| |
|
Elise
|
10.12.2005, 00:29 / 5 x geändert
|
|
nach Kommentaren veränderte, aktuelle Version
wandlung
so leicht diese hülle
so trocken und brüchig
zermürbt und zerrieben
der graue kokon
befreit ist der falter
ihm zittern die flügel
die silberstaubfeinen
schon trägt ihn das mondlicht
davon
-----
ursprünglich eingestellte Version
wandlung
so leicht diese hülle
so dünn und zerbrechlich
so mürbe und trocken
der graue kokon
befreit ist der falter
schon zittern die flügel
die silberstaubfeinen
schon trägt ihn das mondlicht
davon

|  |
Marcel Frank
|
Wow. Kann nur kurz antworten, aber konkret: "Wandlung" im "Tod" (Thema, wie auch immer, es könnte auch Leben heißen), da denkt man gleich an Menschenschicksale und die ersten Verse geben Anlaß, die Zähne zusammenzubeißen ("hülle": maske ? innen-außen ?). Auf einmal gewahrt man den eig. Gegenstand und ist erleichtert ! Das Gedicht versumpft nicht in einer Schwere, sondern hebt an (Paket 1) und verfliegt (Paket 2). Alle Fragen lösen sich im Mondlicht auf, kein Kopfzerbrechen, sondern die knappe, präzise, FEDERLEICHTE (Rhythmus) Beschreibung eines natürlichen Vorgangs, die gut zu den ´feinen Flügeln´ paßt. kokon/davon überdies ein prima "Kniff". Etwas verbeiße ich mich in den (a) Inversionen* und (b) parallelisierten Aufzählungen [Adjektive, so/so/so]. Wo ist der Unterschied zwischen mürbe und trocken ? Wo der zwischen "(mürbe + trocken)" und "so (mürbe + trocken)" ? Siehe ebf. "schon"/"schon". Allerdings: Was falle einem zu Kokon auch Charakteristisch(er)es ein ? Deshalb, gut, ja, das Kon-zentrieren der Hülle (1 Detail). Die Befreiung kommt evtl. zu schnell (da die Wandlung aus "mürbe und trocken" erfolgt, also aus einer Qualität des Materials heraus, nicht aber aus einer vers-erörterten Qualität "Wandlungsfähigkeit"). In der (in mir subjektivierten) Summe ein stimmiges Gedicht (mit Ausnahme v. mind. 3 der 4 raumstarken Adjektive) ...
... glaube ich unverbindlichst und ob der einfachheit (immer gut !) des gedichts wild nickend:
m
* Konsequent ("Duktus") wäre gewesen: "das mondlicht schon trägt ihn davon". Vielleicht war es besser (ja), nicht konsequent gewesen zu sein ... ("Harmonie-Overkill")

|  |
Elise²
|
Danke, m, für Deine Mitteilungen!
Sehe, was Du siehst und fragst. Ich weiß noch nicht, wie ich es beantworten will. Wie wichtig ist ein Gedicht? Wie viele Worte sollte man darüber verlieren? Es ist spät. Elis -

|  |
augustine
|
Nun ich auch noch.
Ja, das Gedicht ist "schön", (fast) vollkommen. Auch die Anaphern, gerade sie, tragen dazu bei. Nur, finde ich auch: "mürbe" und "trocken" - was mürbe ist, war vorher trocken, umgekehrt muss das Trockene nicht mürbe werden ... Der letzte Satz, Marcel, so wie Du ihn vorschlägst, klingt viel zu gewichtig, finde ich.
Da sieh Du zu oder nicht, Elise.
hände: Belastest Du nicht vielleicht das "federleichte" Sprachgespinst durch seine massive Vereinnahmung als Gleichnis für menschliches Leben? Das ist zu Ende nach dem Durchgang durch den Tod; jedenfalls ist nichts Anderes bekannt. Das des EINEN Schmetterlings natürlich auch. Aber vorher wird er den Grund gelegt haben für neue Larven/Puppen/Schmetterlinge - zyklisch. Aber für den Menschen als Gattungswesen gilt das auch. Heißt auch: nehmen wir Menschen uns nicht zu wichtig - weil wir geschlagen sind mit Bewusstsein?
Wenn Du magst, Elise: sag' doch, was Du gemeint hast.
Grüße, augustine

|  |
Elise²
|
12.12.2005, 00:14 / 2 x geändert
|
|
Danke auch an Dich, augustine, für Dein wohlwollendes Feedback!
trocken = conditio sine qua non mürbe (andersherum nicht), das war mir durch Marcel schon klar geworden, ich habe das verändert.
Das "so" ist da, weil der Betrachter des Vorgangs (das "lyrische Ich"?) darin steckt, so denke ich jedenfalls, mit seiner Verwunderung, seinem Staunen; es ist eine Art verdeckter Kommentar eines impliziten Sprechers/Sprecherin zu dem Vorgang. Das "schon" ebenso.
Muss die Wandlung(sfähigkeit) erörtert werden? Ich behaupte frech: Nein! Der Ablauf ist festgelegt, vorbestimmt und geschieht "einfach". Kokon und Falter haben in gewisser Weise nichts miteinander zu tun. Wenn die Zeit reif ist (=das Material mürbe genug), fällt der Kokon einfach weg, der Falter erscheint. Eines wird ersetzt durch das andere. Kein Prozess. Die Entwicklung des Falters im Kokon ist natürlich ein Prozess, aber der hat mit dem hier beschriebenen Vorgang wiederum nichts zu tun.
Die parallelisierten Aufzählungen sind eine Marotte von mir; ich mag sie nicht lassen, weil sie mir gefallen (oh ...). Hier scheinen sie mir das Liedartige zu unterstreichen (kann es leider nicht professioneller ausdrücken ...).
Den/Einen Overkill zum Schluss will ich natürlich nicht; also da inkonsequenterweise keine Inversion.
Dann noch: Einen konkreten Anlass für das Lied (ich nenn's nun so) gab es zwar, der tut hier nichts zur Sache. Wer (es) liest, baut seinen eigenen Kontext auf.
Bis bald, Elis.

|  |
Elise²
|
Eure Anmerkungen ließen mir keine Ruhe. Musste nochmals daran basteln; vielleicht ist es nun stimmiger. - Doch, ich denke. Ja.
Elis

|  |
Marcel Frank
|
hast du die alte version noch ? vielleicht ließe sie sich neben der neuen einblenden. gut wäre: 1. posting editieren (aus neu wird alt), erschiene dann auch unter "Eigene Gedichte" (Link im Profil): also, wie geschehen. | und in einem späteren posting die alte version, zum nachvollziehenkönnen der reaktionen. wäre spannend, den entwicklungsprozess zu sehen. (was auch immer ein gedicht wert sein mag, wie du richtig anmerktest ...)

|  |
Elise²
|
Im first post stehen nun die ursprüngliche und die veränderte Fassung beieinander.
So ist es doch ganz gut übersichtlich, nicht?
Danke nochmals, Marcel Frank, für Deine
dem Text erwiesene Frreundlichkeit.
Elise

|  |
zuppanova
|
Wenn man dem Forenarchiv (http://www.literature-online.de/archiv.html) auf den Grund taucht, also nach unten scrollt und scrollt, bis es weiter nicht mehr geht, findet man als eines der "ältesten" Gedichte des Forums dieses hier: wandlung.
Aus verschiedenen Gründen las ich es in letzter Zeit immer wieder, kann es mittlerweile sogar auswendig, habe endlich beschlossen, es durch diese Anmerkung "nach oben" zu holen. Ich gestehe: Es gefällt mir. Weil es so einfach ist, weil es ohne großen Zierrat auskommt und dennoch etwas sagt (mir, jetzt, in diesen Tagen), weil es so verhalten heiligmäßig ist (Titel -> Metamorphose y/o Transsubstantiation ...), weil es mit der Psyche-Motivik spielt (http://de.wikipedia.org/wiki/Schmetterli...ische_Bedeutung).
Ja, so hat es angefangen, damals.
. . . . . . . . . . .Grüße, zuppa

|  |
|
|