Lamentatio · SimonLore · ·


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      SimonLore



Lamentatio

   29.08.2010, 09:32 / 3 x geändert



Hätt'st Du gewusst, das ferne Zeiten solches halten,
Der Menschen Moloch frisst all jenes, das Du liebst,
Die Dinge welken, die das Teuerste Dir galten -
Wär‘s darob möglich, dass Du schreibtest, was Du schriebst?

Hättst Du die Künste dieser Tage wohl gesehen:
Die Bilder, Bücher, Büsten und die tumben Lieder,
Fragtest Du Dich darob, was wohl der Welt geschehen?
Sag, kenntest du den Menschen, den Du dachtest, wieder?

Und was des Dichters Brust Dir hob, liegt nun erstorben -
All Deinen Träumen wollte keine Zukunft blüh‘n;
Sublimer Geist, sie liegen rottend und verdorben,
Ach Meister Goethe, doch vergeblich war Dein Müh‘n...

---

EDIT:
Das bemängelte "darob" wurde durch ein ebenso anachronistisches "mithin" ersetzt.

Hätt'st Du gewusst, dass ferne Zeiten solches halten,
Der Menschen Moloch frisst all jenes, das Du liebst,
Die Dinge welken, die das Teuerste Dir galten -
Wär‘s mithin möglich, dass Du schreibtest, was Du schriebst?

Hättst Du die Künste dieser Tage wohl gesehen:
Die Bilder, Bücher, Büsten und die tumben Lieder,
Fragtest Du Dich darob, was wohl der Welt geschehen?
Sag, kenntest du den Menschen, den Du dachtest, wieder?

Und was des Dichters Brust Dir hob, liegt nun erstorben -
All Deinen Träumen wollte keine Zukunft blüh‘n;
Sublimer Geist, sie liegen rottend und verdorben,
Ach Meister Goethe, doch vergeblich war Dein Müh‘n...

 

      sid



Lamentatio

   29.08.2010, 11:00



Hallo SimonLore,

also mal ehrlich, dem LI nehme ich die Zukunfts/Realitätslamentiererei doch gar nicht ab, so wenig ist die Sprache des Gedichts in der Zukunft/Realität angekommen.

Sicher, der Lateinunterricht hat Spuren hinterlassen. Goethe hat auch sein Dreck am Stecken. Aber Heilewelt war sie nicht, weder die Antike noch die Klassik noch sonst eine Zeit. Und vorbei ist vorbei.

Die feinsinnige Gesinnung, die uns alte Gedichte vorgaukeln, war sowieso nur Selbstbetrug und einer schlechten Literaturkritik geschuldet.

Und dass das Zukunftsbild der Generation Goethe, wie von dir explizit herausgehoben, heute an den Baum gefahren ist, zeugt eigentlich nur davon, dass sich jede Gesellschaft im Laufe der Zeit neu erfindet, inklusive Zukunftsvision.

Nachjammern ist der falsche Weg. Und leider hört sich dein Gedicht an wie Nachjammern.

Eine Sache grenzt an Komik:

Zitat:
Wär‘s darob möglich, dass Du schreibtest, was Du schriebst?

Sag, kenntest du den Menschen, den Du dachtest, wieder?


Ich spreche diese Sprache nicht. Weiterentwickelt hat sich diese Sprache nicht. Klar, dass du dich unverstanden fühlst, mit Berechtigung.

Ein bisschen Heavy Metal würde deinem Deutsch guttun. Auch deinem Goethe im Schrank. Nach wenigen Minuten Lamb of God würdest du anfangen, andere Gedichte zu schreiben. :)

Herzlich Willkommen in der Wirklichkeit!

Mit besten Grüßen
sid

 

      SimonLore²



Lamentatio

   29.08.2010, 11:47 / 6 x geändert



Ich will dieses Gedicht inter-textuell auf die Vorgänge in diesem Forum verstanden wissen. Natürlich lamentiere ich hier mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Naja, das kann man erkennen (der Titel mag ein Hinweis sein), muss man aber nicht.

Dass du diese Sprache nicht sprichst, also die "hohe Sprache" der Klassik, das ist mir schon aufgefallen. Dass du in deinem Tun und Schaffen einfach mal so über zweihundert Jahre Geistesgeschichte hinwegtrampelst, auch.

Wenn man dann noch deine Unfähigkeit hinzunimmt, die Hebungen in einem alternierenden Vers zu erkennen, muss man sich die Frage stellen, ob du tatsächlich in der Position bist, über eine Weiterentwicklung der Sprache zu schwadronieren.

Wie soll es möglich sein, den Ist-Zustand einer Sprache voll zu erfassen, wenn man deren Entwicklung, deren frühere Formen nicht versteht?

Und Belehrungen über die "Wirklichkeit" zu verbreiten, verbietet sich jedem Menschen, der sich auch nur oberflächlich mit der Epistemologie befasst hat.

EDIT:
Vielleicht soll ja "Harter Brocken" deine Vorstellung von einer weiterentwickelten Sprache veranschaulichen - dieser Möchtegern-Bewusstseinsstrom, bei dessen Titel mir schon wieder fäkale Konnotationen kommen. Ich erkenne allerdings nicht die suggerierte Obstipation, sondern eher Diarrhoe.

P.S.: "Lamb of God" ist alles, nur kein Heavy Metal. Aber wenn wir schon einmal beim Thema sind: Apokalyptika spielen neue Melodien auf alten Instrumenten... Catched the point?



EDIT:

Argh!

 

      gregor libkowsky



Lamentatio

   29.08.2010, 19:06 / 6 x geändert



Oh, SimonLore, was hast du getan, hast alles verschlimmert. Zum großen Lobgesang der klassischen Dichtung bist du angetreten. Hast dich selbst rekrutiert. Gegürtet, gewappnet, gerüstet, und auf ging es, hinaus auf das Schlachtfeld der endgültigen Entscheidung, dort, wo Schatten und Licht aufeinandertreffen, dort, wo die Zukunft des Abendlandes entschieden werden muss im immerwährenden Kampf des gerechten Ritters gegen die übermächtigen Horden der Dixie-Barbaren.
In deiner Selbsterklärung zum Gedicht gehst du auf die Vorgänge hier im Forum ein.
In einem Gedicht konkret Stellung zu aktuellen Vorgängen zu beziehen bedeutet oftmals eine (noch) zu große emotionale Nähe. Dies merkt der Leser, zumal das von dir vielleicht auch randsäumig intendierte Augenzwinkern dabei nicht wirklich zu erkennen ist. Der von dir verwendete Stil, verbunden mit deiner Kampfeslust, die klassische Dichtung über die Moderne zu stellen(siehe deine Auslassungen zu sid's Gedicht - weshalb nimmst du nicht in seinem Faden dazu Stellung?), lässt diesen Text hier nur lächerlich erscheinen. Gestelzt und verdrechselt nenne ich das. Allein das zweifache "darob" stößt so unheimlich auf, dass die von sid berechtigterweise als komisch bezeichnete Konjunktivpassage, dann das Fass endgültig zum überlaufen bringt.
Mit deinem intertextuellen Hinweis, deinen Auslassungen zum bevorstehenden Untergang des Abendlandes bzw. das lit-on als letzten Stützpfeiler, Dreh- und Angelpunkt der klassischen Bildung anzusehen, wird dein Gedicht hier zur Groteske. Goethe hin oder her.
Klassisch zu dichten beherrscht nicht jeder, wohl wahr. Doch sollte ein Gedicht auch Inhalte transportieren, sonst gerät es zur - durchaus auch anerkennungswürdigen - Fingerübung, einer Fingerübung allerdings, entstanden im Heiligen Officium.
Der Duktus der rhetorischen Fragestellung erzeugt beim Leser eher das Gefühl einer Belehrung, einer Ausstellung eines moralischen Zeigefingers beizuwohnen, als dass sich Gedankenfelder öffnen könnten, Assoziationen sich bildeten, ein Nachdenken einsetzen wollte.
Da du ja bewußt dein Gedicht als Speerspitze gegen die ungebildeten, der Klassik nicht verpflichteten Subliteraten verstehst, um den hiesigen Garten zu verteidigen, frage ich michl, wer hat dich in den Generalstab berufen. Auf der Grundlage welcher Wahl nennst du dich Klassensprecher?
Weshalb sprichst du in der "wir" - Form von anderen Usern.
"Das Forum" gibt es nicht. Ein dynamisches Gebilde, ein sich veränderndes Konstrukt zwischenmenschlichen Austausches, ein Tanz um die Literatur, Tänzerinnen und Tänzer verschiedener Stilrichtungen, mit unterschiedlichen Begabungen und Motiven, Zeit, oh ja, Zeit, Lust oder Unlust, das ist es und noch viel mehr, und dies alles ist in stetiger Veränderung begriffen.
Ich verstehe nicht, wen oder was du glaubst verteidigen zu müssen, edler Ritter Simon, nicht in deinem Gedicht hier, noch in deinem Kommentar dazu. Wahrscheinlich geht es nur um das grundlegende Gefühl des edlen Ritters an sich. Herumziehen, Heldentaten vollbringen, und darauf hoffen, schnellstmöglich in die Geschichten der Minnesänger am Hofe einzufließen. Ich hoffe, du hast ein starkes Pferd, denn der Weg wird steinig und steil.

Darob mag ich die Feder legen und mich rüsten zur Nacht und bitten den Herrn, dass er das Abendland doch opfern möge, so wie sein göttlicher Plan es gemahne, doch ruhte sein Blick dabei wohlwollend auf seinem gerechten und guten Knecht Gregor, so wolle Gregor ihm danken zuvörderst für alle Untergänge und Katastrophen, die der Herr schon an den Ungerechten hat geschehen lassen.

... und Gregor lobte sein Gebet und fand, dass es gut war. Das war der siebte Tag. Der Untergang des Abendlandes.


Gregor Libkowsky mit freundlichem Gruß an alle Edeldamen und fahrenden Rittersleut

P.s. Und ja, es gibt Stänkerer, vorüberziehende Horden und und und. Doch sollte man ihnen nicht noch die Munition feilbieten. Bleib auf dem Boden.

 

      SimonLore²



Lamentatio

   29.08.2010, 20:26 / 15 x geändert



Wo soll den nun wieder dieses vermaledeite "Wir" aufgetaucht sein?

Wenn ich Lit-On als letzte Bastion der abendländischen Kultur darstelle, die es gegen eine Flut von schlechter Lyrik zu verteidigen gilt, dann erzeuge ich damit eben eine Fiktion, eine Seifenblase, mit der es sich schön spielen lässt. Warum sie zerstupfen, böser, mich nicht in den Generalstab berufender Kommandant? Weißt Du, ich bin eine Art Freischärler. Außerdem bin ich nicht der einzige der seinen Unmut hier äußert, sondern einfach in meiner erfrischend provinziell-bäuerlichen Art der lauteste dabei.

Einspruch: "Diesem Forum" kannst Du einen Anspruch nicht Absprechen: es existiert. Und jeder von den Forenschreibern hat seine Vorstellung, wie es sein sollte. Ich habe meine Vorstellung davon, wie Planet Lit-On sein soll. Es ist doch eine Agora, ein Marktplatz der literarischen Meinungen und dem Literarischen anhängigen Charaktere. Ich gebe den Hinterwäldler, der mit seinem Halbwissen und seiner Hinwendung zur Klassik eben ein mögliches literarisches Statement vertritt. Es gibt Dinge darin, die gefallen mir nicht. Das äußere ich dann. Wenn ich im Überschwang der Gefühle hier und dort etwas übertreibe, dann ist das meinem burschikosen Wesen geschuldet.

---

Falsche Signale, Freunde, völlig falsche Signale. Ihr ermutigt sie doch nur! Und plötzlich sehe ich mich in der Position von Cervantes' Ritter von der traurigen Gestalt. Verteidiger eines vergangenen Zeitgeists in einer Welt, die sich weiter gedreht hat. Ach Leute, diese Rolle will mir nun so gar nicht gefallen. Ich weiß aber in diesem Kampf doch zumindest Katschubke auf meiner Seite. Würde gerne wissen, was er von meinem Gedicht denkt.

Nein, das alles ist meiner literarischen Halbbildung geschuldet, die ausschließlich autodidaktisch geschah - und nebenbei. Das Treiben in diesem Forum ist mein erster und bislang einziger Kontakt in die lebendige Literaturszene, wenn man vom BdS absieht.

Ich habe eben eine Vorliebe für Schreiberlinge, die schon tot sind. Aber die habe ich auch gelesen. Die habe ich geliebt und ich habe ihre Sprache lieben gelernt. Ja, ich bin der Meinung, dass die "Kunst" damals auf einem höheren Stand war, gerade die Dichtkunst, vor der die Entzauberung der Welt nicht halt gemacht hat. Nur weil man die Sprache der Alten nicht mehr spricht, findet man keinen adäquaten Zugang mehr zu den großen Gedanken, die ihre Werke beinhalten. All das klingt kitschig, klischeehaft und übertrieben. Und das ist das bedauernswerte: das mancher diese Wahrnehmungsgewohnheiten nicht ablegen kann. Also, das ist es: Ich schreibe dieses klassizistische Zeugs, weil so die Dichter schrieben, die ich gelesen habe. Und lasset dies alles nur Fingerübungen sein, liebe Gemeinde, meine Herzensstücke werde ich nicht hier den Hyänen vorwerfen. Ich bin mir sicher, dass dies auch sonst niemand tut, der ernst zu nehmen wäre.

Würde Libkowsky hier Liebesgedichte posten, die an eine wirkliche Person gerichtet sind? Würde er Werke tatsächlich autobiographischen Inhalts einstellen?

Und so wird alles aufs Gefühl zielende Dichten Makulatur, wird zum Spiel um die beste Technik, diese oder jene Emotionen im Leser wachzurufen.

Ich habe es schon gesagt. Ich bin einer dieser Banausen, die in moderner abstrakter Malerei zumeist nur Geschmiere sieht, weil es Geschmiere ist. Das ist eine Meinung, die sich eben dieser Verzerrung und Zerstücklung der Moderne widersetzt. Es ist keine sonderlich innovative Einstellung, aber mir hat sich bislang noch keine bessere vorgestellt. Ich will einfach die Dichtung als etwas Heiliges sehen, und ich will mich aufregen dürfen, wenn ich sie beschmutzt finde und ich will mich in theatralischen Seufzern ergehen und den Untergang des Abendlandes beschwören. Lasst dem naiven Jungen doch seinen Glauben poetischer Nostalgie, vor allem wenn er selbst sieht, wie er damit dasteht.
"[Passendes Luther-Zitat selbsttätig einfügen]!"

P.S.: Und Goethe hätte sich verzweifelt die Hände überm Kopf zusammen geschlagen, wenn er das gesehen hätte, was sich heute "Kunst" nennt, an dieser Aussage könnet ihr nicht rütteln.

P.P.S: Non latinum loquito.

---

@aswad: Wahrlich ein Nichtschwimmer-Statement von berufenem Mund.

Zitat:
Lasst dem naiven Jungen doch seinen Glauben poetischer Nostalgie, vor allem wenn er selbst sieht, wie er damit dasteht.


Ich denke schon, aswad, dass ich eine gesunde Distanz zu meiner eigenen Position habe und mich durchaus hier und da, wenn nicht gar ständig selbstironisch auf die Schippe nehme. Ich dachte eigentlich, das wäre auch recht deutlich erkennbar.

 

      lost



Lamentatio

   30.08.2010, 16:23 / 1 x geändert



Einen gut gelungenen, trefflich geschriebenen Kommentar
mag das Publikum getrost ein zweites Mal lesen.
Dem Kommandanten Dank für alle Mühe.

Zitat:
[...] In deiner Selbsterklärung zum Gedicht gehst du auf die Vorgänge hier im Forum ein.
In einem Gedicht konkret Stellung zu aktuellen Vorgängen zu beziehen bedeutet oftmals eine (noch) zu große emotionale Nähe. Dies merkt der Leser, zumal das von dir vielleicht auch randsäumig intendierte Augenzwinkern dabei nicht wirklich zu erkennen ist. Der von dir verwendete Stil, verbunden mit deiner Kampfeslust, die klassische Dichtung über die Moderne zu stellen (siehe deine Auslassungen zu sid's Gedicht - weshalb nimmst du nicht in seinem Faden dazu Stellung?), lässt diesen Text hier nur lächerlich erscheinen. Gestelzt und verdrechselt nenne ich das. Allein das zweifache "darob" stößt so unheimlich auf, dass die von sid berechtigterweise als komisch bezeichnete Konjunktivpassage, dann das Fass endgültig zum überlaufen bringt.
Mit deinem intertextuellen Hinweis, deinen Auslassungen zum bevorstehenden Untergang des Abendlandes bzw. das lit-on als letzten Stützpfeiler, Dreh- und Angelpunkt der klassischen Bildung anzusehen, wird dein Gedicht hier zur Groteske.
[...]
Der Duktus der rhetorischen Fragestellung erzeugt beim Leser eher das Gefühl einer Belehrung, einer Ausstellung eines moralischen Zeigefingers beizuwohnen, als dass sich Gedankenfelder öffnen könnten, Assoziationen sich bildeten, ein Nachdenken einsetzen wollte.
Da du ja bewußt dein Gedicht als Speerspitze gegen die ungebildeten, der Klassik nicht verpflichteten Subliteraten verstehst, um den hiesigen Garten zu verteidigen, frage ich mich, wer hat dich in den Generalstab berufen. Auf der Grundlage welcher Wahl nennst du dich Klassensprecher?
Weshalb sprichst du in der "wir" - Form von anderen Usern.
[...]
Ich verstehe nicht, wen oder was du glaubst verteidigen zu müssen, edler Ritter Simon, nicht in deinem Gedicht hier, noch in deinem Kommentar dazu. Wahrscheinlich geht es nur um das grundlegende Gefühl des edlen Ritters an sich. Herumziehen, Heldentaten vollbringen, und darauf hoffen, schnellstmöglich in die Geschichten der Minnesänger am Hofe einzufließen. Ich hoffe, du hast ein starkes Pferd, denn der Weg wird steinig und steil.
[...]
Und ja, es gibt Stänkerer, vorüberziehende Horden und und und. Doch sollte man ihnen nicht noch die Munition feilbieten. [...]


regards ...

 

      aswad



Lamentatio

   31.08.2010, 09:33 / 5 x geändert



SimonLore:
Zitat:
Ich habe es schon gesagt. Ich bin einer dieser Banausen, die in moderner abstrakter Malerei zumeist nur Geschmiere sieht, weil es Geschmiere ist.


... weil es Geschmiere IST. Aha. Das hast Du mal eben in einem Rundumschlag so dekretiert.


SimonLore:
Zitat:
Es ist keine sonderlich innovative Einstellung, aber mir hat sich bislang noch keine bessere vorgestellt.


Doch, die hat sich Dir längst vorgestellt, allerdings erscheint sie Dir wohl ungeeignet, Deinen Wunsch nach behaglich-bildungsbürgerlicher Selbstbespiegelung zu erfüllen. Außerdem scheinst Du nicht zu begreifen, dass es eigentlich doch darum geht, über ein "Entweder-oder" hinaus zu kommen.


SimonLore:
Zitat:
Ich will einfach die Dichtung als etwas Heiliges sehen, und ich will mich aufregen dürfen, wenn ich sie beschmutzt finde und ich will mich in theatralischen Seufzern ergehen und den Untergang des Abendlandes beschwören.


Wenn Du Rettungsschwimmer sein möchtest, solltest Du zumindestens schwimmen können. So wie sich mir Deine klassischen Versuche aber darstellen, machst Du Dich eigentlich eher über die klassische Dichtkunst lustig: eben weil Deine Versuche teils recht unfreiwillig komisch rüberkommen - siehe zweifaches 'darob'.


SimonLore:
Zitat:
Und Goethe hätte sich verzweifelt die Hände überm Kopf zusammen geschlagen, wenn er das gesehen hätte, was sich heute "Kunst" nennt, an dieser Aussage könnet ihr nicht rütteln.


Klasse, Du hast Dir den Goethe einfach mal so vor Deinen Karren gespannt, dabei vergisst Du, dass Goethes Person und Schaffen nicht von ihrer Zeit zu trennen sind.



Edit:


Willimox:
Zitat:
Und das "Entweder-Oder", das aswad moniert, ist nicht so fett installiert, wie man prima facie wohl meinen kann.



Das monierte "Entweder-oder" bezieht sich eigentlich hierauf -

SimonLore:
Zitat:
Ich habe es schon gesagt. Ich bin einer dieser Banausen, die in moderner abstrakter Malerei zumeist nur Geschmiere sieht, weil es Geschmiere ist. Das ist eine Meinung, die sich eben dieser Verzerrung und Zerstücklung der Moderne widersetzt. Es ist keine sonderlich innovative Einstellung, aber mir hat sich bislang noch keine bessere vorgestellt.



 

      Willimox



Lamentatio

   31.08.2010, 12:38 / 5 x geändert



Fragen:

vielleicht auch randsäumig intendiertes Augenzwinkern?
[Aber] nicht wirklich zu erkennen? (Gregor L.)

Antwortversuch:

Ein goethezeitlich Infizierter und Zeuge zeitgenössischer Kulturzeugnisse (sic) samt Forumkultur
spricht bildungsbürgerlich-beflissen-affirmativ
über den Zeitenabgrund hinweg
zu Goethen, dem Allmeister.

Klagt darüber, dass jener - sollte er denn wirklich sich als wirkmächtig verstanden haben - "sein" poetisches Deutschland nicht mehr erkennen würde und darob in maßloses Kopfschütteln oder wütendes Grollen verfallen würde.

In dieser Art/ Kunst einzuordnen ist das Werklein doch eigentlich schon auch gut lesbar?

Aside:

Man mag dem Werk vorhalten, dass es eine ironische Ebene produziert, sie aber nicht stark genug ausbaut, womit dann die Ernsthaftigkeit des Tadels moderner Kunst absolut und ungebrochen erscheint.

Wenn man aber die Brechungen auskostet, dann schwingt die Lamentatio eigentlich sehr schön zwischen Spiel und Ernst. Und das "Entweder-Oder", das aswad moniert, ist nicht so fett installiert, wie man prima facie wohl meinen kann.

Edit aswad:

Das "Entweder-Oder" lässt sich ja als konsequente Fortsetzung dessen lesen, was das lyrische Ich in der Goethe-Lamentatio bedauert:
das Herabsinken neuzeitlicher Sächelchen, weit unter den Anspruch goethezeitlicher klassikorientierter Dichtung
und unter das Niveau, ne, in die Abweichung von gegenständlicher Kunst&Malerei.

Dieses fette "Entweder-Oder" ist wohl im Gedicht nicht gemeint, bedenkt man die gebrochen parodistischen Zwischentöne eines Ich, das sich in seiner Klage semi-ernst nimmt.

greetse

ww

 

      Willimox



Lamentatio

   31.08.2010, 13:18 / 4 x geändert



Lektoratsoption, der Kundige weiß den Besserwisser vom vorsichtigen Lektor zu unterscheiden, der gewiss nicht sich als All-Pächter verstanden wissen will.

Lamentatio

Hättst Du gewusst, dass ferne Zeiten solches halten?
Der Menschen Moloch frisst all jenes, was Du liebst,
die Dinge welken, die als Teuerstes Dir galten --
Hieltst Du´s für möglich, dass Du schreibtest, was Du schriebst?

Hättst Du die Künste dieser Tage wohl gesehen,
die Bilder, Bücher, Büsten und die tumben Lieder-
Würdst Du nicht fragen, was der Welt geschehen?
Sag, kenntest du den Menschen, den Du dachtest, wieder?

Sieh, was des Dichters Brust Dir hob, liegt nun erstorben -
All Deinen Träumen wollte keine Zukunft blüh‘n;
Sublimer Geist! Sie liegen rottend und verdorben.
Ach Meister Goethe, doch vergeblich war Dein Müh‘n...

}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}}

Hätt'st Du gewusst, das ferne Zeiten solches halten,
Der Menschen Moloch frisst all jenes, das Du liebst,
Die Dinge welken, die das Teuerste Dir galten -
Wär‘s mithin möglich, dass Du schreibtest, was Du schriebst?

Hättst Du die Künste dieser Tage wohl gesehen:
Die Bilder, Bücher, Büsten und die tumben Lieder,
Fragtest Du Dich darob, was wohl der Welt geschehen?
Sag, kenntest du den Menschen, den Du dachtest, wieder?

Und was des Dichters Brust Dir hob, liegt nun erstorben -
All Deinen Träumen wollte keine Zukunft blüh‘n;
Sublimer Geist, sie liegen rottend und verdorben,
Ach Meister Goethe, doch vergeblich war Dein Müh‘n...

In den ersten beiden Strophen stärkere Analogie bei den Gedankenstrichen. Ein wenig eindeutigere Syntax in der ersten Strophe.

In der dritten Strophe ein bisschen Herausgleiten aus dem fiktiven unmittelbaren Dialog. Dafür Einklinken in eine Tableau-Perspektive und damit in ein summierendes Klagefazit.
Friederike Kempner at its best. Und die war teilweise gut.

greetse

ww

 

      aswad



Lamentatio

   31.08.2010, 16:52 / 4 x geändert



Willimox schrieb:
Zitat:
Man mag dem Werk vorhalten, dass es eine ironische Ebene produziert, sie aber nicht stark genug ausbaut, womit dann die Ernsthaftigkeit des Tadels absolut und ungebrochen erscheint. Wenn man aber die Brechungen auskostet, dann schwingt die Lamentatio eigentlich sehr schön zwischen Spiel und Ernst.


Ja, kann man so sehen - ich tu's aber nicht; will mir doch eher als Predigt scheinen, die sich klug ein paar augenzwinkernde Notausgänge offenhält, um nicht allzu direkt als das benannt werden zu können, was sie eigentlich ist.



Willimox schrieb:
Zitat:
Dieses fette "Entweder-Oder" ist wohl im Gedicht nicht gemeint, bedenkt man die gebrochen parodistischen Zwischentöne eines Ich, das sich in seiner Klage semi-ernst nimmt.


... für mich tut sich die Frage auf, ob SimonLore hier überhaupt glaubhaft ein solches Ich erschaffen kann, das sich bezogen auf sein Steckenpferd der "hohen Sprache der Klassik" und die Bewertung der heutigen Künste nur semi-ernst nimmt, denn die Voraussetzung hierfür wäre doch, einen gewissen distanzierten Standpunkt einnehmen zu können. Wenn ich aber SimonLores eigene Kommentare zur Thematik lese, kann ich da keinerlei Distanz entdecken - oder ich stehe komplett auf dem Schlauch, zugegeben: das gab es ja auch schon.




@SimonLore: Ich wollte mir übrigens keineswegs anmaßen, über Dein Talent zu urteilen. Ich finde, Du hast immer wieder auch richtig starke Momente. Aber bisweilen regiert auch die Laberei.


Grüße an die ganze Welt.



Edit @SimonLore

Simonlore schrieb:
Zitat:
Ich denke schon, aswad, dass ich eine gesunde Distanz zu meiner eigenen Position habe und mich durchaus hier und da, wenn nicht gar ständig selbstironisch auf die Schippe nehme. Ich dachte eigentlich, das wäre auch recht deutlich erkennbar.


Nö.


 

      Willimox



Lamentatio

   31.08.2010, 19:18 / 1 x geändert



Hy, aswad,

das ist gewiss ein hermeutisches Problem.

Zwei Argumente:

a)
"Lamentatio" und
"Wär‘s mithin möglich, dass Du schreibtest, was Du schriebst?", solche Sprache lässt sich als Ironiesignal, ein bisschen ein verquollenes, lesen.

b)
Ein Kommentar hat manchmal seine eigene polemische Norm. Vor allem in einem Wortgefecht. Die gilt nicht unbedingt im klassisch(-bräsigen) Gedicht.


greets

ww




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