Witwe im Wahn · Jolante · ·


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      Jolante



Witwe im Wahn

   23.08.2010, 14:55 / 5 x geändert



Du kennst sie nicht?
Du kannst sie kennen lernen
bei Wer-Kennt-Wen darfst du
ins Gästebuch ihr schreiben.
Sie ist weit über Sechzig,
doch sie möchte jünger bleiben.

Du kannst sie sehn auf Fotos
wie sie leibt und lacht,
Yvette, die Witwe, die Furore macht
bei, na du weißt schon: WKW.

Du kennst sie nicht?
Du kannst ihr E-Mails schreiben,
auch SM-esse sind ihr stets willkommen.
Sie möchte nicht im Altersheim verkommen,
will Freunde finden und wenn`s geht,
`nen jungen Mann, der auf sie steht.

Du kannst sie sehn auf Fotos
wie sie liebt und lacht,
Yvette, die Witwe, die Furore macht
bei, na du weißt schon: WKW.

Als einmal einer ihrer Netzbekannten
vor ihrer Haustür stand ganz ungeniert,
so herzig lachend, jung und muskulös,
da wurden sie und ihre Hunde ganz nervös.
Sie wollten sofort Gassi mit ihm gehen
und stolz `ne Ehrenrunde mit ihm drehen.

Er blieb sogar das ganze Wochenende,
mähte den Rasen, das war super nett.
Was sie jedoch an ihm ein wenig störte,
er wollte couchen, aber nicht mit ihr ins Bett.
Zum Abschied küsste er ihr beide Hände
und sprang ins Auto, ja das war das Ende.

Du kennst sie nicht?
Du sollst sie kennen lernen,
wenn ihre freche Alterslüge dich empört.
Dann simst sie flugs `nen bösen Fluch,
schmeißt dich aus ihrem Gästebuch,
die, na du weißt schon: WiW.

 

      car*oline



gar nicht schludrig geverst + gereimt

   24.08.2010, 12:56 / 4 x geändert



[Ich darf mal interimistisch diesen Account benutzen; ich, augustine. Mich gibt es also noch; danke deiner versteckten Nachfrage, Jolante. Aber es freut mich hier nicht mehr viel angesichts zum Beispiel von Sexheftchen und Urinalen und angehängten Kommentarschwänzchen oder auch prallen -schwänzen. Klammer zu.]

Deins hier gefällt mir, weil du ein Thema aufgreifst, das es so irgendwie am Rand der Gesellschaft auch gibt - bei den Alten, die keine Altersweisheit haben, und also kann man sie linken, und es geschieht ihnen eigentlich recht.
Es, dein Gedicht, ist IN der ironischen Form und mit ihren Mitteln ernst.
Die Rubrik gefällt mir aber nicht recht. Das Gedicht ist doch weder komisch noch humorig. Wäre nicht "Satire" besser oder "Soziales"?

Grüße von augustine

"Witwe im Wahn" ist auch der Titel einer Biographie von Oliver Hilmes zu Alma Mahler-Werfel-...-...-... Hast du darauf angespielt?

 

      gregor libkowsky



gar nicht schludrig geverst + gereimt

   29.08.2010, 20:34 / 3 x geändert



Hallo Jolante!

Nach der neuen Alten nun die Witwe im Wahn. Bin gespannt in welcher Art und Form das Thema von dir weiter verfolgt werden wird.
Aber hier: die Witwe im Wahn - ein schöner Titel, stellt den Leser schon auf "Augenzwinkerndes" ein und so kommt es auch. Die Kästner-Anleihe scheint gewollt. Die Beschreibung eines Zeitgeist(?)-phänomens, nein, es ist nicht der Zeitgeist, es sind uralte Wünsche, die hier benannt werden: Jünger sein,als man ist, nicht altern wollen, begehrt sein, nicht allein sein, im Mittelpunkt zu stehen, einen geliebten Menschen an seiner Seite zu wissen, die Aufzählung bleibt inkomplett. Lasse ich mich von diesen Gedanken treiben, dann ist auch der Titel nicht mehr so witzig.
Bleibe ich oder will ich an der Oberfläche bleiben, gefällt mir der schnoddrige Ton, das Liedhafte des Gedichtes, der Refrain und der Bruch des Schemas am Ende.
Es sind die Möglichkeiten einer modernen Gesellschaft, es ist das Internet, dass uns eine Parallelversion unseres Lebens bietet, mit Masken und Konditionen, die wir mitbestimmen können, mit Rollen, die wir uns aussuchen, mit Teilaspekten unserer Charaktere, die wir ausleben.
So weist die Witwe im Wahn über die konkret erzählte Geschichte hinaus und es bleibt mehr als ein Schmunzeln übrig.

Schön auch, dass hier eine weibliche Person die virtuelle Welt zum Träumen und auch zum Selbstbetrug nutzt, sind doch eher Männer auf der Jagd, maskiert und bierbauchretuschiert.
Aber das Phänomen an sich steht im Vordergrund und die Wünsche und Sehnsüchte der Spieler und Schauspieler bei wkw und anderswo.
Kein belehrender Zeigefinger, dafür scheinbarer Spott, in welchem aber Nachdenkliches und Mitfühlendes mitschwingt.

Mir gefällt's.

Kommandantengrüße

 

      Jolante²



Tragik oder Komik?

   22.09.2010, 19:17 / 3 x geändert



Liebe Augustine, ich danke dir für deinen freundlichen Kommentar. Das Thema, mit dem ich mich hier beschäftigt habe, ist nach meiner Beobachtung durch die Möglichkeiten des virtuellen Kommunizierens nicht nur irgendwo am Rand unserer Gesellschaft anzutreffen, sondern mittendrin. Mit dem Titel "Witwe im Wahn" habe ich tatsächlich auf Alma Mahler-Werfel angespielt, denn sie "litt" ja auch am "Jugendwahn" und umgab sich vorzugsweise mit jüngeren Männern (Mahler war eine Ausnahme). - Ansonsten: Ja, die Rubrik. Ich war mir auch nicht sicher, ob das Gedicht in die Sparte "Komik, Humor" passt, finde aber doch, dass die komische Seite überwiegt. "Soziales" hätte auch gepasst, aber ich habe keine Ahnung, wie ich das Teil in diese "Republik" verschieben kann. Also lass ich es da, wo es ist. Großes Interesse hat es hier sowieso nicht gefunden.

Lieber Kommandant, ich fühle mich verstanden. Dein Kommentar drückt genau das aus, was ich in das Gedicht hineingeben wollte. Dass du es nicht nur herausgelesen, sondern auf deine unnachahmliche Weise interpretiert hast, freut mich sehr, und ich danke dir. - Der Kästner war gewollt, ja. Sein "Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn" hatte ich am Tag des Schreibens im Kopf, als Ohrwurm leider.

Es grüßt Jolante

 

      zuppanova



Witwe im Wahn

   23.09.2010, 08:03



Ja, der Kommandant hat das so gut ausgeleuchtet, da bleibt mir nur ein stilles Nicken.

Das Portal http://www.wer-kennt-wen.de kannte ich nicht, so dass Deine WiW horizonterweiternd auf mich wirkte, Jolante. Das Gedicht benutzt Elemente der Komik und überzeichnet Situationen bzw. Zusammenhänge, um (ohne belehrend mit dem Zeigefinger zu fuchteln) auf allerhand Abgründigkeiten zu weisen - Isolation, emotionale Unterernährung; vergebliche Versuche, bittere Bedürftigkeiten nicht spüren zu müssen bzw. sie durch Fluchtbewegungen zu kompensieren; das Dilemma von Wunsch und Wirklichkeit scheint auf, von Selbst- und Fremdwahrnehmung, von Identität.


LG, zuppa


PS: Solltest Du den Text in eine andere Rubrik verschoben haben wollen, was auch ich gar nicht so verkehrt fände, kann ich Dir gerne helfen.

 

      Jolante²



Witwe im Wahn

   24.09.2010, 13:03



Liebe zuppa,

wie habe ich mich über deinen Kommentar gefreut, weiß ich doch, wie knapp dein Zeitbudget bemessen ist! Deine Abkürzung WiW (für Witwe im Wahn) spukt mir im Kopf herum, könnte ich sie doch eventuell für einen neuen Schluss verwenden. Doch da muss ich noch ein wenig überlegen. Für dein spontanes Hilfsangebot danke ich dir und würde mich freuen, wenn du das Gedicht in die Rubrik "Soziales" verschieben könntest.

Herzliche Grüße
Jolante

 

      zuppanova



Witwe im Wahn

   24.09.2010, 17:24



Zitat:
... und würde mich freuen, wenn du das Gedicht in die Rubrik "Soziales" verschieben könntest.

Soeben geschehen.


Liebe Grüße, zuppa

 

      Jolante²



Witwe im Wahn (WiW)

   02.10.2010, 12:16



Ich habe dem Gedicht einen neuen Schlussvers gegeben, in dem ich den Refrain ein wenig verändert habe. So heißt es nun: "...schmeißt dich aus ihrem Gästebuch/die, na, du weißt schon, WiW." (1.Fassung: "..../bei, na du weißt schon, WKW."
Ich meine, so ist es pointierter. Wer anderer Meinung ist, darf mich gerne widerlegen.

Es grüßt Jolante




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