Klein,handlich:der Bleistift · ear · ·


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      ear



Klein,handlich:der Bleistift

   15.07.2006, 12:55 / 1 x geändert



Von1565 an hat es mancher Entwicklung gebraucht,seit der ersten Darstellung und Beschreibung eines "neuartigen Stilus's" in Konrad Gesners "De rerum fossilium..."bis zum Bleistift, der auch heute weder von Schreibmaschine noch Computer verdraengt werden konnte. Er ist und bleibt das wichtigste Requisit zum Schreiben, ist da in vielfaeltiger Form, braucht zur Wartung nur einen Anspitzer und zum Loeschen ein Gummi: das ideale Instrument fuer Poeten, Schriftsteller Maler, Musiker, Architekten etc....
Ein Bleistift soll "aufgebraucht" werden, seine Form ist elegant, liegt gut in der Hand, egal ob man links-oder rechtshaendig ist. Von den Mines in Cumberland, ueber Conte zu Staedtler, Faber und Aliberts sibirischem Graphit hat der Bleistift die Welt erobert und uns Wissen und Freude beschert.ear.

 

      ear²



RE: Klein,handlich:der Bleistift

   16.07.2006, 10:18 / 2 x geändert



Gruess dich, prima, dass du sogar "Sammler-Objekte" benutzt. Ich hoerte von meinem Mann, dass bei kleinen lokalen Auktionen die Speziellen, nicht rollenden, flachen Bleistifte eines Kunsttischlers oder Zimmermannes in alten, abgelegten Tool-Boxes gefunden werden,unbeachtet, weil wir einen Bleistift fuer so selbstverstaendlich hinnehmen, dass wir seine Existenz kaum fuer erwaehnenswert erachten. Wir sind alle sehr reich durch den Besitz eines und oft mehrerer Bleistifte.
The Romans used papyrus,
Metallic stylus marked;
As kids we burned some branches
And used some coal to write.
When later I had pencils,
I loved to draw the birds,
The insects, plants, the people,
I treasured pencils much.
It does not matter, whether
The lead was really "lead",
Perhaps more clay and graphite,
Lead poison could be bad.
I loved my pencils dearly
And even chewed a bit,
but that was soon forgotten
When it was thrown away.
I missed that"injured" pencil,
Have treated others well,
I could not do without them,
My pencils are my gold.

Benutzt Ihr auch noch den unverwuestlichen Bleistift?Gruss, ear.

 

      augustine



RE: Klein,handlich:der Bleistift

   16.07.2006, 18:44



Ihr outet Euch ja alle als Bleiftift-Fans! Nun gut, lesen kann ich oft auch nur wie TM "mit dem Bleistift"; meistens aber, weil das dann auch mehrere Durchgänge dokumentiert, mit Tintenrollern in verschiedenen Farben.
Den Bleistift runterschreiben mag ich nicht. Nur einmal habe ich in einem Münchner Tante-Emma-Papierladen (Ich glaube: am Nymphenburger Kanal) einen so simplen, hilfreichen Gegenstand gefunden wie einen Bleiftift-Verlängerer. Den habe ich an jemanden verschenkt, dessen Schreiben mit Stummeln ich gar nicht mehr ansehen konnte. Hätte ich doch mehrere gekauft! Aber virtuell verteilen geht ja nicht.
LG, a.
(was für ein kommunikationsträchtiges Thema hast Du da angefangen, ear!)
(Das Deutsche Literaturarchiv übrigens hatte mal eine Sammlung von hübschen Heftchen, gut auch zu verschenken, über die Schreibwerkzeuge und Schreibgewohnheiten derer, deren Nachlässe da sind; auch anderer; beim schnellen Blättern im Katalog habe ich's eben nicht mehr gesehen; vor dem Ansehen derer Seiten ausdrückliche Warnung: Ihr könntet was kaufen wollen ...)
Grüße in die Runde! a.

 
        arisia
        (Gast)

RE: Klein,handlich:der Bleistift

   17.07.2006, 12:47



Hi, ear,auch ich bin ein Bleistift Fan, oder eher noch Minenschreiber. Ich besitzte mindesten 20 Minenschreiber in verschiedenen Stärken und kann meine Gedichte auch nur mit Bleistift oder Minenschreiber schreiben, zumindest die erste Fassung. Wenn die steht, kann ich Veränderungen mit jedem anderen Medium vornehmen, aber die erste Fassung geht nur mit Blei, nur wenn ich den in der Hand habe, kommnen bestimmte Arten von Denkprozessen in Gang. Ist wie eine Konditionierung, spart auch Papier, weil ich Radieren kann und keinen Platz mit Durchstreichungn verschwenden muß. Habe in jeder Handtasche und auch in fast allen Kleidungstücken, das Taschen hat ein Bleistift, Minenschreiber, lange, Stummel und kleine Radiergummistückchen. Besitze sogar Minenschreiber mit Radiergummi am Kopf, aber die sind meistens nicht so geeignet, wie lose Radiergummi. Wegen des Problems der Wurmlöcher, habe ich auch viele Radiergummi, manchmal verschwinden welche, dafür tauchen andere nach einiger Zeit wieder auf. :)

lg
arisia

 

      augustine



RE: Klein,handlich:der Bleistift

   20.08.2006, 21:17 / 1 x geändert



Mancher hat auch Bleibendes mit dem Bleistift geschrieben, Robert Walser in sechs inzwischen entzifferten Bänden Aus dem Bleistiftgebiet.
An Max Rychner schrieb er:
"Ich fand eines Tages, dass es mich nervös mache, sogleich mit der Feder vorzugehen; und um mich zu beschwichtigen; zog ich vor, mich der Bleistiftmethode zu bedienen, was freilich einen Umweg, eine erhöhte Mühe bedeutete. Da jedoch diese Mühe gewissermaßen wie ein Vergnügen aussah, so schien mir, ich würde dabei gesund." (Robert Walser, aus: "Bleistiftskizze“)
20. Juni 1927

 

      Moulin



RE: die Seele der Kunst

   20.08.2006, 21:51



Der Bleistift trägt die Seele der Kunst.
Mein Lieblingsbleier, wie man hier im Pool der Kohle sagt,
ist 3 cm lang und wurde vor Jahren schon in den verdienten
Ruhestand geschickt, hat er mich doch bei so vielen
Zeichnungen, Gedichten, Briefchen und Einkaufszetteln
begleitet.
Nun ruht er sanft in einem Döschen mit anderen Gegenständen
über die sich Archäologen des 30-sten Jahrhunderts wundern
würden.

Der Bleistift trägt die Seele der Kunst.
Er ist der Mittler zwischen uns und dem, was wir schaffen und
damit das Medium zwischen dem Zeichner und dem Betrachter,
dem Schreiber und dem Leser, dem Bedürfnis und dem Aldi.
So lebt er was wir denken und er vergeht mit unseren Gedanken.
Er ist die Kerze auf unserer Geburtstagstorte!

 

      ear²



RE: die Seele der Kunst

   21.08.2006, 13:23 / 1 x geändert



,Moulin, deine Bilder sind selbst schon poetisch, mir gefaellt besonders "die Seele der Kunst". Ich habe aus der Zeit von 1904 einen sehr kleinen Bleistiftrest mit Elfenbeinspitze und Faden zum Anbinden. Er bedeutet mir mehr als jeder Neue.
Ja, wie augustine schrieb, etliche Dichter haben sich des Lobes bedient und aus deren Aussagen wird deutlich, dass Faber Castell Nr.3 als Lieblingsstaerke fuer Schriftsteller gilt.
Es wird dich interessieren, dass Kishon in einem "Playboy" Interview den Castell Nr.3 erwaehnte ...weich genug, damit er nicht druecken muesse, hart genug, damit er nicht braeche und , besonders bei hebraeischer oder vielleicht arabischer Schrift, dass er auch von rechts nach links gleiten koenne. L.G.ear.

 

      Moulin



RE: die Seele der Kunst

   21.08.2006, 14:13 / 1 x geändert



Hallo ear,

das ist es, was denen verborgen bleibt, die die Künste
nicht verstehen, wobei ich behaupte, dass jeder Mensch
mit Kunstverständnis und Kreativität geboren wird,
eine Gabe, die aber tüchtig durch anerzogene Ängste
von den Erziehenden, sei es Eltern oder Institutionen,
Medien oder Gruppenideologien entfernt wird!

Als Beleg:

Neulich kam ein Mann mit einem kleinen Kind in das Atelier.
Das Kind zeigte auf zwei Bilder meiner Frau und sagte:
" Papa, guck mal wie schön, das will ich auch malen."
Daraufhin der Vater: " Ach, Du kannst das nicht malen!"
Wahrscheinlich befürchtete er ein Naserümpfen meiner
Frau, die die Bilder gemalt hatte.
Die allerdings hätte zu dem Kind gesagt : " Du kannst das
wahrscheinlich viel besser als ich."

Der Bleistift ist ansich, wie Du in Deinem ersten Beitrag
beschrieben hattest, ein Bindeglied, nicht nur zwischen dem
Künstler und dem Papier sondern auch eines, was alle
Künste verbindet.

Alle beginnen den ersten Strich ihrer Kunst mit dem Bleistift.

Ein 102 Jahre alter Bleistift ist natürlich etwas ganz Besonde-
res. Man sollte meinen, er sei vergänglich aber er lebt weiter
in den Dingen, die er schuf, oder an dessen Schaffensprozess
er beteiligt war.

Ich benutze in der Regel den HB, der klassische Standart und
brauche mich dann nicht umzustellen, wenn ich mich mal im
Bleistift - Paradies bei Ikea befinde. (Lach)

Mein Urgroßonkel hatte immer einen dieser dicken, roten,
oval geformten Arbeiterbleistifte dabei. Den benutzte er zum
Arbeiten genauso wie zum Schreiben von Briefen und Ge -
dichten.
Er wurde dafür immer ausgelacht.
Doch was die belachten, war der Gesang ihrer eigenen Ängste.

Was mich am meisten freut ist aber, dass ich hier verstanden
werde.

 
        arisia
        (Gast)

Der Bleistift (Sonett zum Thema)

   25.08.2006, 18:39 / 4 x geändert



25.8.2006
Der Bleistift

Ob klein und handlich in des Dichters Hand,
ob klobig vom Zimmerman angewandt,
ob Zeichen, rare er schreibt an die Wand,
ob feine Linien auf ein Gewand,

als Vorschrift für Borden und Bordüren,
als Denkschrift jugendlicher Allüren,
als Merkschrift für andere Zimmersleut',
als Reinschrift für Dichters Nachtgeläut',

immer zur Stelle, den Dienst nie versagend,
Wärme und Kälte auch sehr gut vertragend,
so ist er beliebt und bekannt auf der Welt,

er zeichnet und schreibt auch solange er hält,
die Ausführung reicht von sehr hart bis sehr weich,
kommt auf den Bedarf an, dem Bleichstift ist's gleich.

 

      ear²



RE: Der Bleistift (Sonett zum Thema)

   25.08.2006, 22:29 / 1 x geändert



Zu spaeter Stunde, arisia noch einen Gruss, dein Gedicht ueber den Bleistift ist eine richtige Hymne, in die du alles hineinnimmst, was moeglich ist. Herzlichen Dank: ich bin richtig froh, dass der Bleistift so geehrt wird.
Was meinst du, wuerde die eine Zeile besser sein mit einem auszulassenem Wort: "des" ? Ich wunsche dir eine geruhsame Nacht, ear

 
        arisia
        (Gast)

RE: Der Bleistift (Sonett zum Thema)

   26.08.2006, 21:50 / 1 x geändert



hi, ear,

du hast natürlcih Recht. Ich habe das "des" vor "Dichters" weggenommen.
Die vier Hebungen bleiben erhalten, und die Sprache läuft so flüsiger. Ich
habe auch nochmal nachgeschaut, wenn der Rhythmus stimmt, muß ich
mich nicht sklavisch an den Versfuß halten.

Schön, daß dir der kleine Spaß um den Bleistift gefällt.

liebe Grüße
arisia

 

      augustine



RE: Klein,handlich:der Bleistift

   01.09.2006, 20:57 / 1 x geändert



Die bleistift-geschriebene Literatur, das ganz spezielle Bleistiftgebiet, die konnte ja wohl keine jemandin und keinen jemand zum Walser-Fan machen. -
Aber wie hab' ich nur vergessen können, dass dem Bleistift ja ein Eintrag ins Goldene Buch der literarischen Höchstkultur widerfahren ist: Heiliger Sankt Thomas, vergib! Denn wo hat denn der Bleistift seine allerhöchsten literarischen Ehren erfahren? Im ZAUBERBERG doch, Ihr brauchts nicht zu raten, und da im Kapitel WALPURGISNACHT , wo das undenkbar Scheinende Wirklichkeit wurde: Clawdia Chauchat hat zu Hans Castorp 'du' gesagt, nicht sogleich, aber nach etwelcher Ziererei das seine doch erwidert in der gelockerten Sittsamkeit jener besonderen Nacht, und sie hat ihm - einen Bleistift geborgt! Zu welchem Zweck und Ende beides, das leset nach, so Ihr wollt. Ein Lesevergnügen kaum vergleichlicher Art erwartet Euch da, findet - augustine

 

      Gretchen



RE: Klein,handlich:der Bleistift

   02.09.2006, 14:32



Hei, augustine,

danke, daß du diesen Zauberberg-Hinweis gegeben hast, las und las heut nacht, war spannend.
So, diese Clawdia Chauchat, "Wir sagen von den Armen hier nichts mehr. Sie waren nackt bis zu den Schultern hinauf." - also, klar, "Lilith ist das."
Und dann: "'Klein, aber dein', sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf den Stift hinunter mit unbewegten Lippen ... "
Der Text vibriert von Andeutungen, Anspielungen - die Protagonisten vibrieren auch, das ist ja kaum zum Aushalten. Und wenn ich nach Freudscher Manier gez mal den Bleistift als Phallussymbol nehme, dann wird das Ganze komplett vertrackt, sehr hintergründig, fast komisch an manchen Stellen, und traurig, und eben - Vibrations.
Guter Bleistift-Tipp!
augustine, dat Zauberberg iss genauso gut wie auffe Piste gehen! (Vielleicht sogar besser ... ).

Grüßel vom Gretel.
(und danke auch fürs Mitflugangebot, werd dann darauf zurückkommen ... )

 

      ear²



RE: Klein,handlich:der Bleistift

   03.09.2006, 08:21 / 2 x geändert



Verspaetet komme ich auf deinen hochinteressanten Hinweis zurueck, augustine: Robert Walsers "Aus dem Bleistiftgebiet".
Das muss ein unglaublich intensives Bleistift-Schrift Erforschen von 1985 bis 2000 gewesen sein, 256 Blaetter , unterschiedlichster Groesse von Visitenkarten bis zum Buchseiten-Format zu entziffern. Zwei Forscher, mit Lupen,waren im Einsatz, denn die Blaetter enthielten mikroskopisch kleine Schrift, fast wie bewusste Geheimschrift.
Ueberhaupt ist Robert Walser als wichtigster Schweiz/Deutscher noch lange nicht genug gewuerdigt worden. Dank fuer den Hinweis auf Robert Walser,ich muss mich dringend mit Walser beschaeftigen, nicht nur wegen des Bleistiftgebietes.L.G.ear




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