Sperrmüll · augustine · ·


Kurzgeschichten · Forum für Literatur & Germanistik
 

Neue Beiträge   |   Registrierung   |   Lesungen Literatur auf YouTube - Gedichte - Forum für Literatur und Germanistik  |   dradio   |   Archiv   |   l o g i n

 
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Leseliste
~ Forenliste
~ Gäste-Chat
Literatur
~ Impressum

  Online
Bananenfisch

  Lesungen

  Piep, piep, piep...

  Aktuelle Themen

Solveig

Talvolta le poesie sono

Zwei Gedichte

G7sus4 (12-string) --> für chantal

Vatnajökull (prisma)

Achrad (6)

Trahisa (5)

Letzte Nacht

Straße

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

Feierabendland

Mein Buchhändler

Ein Dogma

Distanz

in die nacht

Jahrestage

Der Musik Laden Faden II

Hausarbeit

Die grauen Herren, ich sagte "nein"?

Kommt ein Pfarrer


 

      augustine



Sperrmüll

   08.12.2005, 23:21 / 4 x geändert



SPERRMÜLL

Während des nur gelegentlich unterbrochenen Regens dieses Sommers stelle ich zum Sperrmüll hin, was mir nicht mehr gefällt oder was Schaden genommen hat. Photos in Postergröße sind diesmal dabei, aufgezogen auf Holz, von einem Wasserschaden im Haus gewellt, die jetzt vom Regen zusätzlich deformiert werden. Eins zeigt das Sylter Watt, weit hinten erst das Wasser, trocken gefallene Buhnen, Karrenspuren im alten Keitumer Hafen. Fast monochrom. Ich habe es einmal sehr geliebt. Aber es ist verloren. Doch ich kann es, so ungefähr wenigstens, als Photo wiederholen. Der Regen fällt drauf. Auch eine Kohlezeichnung ist bei meinem Sperrmüll, Pinien an einem südlichen See, ein Original, das aber in langen Jahren niemand hat aufhängen mögen, und so stelle ich es heraus in einer großen Plastiktüte, damit der Regen ihm nichts anhaben kann. Jemand wird es finden. Es kommen immer Leute vorbei, die im Sperrmüll was finden.
Ärgerlich ist es, wenn Vandalen kommen und Plastiksäcke aufschlitzen, so dass der Inhalt, wenn er leicht ist, über die Straße getrieben wird. Peinlich kann es sein, mit den Sperrmüllsammlern zusammenzutreffen, die noch Verwendung haben für das, was ich wegwerfe.
Eine junge Frau kommt, während ich noch dabei bin, Tüten mit abgespieltem Kinderzeug zu den Bildern zu stellen. Sie fährt langsam mit ihrem alten Auto, hält an, steigt aus, geht zu auf das Herausgestellte. "Gefällt Ihnen unser Sperrmüll?" frage ich nicht besonders freundlich. Sie konnte ja eine von denen sein, die auch Säcke aufschlitzen. Eine aggressive Antwort hätte ich mit meiner Frage durchaus provoziert haben können.
Stämmig steht die Frau da, der Kühle und dem Regen entsprechend in einem dicken, schlapperigen selbstgestrickten Pullover, der bis zu den Knien reicht und länger ist als die gelbe Regenjacke, die Füße in gelben Gummistiefeln. Die blonden Haare hängen ihr in nassen Strähnen unter der Kapuze heraus ins Gesicht. So steht sie da und steht zu ihrem Tun.
"Mir gefällt dies beinahe schwarz-weiße Photo", sagt sie. "Ich liebe es, wenn das Meer atmet, wenn es geht und wiederkommt. Das ist so viel gewisser als unser Menschenleben. Na ja, es scheint so. Sturmfluten sind anders. Ich hätte es gern mitgenommen, aber es ist nicht mehr zu retten. Wir sind früher oft an der Nordsee gewesen, als wir noch zwei waren. Auch die Spielzeugtüten nehme ich. Vielleicht verkauft sich was auf dem Flohmarkt." Diese Selbstsicherheit nimmt mir die Spottlust. Die steht ja wirklich zu sich.
Und erzählt mir eine Geschichte, da im Regen an unserem Gartenzaun. Ihr Freund starb vor nun mehr als zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall. Sie, die jetzt hier Sperrmüll sammelt, hatte ihn zu sich gerufen, gebeten zu kommen, ihn bekniet geradezu. Sie habe Ärger in der Firma gehabt, nicht einmal wirklich schlimmen. Sie hätte allein damit fertig werden müssen, sagt sie, aber habe sich immer so gern von ihm trösten lassen, ein bisschen wie ein Kind, obwohl sie damals selbst eines erwartet habe. In seinen Armen habe sie sich wieder sicher gefühlt, den Ärger von sich weghalten können. Dann sei der Freund gegangen.
Der Unfall sei wenige Meter vorm Haus passiert. Vom Balkon, die nachwinkende Hand sei erstarrt sekundenlang in der Luft stehen geblieben zugleich mit dem stockenden Atem, habe sie zugesehen. Der Freund wurde schwer verletzt und starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, starb nach schrecklichen Wochen zwischen Hoffen und Lassen trotz aller Drähte und Schläuche und obwohl sie jeden Tag bei ihm gesessen und zu ihm gesprochen habe. "Man sagt doch, Bewusstlose können hören, irgendwie." Hätte sie doch nur nicht ... Nicht schuldig, aber die Ursache. Oder doch schuldig? Oder hatte Gott in seinem ewigen Ratschluss ...? So sagt sie wirklich, während sie die Tüten mit dem Spielzeug aufnimmt. Das Kind habe sie übrigens bald nach dem Tod des Freundes, seines Vaters, verloren.
"Dies, was ich hier betreibe, das ist meine Therapie fürs Wochenende: Aus dem gesammelten Sperrmüll suche ich das raus, was für den Flohmarkt noch brauchbar ist. Manches repariere ich. Eine Puppe kann ich heil machen, sonst nichts mehr." Es mache ihr schon immer noch etwas aus, sich anzueignen, was andere Leute wegstellten. Sie wünscht mir, dass kein Schicksalsschlag wie der ihre mich treffe. Es klingt beinahe freundschaftlich.
Die Kohlezeichnung nimmt sie nicht mit.

AugenblickeBlickwinkel 14

 

      Marcel Frank



RE: Sperrmüll

   14.12.2005, 23:10



(Hatte gerade einen längeren Kommentar geschrieben, dann war der Akku leer. Und weg.) Deshalb, alles in Kürze:

+ souveräner, geschlossener Vortrag
(man liest widerstandslos)
+ zur Ich-Figur passendes Lexikon
+ ein tatsächlich "erzählter" Text
(und deshalb um Längen besser als der "er-sagt, sie-sagt, be-ISBN-druckte, inquit-Formel-Kram von z.B. Baedeker-Tischen)
+ besonders die ersten beiden Drittel | 3/4: "reif"
(dann geht auf einmal das "Synthetisieren" los)

An genaue zwei Stellen biß ich auf die Zähne: Beide mochten Bedeutung anreichern. 1: Der Nachtrag "die noch Verwendung haben für das, was ich wegwerfe." (Das ist doch die Kurzgeschichte ! Es fixiert, sehr früh, das Noch-Vage. Wenn man darauf verzichtete, nichts nähme Schaden, glaube ich. Zudem profiliert sich - über Gebühr - an dieser Stelle das "ich". Es geht nie ums Ich. Nie.) 2: Der Solidarisierungsgestus am Ende. (Nicht nur, dass das Ich dort das letzte Wort haben muß, es rollt auch noch 1 Lesart wie einen roten Teppich aus. Ich könnte mir vorstellen eine Szene, in der der Kurzbesuch fährt ("Abfahrt") und ggf. der Regen einsetzt (Wieder-Aufnahme 1. Absatz).) Und Ende. Da fangen dann die Schüler an, sich am Kopf zu kratzen und bei der Gruppenarbeit werden die dickie-hosen-losen Brillenträger nach vorne geschubst ... : )

Mehr davon.

 

      augustine²



RE: Sperrmüll

   20.11.2007, 00:31



Ich erlaube mir, diesen Text aus den Anfängen hier nochmal hochzuholen. Vielleicht mag ja jemand was dazu sagen.
Weiterhin: die Idee kam mir vor ein paar Tagen.
augustine

 

      ajfs



RE: Sperrmüll

   06.01.2008, 18:55



Ich weiss nicht, ob ich mit dem, was Marcel Frank geschrieben hat, konform gehe. >> es geht nie ums "Ich" << Ich bin da ganz anderer Meinung, es geht immer ums "Ich". Und so verstehe ich auch den Satz >> Peinlich kann es sein, mit den Sperrmüllsammlern zusammenzutreffen, die noch Verwendung haben für das, was ich wegwerfe.<< Es ist die Gemütsverfassung des literarische Ichs zu dem Zeitpunkt an dem sie (? - der Text gibt keinen Aufschluss darüber) ihre Sachen 'rausstellt. Das was dann folgt ist nicht peinlich sondern berührend, das Ich erlaubt es sich zuzugeben, das es möglich ist an Sie heranzukommen.

Mir gefällt diese Geschichte.

Andreas Stübs

 

      augustine²



RE: Sperrmüll

   06.01.2008, 19:17



Danke, Andreas, für deinen Kommentar hier und dafür, dass du schon eine Kurzgeschichte eingestellt hast (habe ich heute nacht mehrmals gelesen, da kommt noch was von mir) und dafür, dass wir also auf diese Weise miteinander ins Gespräch kommen.
Natürlich geht es in Kurzgeschichten ums Ich. Das heißt ja nicht, dass man nicht das Erlebte verdichten darf. Aber ich hab's erlebt.
Es geht mir wirklich um Augenblicke, die (über mein Erleben hinaus) möglichst etwas Allgemeineres offenkundig machen, und was mich interessiert, sind solche Augenblicke, die momenthaft Gegensätze sichtbar machen. Je knapper die Darstellung, desto besser die Geschichte, scheint mir. Daran erprobe ich mich.
Sei willkommen geheißen! augustine

 

      Vladimir



RE: Sperrmüll

   07.01.2008, 19:36



Vielleicht hab ich mich einfach zu sehr auf die subtile Beschreibung des Sperrmüll rausstellens und sehens wie es abgeholt wird gefreut - mich enttäuschte die Erzählung in ihrem Verlauf.
Ich weiß nicht: Welche Geschichte soll nun eigentlich erzählt werden? Die der Erzählerin oder die der Sperrmüllsammlerin? Ich finde, die passen nicht zusammen. Für die Erzählerin ist die Sperrmüllsammlerin zu laut, zu viel geballte Dramatik und Tod auf einmal (auch das prompte lyrische Beschreiben des Wattbildes find ich viel zu viel) - dafür ist die Ausgangssituatin, das preisgeben der Gegenstände mit ihren Vergangenheiten, der Regen, vor allem aber das Warten zu zart. Die Trauer um den Freund und das Kind ist so wuchtig, dass es der subtilen und ja vielleicht erst aufkommenden der Erzählerin in mir zumindest kaum noch Platz lässt oder sie in der Gegenüberstellung schlicht überrollt.
Also das fügt sich irgendwie nicht. Und wenn es verdichtetes sein soll (und den Ansatz find ich gut) dann weiß ich nicht, was denn nun dort verdichtet wird.
Also wäre weniger vielleicht mehr (ein blöder Spruch...)?
Da das ganze wohl schon was her ist - da würd ich selbst vermutlich nichts mehr ändern. Aber ergibt die Kritik für dich irgendwie Sinn?

Liebe Grüße,

Vladimir

 

      augustine²



RE: Sperrmüll

   07.01.2008, 20:26



Ja, es ist eine schon ältere Geschichte, der Vorgang und das Aufschreiben. Das hast du sensibel gelesen - wie alles andere auch. Heute würde ich knapper zu schreiben versuchen.
Dann: die Gegensätze will ich. Sie sind das, was mich eigentlich an Kurzgeschichten interessiert. Dass sich diese Geschichte, samt Gegenständen, Kleidung und in der Geschichte erzählter Geschichte, tatsächlich 'so' ereignet hat, ist kein Argument, ich weiß. Aber ich habe diese Gegensätze im realen Ablauf schon bemerkt und dass sich das erzählen lassen müsste.
Aber du hast recht: jetzt ändere ich nichts mehr.
Liebe Grüße augustine

 

      Jolante



RE: Sperrmüll

   24.01.2008, 13:33



Liebe augustine,
ich finde es gut, dass du den Text so stehen lässt. Zwar ließe sich auch aus meiner Sicht gegen eine Verkürzung (=Verdichtung) kaum etwas einwenden, aber diese Geschichte ist so anschaulich und flüssig erzählt, dass sie den etwas längeren Atem gut vertragen kann. Es ist eine Geschichte, die das Leben schreibt und der man abnimmt, dass sie authentisch ist. Daher finde ich, dass die Ich-Erzählerin gleichberechtigt neben der Sperrmüllsammlerin zu Wort kommen darf, zu Wort kommen soll. Die Gegensätze sind klar definiert, die unterschiedlichen Erzählebenen eng miteinander verzahnt. In meinen Augen ein gelungener Text !

Lb. Grüße
Jolante

 

      rollerball



RE: Sperrmüll

   24.01.2008, 20:25



Liebe augusttine,

auch ich habe den Text weder als zu lang noch zu kurz empfunden - das Wesentliche wird gesagt, ohne sentimental oder peinlich zu werden - ein Stück Leben, das nachdenklich macht ...




Views heute: 2.940 | Views gestern: 3.674 | Views gesamt: 5.475.635