Neues webend.
7./12./13. August 2006

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arisia (Gast)
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hi, augustine,
schön, daß du das Sonett so schnell bearbeitet hast.
Was mir als erstes auffällt, die rein weiblichen Kadenzen, die mit dem Verstehen, auch dem Ein-Verstanden-Sein des So-Gewesenen und des jetztigen So-Seins korrespondieren. Sie erzeugen ein weiches, verständnisinniges Klangbild.
Das Straffen der Zeilen hat die Sprachqualität beträchtlich erhöht, und ich denke auch, dem lyrischen Ich selbst noch mal mehr, weil etwas distanzierter, auf der einen Seite, und näher am Geschehen auf der anderen Seite, Einblick in das eigene Erleben gebracht.
In S2, Z1:
"Tage, die böse zehrten", ist viel ausdrucksstärker als das verwaschene "unerträglich" in der ersten Fassung. Das "böse" ist viel unmittelbarer, greifbarer, auch genauer in seiner Aussage, nimmt den Leser, die Leserin mit.
Und in S2, Z4,
"Verstand ich langsam, was die Bücher lehrten:",
erzeugt das Einbringen des lyr. Ichs viel mehr Dichte, drückt die eigene Betroffenheit aus, kommt "wahrer" rüber als:
"Hast du mich sehen lassen, was sie dadurch lehrten:"
diese Zeile in der alten Fassung ist eher nichtssagend, da ist auch nicht unbedingt das Annehmen des durch die Bücher Gelehrten drin, lediglich ein "Sehen", über das frau mit einem Schulterzucken, sozusagen, hinweggehen könnte, wohingegen die Zeile in der Neufassung explizit auf das "verstanden worden sein" hinweist, den eigenen Lernprozess für den Leser, die Leserin, sowie auch für das lyr. Ich real macht.
Auch die letzte Strophe gewinnt durch die Straffung, in Z1 an Verständlichkeit in Z2 an Logik, denn es ist ja die Seele, die lebt und nicht die Kraft, die ja "nur" eine Eigenschaft der Seele ist, und in Z3 an Dynamik, womit insgesammt nicht nur die Verständlichkeit sondern auch die Sprachqualität gewinnt.
So lese ich das gerne.
Uff, jetzt geh ich aber erstmal frühstücken
Liebe Grüße
arisia

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augustine²
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14.08.2006, 13:45 / 1 x geändert
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Danke, arisia, für diese sorgfältige, einfühlsame vergleichende Betrachtung der beiden Fassungen! Ja, so fühle ich mich verstanden, wenn eine (es dürfte auch einer sein), sich derartig intensiv Gedanken macht um valeurs von Worten, für sich allein (die Worte) und im Kontext mit anderen. - Und das alles vorm Frühstück!
Die erste Fassung war in einer Nacht (so was passiert bei mir immer nachts) geradezu herausgebrochen, so dass ich aufgestanden bin und geschrieben und dann später nur wenig bearbeitet habe. Sie kam direkt aus dem Leben, und erstmal war's gut, sie ungelesen liegen zu lassen und dann sie ins Öffentliche zu setzen. Da hatte ich dann aber auch nach einigen Tagen noch nicht die Distanz, meinen Text nun als einen Text zu sehen, also schlicht Silben zu zählen (Auftakt und fünf Trochäen (Xx), denn die Reime, die unbedingt sein müssen, weil das Sonett ein Klanggedicht ist, stimmten ja (fast). Es verblüfft mich immer wieder ("immer wieder" ist natürlich noch stark übertrieben) zu sehen, was unter dem Zwang der Erfüllung einer Form sprachlich treffender und dadurch inhaltlich klarer wird.
Solches 'nicht zu schnell' war mit dem Guten Rat in der Distichon-Formübung vor allem gemeint!
DER FREMDE, heute morgen daraufhin nochmal angesehen, hat alle diese Schwächen noch, ich weiß. Er gehört in denselben Kontext, als Momentaufnahme sozusagen und eine Erfahrung, die mich sehr bewegt hat.
Liebe Grüße an alle, die dies lesen mochten. augustine

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rollerball
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Dieser Betrachtung kann ich mich nur uneingeschränkt anschließen. Ich denke auch, dass das Sonett in seiner 2. Version durch die disziplinerte Bearbeitung sehr gewonnen hat!

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