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ruelfig
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Leichtköpfig geht ihr durchs Leben -
erkennt ihr nicht, was ihr da macht?
Es ist, als würdet ihr schweben,
als wäre da noch einer neben
euch, der lauthals mit euch lacht.
Starrköpfig zieht ihr durchs Leben.
Stets eitel im gierigen Streben
nach Hab und Gut und Pracht:
es scheint, als würdet ihr schweben.
Ihr könnt nur am Äußeren weben -
bedenket die Höhe der Pacht!
Dummköpfig stampft ihr durchs Leben.
In Trümmern das mächtige Theben,
einst sinkt auch die stolzeste Yacht:
Sieht aus, als würdet ihr schweben.
Verdorrt sind die Felder, die Reben,
für immer herrscht finsterste Nacht -
Dickköpfig geht ihr durchs Leben,
wollt ihr denn ewiglich schweben?

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SimonLore
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20.08.2010, 07:28 / 1 x geändert
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Liebes Gretchen, ich glaube mich hättest Du für so ein Teil ans nächste Scheunentor genagelt.
Überflüssig zu sagen, dass mir dieses Gedicht von ruelfig vom Tenor her sehr gefällt, weil es ja voll meinem Oevre entspricht. Drei-Zeilen-Strophen find' ich schön, dachte mich aber ehrlich gesagt an mancher Stelle: "Reim dich oder ich fress dich!"
Soweit ich ruelfig kenne, sehe ich das ganze abermals durchzogen von einer gewissen Ironie. Nein, um ehrlich zu sein denke ich tatsächlich, dass es eine Art Satire ist auf all diese predigenden Kehret-um-Gedichte. Wäre dem nicht so, wäre das Ganze ziemlich durchschnittlich.

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Gretchen
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20.08.2010, 10:13 / 2 x geändert
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manno. natürlich ist es satire. satire in mehrere richtungen. nicht nur gegen predigtgedichte, sondern auch ...

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Jolante
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Eine gelungene Satire, gewiss, und zudem eine, die mir Krötchens unvollendete Feststellung "...nicht nur gegen Predigtgedichte, sondern auch..." durchaus nachvollziehbar macht. Mir ist u.a. das Gedicht von Achim von Arnim "Des Antonius von Padua Fischpredigt" eingefallen. Ich zitiere mal die letzten beiden Strophen:
"Die Predigt geendet,
Ein jedes sich wendet.
Die Hechte bleiben Diebe,
Die Aale viel lieben.
Die Predigt hat gfallen,
Sie bleiben wie alle.
Die Krebs gehn zurücke,
Die Stockfisch bleiben dicke.
Die Karpfen viel fressen,
Die Predigt vergessen.
Die Predigt hat gfallen,
Sie bleiben wie alle."
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Jolante grüßt

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zuppanova
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ruelfig stellt hier eine neue Form vor - die Sermonelle (nicht: Salmonelle!).
Schönes Wortspiel im Titel, denn die satirische Predigt - hier muss ich Gretchen ein wenig korrigieren - ist keine Terza Rima; diese präsentiert sich klassischerweise mit strophenübergreifenden Kettenreimen aba bcb cdc etc., wobei ein abschließender Vers sich mit dem mittleren Vers der letzten Terzine reimt: xyx yzy z.
Die satirische Sermonelle nun ist eine Villanelle (remember, Gretchen, Du hast selbst schon einmal eine geschrieben: http://www.literature-online.de/thema1450.htm).
ruelfig ist "Spezialist in Villanelle", das weiß ich. Hier hat er sich aber eine Lizenz genommen, den eigentlich bei Villanellen üblichen Jambus geknickt und die Metrik stattdessen mehr daktylisch aufgebaut.
Mir passt es so wie es ist. Sehr gut sogar.
Und Jolantes Assonanz mit der Fischpredigt finde ich auch passend.
Mehr fällt mir nicht ein grad.
Muss dringend die Emmi und die Beate-Camilla schlafen legen.
LG, zuppa
@Jolante: Melde mich beizeiten.

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ruelfig²
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Hallo Jolante,
danke für die Fischpredigt, die hat gemundet. Bin wieder ganz in mich gekehrt.
Hallo Zuppanova,
die Villanelle finde ich nach wie vor spannend, da so versatil. Das mit dem daktylisch hab ich gar nicht gemerkt, ich muss noch so viel lernen (aber ich habe mir "The ode less traveled" von Stephen Fry besorgt und übe, übe, übe...mit Vergnügen).
Hallo Grätel,
sind wir nicht alle ein wenig insuffizient?
Grüße, R

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augustine
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06.09.2010, 22:18 / 1 x geändert
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Hier ein link zur Mahler-Vertonung der Fischpredigt, z. B.
mit Janet Baker
Und hier der Text, ist schwer zu verstehen; Menschen beklatschen wie Fische auch das, was sie nicht verstehen:
Des Antonius von Padua Fischpredigt
Nach Abraham a St. Clara. Judas, der Erzschelm. I. S. 253
aus: Des Knaben Wunderhorn, I. Band
Antonius zur Predig
Die Kirche findt ledig,
Er geht zu den Flüssen,
Und predigt den Fischen;
Sie schlagn mit den Schwänzen,
Im Sonnenschein glänzen.
2. Die Karpfen mit Rogen
Sind all hieher zogen,
Haben d' Mäuler aufrissen,
Sich Zuhörens beflissen:
Kein Predig niemalen
Den Karpfen so gfallen.
3. Spitzgoschete Hechte,
Die immerzu fechten,
Sind eilend herschwommen
Zu hören den Frommen:
Kein Predig niemalen
Den Hechten so gfallen.
4. Auch jene Phantasten
So immer beym Fasten,
Die Stockfisch ich meine
Zur Predig erscheinen.
Kein Predig niemalen
Den Stockfisch so gfallen.
5. Gut Aalen und Hausen Die Vornehme schmausen,
Die selber sich bequemen,
Die Predig vernehmen:
Kein Predig niemalen
Den Aalen so gfallen.
6. Auch Krebsen, Schildkroten,
Sonst langsame Boten,
Steigen eilend vom Grund,
Zu hören diesen Mund:
Kein Predig niemalen
Den Krebsen so gfallen.
7. Fisch große, Fisch kleine,
Vornehm' und gemeine
Erheben die Köpfe
Wie verständige Geschöpfe:
Auf Gottes Begehren
Antonium anhören.
8. Die Predigt geendet,
Ein jedes sich wendet,
Die Hechte bleiben Diebe,
Die Aale viel lieben.
Die Predig hat gfallen,
Sie bleiben wie alle.
9. Die Krebs gehn zurücke, Die Stockfisch bleiben dicke,
Die Karpfen viel fressen,
Die Predig vergessen.
Die Predig hat gfallen,
Sie bleiben wie alle.
augustine

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ruelfig²
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Hallo Augustine,
danke für den Link, anregende Klänge. Lustigerweise habe ich mir vor einer Woche "Des Knaben Wunderhorn" ausgeliehen in der Stadtbücherei und bin erstaunt und ergriffen, was da zu lesen steht, da lässt sich noch einiges lernen zum freien Umgang mit Sprache. Parallel lese ich den alten Rühmkorf: Vom Volksvermögen.
Von den Mahler-Vertonungen werde ich mir noch einige anhören, gerade auch weil "Klassik" nicht so mein Ding ist.
Grüße,
R

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