Willimox
|
08.08.2010, 14:42 / 8 x geändert
|
|
Blues und Prosalyrik – Für Grenzgänger
Schnapsidee
Hesselberg, "Berg der Franken", 18. Januar 1982

Der Wind pfeift auf dem Flaschenhals
des engen Tales. Die Fische, sie
frieren in der Tiefe des Flusses.
Wir atmen hier
zähneklappernd und fahrig
weiße Ballone,
nicht weit von Dinkelsbühl
im Winterlager
am Fuße des Hesselbergs
auf strohbedecktem
Boden im Zelt.
„Die Härteübung,
die Schweinekälte”,
sagt FELDWEBEL SCHNEIDER
und mahlt die Worte
zwischen den Kiefern
und gleicht dabei
dem KÖNIG DER ELCHE
(und auch der gemalten Kobra
auf seinem Opel),
„all das wird eure Säcke
schrumpfen lassen,
auf Erbsengröße.”
Wir lauschen schaudernd und teilen
gierig irischen Whiskey,
gestiftet von Friedrich,
vier Kruken TULLAMORE.
Das hilft ein bisschen
bei Kälte barbarisch und Blues.
Die bauchige Flasche neben mir,
eingemummt
im Mumienschlafsack:
CAESAR, doch, wirklich.
Hier lief der Limes zur Zeit Caracallas.
Und Caesars Latein, die saubere Syntax,
prosaisch, ich brauch sie
für jene vergleichsweise goldene Zeit als Student
post Feldwebel Schneider.
Goldbrauner öliger Schimmer
tränkt Caesars Bericht über Elche,
im „Gallischen Krieg”
Buch Römisch Sechs, Kapitel ZwoSieben:
„Die Elche im Barbarenland
gleichen großen Ziegen.
Sie können sich
nicht hinlegen beim Ausruhn,
denn sie haben keine Gelenke.
Sie lehnen sich, um Schlaf zu finden,
an Bäume. Die schlauen Barbaren
sägen die Schlafbäume an:
So fallen die Bäume
und fällen die Elche.”
P.S.
Vorhin habe ich ihn gesehen
zwischen den Zelten,
den großen Strategen
und Leuteschinder, FELDWEBEL SCHNEIDER.
Er trinkt
aus dem Flachmann den Schnaps
und lehnt mit steifen Knien
in Nato-Oliv
an ächzenden Bäumen.
Und fördert entsprechend Ideen.
Wahrlich: Die Nacht galoppiert,
galoppiert auf düsterer Stute.

Das ist dieser Berg; Julius Streicher wollte ihn zur germanischen Kultstätte sakralisieren. Der Berg kann nix dafür. Jetzt ist er in der Hand der evangelischen Kirche.
P.P.S.
Roman Wall Blues by W. H. Auden
Dieser "Roman Wall Blues"
("Over the heather the wet wind blows") findet sich in W. H.
Auden: A Selection by the Author, Harmondsworth, Penguin, 1958, p. 46
Over the heather the wet wind blows,
I’ve lice in my tunic and a cold in my nose.
The rain comes pattering out of the sky,
I’m a Wall soldier, I don’t know why.
The mist creeps over the hard grey stone,
My girl’s in Tungria; I sleep alone.
Aulus goes hanging around her place,
I don’t like his manners, I don’t like his face.
Piso’s a Christian, he worships a fish;
There’d be no kissing if he had his wish.
She gave me a ring but I diced it away;
I want my girl and I want my pay.
When I’m a veteran with only one eye
I shall do nothing but look at the sky.
Roman Wall Blues
Über die Heide bläst nass der Wind,
Mein Rock ist verlaust und die Nase rinnt,
Der Himmel klatscht Regen aufs graue Land,
Bin Soldat an der Mauer - Zweck unbekannt.
Der Nebel kriecht übers harte Gestein.
Hab ein Mädel in Tungria; schlafe allein.
Vor ihrem Haus macht sich Aulus dick,
Mag den Kerl nicht - seine Art, seinen Blick.
Piso ist Christ, verehrt einen Fisch;
Mault, wenn er einen beim Küssen erwischt.
Sie gab mir 'nen Ring - ist beim Würfeln verrollt;
Ich will mein Mädel und ich will meinen Sold.
Wenn ich Veteran bin mit bloß einem Aug,
Wird nichts mehr getan als zum Himmel geschaut.
Deutsch von Ernst Jandl

Wystan Hugh A.

|  |