sid
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Hallo alle zusammen,
dieses Forum gefällt mir, weil sich hier Leute aufhalten, die kein Blatt vor dem Mund nehmen, und auch Leute, die sanftmütiger Natur sind. Die Mischung machts!
Kurz zu mir (vielleicht auch nicht der richtige Platz sich vorzustellen, egal)
Ich mag Gedichte, schreibe aber selten. Ich interpretiere gerne, habe aber eigentlich wenig Zeit dazu.
Und das Schlimme bei der Sache ist: ich schreibe zu jedem meiner Gedicht eine eigene Interpretation. Mehr als Gebrauchsanleitung, auch als Erinnerungshilfe für mich. Nicht gedacht als autoritäre Sinnerklärung. Jeder kann verstehen wieviel und was er will. Aber ich lege offen, was ich mir dabei gedacht habe.
So, fange ich mal an:
[6810/8-3-7]
Ich fühle keinen Schmerz, Rasen-
ich sehe nicht wo Blut, mäher
vergossen wurde. Doch. Mutter
das Blümchen wächst nicht schneller, wenn
du ihm den Stengel ziehst, gell, denn
das muss es schon alleine tun.
Die du an mir auslebst, die Lie-
be, spiegelt nur die Ängste wie-
der, die das, was einsam ist, sind.
Ich bin dein Kind. Dein Blut durchrinnt
unsre Herzen sind auf immer verbind
ich dir die einsamsten Augen
dieser Welt Wälder ich durchrannt
dieser Welt Gelder ich verbrannt
meinte gar ich könnt' was taugen.
Welcher Wahnsinn sperrt mich ein, dass
Welchen Wahnsinn grab ich ein, dass
bin ich Bohne bin ich Rettich.
Schon ein Spaten guter Kuhmist
gibt dem Boden Kraft. Man glaubts kaum:
langsam wächst der grüne Teppich.
[Interpretation]
Was schreibt nun der junge Mann Anfang Dreißig, der eigentlich von morgens bis abends im Büro sitzen sollte? Er schreibt über seine Mutter. Ja, damit kann er einem Leid tun!
Die Eröffnung spricht auch gleich das Leidthema an: Schmerz. Eingeflochten der Rasenmäher, getrennt, und dann Blut, negiert. Nein, er ist damit also nicht irgendwem oder sogar sich selbst über den Fuß gefahren. Doch trotzdem und gerade deshalb, es geht um die Mutter.
Der Mutter gibt er eine alte chinesische Weisheit zu bedenken: den jungen Reis am Stengel ziehen, um ihm beim Wachsen zu helfen, ist unsinniger Übereifer, der das ganze Werk zunichte macht *(ya miao zhu zhang)
Über eines ist der junge Mann sich nämlich bereits klipp und klar geworden: die Liebe ist an seiner unglücklichen Lage Schuld, die Mutterliebe, die seine Mutter an ihm auslebt, also der Übereifer, der sich an ihm sattfrisst. Und dieser liebende Übereifer ist doch nichts anderes als die Angst seiner Mutter, ihn, den Sohn, zu verlieren. Und damit, so schließt der junge Mann, ist doch schon alles gesagt: die Einsamkeit ist das Problem. In dieser Strophe gibt es einige hübsche technische Kniffs, auf die ich später eingehen werde.
Dieser Feststellung (… sind) wird Bedeutung verliehen, indem sie reimtechnisch durch die nächste Strophe und dort sogar jeweils zweimal pro Zeile durchgeführt wird. Das gibt Nachdruck, ja, die Mutter Kind Beziehung, ja, das Blutband, das verbindet, erzeugt Schnelligkeit und schließt auf dem einzigen Superlativ, den “einsamsten” Augen. Damit sind wir auf dem Gipfeldach des Gedichts angekommen (sogar zwei überschüssige Metrikfüße haben sich genau hier eingeschlichen). Von jetzt an geht es wieder abwärts, wir erwarten uns etwas Aufklärung.
Ist es nicht so, dass der junge Mann nicht schon so einiges erlebt hat? So ganz ein junger Spross ist er ja auch nicht mehr! Schließlich so einige Orte hat er schon durchlaufen und Sachen erlebt, auch einiges Geld hat er schon auf den Straßen gelassen. Er hat es zu etwas gebracht, das kann er doch meinn. Und das kann doch die Mutter sehen mit ihren Augen.
Also, wenn das der Fall ist, wie er selbst meint, warum wird er immer noch nicht in Ruhe gelassen? Warum gibt es dann immer noch diesen Wahnsinn, ja welcher mütterlicher Wahnsinn quält ihn dann noch? Dieser Wahnsinn, der so groß ist, dass es eigentlich egal ist, was er ist, wie alt er ist, wo er ist, er wird immer von diesem Mutterwahnsinn gefangengenommen.
Dabei wäre es doch so einfach. Wenn die Mutter einfach nur in anderer Form, in angemessener Form, ihre Hilfe anbieten würde, hier metaphorisch umgesetzt, dann würde doch alles bestens laufen! Diese Metaphorik eröffnet sich dann, wenn man jetzt hoffentlich am Ende versteht, worum es dem jungen Mann geht, nämlich darum, dass die Mutter, wenn es ihr wirklich nur um das Gedeihen stünde, es einfacher und effektiver haben könnte. Zum Beispiel mit einem Spaten Kuhmist, da ist so viel gutes für den Boden drin, da wächst das Gras wie Heu, sozusagen. Da muss die Mutter jetzt nicht an jedem Grashalm gucken und ziehen und machen.
Inhaltlich sind die Zeilen damit grob erläutert. Nähern wir uns der technischen Umsetzung und einigen Details.
Fangen wir beim Reim an. Bis auf die jeweils erste und letzte Strophe finden wir reimende Zeilen in den ersten beiden Zeilen jeder Strophe. Es gibt eigenwillige Reime und einfältige. Das stört aber nicht besonders, weil es sich abwechselt. Weiterhin sind reimende Strophenpaare über die jeweils letzten Zeilen einer Strophe verbunden, nicht aber in den ersten drei Strophen. Dadurch erhält das Gedicht einmal eine große Kopf-Rumpf-Fuß Gliederung, und dann eine weitere Vorarbeit-Ausarbeit-Einteilung.
Reim kann, wenn er geschickt wirkt, helfen, bestimmte Bedeutungen zu verdichten. Bezüge schaffen, die ohne den Reim nur auf anderen sprachlichen, metaphorischen oder sonstigen Ebene ermöglicht werden, können durch den Reim zusätzlich auch auf der klingenden Ebene funktionieren.
Aufeinander bezogen werden die “einsamsten Augen” und das, was der Sohn bereits geleistet hat, auf dass er meint, er könnte etwas “taugen”. Damit ist der wichtigste Sinnkreis des Gedichts geschlossen.
Auch das vorherige Reimpaar (durchrinnt, verbind) ähnelt dem jetzt folgenden (durchrannt, verbrannt), die “Wälder”, also die Erfahrungen, die der junge Mann gemacht hat, sind auch noch mit “Gelder” parallel gestellt. Wir haben es mit großer reimtechnischer Verdichtung zu tun. Denn das hier ist die zentrale Stelle, die Gegenargumentation des Sohnes sozusagen, der sich gegenüber der Mutterliebe rechtfertigen, beweisen, behaupten muss.
Wie angekündigt nochmals kurz zurück zur dritten Strophe. Auf Metaphorik verzichtet diese dritte Strophe ganz und gar. Hier geht es schon fast um nüchterne Darstellung der Sachlage. Nur die Satzstellung macht Probleme. Jeder Deutschlehrer hätte zwei Stunden Nachsitzen angeordnet. Besonders schön geglückt ist dadurch in der letzten Zeile “der die das” und “ist, sind”. Ich muss zugeben, dass ich dem “der die das” jetzt erst einmal keine Bedeutung zuweisen könnte, die über sich hinaus weist. Trotzdem, es weiß noch etwas lustiges mit dem kleinen abgeschnittenen “-der” anzufangen. Außerdem gibt es ja noch das “ist, sind”, also die Ängste sind, was die Einsamkeit ist. Man könnte also sagen, dass das “der die das” sprachtechnisch ein wenig auf die “ist, sind” Stelle hin sensibilisiert.
Bereits angesprochen ist auch das Thema übereifernde Mutterliebe, es gibt dazu auch die metaphorische Umsetzung, besser das metaphorische Pendant, nämlich das Gras, oder das Blümchen, der Stengel, oder die Bohne und der Rettich, also das, was der Kleingärtner oder die Kleingärtnerin, sprich die Mutter, da zu pflanzen sich vorgenommen hat. Das Gras, reduzieren wir es einfachshalber mal, will einfach nur wachsen. An dieses Bild greifen andere metaphorische Bilder, der Rasenmäher am Anfang, falsche Methode, und der gute Kuhmist am Ende, das wäre das beste.
Summa summarum hat sich der Sohn jetzt abreagiert und kann sich erleichterten Herzens wieder der Sachbearbeitung im Büro widmen. Wir wünschen ihm frohes Gedeihen!
sid

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