But there's a pretty little thing waiting for the King down in the Jungle Room. MARC COHN, Walking in Memphis (1991)
Flacher Atem - Prosaskizze
Katharina atmete tief und regelmäßig, sie hatte den Kopfhörer auf, die Beine trommelten im Takt des Liedes, das sie liebte.
Put on my blue suede shoes and I boarded the plane touched down in the land of the Delta Blues, in the middle of the pouring rain.
Endlich war Samstag, die Schulwoche lag hinter ihr, der Montag weit vor ihr und die kleine Stadt unter ihr. Die Fachwerkgebäude, das Schnatterloch mit seinem holprigen Straßenpflaster, das Gymnasium aus rotem Sandstein in der Luitpoldstraße - nicht mehr zu sehen. Ein paar Villen säumten noch die Graubergstraße. Die Freundin wohnte dort. Ralph vom Tanzkurs, der sie küssen wollte, der alte Pfarrer, der sie vor sechzehn Jahren getauft hatte.
Sie verließ die steigende Straße mit ihrem Asphalt und lief am Forsthaus in den flachen, erdigen Ringweg ein. Tief durchatmend beschleunigte sie das Tempo, ihre blauen Schuhe wirbelten über den Boden und dann nahm der schattendunkle Wald das Mädchen auf. Jetzt näherte sie sich dem ummauerten Privatgrundstück mit dem eisernen Gittertor in der Sandsteinmauer. Mehrmals schon hatte sie das Gartentor gemustert und war daran vorbeigelaufen. Heute würde sie prüfen, ob die Tür verschlossen war.
Saw the ghost of Elvis on Union Avenue, followed him up to the gates of Graceland, then I watched him walk right through. Now security they did not see him. They just hovered 'round his tomb. But there's a pretty little thing waiting for the King down in the Jungle Room.
Sie setzte noch vier, fünf Schritte auf der Stelle, gewann ihren Atem zurück und lehnte sich mit der Stirn an das eiserne Gitter. Dann legte sie die Hand auf die Klinke und musterte das Blumenbeet. Dahinter erhob sich mannshoch eine Akazienwand, dicht, sorgfältig beschnitten. Aber das Gras auf dem Weg zeigte, dass sich hier wohl niemand in letzter Zeit aufgehalten hatte. Katharina öffnete vorsichtig das Tor.
Es war fast windstill. Das Gras raschelte und einen Augenblick lang genoss sie, das blaue Leder ihrer Sportschuhe über den Boden gleiten zu sehen, bis hin zu dem Blumenbeet. Glühende Päonien und smaragdgrüne Kaiserkronen breiteten sich vor ihren Füßen aus, ein süßlicher Duft hing über dem Beet. Katharina schloss die Augen und atmete ein. Es wurde kühler auf ihrer Stirn und ein Schatten schien sich auszubreiten.
Katharina öffnete die Lider und blickte zum Himmel hinauf. Als kleines Kind hatte sie diese Wolkenflotte gesehen: Segel bauschten sich. Schiffe schwammen an der Sonne vorbei und netzten mit ihrem Schatten die Haut. Dann kam das warme Licht wieder, die Strahlenlanzen trafen auf das Blumenrondell, auf abgefallene Nadeln und die Akazien. Dahinter etwas Weißes. Ein Gartenhaus? Die Akazien kratzten, als sich Katharina an ihnen vorbeizwängte. Kein Gartenhaus, eine Art Kapelle. Weiß gekalkt, mit einem blauen Rautenzeichen an der Außenfront, keine Fenster in dem Mauerwerk, das Tor wieder nicht verschlossen. Ein Andachtsraum des unbekannten Besitzers? Ein geheimer Platz für Liebespaare? Ob Ralph von diesem Ort etwas wusste?
Ihre Augen brauchten eine Zeitlang, bis sie sich an das Halbdunkel im Inneren gewöhnt hatten, dann sah sie vor sich ein Podest, darauf eine weiße Statue, ein Jüngling, lebensgroß. Die Rechte der Figur berührte die Schläfe, es war nicht klar, ob in einer sinnenden oder verzweifelten Geste, der linke Fuß war leicht vorangestellt, als verhielte der junge Mann mitten in einer Bewegung. Die pupillenlosen Augen schienen auf das offene Tor zu blicken, dorthin, wo sie eingetreten war und wo nun ein Lichtschwamm das Dunkel der Kapelle säumte.
Auf dem Podest fand sich keinerlei Inschrift, in den Sockel der Statue war eine Haltevorrichtung eingelassen. Daran hing etwa auf Kopfhöhe Katharinas an kurzer Kette eine ölgefüllte Ampel aus Rubinglas, sie erinnerte ein wenig an das "Ewige Licht" ihrer Taufkirche. Katharina streichelte über das kühle Gebilde und spürte eine feine Gravur, Umrisse einer Gestalt, Schnörkelwerk, winzige, regelmäßige, deltaartige Schuppen.
Hinter dem Rubin ein Docht, verankert in einer lancettenförmigen Vorrichtung. Auf dem Podest eine von Feuchtigkeit aufgebogene Streichholzschachtel. Das dritte Hölzchen zündete, der Docht begann zu glosen und blakte, dann züngelte eine Flamme, tänzelte ein wenig und setzte sich leise sprühend am Dochtende fest. Als Katharina nun ganz nahe herantrat, so dass sie das Glas mit der Stirn berühren konnte, schien sich ihr in der rubinroten Flüssigkeit ein Meer auszubreiten. Darüber ein unendlicher Horizont, gekrümmt zwar, aber ohne Ende. Nahm man den Kopf etwas zurück und betrachtete die Gravur, so erkannte man einen fein gearbeiteten Fisch, schmal, der Leib geschuppt. Anstelle der Kiemen zwei Flügel..
Katharina musterte die Wände der Kapelle, dort zog der Schatten eines großen geflügelten Fisches rings um sie einen Halbkreis nach vorn, dann langsam wieder zurück. Sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug. Die Wände erinnerten an dunkelblauen, blättrigen Schiefer, von Flechten durchädert, eine schwarze Masse, darin aufglimmende Drusen, bald weißlich, bald ins Rötliche fallend. Mit einem Mal war ihr klar, dass sie weg musste, sie musste den Lichtsaum bei der Tür erreichen, in dem die feinen Staubkörnchen schwebten, und sie musste den Bannkreis der Flamme durchbrechen, die auf dem Docht hockte , flüssiges Quarz, violettfarbig, verzehrend biegsam.
Katharina schloss die Augen. Das Mädchen zwang die Füße in eine Bewegung, die langsam und tranceartig ausfiel, ausgeführt wie von einem fremden Körper Sie spürte den Blick von jemand oder etwas, das den Raum füllte und die Luft in der Kapelle einzusaugen schien, den Blick auf ihren Körper. Sie senkte den Kopf und atmete flach. Dabei berührte sie mit der Hand ihre Schläfe, um sich zu beruhigen.
Sie hatte den Eindruck, sich selber zuzuschauen, als sie nun den Kopf zu der Statue hob, um den Atem zu gewinnen, den sie brauchen würde, wenn sie die Tür noch erreichen wollte.
Walking in Memphis: pretty little thing waiting for the king
Atmosphärisch dicht, geheimnisvoll, spannend und melodiös! - Eine Erzählung, die zudem bildlich und musikalisch ansprechend umrahmt wird. Sie mutet mich an wie ein Ausbruch aus dem Sommerloch des lit-on-Planeten. Zwar ist mir bewusst, dass gerade ein Erstkommentar zu einem Text mehr aussagen sollte als Lob oder Tadel, aber für mich ist in erster Linie die Wirkung entscheidend. Erst danach interessiert mich die Machart, von der du, willimox, ohnehin mehr verstehst als ich. Deine poetische Erzählung macht mich staunen, und wenn ich staunen kann, bin ich froh!
Das Entdecken der eigenen Sexualität, das Loslösen von der Kindheit ist meiner bescheidenen Einsicht nach das Thema dieser kurzen Erzählung, von der ich persönlich mir wünschte, sie wäre länger, weniger gerafft geschrieben. Die "Kapelle", der Jüngling, die (natürlich) rote Lampe, das alles sind "hermetische" Symbole für das Erwachen der erotischen Körperlichkeit.
Ein Motiv, dass man immer wieder findet ist die plötzliche Furcht vor dem Drachen, dem man da geweckt hat. Unsere Protagonistin ist ja in vielem noch kindlich. Es gibt da einen Jungen aus dem Tanzkurs, den sie küssen will, sie trommelt mit den Füßen den Takt des Liedes...
Die Songzeilen von Marc Cohn, die sie mit ihrem Walkman hört und also innerlich mitsingt - sehr schönes Stilmittel, allerdings vielleicht zu sehr en bloc, vielleicht besser fragmentierter verstreut? - sind Anzeiger der Zeit, in der die Geschichte spielt, also die frühen 90er.
Das Symbol der blauen Schuhe ist für mich ein wenig kryptisch. Zwei Mal wird die Taufe des Mädchens erwähnt, und auch das vermag ich nicht völlig auszuloten.
Dann sehen wir sie schließlich, die Blicke einer unsichtbaren Präsenz auf ihrem Körper wissend, in der selben Haltung wie den Jüngling dort stehen, mit der Hand an ihrer Schläfe. Das bedrohliche dieser unbekannten Welt des Sexuellen wird offenbar, zugleich auch das lähmende, einlullende Moment.
Leider bleiben meine textanalytischen Fähigkeiten weit hinter denen des Verfassers zurück. Ich hoffe, dass nachfolgende Kommentatoren die Symbole dieser Geschichte weiter aufdröseln können.
(Vorbemerkung 2: augustine in geborgtem Gewand, weil nicht zu Hause, da aber dauerhaft eingeloggt)
Care vilimoxe,
schön, dass du dich einmal wieder mit Eigenem hier zeigst. Deine Art der Analyse werde ich auf deinen Text aber nicht anwenden, und nicht nur, weil ich darin nicht geübt bin. Sie gefällt mir auch nicht, weil sie derartig mit der Attitüde letztgültiger Aussage daherkommt, dass danach dann gewöhnlich nichts mehr kommt...
Aber nun einiges zu deiner großartigen Katharina-Geschichte, die vom tiefen zum flachen Atem geht, von einer 16-jährigen Schülerin am Beginn des endlos scheinenden Wochenendes, verliebt und unsicher in ihrer Verliebtheit, kein Kind mehr (die vorgeblichen Sicherheiten der durch Taufe erzeugten Zugehörigkeit zu einer Kirche sind ihr keine mehr), aber natürlich noch nicht erwachsen, empfänglich für als märchenhaft Erlebtes.
Blau ist denn auch eine Leitfarbe (die blaue Blume der Romantik bei Novalis): die blauen Schuhe im Song und an ihren Füßen, das Blau im Denkmal-Zeichen an der 'Kapelle'. Aber auch andere Farben sind wohl bedachtsam gesetzt, vor allem das Rot, das vom Sandstein des Gymnasiums in ihrem realen Leben zum Rubinrot der Ampel in den Raum führt, der sie in ihrem Erleben fast in eine andere Welt zieht.
Ja, es ist ein Weg aus der Alltagsrealität in eine Märchenwelt, den Katharina in ihren blauen Turnschuhen geht. Da will ich mich nicht mehr daran stören, dass ein sorgfältig vor der Außenwelt gesichertes Grundstück ein offenes Gartentor hat. Vielmehr bezeichnet dies genau den Ort des Übergangs von der einen in die andere Welt wie Fenster und Türen in Häusern - ein erzromantisches Motiv.
Hinter dem Gartentor, im Garten schien sich Schatten auszubreiten, jedenfalls immer wieder. Kühle und Schatten bezeichnen dann auch die 'Kapelle', deren eigentlicher Zweck dem jungen Mädchen unklar bleibt, weil es gefangen ist von Atmosphäre und Liebesverlangen, das sich wohl materialisiert in der (weißen) Statue, lebensgroß, in einem weißen Bauwerk, weiß wie die Wolkenbilder, die Katharina sich als Kind gemacht hat und an die sicher nicht zufällig hier am Übergang von einer Welt in die andere erinnert wird.
Die weiße Jünglingsstatue in der Geste des Berührens der Schläfe mit der rechten Hand - derselben Geste, die am Schluss der Geschichte Katharina selbst ausführt, partiell 'identisch' mit ihr, psychoanalytisch vielleicht ihrem männlichen Ich (Animus) um die Kraft zum Verlassen des sie gleichsam einsaugenden Raumes zu gewinnen - steht seltsam hoch: auf einem Podest und dann noch auf einem Sockel (sonst hinge die daran angebrachte Ampel nicht auf Katharinas Stirnhöhe). Rubinglas, an die "Ewige Lampe" ihrer Taufkirche erinnernd und zugleich über diese Sphäre hinausweisend in einen unendlichen Horizont. Streichhölzer, den Docht anzuzünden, liegen mit nicht hinterfragbarer Märchenlogik bereit. Der Fisch der Ichthys der frühen Christen (aber passt nicht zu meiner Lesart des Überwindens kindlicher Taufbestimmtheit)? Mit Engelsflügeln? Eine Phantasmagorie, die nur Katharina 'sieht', ein von der Flamme erzeugter umlaufender Schatten, der die Eindringlingin beinahe bannt, dem sie nur mit großer Kraftanstrengung entkommt. Oder auch nicht entkommt, das bleibt offen.
Im Ganzen, denke ich, eine Adoleszenz-Geschichte mit romantischem Motiv-Material, die sich aber niochtin Romanzismen verliert, sondern die Motive souverän benutzt, erkennbar durchgearbeitet in allen Formulierungen. Die hat sehr, sehr gern gelesen
Dies fällt mir zum geheimnisvollen Fisch ein:
Fische mit Flügeln, auch mit Kronen, findet man z.B. in der Heraldik.
Brokdorf hat so einen Geflügelten im Wappen.
Der geflügelte Fisch vereinigt Gegensätze (Bezug zur Adoleszenz?): Das, was im Wasser lebt, stirbt in der Luft, vice versa. Spiegelt sich in diesem Symbol die Animus-Anima-Symbolik wider? Vielleicht ist das Zeichen, das Katharina entdeckt, "in Wirklichkeit" aber kein geflügelter Fisch, sondern eine geflügelte Schlange (=> Drache) - ein weiterer Symbolpfad in älteres Material, auch praeromantisches ... (LINK)
Meine VorrednerInnen haben diesen gut gemachten Text bereits besprochen.
Möchte noch eine Marginalie anfügen: Die blauen Turnschuhe der Protagonistin erinnern mich an die geflügelten Sandalen des Hermes; warum - kann ich nicht sagen.
Das andere, worauf ich hinweisen möchte: die leitmotivische Bedeutung des Atems im Text (auch titelgebend).
Assoziationen dazu
- Atem: Zeichen des Lebens schlechthin; im biblischen Mythos erweckt Gott den aus Lehm geschaffenen Menschen zum Leben, indem er ihm Atem einhaucht, (hebr. "Ruach" - Atem, Wind, Geist, Seele); Atem ist Symbol für das Leben, ist zugleich das Sinnbild für die Seele; Atem ist die Kraft des Geistes und die lebensspendende Energie.
- Atem: "Brücke zwischen Körper und Geist"; unter den ansonsten willentlich kaum beeinflussbaren Körpervorgängen nimmt die Atmung eine Sonderstellung ein; einerseits läuft sie unbewusst und automatisch ab, andererseits ist sie bewusst steuerbar.
- Atem: in seiner rhythmischen, die Gegensätze vereinigenden Funktion tiefenpsychologisch interpretierbar als Symbol der Ganzheit.
- Atemzüge sind Lebenszeichen; der Atem als Seismograph für die Befindlichkeit, als individuelle Ausdrucksmöglichkeit eines Menschen mit je ganz eigenem Erfahrungshorizont in einer bestimmten Lebenssituation.
Auf Augustines freundliche Anregung hin
nochmal kurz zurück,
Räume in der Katharina-Geschichte....
(1) Stadt
a) Die Taufkirche (rechts) am Marktplatz "Schnatterloch"
b) Königliches Pro-Gymnasium 1911, Sandstein, Baumeister Ludwig Frosch
c) Lachender wasserspeiender Löwe (Gymnasium Hallenbad, 11,50 m x 4,80 m; Baumeister Ludwig Frosch)
d) Zum Grauberg hinauf
(2) Draußen im Mythos:
a) pan-statue im park
b) edward burne jones: pan und psyche
c) Lachender Pan
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Es macht Freude, dass der Text mit seinen Leitmotiven im beim primären und beim reflektierten Lesen Anklang findet.
Besonders spannend für mich, wie Augustine/Caro*line die Farbcodierungen abtastet. Und wie dabei die zwei Welten/Räume der Adoleszenzgeschichte sichtbar werden: das Spielfeld des romantischen Beusstseins. Thanks.
Und dann der Fisch und der Atem (hirsch, zuppanova) und Jolantes Würdigung und SimonLores genaue Hinweise zur erotischen Initiation. Thanks.
Die Bilder oben zeigen manches, was vom Texter erinnert wird. Ich denke, dass die Bilder nicht nur ihre private Bedeutung haben. Daher sind sie hier eingerückt