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      sid



Kindergedicht

   24.08.2010, 20:45



Hier eine kleine Reaktion auf das Menschenbild, das SimonLore vorgeschlagen hat.
Er verdichtet den verabscheuungswürdigen, grausamen Menschen.

In diesem Kindergedicht geht es zwar auch um schlimme Menschen, am besten gleich um die ganze schlimme Welt, vor der man sich am liebsten unter der Bettdecke gruselt.
Aber der Ton ist gedämpfter, die Haltung einfacher, ich schließe mit einer stillen Komponente.

Für alle Kinder unter uns, und solche, die es werden wollen.




249/10-4-4

Lieber Gott, ich bin klein, mein Herz ist rein,
Himmels tausend Sternlein prangen
nachts, und hundert Blümlein fangen
deinetwill zu blühen an. Herr, sei mein.

Mutter schläft, leise schaut der Mond herein.
Tiger, Wölfe lieben, Schlangen -
ich muss um mein Leben bangen.
Was ich tat, verzeih es mir. Herr, sei mein.

Ist es Glück, Menschenwelt, dir einszusein?
Niemand preist des weitgereisten
Windes Klugheit, niemand weiß den
Tag, da alles enden mag. Herr, sei mein.

Schau nach mir, krankem Sohn, der nicht allein
still wie Regen einst von Wangen,
Tränen gleich, ohn Verlangen,
von der Zeit verzehrt sein will. Herr, sei mein.

 

      darloni



Kindergedicht

   24.08.2010, 21:07



das ist aber nun wirklich vom allerfeinsten in der machart ich bin sehr beeindruckt es vibriert regelrecht von latenter grausamkeit
die verzweiflung greift sich so subtil raum zwischen den versen zwischen den buchstaben dahinter darunter wie geht das zu
geht das mit rechten dingen? ja brechungen
sind das die ihre wirkung entfalten überall
brechungen die liedform gebrochen die
metrik gebrochen der reim
so geht das ich bin wirklich
beeindruckt mich schaudert nachhaltig da kann der simonlore sich eine dicke
scheibe abschneiden mit seiner afzählung doch - das hier das ist
wirklich verdichtet großartig



grüezi vom Dario Darloni



ich habe beschlossen meine beiträge ab sofort
als
kreatiefen prozess zu verfassen, denn
ich bin ein kind und ich bleibe eines das
steht fest hopp

 

      SimonLore



Kindergedicht

   25.08.2010, 00:10 / 10 x geändert



Zitat:

Lieber Gott, ich bin klein, mein Herz ist rein,
Himmels tausend Sternlein prangen
nachts, und hundert Blümlein fangen
deinetwill zu blühen an. Herr, sei mein.

Mutter schläft, leise schaut der Mond herein.
Tiger, Wölfe lieben, Schlangen -
ich muss um mein Leben bangen.
Was ich tat, verzeih es mir. Herr, sei mein.

Ist es Glück, Menschenwelt, dir einszusein?
Niemand preist des weitgereisten
Windes Klugheit, niemand weiß den
Tag, da alles enden mag. Herr, sei mein.

Schau nach mir, krankem Sohn, der nicht allein
still wie Regen einst von Wangen,
Tränen gleich, ohn Verlangen,
von der Zeit verzehrt sein will. Herr, sei mein.


"Beiläufige" metrische Korrektur:


Klein bin ich und mein Herz ist rein;
Des Himmels tausend Sternlein prangen
Des Nachts - und tausend Blümlein fangen
Gott zum Lob zu blühen an.

Die Mutter schläft. Des Mondes Schein
Wirft Schwarz. Dort wohnen Wölfe, Schlangen...
Gott, um mein Leben muss ich bangen
Was ich tat, verzeih es mir.

Schau nach dem Sohn, der nicht allein
Mit stillen Tränen auf den Wangen
der Sünde, die er dir begangen,
von der Zeit verzehrt sein will.

(Is's Glück, Welt, mit dir eins zu sein?
Wohl niemand preist des weitgereisten
Windes Klugheit, niemand weiß den
Tag, da alles enden mag. )


So finde ich es um einiges besser. Reimschema ABBW ABBX ABBY (ACCZ). Dritte Strophe auf Wunsch auch als ABBA erhältlich: "sein" <> "will". Die jeweils erste Zeile ist tröchäisch... EDIT: Quatsch, jambisch sinnse und männlich.

Zum Schluss jeder Strophe finden wir einen männlichen Waisen. Insofern unpassend, weil Lyr-Ich ja im Besitz einer Mutter.

Letze Strophe als "Fazit". Wäre ein altkluges Kind , würde es solche Gedanken in sein nächtliches Gebet einschließen. Gottesanrufungen zum Schluss der Strophen waren ein (zu) frommer Frevel gegen die Ästhetik. No-Go.

Bracht's nicht übers Herz, die (umgestellte) vierte Strophe zu löschen, obwohl im Kontext Off-Topic. Gefällt mir in Klang und Sprachrhythmus am meisten, wegen der aus dem Original stammenden Binnenreime.

Schließlich haben wir also folgenden Inhalt:

Die erste Strophe stellt dann ein naives Praefatio dar, worin Gottes Größe gepriesen wird. Gar nicht unwahrscheinlich, das ein betendes Kind Gott auf diese Weise gnädig stimmen wollen würde.

Nun folgt das Bild der nächtlichen Wohnung. Die Mutter schläft bereits, der kleine Junge ist noch wach. Der Mond scheint durch die Fenster und wirft Schatten, in denen das Kind grausige Ungeheuer vermutet.

In dieser Furcht erwacht plötzlich des Jungen schlechtes Gewissen, Die Nacht, die sich ihm so feindselig zeigt scheint Bestrafung für ein begangenes Vergehen. Natürlich darf der geneigte Leser sich nun fragen, was diese Sünde wohl sei.

Ein Kind, das Nachts Angst hat, ist nicht unbedingt eine "News", aber das alles ist auch nicht die schlechteste Geschichte, die ein Gedicht je erzählt hat.

Ich freue mich über dieses Gegenmodell zum Meschheitsbild von "Menschlicher Erfindungsgeist" Dieses naive kindliche Empfinden/Denken gibt's ja wirklich. Es ist eine Antwort auf das von mir thematisierte Grauen der Welt. Ganz nüchtern, ganz ohne den Pathos der Predigt schreibe ich das.

Gruß
Simon Lore

 

      darloni



Kindergedicht

   25.08.2010, 09:53 / 7 x geändert



sid nein um des lieben herren im himmel den es nicht gibt willen
ich beschwöre dich mit allen meinen zehn gespreizten fingern gegen deine stirne gelegt

tu es nicht

auf keinen fall ändern auf keinen fall den vorschlägen folgen es wäre dann verstümmelt
auf grausligste art und weise
gestutzt an allen gliedmaßen die fingerlein wären amputiert dem textlein
ihm sein gesichtlein weggeschnitten die zunge abgerissen und mittendurch
gepfählt wäre es ins herz hinein das arme ding
es geht doch nicht darum den text so hinzubiegen dass er klingt "als spräche ein kind"
der reiz liegt ja darin dass die sprechstimme mimikry betreibt sie "tut nur so" es ist ein umspielen
nimm deinem text nicht die ans lied erinnernden rekurrenzen am jeweiligen strophenschluss
lass die reime wie sie sind
umarmend soll das reimschema bleiben was könnte hier besser passen als ein umarmender reim
mitsamt den ungewöhnlichen enjambements dazu
wenn du das ausbürstet trockenbürstest glattbürstest verliert es den schauderzauber und
die brechungen sind weg und damit der pfiff und
auf den pfiff kommt es aber an den hat man drin oder nicht
die guten schulmeister sehen das
der andere sieht nur sich und sein scheinbar besseres wissen
folge nicht dem verführer
wenn du das so auf normhöhe herunterverschlimmbesserst dann hast du
das fünfzehnhundertundsiebenzigste
süß geseierte glattglasierte saichpastiche auf irgendetwas
solches gibt es zu hauf das kann jeder und denkt jetzt hat er
eine lyrik geschrieben
ist aber nichts eigenes kein neuer zug darinnen keine tragende stimme kein freies spiel sondern
eine mechanische seelenlose fingerübung und weiter nichts
lass deinem lied das geschrägte und die sanften ungelenkigkeiten aus denen sein reiz entsteht
dein ding hat den sound män und zwar
so wie es ist
mach kein kastriertes liedlein daraus das aussieht wie schokolade aber scheiße ist
steh zu deinem stück und gut punkt

rät mit einem feinen grüzzi allez hopp
dein überzuckerungs- und glasurfachexperte
Dario Darloni


==============


Zitat:
Zum Schluss jeder Strophe finden wir einen männlichen Waisen. . Insofern unpassend, weil Lyr-Ich ja im Besitz einer Mutter.


aber da ist kein waisenreim oder bin ich meschugge herr sei mein

 

      Willimox



Kindergedicht

   25.08.2010, 12:00 / 2 x geändert



Na heerst, die Sache mit dem "männlichen Waisenreim" bezieht sich auf die
"beiläufige metrische Korrektur"
o schoki-orientierter Darloni.

Klein bin ich und mein Herz ist rein;
Des Himmels tausend Sternlein prangen
Des Nachts - und tausend Blümlein fangen
Gott zum Lob zu blühen an.

Die Mutter schläft. Des Mondes Schein
Wirft Schwarz. Dort wohnen Wölfe, Schlangen...
Gott, um mein Leben muss ich bangen
Was ich tat, verzeih es mir.

Schau nach dem Sohn, der nicht allein
Mit stillen Tränen auf den Wangen
der Sünde, die er dir begangen,
von der Zeit verzehrt sein will.

(Is's Glück, Welt, mit dir eins zu sein?
Wohl niemand preist des weitgereisten
Windes Klugheit, niemand weiß den
Tag, da alles enden mag. )

gschamster Diener

ww

PS

Prämisse 1:
Zitat:
aber da ist kein waisenreim
oder bin ich meschugge herr sei mein

Prämisse 2:
Siehe Blauteil
Conclusio: ?
(Ne, meschugge bist Du sicher nicht.)

 

      sid²



Kindergedicht

   25.08.2010, 19:15 / 9 x geändert



Also erstmal ein ganz dickes Lob an alle: die Kommentare und Antworten sind es alle Wert, darüber nachzudenken, also von keinen schlechten Eltern.

Egal, ob (sicher verdiente) Verbesserungsvorschläge, oder eher auf den Seiten des Originals verteidigt wird, beide Lager machen Sinn und Lust auf mehr.

Daher möchte ich mich ganz herzlich bei den Damen und Herren beider Lager für die Aufmerksamkeit bedanken, wirklich, gefällt mir sehr gut.

Ins Eingemachte:
Nun, ich stimme SimonLore und Willimox zu, dass das "Herr, sei mein" etwas auf die Nerven geht. Könnte man wegnehmen. Aber was bleibt? Eine halbe Zeile auf der letzten Position. Ich finde einfach, die Versfüße müssen alle vollständig aufgestellt werden, vielleicht denke ich da zu konservativ, vielleicht ist es auch einfach nur Gewohnheit.

Aber Tatsache ist, dass der Leser (in der Korrektur-Version) auf der letzten Zeile zu kurz kommt: außerdem wird auch kein Reim eingeführt, der die Leere auffedern könnte.

Zuletzt, und das ist immer mein schlagendes Kriterium, mich für oder gegen eine Änderung zu entscheiden, die verkürzte letzte Zeile ist nicht begründet. Warum kürzer?, frage ich das Gedicht. Und es kommt keine Antwort. Die durch die verkürzte letzte Zeile entwickelte Heraushebung korrespondiert mit keiner anderen marked position im Gedicht. Sie fällt ins Leere. Und das ist nicht gut.

SimonLores Version hat außerdem noch die rhythmische Eigenart, dass die betonten Zeilenanfänge wegfallen und kleine, oder unbetonte, an den Anfang gestellt werden. Gefällt mir persönlich nicht so gut, ist aber Geschmackssache.

Was aber noch viel bedeutender wiegt: die kleinen Versfüße am Anfang werden mit ganz ganz schwachen Artikeln ausgefüllt, ja ausgefüllt kann man schon gar nicht mehr sagen: verschwendet ist der richtige Ausdruck.

In der Korrektur-Version gibt es jetzt insgesamt 10 Artikel (des, des, die, des, dem, den...). Diese Artikel fressen einfach nur Platz, sinngebend sind sie meistens nicht. In meiner Version gibt es nur 4 Artikel. Ich habe versucht, so gut wie möglich zu komprimieren, zu optimieren, Platz für sinntragende Silben zu schaffen, seien das jetzt Nomen oder Adjektive oder anderes.

Rhythmisch ist die neue Version an einigen Stellen schwächer als das Original. Der Anfang ist besonders schwach:

Klein bin ich und mein Herz ist rein;


Was soll denn das?
Die Versfüße verlaufen sich ja schon in der ersten Zeile: - v v v v - v -


Da fährt nach meinem Geschmack der Bus gleich in der ersten Strophe an die Wand. Das geht gar nicht. Keine Struktur, kein Start, keine Dynamik, einfach nur rhythmische Katastrophe.

Was noch mehr wiegt: "der liebe Gott" wurde wegrationalisiert. Aber das ist doch das Leitstimmungsmotiv! Das ist doch parallel zu "Herr, sei mein" am jeweiligen Zeilenende. Gut, das hat man ja auch gleich mitweggenommen. Dadurch verliert aber das Gedicht seinen Gebetscharakter, dadurch aber auch seine Ich-Welt-Gott Dreiphasentablette. Das muss einem klar werden.

Und was bei der Gelegenheit auch noch totumfällt, ist der Sprecher selbst: nämlich das kleine LI, der kleine Junge. Jetzt spricht einfach nur irgendwer, nicht mehr der kleine Junge alleingelassen im Bett nachts. Da könnte jetzt auch ein Brummifahrer sprechen, oder der stockbesoffene Versicherungsverkäufer. Wir wissen es nicht.

Dass es Brechungen gibt, wie sie Darloni angesprochen hat, ist ja ganz berechtigt. Und zwar zweifach: zum einen reimtechnisch. Und zwar weil wir es hier mit einem Reim zutun haben, der über viele Zeilen fortgeführt wird. Wenn jetzt Reim, Satzende und Zeilenende brav zusammenfallen, dann fängt der Leser ab Strophe eins an zu leiern. Wir kennen das, das Leiern ist der Tod jeden sinnvollen Lesens, der Reim wird zum Selbstzweck, furchtbar.

Daher habe ich bewusst Zeilenende und Satzende versetzt, dann steht am Zeilenende nur der Reim, die Stimme hängt für einen Moment in der Luft da der Satz noch nicht zu Ende gesprochen wurde, es entsteht eine kleine Gedankenpause, um dann am Anfang der nächsten Zeile fortzufahren. Das ist der andere Grund für die Brechungen:

Dadurch wird ein besonderes Spotlight geschaffen: nämlich der Zeilenanfang. Dieses Spotlight ist für ein Gedicht sehr wichtig, normalerweise und am einfachsten gelingt er durch den Reim. Auf die Reimposition legt man die wichtigen Wörter, alles bestens.

Aber man kann auch noch andere Positionen hervorheben, und das gelingt hier mit der Satzweiterführung über das Zeilenende hinaus (ohne den Reim zu opfern!).


Diese zweite Spotlightposition ermöglicht es mir sogar, eine zweite Reimebene einzuführen:
Tag, da alles enden mag


oder ein wichtiges Stimmungsmotiv zu parken:
nachts, ...


Wenn der Zeilenanfang gewisse Funktionen übernimmt, tritt er nicht nur mit dem Zeilenende in eine Wechselbeziehung, er gewinnt auch an rhythmischer Dominanz. Daher wird in diesem Gedicht der Zeilenanfang "männlich", also ein Trochäus, wie der Fachbegriff heißt. Das stört viele, dessen bin ich mir bewusst. Da muss ich noch ganz viel üben, damit mir auch ein weicher Zeilenbeginn mit Funktionsauftrag gelingt.

Aber das wars jetzt erst mal.

Also, ich bin über die Partizipation höchst erfreut. Ein herzliches Dankeschön, es hat mir sehr geholfen, noch mal über Details nachzudenken, zum Verbessern hilft es auf jeden Fall!

Beste Grüße
sid

 

      darloni



schokibunny schamsing bag

   25.08.2010, 21:01



Zitat:
Na heerst, die Sache mit dem "männlichen Waisenreim" bezieht sich auf die
"beiläufige metrische Korrektur"
o schoki-orientierter Darloni.


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antwortvariation 1

gwies aa suu? sull sich da tschapp parl'n asoi da rebbe 'n schmaugt

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antwortvariation 2

ich als sanguiniker bin doppelt so schnell wie die materie und habe übersehen
worauf der männliche waise zu beziehen ---

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antwortvariation 3

tom tykwer



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antwortvariation 4

es ist schön sicher nicht meschugge zu sein

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editierung

oh eine ammeli hat sich soeben registriert mir schwant
nichts gutes




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