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augustine
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01.09.2010, 02:14 / 9 x geändert
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Ganz und gar erstaunt war Semyon gewesen, dass es dann in der Berliner Jüdischen Gemeinde aber gar nicht ein Vernehmer war, dem er gegenüber saß, sondern es waren zwei freundliche Glaubensbrüder, wie sie sich vorstellten, einer davon ein Russe, der selbst erst seit kurzem in Berlin lebte und gedolmetscht hätte, wenn Semyon nicht so perfekt deutsch gesprochen hätte. Sie schienen einen besonderen Sinn dafür zu haben, was wahr sein konnte, was gelogen und was immerhin so wahrscheinlich, dass sie es nicht als ihre Sache ansahen, darüber Richter zu sein. Ihm hatten sie seine Erzählung geglaubt, ihm ein erstes Taschengeld gegeben und das Quartier bei Magda und Ina besorgt, auch den Rat gegeben, den Kontakt zu seiner deutschen Tochter langsam aufzubauen und sich auch auf Ablehnung und Enttäuschung einzustellen
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augustine
[pdf] DIE JÜDISCHEN GROSSVÄTER
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Jolante
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11.09.2010, 13:37 / 2 x geändert
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Liebe augustine,
lang ist deine Erzählung, wenn auch nicht zu lang, und langweilig schon garnicht. Der Erzählton wirkt auf mich ruhig, fast ein wenig unterkühlt, was dem heiklen Thema aber durchaus zuträglich ist. Ich will auf die Thematik aber nicht näher eingehen, denn bei mir artet ein Erstkommentar oft zur Inhaltsangabe aus, was sicher nicht im Sinne der Autoren ist. - Hier drängt sich mir eine Frage auf: Wie passt es zusammen, dass Semyon der, wie sie sich selbst bezeichnet, "Randfigur" Sabine im Angesicht des nahenden Todes seine Lebensgeschichte (die aus mehreren besteht) diktieren möchte, seine Beziehung zur deutschen Geliebten Gisela und den mit ihr während der Besatzungszeit gezeugten Kindern aber offenbar verschweigen will, obwohl sie ihn direkt darauf anspricht. Da Sabine von den beiden Frauen Magda und Ina zuvor erfahren hat, dass Semyon seine Memoiren "für seinen deutschen Sohn, der ihn nicht hatte sehen wollen" schreiben möchte, macht das absolut keinen Sinn. Auch dass Sabine, die ihn der Lüge bezichtigt, ihm keine Gelegenheit zu weiteren Erklärungen mehr gibt, ist für mich schwer nachvollziehbar. Es fällt mir auf, dass ich in der Erzählung nur eine einzige, kaum erwähnte Person sympathisch finde: nämlich die Putzfrau, die den Schwerkranken bei sich aufnimmt, aber nichts mit den "Feinen" zu tun haben will. Ob nicht umgekehrt ein Schuh daraus wird, frage ich mich. Auch die beiden "wohltätigen" Frauen Magda und Ina wirken auf mich seltsam blass. Immerhin ist Magda schon 87, auch wenn die Erzählerin sie als "keine alte Frau" bezeichnet. Nach meiner Erfahrung ist man/frau in diesem Alter, auch wenn man noch geistig und körperlich frisch ist, nicht mehr sehr wohltätig, sondern in erster Linie auf sich selbst bezogen. In dieser Erzählung des Belügens (Semyon) und Belauerns (Sabine) wäre nach meinem Empfinden angesichts des interessanten Stoffs noch etwas mehr an Substanz drin gewesen, aber da können mich andere Leser oder auch du, augustine, gerne eines Besseren belehren. Lesens- und diskutierenswert ist die Erzählung sicherlich.
Es grüßt Jolante

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augustine²
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Danke, Jolante, dass du geantwortet hast!
Zu deinen Fragen/Kritikpunkten kann ich sagen:
1) Wenn Semyon (sic) etwas erzählen möchte, dann doch für seinen deutschen Sohn, den einzigen, der von ihm nichts wissen wollte. Die Schwierigkeit, dass er diesem ja vermutlich letztlich Wahrheit erzählen will, sie aber vor Sabine (zunächst?) verleugnet hätte, die bleibt. Er könnte sich aber gedacht haben: im Verlauf des Erzählens würde er vielleicht zum aufrichtigen Erzählen fähig werden.
2) Dass er Sabine als einer Randfigur erzählen will, ist doch psychologisch gerade verständlich; er nimmt ja an, dass sie nicht weiß, was sie weiß. Außerdem hat sie eine jüdische Überlebensgeschichte aufgeschrieben.
Semyon habe ich gekannt. In der Wohnung der Putzfrau bin ich gewesen. Die Szene dort hat es etwa so gegeben, wie hier erzählt. Sie war der Auslöser des Erzählenwollens, gerade in der Widersprüchlichkeit, die sich da in seinem Verhalten zeigte.
Das ist natürlich keine Rechtfertigung für das Erzählte.
Dass du die beiden - oder die drei - Frauen nicht sympathisch findest - ja, das ist dann so. Diese Erzählfiguren sind erfunden bzw. (die Tochter) ausgestaltet.
Grüße zurück von augustine

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vigilo
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13.09.2010, 08:21 / 3 x geändert
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Liebe augustine,
ist nicht schon unsere Wahrnehmung selektiv, so ist es unser Gedächtnis nicht minder. Der Umgang mit unliebsamen Erinnerungen ist meist recht ambivalent. Insofern kann ich das Verhalten des Kranken unter Eindruck des nahen Todes nachvollziehen. Nur wieviel Wahrheit kann man bei einer ersten solchen Sitzung erwarten?
Mich interessierte zu sehen, ob Semyon sich in weiteren Gesprächen öffnen und seinen Erinnerungen stellen kann. Als Sabine hätte mich dieses psychologische Katz-und-Maus-Spiel gereizt. Darein mündet mein nicht völliges erkennen können, warum Sabine sich nicht weiter auf Semyon einlässt und versucht Stück für Stück freizulegen, bis das offene Herz vor ihr liegt.
Wecher Journalist würde ein Interview mit dem Teufel ablehnen, lediglich weil einen dieser beim ersten Termin wohl sicher ankohlte? Was hindert Sabine daran diesen bei den Hörnern zu packen?
Das Lesen war mir nicht zu lang und weitergelesen hätte ich gerne, was mir im Stück obige Fragen, wenngleich vielleicht auch nur teilweise, beantwortete.
salve
vigilo
Ein stiller Schatten dieses Gartens, den die anderen Seite - nach langem Lesen bis zurück zur Genesis - ins Licht zog.

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augustine²
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Hallo vigilo,
mich freut es, dass du dich sichtbar gemacht hast.
Natürlich hast du mit deiner Kritik eine wirkliche Schwäche des Textes bezeichnet. Besser wäre es gewesen, spannender sicher auch, wenn Semyon (wirklich so) seine Lebensgeschichte Sabine nach und nach erzählt hätte (analytisch) und wenn das dann auch noch verschlungen gewesen wäre mit dem, was sie von den Tullius' weiß.
Das ist sicher eine Folge davon, dass der Hauptteil der Geschichte nicht erfunden ist. Sabine wusste zu dem Zeitpunkt schon so viel, ich also mehr oder weniger, dass sie nicht mehr geglaubt hat, Semyon würde ihr gegenüber aufrichtig reden in der Wohnung seiner Freundin, nachdem er mit einer Unwahrheit begonnen hatte. Sie kannte ihn ja, hatte mit ihm gesprochen. S.s Lebenszeit war absehbar kurz; deshalb drängte er (das schon besorgte Diktiergerät); es war auch so eine Art Befehl an mich, oft zu kommen - WEIL er wusste, dass ich schon eine jüdische Biographie aufgeschrieben hatte und OBWOHL er wusste, dass ich an einer anderen (nicht jüdischen) arbeitete. Eine Lebensgeschichte erzählen wollen und mit einer offenkundigen Unwahrheit beginnen (zufälllig offenkundig geworden durch das Kinderfoto), das hat mich zum schroffen Abbruch bewegt.
Es hätte nicht auch Sabine dazu bewegen müssen, ja.
Aufgeschrieben habe ich den Kern der Geschichte schon vor Langem, bearbeitet habe ich immer wieder, aber erzähltechnisch noch einmal ganz neu ansetzen, das wollte ich nicht, auch nicht als "Interview mit dem Teufel".
Es steckt hier also das Problem von erlebtem Erzählten und erfundenem Erzählten drin. - Magst du mehr dazu schreiben?
Das läse dann gern
augustine

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vigilo
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15.09.2010, 22:33 / 3 x geändert
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Liebe augustine,
ich kenne das Problem und bin darüber ebenfalls nicht erhaben, darum kann ich nur wiedergeben, wie ich dieses empfinde.
Erlebtes geht mir grundsätzlich leichter von der Feder. Erfundenes fordert mich mehr, da es im Verhältnis zu Erlebtem nicht konstruiert/künstlich wirken soll. Nur habe auch ich kein Patentrezept, wie sich von Erlebtem bestmöglich zu lösen sei.
So fällt es mir zuweilen schwer, den Abstand zum eigenen/geschriebenen „Kind“ zu finden - wie beim Malen eines Bildes, detailverliebt, mit der Nase direkt davor, blind für das Gesamte. Ich bin überzeugt, genau das ist es, was es braucht – Abstand, um festzustellen, ob ein Handlungsstrang/eine Geschichte trägt oder nicht. Sofern mir der eigene Blick dazu fehlt und dieser sich mit nichts einstellen lässt, bleibt mir als Ultima Ratio nur das Pflänzlein dem ungnädigen Wetter der Kritik aussetzen, um Eigenbild und Fremdbild ins Lot zu bringen. Erst dann bin ich wieder fähig in Alternativen zu denken und einen Text neu zu bearbeiten.
Ein Überarbeiten gelingt mir allerdings flüssiger, wenn das Grundgerüst der Geschichte steht und damit einher das Ziel vor Augen ist. Bei einem sich entwickelden Text, ohne konturierenden Dispositionsrahmen und geplanten Klimax, fällt mir dies ungleich schwerer und wird von mir als sehr mühsam empfunden.
So verstehe ich denn, wenn Du sagst, dass Du bei Deiner Geschichte nicht noch einmal neu ansetzen magst. Semyon wurde nicht vergessen, doch soll er stille ruhen dürfen.
salve
vigilo

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