Böse Sieben · Jolante · ·


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      Jolante



Böse Sieben

   12.08.2006, 12:37 / 2 x geändert



Der Brunnen ist noch nicht vertrocknet,
doch seh` ich auf dem Grund
die Steine aus dem Bauch des Wolfs,
die letzten sieben Jahre,
statt munterer junger Geißlein
jedes Jahr ein Stein.

Die flinken hellen Kiesel hüpften auf
der Oberfläche, bevor sie untertauchten
in vergessene Tiefe - Jetons,
verloren hab ich sie bei meinem Einsatz,
die Chancen standen niemals eins zu eins.

Als mich die Nadel stach
tauchte ich unter, das Wasser über mir
zusammenschlug und alles,
was ich dann in meinen Träumen fand,
war längst vergeben an die schöne Goldmarie.

Kein Kikeriki, als ich erwachte,
stach heiß die Nadel von dem Tropf im Arm,
und auch die Frau in Weiß war nicht Frau Holle,
die Reise hat sich nicht gelohnt
und nichts ist wahr.

Am Brunnen sitz` ich wieder und seh`
die Steine grünlich unter Wasser schimmern.
Sie lasten schwer auf meiner Brust.
Schneidet mich auf,
Ihr findet - nichts !

 

      ear



RE: Böse Sieben

   12.08.2006, 15:32 / 2 x geändert



hi Jolante, koennte es sich um einen Fiebertraum im Krankenhaus handeln, nach einer ausgestandenen Operation? Steine am Grunde, Kieselsteine, die versacken, Steine, lastend auf der Brust, Wasser fast vertrocknet im Brunnen.
Chancen, ungleich verteilt. Statt Frau Holle, eine Frau im Aerztekittel?Kuenstliche Ernaehrung am Tropf?
Wirre Traeume vom Wolf, der Geiss und ihrer geretteten Geislein. Keine Erwaehnung von Pechmarie, aber Goldmarie hat bereits alles Gute erhalten.
Es erinnert mich an Aehnliches und beruehrt mich sehr. L.G. ear

 
        arisia
        (Gast)

Formales

   13.08.2006, 14:35 / 1 x geändert



hi, Jolante,

ear hat schon sehr schön das inhaltliche Thema ausgeleuchtet. Ich will mich mal ein bißchen am Formalen aufhalten.
Ich sehe S1 als Hinführung zum Geschehen, S4 und S5 Darstellung des Ereignisses, und S6 dann als Resümee, Reflexion, endend mit einer Aufforderung an das Schicksal und trutzigem (kein Schreibfehler) Aufbegehren.
Eine Anregung:
Ich würde die Strophe 2 und 3 weglassen, oder zu einer 5-zeiligen zusammenfügen, die auf die "Nadel" hinführt. So wie sie jetzt da stehen (S2 und S3) sind sie inhaltlich nicht relevant, verzögern den Fluß des Gedichtes und halten auch sprachlich nicht mit den anderen Strophen mit.
Was mir persönlich jetzt sehr gut gefällt ist die Klammerung des Inhaltes über das Bild des Brunnens,
in der ersten Zeile,
Zitat:
Der Brunnen ist noch nicht vertrocknet

da klingt für mich die Hoffnung auf Überleben schon mit, - Wasser steht als Symbol doch meisten für Leben -
die sich in der letzten Strophe ja auch als berechtigt erweist, da das lyr. ich ja nach all dem dramtischen Geschehen wieder am Brunnen sitzt.
Dieses ganze Geschehen an die Märchen anzuknüpfen gefällt mir sehr gut.

lg
arisia

 

      zuppanova



RE: Formales

   14.08.2006, 00:25



servus, Jolante,

möcht auch noch gern zur form etwas anmerken (der inhalt, denke ich, ist sehr gut nachvollziehbar und berührt auch mich --- sei auch zu trennen von den anmerkungen zum formalen):

- arisia hat den vorschlag gemacht zu straffen, und ich denke auch, dass das gedicht dadurch gewinnen könnte.
- du arbeitest mit märchenbildern, leitmotiv (auch im titel sehr schön) ist das märchen "wolf + 7 geisslein" - hier ist auch das bild vom brunnen verankert, womit sich vieles aussagen lässt (wasser-motiv, noch nicht ganz vertrocknet, tiefer brunnen als symbol für unbewusstes, reise in andere wirklichkeit usw.). der kritische punkt für mich ist (aber da bin ich mir nicht ganz sicher, andere meinungen können hilfreich sein), dass du ein weiteres märchen einführst. zwar ist durch den brunnen, der in beiden märchen ja eine rolle spielt, die verbindung gegeben, aber ich persönlich würde wohl eher dazu tendieren, im bilderkreis eines einzigen märchens zu bleiben.
- die letzte strophe: da ist ein wechsel des blickwinkels, der mich irritiert - lyr. ich sitzt am brunnen und sieht die steine unter wasser schimmern, im nächsten moment "lasten [sie] schwer auf meiner brust" - diesen wechsel kann ich als leserin nicht mitvollziehen, das geht mir zu schnell, zu unvorbereitet, entbehrt der inneren logik.

so, das wars, ich hoffe: hilfreich.
lg, zuppa.

 

      Jolante²



RE: Böse Sieben

   16.08.2006, 14:59 / 1 x geändert



Hallo ear, arisia und zuppanova,

bin erfreut über eure Kommentare :))) Die von dir, arisia, vorgeschlagene Straffung habe ich auch schon vorgenommen. Aber was mach ich mit deinen Anregungen, zuppa ? Da bin ich jetzt noch ein wenig ratlos, wie ich das hinkriegen soll, ohne das ganze Gedicht zu zerstören, bzw. überflüssig zu machen. Die Geschichte spielt ja auf zwei Ebenen, der real erlebten Schmerztherapie vor einer Operation und der im Halbschlaf traumähnlich erlebten Märchenbilder als Symbole für 7 unfruchtbare (vertane) Jahre, verspielte Chancen (Wolf und 7 G.), danach der Weg durch den Brunnen,Hoffnung auf Glück (Frau Holle), die guten Sachen waren aber schon alle an Goldmarie vergeben. Als Pechmarie komme ich wieder an den Brunnen zurück. Die Träume haben sich nicht erfüllt, die Realität holt mich ein, die Steine lasten noch immer auf meiner Brust. Jetzt der Appell vor der Operation: Schneidet mich auf, Ihr findet nichts !, soll heißen, die eigentliche Krankheit (vermutet eine bösartige Geschwulst), wurzelt in meiner Seele.
So, das hab ich jetzt mal versucht darzustellen, bin natürlich ein wenig enttäuscht von mir, dass es mir nicht gelungen ist, meine Intention in dem Gedicht deutlich zu machen. Ich brauchte beide Märchen mit dem Brunnen als Klammer. Noch weiß ich nicht, wie ich das Gedicht retten kann, eure Kritik wird mir jedenfalls eine Hilfe dabei sein. Danke :)))

Betrübt;
aber nicht hoffnungslos
grüßt Jolante

 

      zuppanova



RE: Böse Sieben

   16.08.2006, 22:59



liebe Jolante, nicht betrübt sein!

leg mal in die schublade, was ich gesagt habe. denn es ist klar, wenn du den ansatz verfolgen wolltest, nur 1 märchen-bilder-kreis zu nehmen, dann hättest du gleich ein ganz anderes gedicht-gerüst, es wäre eine radikale sache, also: erst mal vergessen, vielleicht wenn die zeit reif ist aufgreifen und ein ganz neues weiteres gedicht zu der thematik machen. (die ist ja auch durchaus eine gewaltige, und verschiedene aspekte, die du oben erwähnst, könnten auch einzeln noch fokussiert und genauer ausgeleuchtet werden.)

ganz lg von zuppa.

 
        arisia
        (Gast)

stimmig

   18.08.2006, 13:24



hi, Jolante,

ja, so ist das Gedicht inhaltlich stimmig, habe es nochmal sorgfältig gelesen und auch meine Bedenken wegen der "Jetons" sind hinfällig, hatte wohl noch die alte Version der Zeilen im Kopf.
Wenn du mal viel Zeit :) und noch mehr Abstand hast, wäre es evtl. geschickt, die Form nochmal zu überarbeiten. Es zeichnet sich bei der Anlage der Strophen ein Rhythmus, ein metrisches Schema ab, das aber nicht durchgehalten wird. Könnte sein, daß dieses Gedicht noch mal an Intensität und Dichte gewinnet, wenn du es daraufhin noch einmal, oder mehrmals, untersuchst und angleichst.
Das Eingebettetsein des Geschehens in die Märchen gefällt mir sehr gut. Es stört meiner Meinung nach auch nicht, daß da mehrere Märchen im Spiel sind, da der Brunnen auch hier, sowie in der äußeren Form, was ich in einem früheren Beitrag schon erwähnte, das Bindeglied darstellt.
Interessant gearbeitet finde ich u.a. die Stelle mit der "Goldmarie", die du dazu benutzt, ohne es zu erwähnen, auf deinen gefühlten Zustand als "Pechmarie" hinzuweisen.

so, laß es dir gut gehen,
liebe Grüße
arisia

 

      ear



RE: stimmig

   18.08.2006, 16:46



Liebe Jolante, in deinem Gedicht ist trotz des Titels der "Boesen Sieben" etliches Positive enthalten. Es waren bestimmt keine verlorenen 7 Jahre, denn du hast dich durch dein Gedicht von allem Bedrueckenden geloest. Hoffentlich ist nun aus der "boesen" eine "glueckliche" 7 geworden, denn normalerweise gilt doch eine 7 als symboltraechtige Glueckszahl. Bleib gesund und lieben Gruss,ear.

 

      Jolante²



RE: Böse Sieben

   19.08.2006, 17:55 / 1 x geändert



Bin erfreut, dass Ihr -zuppa, arisia, ear- meinem Gedicht (und so auch mir) so viel Aufmerksamkeit geschenkt habt. Ich fühle mich ermutigt, die Form nochmal zu überdenken.
@ ear: Dir ein Extra-Dankeschön fürs Mutmachen :)))
LG Jolante




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