Wie der Redestab zu den ... · arisia · ·


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        arisia
        (Gast)

Wie der Redestab zu den ...

   07.08.2006, 09:08 / 8 x geändert



Eigenartig, wie die Dinge sich immer wieder aufeinander beziehen. Viele Assoziationen strömen mir gerade durchs Gehirn, Elisens eigener Beitrag zu 40°: vir|tu|al infektion, hat mich an eine Geschichte erinnert, bei der es auch ums Viel-Reden geht, und wie selbiges in den Griff zu bekommen sei; mir kam das Bild von Tischtennisbällen, die hin und her fliegen, und damit wieder das Bild des "Fängers" in dem Gedicht, das Augustine unter "gem. Interpretationsversuche" eingestellt hat. Gut. Punkt. Sonst fängt die Geschichte nie an. :)

Wie der Redestab zu den Menschen kam

geschrieben, nachdem ich an einer Redestabrunde mit einer Cheerokee-Indianerin teilgenommen hatte, und einige meiner sehr verkopften Bekannten später wissen wollten, an was für einem "Unsinn" ich da denn teilgenommen hätte, ohne mich dann erzählen zu lassen, da sie ja schon alles wußten und untereinander sehr laut über diesen "Unsinn" sprachen, ohne daß auch nur einer dem anderen zuhörte und schon gar nicht mir.

Als die "große Mutter" die Welt aus sich selbst heraus schuf, schuf sie die Welt in dem Bewußtsein, daß die einzelnen Teile dieser Welt, seien es Organische oder Anorganische, in sich selbst nicht vollkommen waren. Sie nahm diese Unvollkommenheit der einzelnen Teile der Welt in Kauf, denn nur das nicht Vollkommene kann sich verändern und wachsen. Sie nahm es in Kauf, weil sie wußte, daß die Welt als Ganzes durch die Fähigkeit der Veränderung ihrer Teile immer in Ordnung, immer Vollkommen war, durch diese stete Unvollkommenheit. Eine der Unvollkommenheiten der Menschen ist es, daß jeder immer alles besser weiß, daß niemand seinem Nachbarn zuhört, ja, daß manche Menschen gar nicht erst geordnet sprechen lernen.
Eines Tages, als die "große Mutter" sich wieder in eine Gruppe von Menschen einfühlte, sah sie zu ihrem Schrecken, daß diese Menschen vor ihrer Zeit sterben würden, wenn sie keine Möglichkeit fänden sich miteinander zu verständigen. Der Winter war nahe, die Menschen sollten in einigen Tagen das Sommerlager abbrechen um nach Süden zu ziehen. Aber es waren noch keine Vorbereitungen getroffen worden, das Lager abzubauen. Die Menschen liefen herum, standen in kleinen Gruppen zusammen, alle redeten laut und viel, wie alles zu tun sei, und wohin sie ziehen sollten, keiner saß in Ruhe und hörte.
Schnell breitete sich die "große Mutter" über die ganze Welt aus und erfuhr, daß es bei allen Menschengruppen so zuging. Da rief sie die listigen und mutigen Schlangen und bat sie, den Menschen zu helfen.

Große Klapperschlangen kamen überall in die Lager der Menschen gekrochen und trieben sie mit ihrem Rasseln zu einem Kreis zusammen. Zum ersten Mal seit langer Zeit waren die Menschen wieder still, still und starr, still und starr vor Entsetzten.
Eine der Schlangen kroch zu einem der Menschen und drängte ihren Kopf in seine Hand. Aus seiner Angst heraus begann der Mensch zu beten, zögernd zuerst, dann immer lauter. Als er merkte, daß die Schlange ihm kein Leid antat, begann er über die bevorstehende Wanderung der Gruppe zu sprechen, und er sprach immer sicherer und lauter. Da wollten auch die anderen Menschen wieder sprechen, aber die Schlange zischte und züngelte jeden an, der es wagte den Mund zum Sprechen zu öffnen. Sie blieb aber bei dem Menschen der sprach, und sie blieb so lange bei ihm, bis er ausgesprochen hatte, ehe sie ihren Kopf in die Hand eines anderen legte. Und noch eines tat die Schlange, sie achtete darauf, daß die anderen Menschen auch zuhörten, sie zischelte jeden an und drohte zu beißen, wenn jemand unaufmerksam war, oder einzuschlafen begann.
So kamen die Menschen wieder dazu den Anderen ausreden zu lassen und zuzuhören, und auch die, die vorher nicht gut reden konnten, sprachen jetzt flüssig und kompetent.
So liefen die Dinge der Welt sehr gut. Als sich die Menschen an die Schlangen gewöhnt hatten, wurde es den Schlangen mit der Zeit zu langweilig, all den Gesprächen der Menschen zu lauschen, sie vergaßen fast ihre eigene Sprache. Die "große Mutter", die dies alles mit Wohlgefallen betrachtete, nahm auch die Langeweile der Schlangen wahr. Da schickte sie den weisen Frauen der Menschen den Traumraben. Mit seiner Hilfe gab sie ihnen ein, statt der Schlange nun einen Stab aus Holz zu benutzten. Der Mensch, der den Stab hielt, durfte sprechen bis er leer war. Dann wurde der Stab an den nächsten weitergegeben. Die anderen hörten zu, denn der Stab besaß auch Schlangenkraft und machte sich manchmal selbstständig, um ein ungestümes oder schlafendes Mitglied des Kreises zurecht zu weisen.

 

      ear



RE: Wie der Redestab zu den ...

   07.08.2006, 12:24



Hi, arisia, das ist ein hochinteressanter Text, gibt so manche Moeglichkeit zum Einhaken.
Cherokees mit ihrer Idee, verantwortlich zu sein fuer etwas, das falsch gelaufen ist und der Wunsch, dieses Falsche zu eliminieren, um die richtige Balance wieder herzustellen. Geschichten-Erzaehlen ist ganz wichtig. Die Schlange in ihrer Vielfalt von Arten und der starken Verbreitung ist ein Wesen, das sich fuer Symbolik anbietet.
Nicht nur als teuflisch und voller Tuecke wird sie gesehen, sondern vor allem als Hueterin und voll geheimer Kraefte. Vielleicht haengt es damit zusammen, dass sie sich haeutet und quasi ein neues Leben beginnt.
Ich denke auch an den Aeskolap-Stab, zwar kein "Redestab", aber von Apollos Sohn Asklepios so verwendet, dass er Leben und Tod bewirken kann.L.G.ear

 
        arisia
        (Gast)

RE: Wie der Redestab zu den ...

   13.08.2006, 15:06 / 2 x geändert



hi, ear,

danke für deinen Beitrag. Ja, ich habe von indianischen Frauen einiges gelernt in Bezug auf Gelassenheit, Geduld und Effiziens; einer Effizienz, die nicht aus der Eile, der Hektik und der Gier nach Macht jeglicher Couleur geboren ist. Mir hat es auch gefallen beim Schreiben die Schlange einmal positiv darzustellen, sie in ihrer Symbolik etwas wegzubringen von der alttestamentarischen Bedeutung.
Ja und im Aeskulap-Stab sind ihre beiden Eigenschaften, die Heilbringende ihres Giftes und das Todbringende vereinigt. Die Heiler der Antike wußten ja schon sehr viel, was bei uns in Europa durch das Mittelalter und die Kirche erstmal wieder zerstört wurde. Auch dabei ging es wieder um Macht, denn wer durch die Kunst der Ärzte geheilt werden kann, ist nicht so empfänglich für den all-einigen Herrschaftsanspruch der Kirche und ihrer Repräsentanten.

lg
arisia




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