21. Juni 1798
Ich habe mein Bestes getan, habe mein ganzes Genie spielen lassen; leicht und raffiniert, manchmal frech und verspielt, dann wieder fordernd und schnell habe ich wunderbare Melodien hinaus in den Salon gesandt, den Gesichtern der Umstehenden entgegen, ihm entgegen, der am Flügel gegenüber saß, diesem Bonner Wunderkind, der in letzter Zeit solch Furore macht in der Wiener Gesellschaft. Es ist das erste und letzte Mal, das ich mich zu einem Klavierduell gegen Ludwig van Beethoven bereiterklärte, so weiß ich nun.
So ging es: Als ich ihm den Ball zuspielte, übernahm er nahtlos mein Thema; nicht nur das. Er verspottete es. Er verzerrte es und drehte es und zeigte seine Schwächen und Fehler und seine Hohlheit. Er stellte mich bloß. Und dann wandelte er das ganze in sein eigenes Spiel um.
Hatte ich gedacht, mein Vortag hätte das Publikum bewegt, so war dies kein Vergleich zu den Wirkungen, die Beethovens Spiel hervorbrachte. Und ach, auch in mir! Denn wie schwanden mir die Sinne, je länger ich ihm lauschte. Dieser Mensch fasste mich an meinem Innersten, an meinem Geheimsten an. Er berührte mich in meinem Menschsein. Und ich saß und weinte. Ich weinte wie ein Kind, während ich diesen unfassbaren Klängen lausche. Die Melodien zwangen mich, sie zwangen mein Herz dazu, Dinge nachzuvollziehen, die zu exzentrisch waren, zu exaltiert; es waren nie gehörte Klänge; sie taten meiner Seele Gewalt an – und, bei Gott, es war dennoch das wunderbarste was ich jemals hören durfte.
Die Damen schluchzten, und auch unter den Herren blieb kein Auge trocken. Der Mann am Klavier, dieses Genie, er schien nicht von dieser Welt zu sein, wie er dort spielte; wie wunderbar war er im Ausdruck, was für eine fast schon dämonische Aura umgab ihn, so ganz hineingesunken in sein unfassbares Tun. Ich bin immer ein gottesfürchtiger Mann gewesen; was dieser Mensch dort tat, das ging nicht mit rechten Dingen zu! So kann kein Mensch spielen! Das ist unmöglich! In diesem Mann muss der Teufel stecken!
Und nicht nur ich fühlte plötzlich Angst im Angesicht dieser Größe, nicht nur mich umfasste die Kalte Faust der Furcht, als dieses Klavierspiel meine Seelen in höchste Sphären zwang, für die sie nicht geschaffen war: auch ringsum in den verweinten Gesichtern konnte ich Angst in den Augen stehen sehen, wie sie ihn anstarrten. So etwas durfte kein Mensch tun, das war nicht mehr irdisch, nicht das Werk eines Sterblichen.
Dann: Beethoven kam zum Ende. Die Stille die nun folgte war unwägbar tief. Er hatte die Stille durch sein Spiel neu definiert, sie war von einer unfassbaren Größe. Der ganze Weltenraum mit seinen funkelnden Sternen schien in dieser Stille zu schweben, die vom Nachhall jener Klänge durchwoben war.
Meine Finger lagen tot auf den Tasten. Ich war geschlagen und besiegt. Nicht gab es zu erwidern darauf, jeder einzelne Ton, den ich hätte anschlagen mögen, hätte mich der Lächerlichkeit preisgegeben. Ich war ein armer alter Priester, der gerne und mit Phantasie improvisierte. Dieser Fünfundzwanzigjährige hatte gespielt wie ein Gott.
Oder ein Dämon…
Lange Sekunden vergingen, dann brach tosender Applaus im ganzen Rund aus. Die Schamesröte stand mir im Gesicht. Ich erhob mich steif, ging um die Flügel hinüber zur anderen Klaviatur. Beethoven erhob sich und reichte mir die Hand. Nur Sekunden konnte ich dem scharfen Funkeln seiner Augen stand halten. Er schien wie aufgeladen mit einem magnetischen Fluidum durch sein seine eigenes musikalisches Zauberwerk. Ich verneigte mich vor den Herrschaften und entschuldigte mich dann. Ich musste nachdenken über das, was ich soeben erlebt hatte. Und da sitze ich nun, und glaube mit Feder und Tinte besser denken zu können; als könnte ich durchs Schreiben die wunderlichen Melodien vertreiben, die seit diesem unheimlichen Erlebnis in meinem Kopfe spuken.
Was ist da mit mir geschehen? Welche Gewalt hat mich da gepackt? Wie wund fühlt sich meine Seele an – das durch Musik! Durch baren Ton! Das ist Magie, das ist finsterste Zauberei! Ein Hexer, ein Schwarzkünstler ist dieser Beethoven! Er hat sich infernale Geister dienstbar gemacht, dieser faustische Geselle mit dem funkelnden Blick. Seine Augen! Seine Hände! Das ist kein Kind Gottes!
Ich muss Gewissheit haben! Ich muss eine Probe machen und sehen, was es mit ihm auf sich hat. Zwar schäme ich mich ob meines Kleinmutes, doch ich muss es wissen. Aber sollte ich nicht demütig sein vor dem Unfassbaren? Will ich ein Pharisäer sein, der das Wirken des heiligen Geistes dem Teufel zuschreibt? Womöglich ist er tatsächlich schlicht ein Gesegneter und ich tue ihm unrecht? Ist es mein blanker Neid, mein Niederstes, das mich mißtrauisch macht, oder ist es eine heilige Eingabe?
Gewissheit. Eine Probe…
31. März 1801
Beethoven, Beethoven. Immer wieder Beethoven. „Haben die diese F-Moll Sonate gehört, teuerster Abbé? Nun, Haydn ist sie gewidmet, aber in Wirklichkeit geht sie über Haydn hinaus.“
Sie behaupten tatsächlich er sei größer als Haydn. Als Mozart gar! Was ist das für eine heidnische Faszination, die er auf die Menschen ausübt?
Nun ich bin geduldig gewesen und ich habe auf meine Gelegenheit ausgeharrt. Wie bereute ich es doch in all der Zeit. War ich es nicht, der ihn in die Gesellschaft eingeführt hat? Der ihm seine Freundschaft und seinen Beistand bot? Nun wird sich zeigen, ob ich tatsächlich mich vom Teufel narren ließ.
In zwei Tagen gibt er ein sein erstes großes Klavierkonzert. Eine große Akademie, vor der versammelten Gesellschaft Wiens. Sein junges Alter macht sich in seiner großen Nachlässigkeit bemerkbar; die Fama sagt, dass er heute erst mit dem Schlußsatz fertig geworden ist. Nun hat er sich übernommen. Wie soll das alles noch zu Proben sein, in diesen zwei Tagen? Und dann vor all den hohen Herren! Er wird in Schwierigkeiten sein, der junge Ludwig van, der Teufelsknabe. Ich kann mir schon denken, dass er ein für Normalsterbliche gänzlich unspielbares, phantastisches Stück geschrieben haben wird, mit dem er sich in die Ruhmeshallen der Wiener Gesellschaft katapultieren will…
Tatsächlich also ist dies die Prüfung, dies auch der Tag der Entscheidung. Wenn er versagt, dann ist er ruiniert, Wunderkind hin oder her: Die Herrschaften sind wankelmütig. Wie leicht verliert man ihre Gunst und wie schnell erregt man ihren Spott. Wenn ein so junger Mann in so kurzer Zeit so hoch steigt, ja wie tief mag er fallen?
Und doch ist mir diese Prüfung nicht eindeutig genug. Noch immer will ich wissen, ob er mit dem Leibhaftigen im Bunde ist oder nicht. Und ich ahne, was zu tun ist. Ich muss einige Korrespondenzen schleunigst erledigen, will ich alles zur rechten Zeit bestellt haben. Und da ich diese Prüfung in Gottes Namen tue, ist es nur Recht, wenn ich die Kosten, die dabei anfallen, auch aus dem Schatz der Kirche nehme, der ich diene.
Die Prüfung soll mir zum Gottesentscheid gelingen. Es ist ganz einfach: Ich werde es Beethoven unmöglich machen, sie zu bestehen. Vielleicht bedeutet das seinen Sturz aus den hohen Kreisen, in denen er jetzt verkehrt, aber es rettet sein Seelenheil, der er wird Mensch und ich weiß, dass er nur Mensch ist, und nicht mit dem Leibhaftigen verbündet. Wenn er jedoch besteht… Nein, nein das ist gänzlich unmöglich. Urteilt selbst: Den Saaldiener will ich bestechen, dass er mir einen Klavierstimmer hereinlässt, nachtens nach der letzten Probe. Und den Flügel soll er mir herunterstimmen gerade um einen halben Ton. Wollen wird doch mal sehen, Herr "von" Beethoven, wie es sich noch spielt, wenn die schwarzen Tasten zu weißen werden und die weißen zu schwarzen. Da hat es sich umsonst geprobt. Da sitzen wird er. Und schwitzen wird er, der gottlose Gesell! Ist ja auch ein Freimaurer, wie man hört, womöglich gar Illuminat – zumindest kein rechter Christenmensch also. Und seine Freimaurer-Brüder haben ihn auch groß gemacht. Talent? Genie? Lärm macht der, und nichts weiter. Wir werden sehen, wie es ihm übermorgen geht!
3. April 1801
Es ist unfasslich!
Und nun bin ich sicher: Das ist ein Teufel! Seine Seele hat er verkauft, nun ist’s gewiss! Auf C-Dur hatte er sein Machwerk geschrieben. Die Gäste sitzen in den Logen, man wartet, das Orchester stimmt sich ein, und Beethoven bemerkt, dass mit seinem Flügel etwas nicht stimmt. Und um es neu zu stimmen ist es nun zu spät. Katastrophe!
Mein Opernglas habe ich zu den Augen gehoben. Seine Mine verzieht sich kein bisschen. Der Teufelskerl. Noch hielt ich es für Schreckensstarre. Dann die ersten Takte. Er setzt sich und richtet die Notenblätter. Die Streicher spielen ein recht konventionelles Vorspiel. Aber frisch. Es macht Appetit. Drei, vier Minuten vergehen, und Beethoven beginnt zu spielen. Ruhig und konzentriert, aufrecht, sehe ich ihn durch das Glas am Flügel sitzen.
Und er spielt. Und welch rasende Tonläufe, welch lieblichen Zwischenspiele. Dieser Stil! Es ist unglaublich, was er sich traut. Das es aber auch immer passen will! Und hinter all der Schönheit, der Verspieltheit auch, liegt doch ein tiefer Ernst, ein mahnen.
Er spielte perfekt. Mit einem verstimmten Klavier! Sein erstes Konzert! Nach zwei Tagen Probe! Ich wollte Gewissheit, und nun habe ich sie: Dieser Mann ist ein Kind des Satans, es kann nicht anders sein!
Anmerkung:
Es gab tatsächlich einen Abbé Gelinek, der gegen Beethoven ein Klavierduell spielte und danach meinte, dieser sei vom Teufel besessen. Er war nicht der einzige, der ihn dämonisierte.
Bei Beethovens erstem großen Klavierkonzert stellte sich wirklich heraus, das sein Pianoforte um einen Halbton tiefer gestimmt war. Er spielte es dennoch tadellos. Ein Zusammenhang nun zwischen diesen beiden Tatsachen ist allerdings reine Dichtung.
Bei Beethovens erstem großen Klavierkonzert stellte sich wirklich heraus, das sein Pianoforte um einen Halbton tiefer gestimmt war. Er spielte es dennoch tadellos.
Ja, wenn das Klavier einen Halbton zu tief gestimmt war, musste Beethoven transponieren; anstatt in C-Dur musste er sein Werk auf der Klaviatur des verstimmten Klaviers praktisch in Cis-Dur spielen, um mit dem Orchester zu harmonieren - also völlig andere Fingersätze. Und das Ganze auch noch unerwartet ... ja, das ist allerdings mehr als heftig; ich mein, da kann man schon auf die Idee kommen, dass es bei Beethoven mit dämonischen Dingen zugeht.
Da hab ich jetzt fast bisschen Verständnis für die Zeitgenossen.
Ja, dieses ungeprobte transponierte Spiel war eine wirklich unglaubliche Leistung. Man muss bedenken: Beethoven hatte das Stück erst am letzen Tag fertig geschrieben. Und es war eine große Akademie vor der versammelten Wiener Gesellschaft. Wenn man sich dieses Klavierkonzert einmal anhört, wird es noch viel unverständlicher, wie das zu bewerkstelligen war. Tatsächlich muss man ein wenig Verständnis aufbringen für den armen Abbé (Link).
Hier ein wenig Material zu dem Thema.
Zitat:
...the Abbé Joseph Gelinek, challenged Beethoven to what was essentially a duel on the piano. He remarked afterward to Carl Czerny (Beethoven’s longtime pupil) that Beethoven “improvised on a theme I’d given him as I have never heard Mozart himself improvise,” and that Beethoven “displayed difficulties and effects on the piano beyond anything of which we might have dreamed.”
Aber er [Beethoven] ist auch der phänomenale Klaviervirtuose, der so ungestüm zu phantasieren weiß, daß sein Kollege, Abbé Gelinek, bei einem Pianisten- Wettbewerb flucht: "Das ist kein Mensch, das ist der Teufel!"
Nach einem Jahr kam Beethoven mit Gelinek in Unfrieden, dessen Ursache mir entfallen ist. Doch scheint mir, daß beide selbst Veranlassung gaben. Zufolge ihrer Uneinigkeit war Gelinek erbost und offenbarte mein Geheimhalten. Beethoven und seine Brüder machten selbst kein Geheimnis mehr daraus ...
Es ist nicht nur Legende, das Beethovens Improvisationen eine außerordentliche Wirkung auf die Hörer hatten.
Zitat:
Sein Schüler Carl Czerny [...] berichtet davon in nachgerade rührender Manier. »Seine Improvisation war in höchstem Grade brillant und staunenswert; in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte, er verstand es, einen solchen Eindruck auf jeden Hörer hervorzubringen, dass häufig kein Auge trocken blieb, während manche in lautes Weinen ausbrachen; denn es war etwas Wunderbares in seinem Ausdrucke, noch außer der Schönheit und Originalität seiner Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung brachte.«
Zu Beethovens erstem Klavierkonzert ist in Wikipedia vermerkt:
Zitat:
Beethoven soll das Konzert jedoch in Cis-Dur erspielt haben, da er kurz vor der Eröffnung des Klavierkonzerts bemerkt haben soll, der Flügel sei einen Halbton zu tief [gestimmt].
Der Herausgeber hält sich hier züchtig im Hintergrund. Beethovens Alter wird falsch angegeben, weil ich erst nach der Verlinkung des Wikipedia-Artikels das wirkliche Datum der Erstaufführung gefunden habe.
Die Wahl der Erzählsprache musste zwei Anforderungen entsprechen. Sie musste den Code von dazumals anklingen lassen und dennoch den heutigen Sprachgewohnheiten entsprechen. "Den Ball zuspielen" klingt derweil tatsächlich etwas modern. Ich dachte mir einfach: Ballspiele erfreuten sich zu dieser Zeit ebenfalls großer Beliebtheit, und so wird ein so naheliegendes geflügeltes Wort auch schon damals in Gebrauch gewesen sein. Ich fände jetzt auf Anhieb keinen Ersatz...
Über die Adressierung durch das "Urteilt selbst:" habe schon bei der Überarbeitung nachgedacht und beschlossen, sie so stehen zu lassen. Wir bekommen den Eindruck, dass unser Abbé dies schreibt in dem Bewusstsein, dass es später jemand lesen wird, es ist die Nachwelt, die er adressiert. Damit kommt auch das Motiv der Rechtfertigung ins Spiel; er ist bemüht, den Leser zum Komplizen zu machen.
Des Abbés Neigung, eher Teufelswerk statt göttlicher Begabung zu unterstellen könnte durchaus mit Beethovens Auftreten schlüssig erklärt werden. Er neigte dazu, jene Menschen, die von seinem Spiel allzusehr Emotional angegriffen waren, zu verhöhnen. Sogar Goethe musste sich von ihm ermahnen lassen, wenn ich mich recht entsinne. Er galt allgemein als Misanthrop und hatte daher eine wenig göttliche, doch aber oft als düster bezeichnete Aura.
Der Abbé macht es sich tatsächlich nicht allzu schwer sein Urteil zu fällen. Indem er Beethoven eines Bündnisses mit dem Teufel bezichtigt, erspart er sich alle theologischen Begründungsversuche für seine neidbasierte Antipathie. Allzumenschlich, unser Geistlicher. Die Motive des Abbé könnten zusammengefasst werden: Rachegelüste für die Niederlage im Klavierduell; Neidgefühle gegenüber dem klar Begabteren; Reue, jenen überhaupt in die Gesellschaft eingeführt zu haben. Das Teufels-Motiv ist wie das Freimaurer-Motiv nur eine Rechtfertigung der Antipathie entsprechend der Vorurteile des Abbés. Vollkommen richtig ist, dass er zu einem interessanteren Charakter geraten wäre, wenn ich seinen inneren Konflikt besser und womöglich vergeistigter ausgearbeitet hätte.
EDIT:
Danke vielmals Wilimox für das Lektorieren dieses Textes. Danke auch, dass du es unterlassen hast, mich für die nachlässige Überarbeitung zu rügen, obwohl das offensichtlich angebracht gewesen wäre. Bei der Zahl der orthographischen Flüchtigkeitsfehler werde ich wohl nur von Bärbel Kohlkopf noch übertroffen... Aber immerhin benutze ich keine Smileys.
[...] This was a music I’d never heard –- filled with such
longing –- such unfulfillable longing... It seemed to me
that I was hearing a voice of God!
I was to be bricked up in fame! Embalmed in fame! Buried in
fame –- But for work I knew to be absolutely worthless! ...
This was my sentence: –- I must endure thirty years of being
called ‘distinguished’ by people incapable of distinguishing!
...and finally –- his Masterstroke! When my nose had
been rubbed in fame to vomiting –- it would all be taken
away from me. Every scrap.
.........................................................
I must survive to see myself become extinct
Peter Shaffer: Amadeus
(1) Erzähl- Setting
1.1 Der Protagonist B – im Text mehrfach als „Wunderkind“ bezeichnet – ist 1770 geboren. Also nicht ganz korrekt, dass er als „Fünfundzwanzigjähriger“ - siehe Eintrag 1798 – sein Duell abliefert. Überhaupt dann – man vergleiche die Konnotation „Mozart-Wunderkind“ - ist die Kind-Redensart nicht ganz einleuchtend oder auf falsche Fährten der Erwartung führend.
1.2 Eine Vierfachpartionierung des Plots:
a) Klavierduell –
b) Dämonenprobe angedacht –
c) Öffentliches Konzert unter Probenzeitdruck, verschärft durch planvoll verstimmtes Klavier –
d) Glanzvolles Bestehen der verschärften Probe: Ambivalenz in der Einstellung der Orientierungsfigur Abbe: Das Teuflische ist erwiesen vs Schönheit und Mahnen (vgl vorletzter Absatz)
Ein sauberer Frame – allerdings leichte Friktionen in der Ambivalenzsache, vgl weiter unten.
1.3 Die Präsentationsform: Der Terminus „Aus den Papieren“ impliziert zweierlei: a) eine Art authentisches Tagebuch des Abbe b) eine Art Herausgebertätigkeit: Ist der Herausgeber noch eingeplant oder bleibt dieses Feature?
Interessant, besonders interessant an dem Feature: Eine Art private Selbsterkundung des Geistlichen. Er weiß nicht so recht, ob seine Skepsis mit gekränkter Eitelkeit zu tun hat oder nicht. Gegen Schluss zu überwiegt bei ihm die Teufelsinterpretation.
Relativ knappe Erzähldistanz in der Tagebuchform und im Privatraum. Damit verschärft lesbar als „Selbstzeugnis von Bewusstseinsvorgängen“, eine Art Privatdokument in Psychographie.
Als solches dann mit hohem Dechiffrierpotential für den interessierten Leser, Eigenaktivität stimulierend.
(2) Diskurs
2.1 Die Sprechsituation:
Zitat:
Und da sitze ich nun, und glaube mit Feder und Tinte besser denken zu können; als könnte ich durchs Schreiben die wunderlichen Melodien vertreiben, die seit diesem unheimlichen Erlebnis in meinem Kopfe spuken.
Was ist da mit mir geschehen? Welche Gewalt hat mich da gepackt? Wie wund fühlt sich meine Seele an – das durch Musik! Durch baren Ton! Das ist Magie, das ist finsterste Zauberei! Ein Hexer, ein Schwarzkünstler ist dieser Beethoven! Er hat sich infernale Geister dienstbar gemacht, dieser faustische Geselle mit dem funkelnden Blick. Seine Augen! Seine Hände! Das ist kein Kind Gottes!
Ich muss Gewissheit haben! Ich muss eine Probe machen und sehen, was es mit ihm auf sich hat.
Explizit eine private Schreibsituation zur Selbstvergewisserung und zur Verarbeitung eines divinen Erlebnisses. Dann aber in der nächsten Aufzeichnung plötzlich Einführung eines fremden Adressaten:
Zitat:
Wenn er jedoch besteht… Nein, nein das ist gänzlich unmöglich. Urteilt selbst: Den Saaldiener will ich bestechen, dass er mir einen Klavierstimmer hereinlässt, nächtens nach der letzten Probe. Und den Flügel soll er mir ..
Wird hier ein Adressat samt Öffentlichkeit eingebaut? Sind die Papiere für die Öffentlichlkeit bestimmt? Eine gewisse Unstimmigkeit…
Edit: Auch dann - wenn auch in geringem Umfang - wenn hier für die Nachwelt geschrieben wird: Zum einen nämlich ist hier eine Präsensformulierung und eine aktuelle Entscheidungssituation installiert. Dann: Die Aufzeichnungen setzen eine große Portion Text für Bewussteseinsprozesse, vor allem in der Bewunderung und in der Ablehnung. Auf einer "realistischen Ebene" wäre dem Schreiber eher ein sichereres Urteil angemessen, wenn er denn für die Nachwelt schreibt.
2.3 Die innere Einstellung/der moralische Standpunkt des Ich-Erzählers:
Wie schon gesagt, eine ambivalente einstellung: Die überwältigende Musikalität des Konkurrenten lässt an göttliche oder teuflische Hintergründe denken. Das ist zunächst plausibel. Trotzdem überlegenswert: Warum nicht – ähnlich wie bei Salieri – an eine überdimensionale göttliche Begabung denken? Ist das Freimauerermotiv psychologisch ausreichend, das Neidmotiv ausreichend? Zumal ja Musik im kulturellen Kanon eher als Dimension des Göttlichen gilt - trotz "Teufelsgeiger Paganini"?
Selbst wenn man das akzeptiert: Könnte man die gewisse Brüchigkeit in der Einstellung des Abbes nicht vertiefen? "Machwerk", spricht und denkt er so wirklich ? Pharisäer-Selbstzweifel? Warum sollte Gott diesen Einfluss des Teufels zulassen? Was ist/Was wäre das für eine Schöpfung?
2.3 Sprachcode:
Der leicht altertümlich-archaische Code ist natürlich dem fiktiven Charakter des Textes als Zeitdokument geschuldet.
Aber leichte Probleme bei: „Als ich ihm den Ball zuspielte“ (eher moderne Metapher).Edit: auch bei "Der Mann am Klavier" (Geben Sie dem Mann am Klavier...") wirkt da anachronistisch.
Das „So ging es“ nach dem rasanten Einstieg wirkt ein wenig unbeholfen: Der Schreiber weiß ja, was los ist. Und der aufgeweckte Leser kann erschließen, dass nun der Hintergrund des Klavierduells kommt.
(3) Lektor-Marginalien (vor allem Grammatik und Rechtschreibung)