Distanz · Jolante · ·


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      Jolante



Distanz

   19.07.2006, 17:42 / 1 x geändert



Einen Augenblick nur
zucken meine Hände
Paddel ohne Boot
Über den weißen See
treiben meine Wünsche
ans andere Ufer

Mittagsglut lächelt
mit durstigen Lippen
Einen Augenblick nur
hebst du dein Glas
schwimmst mit mir
auf der gleichen Welle

Sonnenkringel tanzen
bunte Reigen in die Zeit

Zum Wohl sagst du höflich
und bist wieder am Ufer
Weißer See zwischen uns
- unendlicher Tisch

 
        arisia
        (Gast)

RE: Distanz

   20.07.2006, 08:42



hi, Jolante,

ich stelle mir zwei Menschen vor, an einem Tisch zwar sitzend, dennoch durch irgendetwas weit voneinander entfernt. Verständigung kaum möglich. Der Impuls zum Zusammentreffen ist da, aber dem Impuls fehlt das Tragende, das Boot. Der weiße See symbolisiert für mich eine Leere, die nicht überwunden werden kann.
"Mittagsglut lächelt mit durstigen Lippen" kann ich mir z.Z. gerade sehr gut vorstellen, auch ihre Doppelbödigkeit. :)
Dann der Augenblick des Stillstandes der Welt, kurzes Verstehen über alles Trennende hinweg, in diesem magischen Augenblick, in dem das weiße Licht sich auffächert und zu bunten Kringeln wird. Und schon vorbei der Moment, weiße Leere kehrt wieder ein, eisiges Schweigen, auch diese Vorstellung kommt mir bei dem "weißen See", trotz Mittagsglut.

lg
arisia

 

      Jolante²



RE: Distanz

   20.07.2006, 12:35



An alle, die das Gedicht zu sich nehmen:
Nachdem ich Arisias Kommentar gelesen habe (Danke, Arisia), habe ich Zweifel, ob es der letzten Zeile "Unendlicher Tisch" bedarf, oder ob der Schluss "Weißer See zwischen uns" nicht aussagekräftig genug ist. Über einen Rat (oder schlimmstenfalls einen Rat-Schlag) würde ich mich freuen.

LG Jolante

 

      Gretchen



unendlicher Tisch

   21.07.2006, 06:51



Heia, Jolante,

das soll nun wirklich kein Rat-Schlag sein, aber ich meine: der Tisch müßte unbedingt bleiben, und zwar: "unendlich". Mir kommt vor, dem Gedicht wäre die Pointe genommen, wenn du ihn wegradierst, mir gefällt auch diese Verankerung in einer alltagsmäßigen Situation, die ja an verschiedenen Stellen durchschimmert und dann in der letzten Zeile endgültig enthüllt wird. Genau dadurch erhält das Gedicht diese Doppelbödigkeit, eine Spannung, und es bleibt nicht im Ungefähren hängen. Ja, mir gefällts sehr gut mit dem unendlichen Tisch. Der ist für mich der Witz an dem Text!

Aber vielleicht gibt es noch andere Ansichten?

Erst mal Grüße vom Gretchen!

 
        arisia
        (Gast)

Tisch

   25.07.2006, 09:58



Hi, Jolante,

da kann ich mich Gretchen's Meinung nur anschließen. Zum einen bringt der Tisch die Geschichte in den Alltag, zum anderen erzeugt er für mich eine so endgültige Distanz, so weit ins Unendliche reichend, wie es der weiße See alleine nicht schafft. Da der "weiße See" bei mir sowieso schon das Bild einer Eiswüste hervorgerufen hat, die aber in ihrer Begrenzung noch überwindbar gewesen wäre, gewinnt diese Eiswüste durch den "unendlichen Tisch" nun die Dimension des Unüberbrückbaren.
Von daher gesehen, denke ich, solltest du den "Tisch" stehen lassen.

lg
arisia

 

      augustine



Distanz - am See?

   28.07.2006, 18:33



Jolante, dies Gedicht ist mir nachgegangen. Meine Schwierigkeit ist der See - die See könnte ich eher verstehen. Es ist vom anderen Ufer des Sees die Rede, aber auch von ihm als unendlichem Tisch. Beides, scheint, 'geht nicht'.
Auch dies eine Darstellung einer fehlgelaufenen, schon gar nicht mehr wirklich versuchten Kommunikation, die in kurzen hoffnungsvollen Augenblicken (Einen Augenblick nur in den beiden ersten Strophen) wider alle Erfahrung mehr erinnert, als nochmals versucht wird. Die Hände zucken als Paddel ohne Boot. Damit kommt man nicht von der Stelle. Die Wünsche (des weiblichen Ich, nehme ich an) treiben über die weiße See in die Unendlichkeit, nicht an ein anderes Ufer.
Das angeredete Du scheint in dem Augenblick des (rituellen, nichtssagenden) Zuprostens mit dem Ich auf der gleichen Welle zu schwimmen. Mit dem Zum Wohl und seiner untadeligen, eiskalten Höflichkeit ist 'er' wieder am Ufer. Die Hoffnung auf Verständigung hat getrogen. Sie lese ich aus den abgesetzten beiden Versen.
Problematisch finde ich dann noch: Wünsche treiben (passiv), das Ich hat einen Augenblick die Vorstellung gemeinsamen Schwimmens (aktiv). Und: Mittagsglut ist verzehrend; wie kann sie da lächeln? Wozu brauchst Du sie wirklich?
Nach diesen Überlegungen scheint mir unendlicher Tisch nicht zu passen: ein Tisch verbindet.Oder soll das dazu widersprüchliche unendlich die Vorstellung, als könne es noch einmal mehr als einen Augenblick lang etwas Gemeinsames geben, als Chimäre entlarven?
LG a.

 

      zuppanova



nachgegangen ...

   28.07.2006, 20:34



... ist das gedicht auch mir, Jolante!

nun hat augustine einen kommentar geschrieben, der sehr sorgfältig und wohlüberlegt argumentiert und den "raum" des gedichts hervorragend ausleuchtet und ausschreitet.
ich sehe, augustine, worauf dein hinweis geht: das andere ufer (DER see) - versus - unendlich --> beides unvereinbar miteinander, so legt logisches folgern nahe.

und doch, ich würde es auch in dieser "unmöglichen" gegenlogischen widersprüchlichkeit stehen lassen: mir scheint, genau daraus fliesst dem gedicht die kraft zu. ich sehe es so:

die sprecherin weiss, dass es ein ufer gibt (das ist das eine!), allerdings ist es (oder scheint zumindest zu sein) unerreichbar, "unendlich" fern, nicht in diesem leben mehr (das ist das andere!). die wunde entsteht genau da, wo in der sprecherin das wissen "des einen" mit dem wissen "des anderen" sich schneidet. fiele eines von beiden weg, wäre da kein problem mehr, also auch kein anlass für ein gedicht.

ganz lg, zuppa wars.

 

      Jolante²



RE: Nicht ohne den unendlichen Tisch !

   01.08.2006, 11:59 / 3 x geändert



Er muss bleiben, ja, das sehe ich jetzt viel klarer. Ich danke Euch, arisia, gretchen, augustine und zuppanova, für Eure kritischen und sehr konstruktiven Kommentare. Zuppa hat alles, was ich dazu sagen möchte, im letzten Absatz ihres Beitrags auf den Punkt gebracht. Ich hätte es wegen der fehlenden Distanz so gut nicht ausdrücken können.

Ganz liebe Grüße
Jolante

 

      augustine



zwischen

   28.01.2012, 00:42 / 1 x geändert



Dies Gedicht gehört zu denen, die ich nie vergessen habe, auch wenn ich die Überschrift nicht mehr wusste und von unten gesucht habe. Mittagsglanz und See: das wusste ich noch. Und das finde ich nach so vielen Jahren immer noch; das spricht für eine Kraft, die das Gedicht haben muss.

Jetzt beim Wiederlesen sehe ich die schöne Bemühung um diesen Text und freue mich daran.

Neu beizutragen habe ich nur den Einfall, dass "zwischen" und "Tisch" in ihrer Assonanz vielleicht eine lautliche Verbindung haben, die am Schluss gegen die Kühle der "Distanz" gesetzt sein könnte.

Grüße von augustine




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